AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2016

Unterwegs mit Navid Kermani Ach, hier fließt die Memel

Es ist eine Reise durch eine Welt im Umbruch: Der Schriftsteller Navid Kermani ist unterwegs von Ostdeutschland in den Iran. Zweite Etappe: von Warschau nach Litauen.

Straßenszene in Kaunas
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Straßenszene in Kaunas


Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani, 48, gilt als einer der wichtigen Intellektuellen des Landes. Im Jahr 2015 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Der Sohn iranischer Einwanderer hat Sachbücher und literarische Reisereportagen aus Krisengebieten geschrieben, auch für den SPIEGEL. Jetzt führt ihn seine Fahrt in die Außenbezirke der westlichen Welt. Der SPIEGEL veröffentlicht die Reportage in einer vierteiligen Serie. Im ersten Teil seines Tagebuchs beschrieb Navid Kermani die Etappe von Schwerin nach Auschwitz.

Nun geht es weiter: von Warschau nach Litauen.

Fünfter Tag

Titelbild
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Heft 41/2016
Brandherd Syrien: Putins Werk, Obamas Beitrag

Nach Warschau nehmen wir eigens den langen Weg über die Dörfer, weil sie in Schlesien so gar nicht meinem Bild herb-herzlicher Ärmlichkeit entsprechen. Aber auch entlang der Weichsel sind die Straßen hervorragend ausgebaut, die Häuser frisch gestrichen, die Haustüren neu, die Fensterrahmen aus Kunststoff, fast alle Autos aktuelles westliches Fabrikat, die Tankstellen blinkblank und supermodern. Und die Grillgeräte erst, die an den Tankstellen verkauft werden! Keine Billigware, sondern durch die Bank hochwertiges Design, die Preise ab hundert Euro aufwärts. Fleisch isst man hier also auch oft und gern. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, aber blühender als weite Teile der ehemaligen DDR sehen Polens Landschaften allemal aus. Die blauen Schilder, die auf eine Förderung der Europäischen Union verweisen, gehören zu den Landschaften dazu.

"Die Polen wissen genau, was sie an Europa haben", sagt der Publizist Igor Janke, den ich am Abend in Warschau treffe. Ich habe ihn angeschrieben, weil er eine wohlwollende, fast huldigende Biografie über den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán verfasst hat, die auch ins Deutsche übersetzt worden ist. Ich nahm an, er könne mir am besten erklären, was so viele Polen an der Europäischen Union stört. "Stört?", fragt Janke in hervorragendem Englisch. "Wenn es hier ein Referendum gäbe, würden mindestens 70 Prozent für den Verbleib in der Union stimmen. Mindestens."

Auch die regierende nationalkonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) sei keineswegs gegen Europa; sie sei vor allem gegen Russland, fährt Janke fort - anders als die FPÖ, die AfD oder Le Pen, die mit Putin sympathisierten, anders selbst als Viktor Orbán, der Europa ebenfalls nach Osten rücken wolle. Was die PiS vertrete, sei nicht rechtspopulistisch, sondern religiös und konservativ: gegen Abtreibung und kulturelle Diversität, für die traditionelle Ehe und ein frommes Christentum.

"Wir sind nicht gegen Europa", wiederholt Janke. "Wir reagieren nur allergisch, wenn jemand uns bevormunden will, wenn jemand herablassend zu uns spricht, erst recht wenn es jemand Deutsches ist. Wir haben diese Sprache im Ohr, selbst wir Jüngeren aus den Filmen. Und dann spricht Martin Schulz! Ganz ehrlich, ich ertrage das nicht, wenn Martin Schulz über Polen herzieht, in diesem aggressiven, belehrenden Ton, mit diesem strengen Gesicht und, achten Sie mal darauf, mit diesen vorgeschobenen Lippen."

Ich schätze Martin Schulz, den Präsidenten des Europäischen Parlaments, gerade das Kämpferische, die Leidenschaft, mit der er über Europa spricht. Aber plötzlich stelle ich mir vor, ich wäre Pole und verstünde kein Deutsch, wenn Schulz sich aufregt.

