Christen und Koran-Gelehrte im Gespräch "Jesus war Muslim"

Treffen sich ein christlicher Priester, ein Imam und ein islamischer Religionsgelehrter zum Gespräch über Jesus, Maria und Weihnachten. Was kommt dabei heraus?

Moschee "Maria, die Mutter von Jesus" in Abu Dhabi
Christophe Viseux / DER SPIEGEL

Moschee "Maria, die Mutter von Jesus" in Abu Dhabi

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Mohammed Jahja al-Jadali, Imam der Moschee "Maria, die Mutter von Jesus" in Abu Dhabi“, Andrew Thompson, Leiter der Anglikanischen Kirche, Thani Almuhairi, islamischer Religionsgelehrter, SPIEGEL-Redakteur Dietmar Pieper (v.l.n.r)
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Mohammed Jahja al-Jadali, Imam der Moschee "Maria, die Mutter von Jesus" in Abu Dhabi“, Andrew Thompson, Leiter der Anglikanischen Kirche, Thani Almuhairi, islamischer Religionsgelehrter, SPIEGEL-Redakteur Dietmar Pieper (v.l.n.r)

SPIEGEL: Welche Bedeutung hat Maria in Islam und Christentum?

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Heft 52/2017
Was Christentum und Islam verbindet und trennt

Thani Almuhairi: Im heiligen Koran gibt es eine Sure, die den Namen Marias trägt. Sie ist die Mutter von Jesus, Friede sei mit ihm. Er ist einer unserer Propheten. Wir sind keine Muslime, wenn wir nicht an Jesus und Maria glauben.

Andrew Thompson: Dass diese Moschee nach Maria benannt wurde, hat eine besondere Bedeutung durch den Ort, an dem sie steht: Sie ist umgeben von vier christlichen Kirchen. Diese Moschee untersteht dem Kronprinzen von Abu Dhabi, Mohammed bin Zayed, sie wurde ursprünglich nach ihm benannt. Es ist sehr ungewöhnlich für eine Moschee, dass sie einen anderen Namen bekommt. Ich sehe darin eine unglaublich großzügige und bedeutsame Geste des Kronprinzen: Lasst uns auf die gemeinsamen Grundlagen von Christentum und Islam schauen. Und für uns als Christen in Abu Dhabi hat er damit zum Ausdruck gebracht: Ihr seid Nachbarn, ihr seid Freunde.

SPIEGEL: Welche Gedanken und Empfindungen haben Muslime, wenn das christliche Weihnachtsfest bevorsteht?

Almuhairi: Wir haben erst vor kurzem den Geburtstag des Propheten Mohammed gefeiert, Gott segne ihn und schenke ihm Heil. Wenn wir dieses Fest begehen und uns mit dem Leben Mohammeds beschäftigen, dann lesen wir vorher üblicherweise die Geschichte, wie Jesus geboren wurde, so wie sie im Koran steht. Damit beginnen wir und widmen uns dann der Geschichte des Propheten. Wir respektieren, dass die Christen das Weihnachtsfest auf ihre Weise begehen, wir haben damit kein Problem.

SPIEGEL: Domherr Thompson, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie fünfmal am Tag den Muezzin rufen hören?

Thompson: Aus meinem Schlafzimmerfenster blicke ich auf das Minarett mit dem Lautsprecher. Also werde ich früh am Morgen geweckt, um vier Uhr. Als ich zum ersten Mal in die islamische Welt kam, fühlte ich mich durch den Gebetsruf eingeschüchtert. Es ist ein sehr starker, durchdringender, überwältigender Klang. Inzwischen lebe ich seit fast dreißig Jahren im Nahen Osten, und heute erinnert mich der Ruf des Muezzins daran, selber zu beten. Ich fühle mich herausgefordert durch das Engagement der muslimischen Gemeinschaft, das sich im öffentlichen Gebet zeigt. Es gibt hier viele Einkaufszentren, und wenn die Zeit gekommen ist, dann hört man auch dort den Gebetsruf. Viele Muslime halten dann inne und beten. Können Sie sich in Deutschland vorstellen, dass die Menschen ihren Einkauf unterbrechen, wenn sie das Läuten einer Kirchenglocke hören, und sich in den nächsten Gebetsraum zurückziehen, um zu Gott zu sprechen? Unvorstellbar. Aber das ist es, was Muslime tun aus Verehrung für Gott, es ist ein Teil ihres Alltags. Sie geben dem Gebet eine Bedeutung, die mich als Christen ins Grübeln bringt.

Canon (Domherr) Andy Thompson, Leiter der anglikanischen St. Andrew's Church, Abu Dhabi
Christophe Viseux / DER SPIEGEL

Canon (Domherr) Andy Thompson, Leiter der anglikanischen St. Andrew's Church, Abu Dhabi

SPIEGEL: Scheich al-Jadali, kommen Jesus und Maria in den Freitagspredigten vor?