Sechster Tag

Im Zentrum von Warschau, am größten Boulevard, steht auf einer provisorischen Schautafel die Anweisung, die Heinrich Himmler, der Reichsführer der SS, nach Ausbruch des Aufstands 1944 gab: "Warschau ist dem Erdboden gleichzumachen, um Europa zu zeigen, was es bedeutet, einen Aufstand gegen die Deutschen zu unternehmen." Systematisch und vollständig zerstörten die Deutschen Viertel für Viertel und folgten auch dem Befehl Himmlers, die Bewohner ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht zu erschießen. Es starben bis zu 180.000 Menschen, darunter 90 Prozent Zivilisten. Dass die Altstadt wieder aufgebaut wurde, obwohl so gut wie kein Haus mehr stand, war nichts anderes als ein Akt der Selbstbehauptung, ja des Trotzes, schließlich des Triumphes. In Wirklichkeit ist keines der Häuser alt. Umso mehr preist jeder Reiseführer sie an. Auf den übrigen Schautafeln sind Fotos von getöteten Aufständischen zu sehen.

Noch nie bin ich durch eine Stadt gelaufen, in der so viele Denkmäler stehen. Nur 200 Meter neben den Märtyrern des Kriegs zeigt eine weitere Freilichtausstellung das Warschau der Fünfziger- und Sechzigerjahre, die modernen Gebäude, das neue Lebensgefühl. Weitere 50 Meter - alles auf demselben, dem zentralen Boulevard - die Statue eines Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Ich spaziere weiter und lese an einem gewöhnlichen Wegweiser, dass es 600 Meter rechts zum Monument des Warschauer Aufstands geht, 300 Meter links zum Monument der Helden des Ghettos und 500 Meter geradeaus zum Monument der im Osten Gefallenen und Ermordeten, ansonsten nur zur Nationalbibliothek und zur Botschaft von China.

Ich entscheide mich für das Denkmal des Warschauer Aufstands, das bei aller Monumentalität die Dynamik ziemlich gut einfängt, wie die Freischärler aus dem Untergrund hervorbrechen, ihre Gestalten hager, die Blicke entschlossen, aber nicht zuversichtlich. Sie wussten, dass sie einer Übermacht gegenüberstehen würden und haben trotzdem 63 Tage lang gekämpft. Dass die Rote Armee, die bereits nahe an Warschau herangerückt war, die Polen im Stich gelassen hat, wird auf einer zusätzlichen Tafel neben dem Denkmal ausdrücklich erwähnt.

Im Museum des Warschauer Aufstands hängt ein Bomber von der Decke herab; es ist dunkel, und im Blinklicht leuchten die Propeller auf, dazu das Geräusch von Bombendetonationen. Es ist schwer, sich ein Museum in Dresden oder Köln vorzustellen, in dem auf einer Cineplex-großen Leinwand der Bombenkrieg als Wiederholungsschleife läuft. In Warschau hingegen ist der Schmerz omnipräsent.

An vielen Kriegsmonumenten in Polen, so auch am Museum des Warschauer Aufstands, ist eine neue Tafel angebracht worden, die an den Absturz der Präsidentenmaschine in Smolensk am 10. April 2010 erinnert. Damit wird Lech Kaczynski in die Reihe der nationalen Märtyrer gestellt und zugleich suggeriert, dass der Widerstand weitergeht. So ist es zu verstehen, wenn sein Bruder Jaroslaw Kaczynski, der Vorsitzende der PiS, Kritikern das Polnischsein abspricht. Für die Gegner der PiS hingegen sind die Tafeln, die an Smolensk erinnern, eine ungeheure Provokation. Sie verweisen auf das Ergebnis der offiziellen Untersuchungen, wonach der Absturz ein Unfall war, kein Anschlag. Allein, wie überall, schreiben auch in Polen die Sieger ihre eigene Geschichte.

Ich besuche einen, der gerade auf der Seite der Sieger steht: Pawel Lisicki, Chefredakteur der regierungsnahen Zeitschrift "Do Rzeczy". Igor Janke hat ihn mir empfohlen, falls ich mal einen richtigen Nationalkonservativen kennenlernen will. Lisicki spricht ebenfalls hervorragend Englisch, wirkt weltgewandt, höflich und genauso smart. Dennoch ist das Erste, was auch er am heutigen Europa kritisiert, der mangelnde Respekt für die christliche Tradition und überhaupt "die zu weit reichende Säkularität". Religion sei in Polen ein realer politischer Faktor, in den Städten zugegeben weniger, aber auf dem Land besuchten noch 50 Prozent der Menschen sonntags die Messe - 50 Prozent! Die Liberalen, die Intellektuellen, die Dichter, die sich für Europa begeisterten, würden dieses Polen nicht kennen, sie seien ihrem eigenen Land fremd.

"Aber Sie haben doch gesehen, was der Nationalismus anrichtet", wende ich ein, "das Streben nach Homogenität, nach einer einheitlichen Identität - kein Land hat darunter so gelitten wie Polen."

"Ganz im Gegenteil", sagt auch Lisicki: "Ohne den Nationalismus, den positiven Nationalismus, gäbe es Polen heute nicht."

Ich dürfe nicht alles über einen Kamm scheren, der Nationalismus müsse nicht per se aggressiv sein. Na ja, sage ich, ich fände es schon aggressiv, wie Kaczynski gegen Flüchtlinge und Muslime wettert und behauptet, sie würden Kirchen in Toiletten verwandeln. Ach, das sei nur politische Rhetorik, ich sei lediglich die Schärfe nicht gewohnt, weil sich die Deutschen aufgrund ihrer Vergangenheit zur Mäßigung zwängen. Entscheidend sei doch, dass niemand hier die Grenzen neu ziehen wolle, niemand verfolgt werde, Meinungsfreiheit herrsche und die persönlichen Rechte gewahrt blieben. Das Verfassungsgericht, um das sich Brüssel jetzt sorge, sei bereits von der Vorgängerregierung instrumentalisiert worden, die kurz vor dem Machtwechsel noch eilig fünf Richter ernannt habe. Die Intellektuellen reagierten so nervös, weil sie ihre Privilegien verlören. Wenn Marine Le Pen die Wahlen gewinne, würden die französischen Intellektuellen ebenfalls nervös - na und?

"Aber vielleicht gebe es Gründe, nervös zu sein, wenn Marine Le Pen französische Präsidentin wird", merke ich an. "Jedenfalls die Grundrechte der Muslime würden sicher angetastet. Und das wäre vielleicht nur der Anfang."

"Ich lehne es ab, das Recht auf freie Religionsausübung einzuschränken", antwortet Lisicki: "Ich meine nur, dass man die extremistischen Moscheen überwachen sollte, sonst nichts. Aber zum Glück haben wir bisher nur sehr wenige Muslime in Polen."

Hoch­häu­ser in War­schau
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Hoch­häu­ser in War­schau

Mit den Intellektuellen, die wegen ihrer Privilegien nervös seien, meint Lisicki vermutlich auch und besonders Adam Michnik, der Polens wohl berühmtester Intellektueller ist: einst Dissident, Solidarnosc-Berater, heute Chefredakteur von Polens wichtigster Zeitung "Gazeta Wyborcza". Als ich ihm anfangs beichte, wie bewegt ich bin, ihm gegenüberzusitzen, da ich ihn als Jugendlicher vor dem Fernsehschirm bewundert hätte, erwidert Michnik trocken, dass ich offensichtlich mein Handwerk gelernt hätte.

"Mein Handwerk?"

"Na, Sie fangen Ihr Interview gern mit einer Schmeichelei an."

Mit den Haaren, die wild in die Stirn fallen, dem bunten Poloshirt, das sich über den Bauch spannt, und vier Zigaretten plus einer Zigarettenpackung, die in die Brusttasche gezwängt sind, sieht Michnik längst nicht so weltläufig aus wie der Chefredakteur der nationalkonservativen Zeitung oder der Biograf Viktor Orbáns. Auch ist sein Büro nicht aseptisch modern: Manuskripte, die übereinandergestapelt sind, Poster, Fotos und zwischen den Büchern nur ein paar Lücken, wo er Gäste platziert. Englisch spricht Michnik nicht, sondern, old school, Französisch, und als Brille trägt er ein Eisengestell, das er noch vor dem Friedensnobelpreis an Lech Walesa gekauft haben könnte. Ob er mir nun glaubt oder nicht, damals war er für mich wirklich ein Held.

"Sicher ist es für uns ein Problem, dass wir keinerlei Anzeigen mehr von staatlichen Firmen oder aus dem öffentlichen Sektor erhalten", antwortet Michnik auf die Frage, ob die neue Regierung die Pressefreiheit bedrohe. "Es kostet uns auch eine Menge Energie und Geld, dass der Chef der Geldpresse gerichtlich gegen uns vorgeht, weil wir einen Korruptionsfall aufgedeckt haben. Aber dann bin ich auch erleichtert zu sehen, dass wir nicht ganz unwichtig sind. Sonst würden sie uns nicht dauernd prügeln."

Was Michnik ansonsten über die Regierung sagt, lässt sich als das Gegenteil von allem zusammenfassen, was zuvor Lisicki gesagt hat: Natürlich setze die Regierung den Rechtsstaat außer Kraft, und es sei lächerlich, die Richterberufungen früherer Regierungen mit dem jetzigen Frontalangriff auf das Verfassungsgericht zu vergleichen. Letztlich gehe es in Polen wie in allen Ländern, über denen "die braune Wolke schwebt" - bis hin zur Türkei mit Erdogan oder den Vereinigten Staaten mit Trump -, um nichts anderes, als die liberale Demokratie durch einen autoritären, in Polen noch dazu religiös-fundamentalistischen Nationalismus zu ersetzen, in dem Wahlen nur noch eine Farce sind.

"Aber zeigt sich darin nicht die Krise der liberalen Demokratie?", frage ich. "Immerhin hat die PiS die Mehrheit gewonnen."

"Die Krise der liberalen Demokratie gibt es, seit es die liberale Demokratie gibt", antwortet Michnik. "Denken Sie nur an die Dreißigerjahre, an Hitler, an Mussolini. Und doch hat die Demokratie damals gewonnen, und sie wird erneut gewinnen."

"Aber zu welchem Preis?"

"So weit wird es in Polen nicht kommen. Das demokratische Bewusstsein der Polen ist zu ausgeprägt, und eine Regierung, die auf Lügen basiert, wird sich nicht durchsetzen. Man wird sie durchschauen."

"Aber sie ist seit der Wahl noch populärer geworden."

"Hitler und Mussolini waren viel populärer, und Stalin war so was von populär. Die PiS, ich sage es Ihnen, wird schon bei der nächsten Wahl wieder verlieren."

Überhaupt, so fährt Michnik mit einem Optimismus fort, der unerschütterlich zu sein scheint, überhaupt dürfe man nicht nur die eine Seite sehen, nicht nur Trump, sondern auch Obama, nicht nur Polens katholische Kirche, sondern auch Papst Franziskus, nicht nur den Brexit, sondern auch Londons muslimischen Bürgermeister Sadiq Khan. Die Signale weltweit seien keineswegs nur negativ, und gerade Polen habe sich in den vergangenen Jahren ausgesprochen positiv entwickelt, ökonomisch ohnehin, aber auch zivilisatorisch, da gebe es einen richtigen Sprung. Natürlich spiele die PiS mit der Angst, aber es sei noch längst nicht gesagt, dass sie das Spiel auch gewinnt. Früher habe es in Polen einen Antisemitismus ohne Juden gegeben, und so gebe es heute eine Islamfeindlichkeit ohne Muslime, eine Flüchtlingshysterie ohne Flüchtlinge, das sei alles nicht neu. Auch die Religiosität sei keineswegs mehr so ausgeprägt, wie die Rechte behaupte; zumal in den Städten würden die Kirchen immer leerer, und genau wie im katholischen Spanien würde in Polen ebenfalls eine Mehrheit für ein liberales Abtreibungsrecht votieren.

Ich frage Michnik, ob er nachvollziehen könne, was Igor Janke mir über den Eindruck der Bevormundung und die Rhetorik von Martin Schulz gesagt hat.

"Natürlich gibt es die Erinnerung an die Besatzung, natürlich haben wir die deutsche Sprache im Ohr. Aber das jetzt mit dem heutigen Deutschland in Verbindung zu bringen, dem Deutschland, das für Europa wirbt, dem Deutschland, das sich Flüchtlingen öffnet, ist kompletter Unsinn. Martin Schulz, ich bitte Sie! Aber wissen Sie, die Dummen wachsen auf der ganzen Welt von selbst nach."

Tatsächlich instrumentalisierten die Nationalisten die Vergangenheit, um sich der Anwürfe aus Berlin und Brüssel zu erwehren. Aber sei es denn, hake ich nach, angesichts der Geschichte Polens nicht verständlich, dass man Angst habe, wieder fremdbestimmt zu werden? Nein, sagt Michnik, alle Länder dieser Region hätten diesen Opferkomplex, in allen Ländern sei an allem immer nur Deutschland schuld.

In­tel­lek­tu­el­ler Mich­nik
Milos Djuric / DER SPIEGEL

In­tel­lek­tu­el­ler Mich­nik

"Wir Polen mögen es nicht, wenn man uns an die Verbrechen an den Litauern, den Ukrainern, den Juden erinnert, und am allerwenigsten mögen wir es, wenn man die Verbrechen an den Deutschen erwähnt. Die Vertreibung mag in der damaligen, spezifischen Situation unvermeidbar gewesen sein, ja. Aber sie war doch eindeutig eine Barbarei."

"Sie würden die Vertreibung als eine Barbarei bezeichnen?"

"Als was denn sonst?"

"Wenn das jemand in Deutschland sagen würde, gäbe es einen Skandal."

"Deshalb muss ich das sagen, ich als Pole, dessen Eltern im Holocaust umgekommen sind: Die Vertreibung der Deutschen war barbarisch."

"Und ist das in Polen kein Skandal?"

"Nur ein kleiner Skandal", lacht Adam Michnik und nimmt eine Karikatur in die Hand, die auf dem Tisch liegt, gerade heute hereingekommen, aber so etwas gebe es jeden Tag: Sie zeigt ihn, wie er polnische Kinder vergewaltigt. "Ich sollte immer schon nach Israel vertrieben werden, aber das haben Kommunisten nicht geschafft, und das werden heute die Nationalisten ganz bestimmt nicht schaffen."

Ich frage Michnik, was für ihn der Kniefall Willy Brandts bedeutet, ob sein Verhältnis zu Deutschland seither ein anderes ist.

Be­su­cher im Mu­se­um der Ge­schich­te der polnischen Ju­den
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Be­su­cher im Mu­se­um der Ge­schich­te der polnischen Ju­den

"Ja, das war groß", sagt er. "Der Kniefall, aber auch die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Das waren ganz entscheidende Wegmarken. Dennoch ist die Kritik an der Ostpolitik der SPD ebenfalls berechtigt."

"Inwiefern?"

"Natürlich musste man mit den kommunistischen Eliten sprechen. Man musste vielleicht auch die Verträge schließen. Aber man hätte auch mit der Opposition sprechen müssen. Zumindest sprechen. Stattdessen hat sich die SPD von uns Bürgerrechtlern radikal distanziert. So haben wir das damals empfunden. Es war ja nicht nur die Weigerung Brandts, bei dem Polenbesuch 1985 Lech Walesa zu treffen. Schon 1977 sollte es in Deutschland eine Begegnung mit mir geben, da sagte Brandt ebenfalls ab."

"Und sind Sie ihm dann später begegnet?"

"Ja, 1989 bin ich Brandt begegnet, bei einem Treffen in Hamburg, zu dem auch Schmidt und von Weizsäcker gekommen waren."

"Und?"

"Ich habe ihm meinen Dank für den Kniefall ausgesprochen."

"Und dass Sie enttäuscht von ihm gewesen waren, haben Sie nicht erwähnt?"

"Wozu hätte ich das tun sollen? Nur, um zu triumphieren? Als wir uns begegneten, war ich doch schon der Sieger. Ihn da noch zu kritisieren wäre mir bösartig vorgekommen."

Grab­mal des unbekannten Sol­da­ten in der pol­ni­schen Hauptstadt War­schau
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Grab­mal des unbekannten Sol­da­ten in der pol­ni­schen Hauptstadt War­schau

Siebter Tag

Meine Familie ist übers Wochenende zu Besuch, und bevor wir an die Masurische Seenplatte fahren, führt uns Michael Leiserowitz durch das neu gebaute Museum der Geschichte der polnischen Juden, das die Vergangenheit auch für Kinder anschaulich macht. Wieder geht mir auf, wie wenig ich über das Leben der europäischen Juden vor dem Holocaust weiß - aber nicht nur ich, sagt Leiserowitz, der als deutscher Jude Reisegruppen durch Polen führt: Auch für viele Juden beginnt ihre Geschichte mit der Verfolgung. Dabei habe es gerade in Polen ein reiches, auch wohlhabendes jüdisches Leben gegeben, ja, Polen sei vor dem modernen Antisemitismus so etwas wie das Amerika Europas gewesen. Der Diskriminierung im deutschsprachigen Raum und anderen westeuropäischen Ländern entkommen, hätten die Juden in Osteuropa viele Jahrhunderte lang eine sichere Heimstatt gefunden - auch daran müsse erinnert werden, nicht nur an Verfolgung und Tod.

Ich spreche Leiserowitz auf die Jugendlichen an, die ich auf der ersten Etappe meiner Reise in Auschwitz traf. Obwohl er sein Leben der Aufklärung über die jüdische Geschichte widmet, sieht Leiserowitz die achttägige Tour zu den Stätten der Judenvernichtung, die die meisten Israelis gegen Ende ihrer Schulzeit absolvieren, mit gemischten Gefühlen. Das Ende der Schulzeit bedeute schließlich auch, dass die jungen Leute unmittelbar vor dem Wehrdienst stehen.

"Ich habe erst mit 50 Jahren die Kraft gehabt, als Jude Auschwitz zu betreten. Im Nachhinein bin ich froh, dass es so spät war."

Natürlich solle sich eine jüdische und israelische Identität herausbilden. Aber wenn der Ausgangspunkt ausschließlich der Holocaust sei, sei das vielleicht auch nicht gesund. Obwohl sie ein so fantastisches Museum für die Geschichte der polnischen Juden hätten - Europas Museum des Jahres 2016, wie Leiserowitz stolz vermerkt -, seien die Organisatoren der Jugendreisen nicht immer zu überzeugen, es ins Programm aufzunehmen.

"Dass es auch eine Geschichte des Gelingens gibt, eine Geschichte des Austauschs, eine Geschichte, in der jüdisches Leben in Osteuropa aufgeblüht war, darüber erfahren viele Israelis überhaupt nichts."

Wir treten aus dem Museum heraus und gehen die paar Schritte über den Vorplatz zum Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos. Vielleicht weil auf Bildern vom Kniefall Willy Brandts kaum etwas von der Umgebung zu sehen ist, stets nur der Platz und die Soldaten und Funktionäre im Hintergrund, hatte ich mir immer vorgestellt, dass es tatsächlich noch ein Ghetto geben müsse, irgendetwas aus dieser Zeit. Aber natürlich gibt es kein einziges historisches Gebäude, nicht einmal eine Mauer, ich hätte es wissen müssen. Es gibt nur Plattenbauten um den Platz herum. Deshalb ist das Denkmal schließlich so wichtig, weil es sonst kaum eine Spur der bedrängten, verzweifelten und schließlich ermordeten Juden mehr gibt.

Stra­ßen­sze­ne im litauischen Kau­nas
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Stra­ßen­sze­ne im litauischen Kau­nas

Anschließend führt Leiserowitz mich hinter das Museum zu einem Backsteindenkmal mit einer Bronzetafel, die an Willy Brandts Kniefall erinnert - auch eine Seltsamkeit: ein Denkmal für eine Geste vor einem Denkmal. Und da stehen wir, ein Jude und ein Einwandererkind, und für uns beide ist der Kniefall das einschneidende Bild unserer bundesdeutschen Sozialisation.

Achter Tag

Das ehemalige Ostpreußen, die Masurische Seenplatte brauche ich gar nicht zu beschreiben. Sie sind genau so, wie ich es so oft in der deutschen Literatur beschrieben fand, am prominentesten bei Günter Grass, sanfte Hügel, weite Getreidefelder, Apfelplantagen, dazwischen Seen, deren Ufer meist zugewachsen zu sein scheint, hier und dort ein Dorf, einzelne Bauernhäuser. Merkwürdig, durch eine Landschaft zu fahren, die man genau zu kennen meint, aber zum ersten Mal sieht. Natürlich hat Michnik recht, es war eine Barbarei, was denn sonst?, eine ganze Bevölkerung zu vertreiben, Männer, Frauen, Alte, Kinder. Wenig haben wir in der Schule gehört, wenig haben wir in der Nachkriegsliteratur gelesen über die Umstände der Vertreibung. Wie ging das überhaupt vor sich? Kam ein Beamter ins Haus, ein Soldat?, ein Nachbar?, und gab der Familie einen Monat, eine Woche, einen Tag Zeit, ihre Sachen zu packen? Wie viele Sachen? Gab es Autos, Ladeflächen, oder konnte man nur mitnehmen, was man selbst tragen konnte? Hatte irgendwer eine Hand frei, um die Kinder aus dem Haus zu führen? Hatten die Kinder eine Hand frei? Was hat man ihnen erklärt, was mag ihnen durch den Kopf gegangen sein, wie tief ging die Erschütterung, die in den Seelen blieb?

Ich bin sicher, dass all das irgendwo steht, in Sachbüchern, in Biografien, in Tagebüchern, die veröffentlicht worden sind. Aber es ist bestimmt nicht ganz untypisch, dass jemand wie ich, der keine Verwandten aus dem Osten hat, sich all diese Fragen kaum je gestellt hat. In der Schule hat man bestenfalls verschämt über die Gebiete gesprochen, die ehemals deutsch waren. Wir haben die Gründe der Vertreibung erfahren, aber nie etwas über den Schmerz der Vertriebenen. Die Vertriebenen selbst haben ihren Schmerz nur selten artikuliert - oder vielleicht nicht selten, aber weitgehend ungehört.

Bestimmt hat der Bund der Vertriebenen nicht immer die richtigen Worte gefunden. Aber während wir mit dem Auto durch Ostpreußen fahren, an Feldwegen aussteigen, im See schwimmen, von ein paar Seglern aufs Boot eingeladen werden, wird mir klar, dass der Rest der Gesellschaft und zumal wir, die wir uns irgendwie als links verstanden, ohnehin nicht zugehört hätten. Natürlich konnte und kann es nicht darum gehen, Grenzen neu zu ziehen. Es geht hier wie überall auf der Welt, wo Nationalismus und Krieg Menschen vertrieben oder auseinandergerissen haben, darum, Grenzen bedeutungslos zu machen. Nicht der Revisionismus, sondern Europa hat dazu geführt, dass in Ostpreußen wieder deutsch gesprochen wird, wenn auch vor allem in den Restaurants und Hotels. Und Deutsche in Ostpreußen wieder gern gesehen sind.

In Mikolajki halten wir an, weil ich sehen möchte, was in einer Dorfkirche sonntags los ist. Hat Pawel Lisicki recht, wenn er von der tiefen Religiosität besonders der Landbevölkerung spricht, oder Adam Michnik, der in Polen unaufhaltsam die Säkularisierung voranschreiten sieht? Nun, so viele Gläubige, Junge, Alte, Kinder, sind in die Kirche des kleinen Orts geströmt, dass sie nicht einmal stehend alle Platz finden und die Messe nach außen übertragen wird. Handzettel braucht es für die Lieder nicht; alle singen auswendig mit. Damit nicht genug, erfahre ich, dass jeden Sonntag vier Messen gefeiert werden - vier! - und die Kirche jedes Mal so voll ist. Und während der Woche werden täglich zwei Messen gelesen und füllen sich die Bänke wie in deutschen Kirchen zu Weihnachten nicht. Dass das Abendland ein christliches ist, klingt in Mikolajki anders, weniger sonderbar als in Dresden oder Berlin.

Neunter Tag

Ach, hier fließt die Memel. Natürlich wusste ich das irgendwie, oder es wäre mir eingefallen, wenn ich einen Augenblick nachgedacht hätte. Aber als unser Begleiter wie nebenher den Namen des Flusses erwähnt, an dem wir in Kaunas entlangfahren, ein breiter, mächtiger Strom, bin ich dennoch perplex. Memel, das war doch nur die erste Strophe, und die nahm niemand in den Mund. Als hätte es anders sein können, geht mir plötzlich auf: Es gibt die Memel ja in echt. Sie fließt durch Litauen, so weit entfernt von der Bundesrepublik.

Kaunas ist eine ganz eigene, filmkulissenhafte Stadt: Das Zentrum in der Zwischenkriegszeit als geschlossenes Ensemble erbaut, strahlt sie die Moderne aus, die heute schon wieder museal ist; viel Bauhaus, in den Lücken sowjetische Architektur und eine fast drei Kilometer lange Fußgängerzone, die sich schnurstracks durch das Zentrum zieht. Ein Krapfengeschäft betreten wir, in dem es bis hin zu den grellen Kitteln aus Polyester original aussieht wie in der DDR, stilecht sogar der Leibesumfang, die blonden Dauerwellen und die schlechte Laune der Verkäuferinnen. Dennoch ist das Geschäft rappelvoll. Oder eben deshalb? Ansonsten viele Cafés, die üblichen Modeketten, viele junge Menschen wegen der bedeutenden Universität.

Als wir die orthodoxe Synagoge geschlossen vorfinden, rufen wir den Gemeindevorsteher an, dessen Nummer auf einem Aushang steht. Bis zur deutschen Besatzung war fast ein Drittel der Bevölkerung jüdisch. Heute gibt es in Litauen noch zwei Synagogen, neben der orthodoxen auch eine Reformgemeinde, die noch zerstrittener sein sollen als in Berlin. Tatsächlich, Moshe Beirak kommt, der Gemeindevorsteher, und als er erfährt, dass ich Deutsch spreche, wechselt er ins Jiddische, sodass mir fast die Tränen in die Augen schießen: Zum ersten Mal höre ich die Sprache lebendig. Und ja, wir können uns auf Deutsch und Jiddisch einigermaßen verstehen.

Er ist Uhrmacher, erzählt Beirak, 1953 geboren. Sein Vater war der Einzige von elf, die den Holocaust überlebt haben, seine Mutter die Einzige von neun. Gesprochen hätten die Eltern selten über die Erfahrungen im Konzentrationslager; darüber zu reden werde noch in fünf Generationen schwierig sein. Aber natürlich habe er oft nachgedacht, was wohl in ihren Köpfen vorgegangen sein mag, als sie nach Kaunas zurückkehrten, statt wie die meisten Überlebenden nach Israel oder in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Eigentlich seien die Beziehungen zwischen Litauern und Juden gut gewesen, habe der Vater immer gesagt. Bei Makabi, dem jüdischen Fußballverein von Kaunas, in dem Beiraks Vater spielte, hätten wie selbstverständlich auch drei Litauer in der Mannschaft gespielt. Aber dann standen ausgerechnet sie, die eigenen Mitspieler, mit weißen Armbändern dabei, als die Beiraks abgeholt wurden fürs KZ.

"Warum sind meine Eltern zurückgekehrt? Wenn sie Kommunisten gewesen wären, in Ordnung, aber sie waren auch noch strikt antisowjetisch. Heute sind ja alle antikommunistisch, aber damals war das noch gefährlich, meine Eltern sind auch verfolgt worden dafür. Und dennoch sind sie geblieben. Warum, weiß ich auch nicht. Aber ich will hier auch niemals weg."

Wir fahren zum Park der Stille, wo nicht nur Katholiken, Orthodoxe und Lutheraner eine Kirche haben, sondern auch die Tataren seit 1930 eine kleine, aber sehr schöne weiße Moschee. Als wir sie betreten, hören wir vom Oberrang weibliche Stimmen. Eine junge Frau mit Kopftuch steigt die schmale Treppe herunter und klärt uns auf, dass gerade der Arabischkurs laufe. Heute lebten noch 300 Muslime in Kaunas, darunter einige Studenten aus Asien. Ja, es gebe schon zunehmend Islamfeindlichkeit in Litauen, nur sie selbst habe davon noch nichts gemerkt. Ihr größtes Problem sei der Imam, der aus der Türkei entsandt sei und leider nur Türkisch spreche. Seine Predigten könne deshalb kein Muslim verstehen.

Es folgt: Navid Kermani reist von Litauen über Weißrussland in Richtung Ukraine.

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