Mohammed Jahja al-Jadali: Für die Muslime bedeutet die Beschäftigung mit Jesus und Maria, Friede sei mit ihnen, dass sie den Ruf des Glaubens hören. Wer als Muslim Jesus und Maria nicht verehrt, dessen Glaube ist null und nichtig. Man muss an sie glauben und sie lieben, wie man den Propheten Mohammed liebt, Gott segne ihn und schenke ihm Heil. Ein Muslim, der auch nur den kleinsten Vorbehalt ihnen gegenüber hat, irgendeine innere Ablehnung, dessen Glaube verliert alle Bedeutung. Das ist die islamische Lehre. Das Sure über Maria ist eine sehr prominente Sure im heiligen Koran. In den Gebeten und den Freitagspredigten werden ihre Namen häufig genannt, es wird ausführlich über sie gesprochen, weil der allmächtige Gott Maria, eine unberührte junge Frau, dazu auserwählt hat, ihm ihr ganzes Leben lang zu dienen. Gott hat sie dazu bestimmt, die Mutter dieses bedeutenden Propheten zu sein. Muslime verehren Jesus in ganz ähnlicher Weise wie sie den Propheten Mohammed verehren. Die Sure über Maria ist auch deshalb so wichtig für uns, weil sie sehr schön ist. Sie erzählt eine sehr berührende Geschichte, sie geht uns ans Herz. Muslime, die den Koran auswendig lernen, beginnen oft mit dem Kapitel über Maria.

SPIEGEL: Ist Maria besonders wichtig für Frauen in der muslimischen Gemeinschaft?

Almuhairi (nach einer längeren Beratung auf Arabisch mit dem Imam): In unserem Glauben an Maria gibt es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Maria ist die erste Frau, die den Zustand der Perfektion erlangt hat, das Höchste, was ein Mensch erreichen kann. Und der Imam hat mir gesagt, es gibt bei uns praktisch kein Haus, keine Familie ohne eine Maria, sehr viele Frauen tragen ihren Namen. Auch seine zweijährige Tochter heißt Mariam. Maria ist ein Vorbild für die Frauen, weil sie perfekt ist.

Thani Almuahiri, islamischer Religionsgelehrter, Tabah-Stiftung, Abu Dhabi
Christophe Viseux / DER SPIEGEL

Thani Almuahiri, islamischer Religionsgelehrter, Tabah-Stiftung, Abu Dhabi

SPIEGEL: Denken Frauen beim Beten in besonderer Weise an Maria?

Almuhairi: Das glaube ich nicht.

Al-Jadali: Wenn sich die Frauen dem Koran-Kapitel über Maria zuwenden, dann steht für sie häufig der Bericht über ihre Leiden und Nöte im Mittelpunkt, alles, was sie durchgemacht hat. Und wenn die Frauen sich dies vor Augen führen, laufen ihnen Tränen über die Wangen, denn es handelt sich um eine sehr eindringliche Erzählung voller starker Gefühle.

SPIEGEL: War Jesus Muslim?

Almuhairi: Ja natürlich, Jesus war Muslim. Alle wahren Propheten waren Muslime. Es bedeutet, sich Gott zu unterwerfen. Jeder Prophet hat dabei seine eigene Art, seinen Weg.

Thompson: Manchmal werde ich gefragt, ob ich Muslim bin, und dann sage ich: ja, halb und halb. Ich unterwerfe mich dem Willen Gottes. Ich folge dem Beispiel des Propheten Jesus. Muslime folgen dem Beispiel des Propheten Mohammed, Friede sei mit ihm. Muslim ist jemand, der versucht, Frieden mit Gott zu finden, indem er Gott gehorsam ist. In diesem Sinne könnte man sagen, Jesus war Muslim, genau wie die älteren Propheten. Aber er war kein Muslim im Sinne der Weltreligion Islam, indem er etwa ihren speziellen Ritualen gefolgt wäre.

SPIEGEL: Was ist die wichtigste Lehre, die Jesus den Gläubigen im Islam vermittelt?

Almuhairi: Ein Diener Gottes zu sein.

Al-Jadali: Der allmächtige Gott hat zuallererst ein Wesen ohne Vater und ohne Mutter geschaffen, das war Adam. Als nächstes hat Gott ein Wesen mit einem Vater, aber ohne Mutter erschaffen, das war Eva, geformt aus einer der Rippen Adams. Schließlich hat Gott ein Wesen mit einer Mutter, aber ohne Vater geschaffen, das war Jesus. Aus der Perspektive des allmächtigen Gottes ist Jesus wie Adam. Er schuf ihn aus Staub und sagte zu ihm: Sei! Und so begann er zu existieren. Die Propheten haben ihre unterschiedlichen Wege und Geschichten, aber alle sind sie vereinigt im Tauhid, in der Aussage, es gibt nur einen Gott, und das ist Gott der Allmächtige. Diesen Gott verehren sie, ihm dienen sie, es gibt für sie keine andere Gottheit. Deshalb heißt es im heiligen Koran, alle Gläubigen des Buches, also Juden, Christen, Muslime, gelangen zu einem gemeinsamen Glaubensbegriff, dem Tauhid, sie verehren den einen Gott.

Scheich Mohammed Yahia al-Yadali, Imam der Moschee
Christophe Viseux / DER SPIEGEL

Scheich Mohammed Yahia al-Yadali, Imam der Moschee

Almuhairi: Allah, Gott, es ist dasselbe, nur verschiedene Wörter.

SPIEGEL: Muslime haben die Christen im Verdacht, dass sie keine richtigen Monotheisten sind, weil sie Gott dreifach verehren, als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Mr. Thompson, haben Sie schon einmal versucht, Muslimen das Konzept der Trinität zu erklären?

Thompson: Ich versuche das nur selten, denn ich glaube, auch für viele Christen ist die Dreifaltigkeit ein Mysterium. Worauf ich mich konzentriere, ist die Idee, dass wir Gott durch Jesus als Vater kennenlernen. Jesus sagt, niemand gelangt zum Vater außer durch mich. Wir alle glauben an den einen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat. Das Einzigartige an Jesus ist seine Aussage, dass wir den Schöpfer des Universums als liebenden Vater kennenlernen können. Manchmal erkläre ich es hier im Land so: Alle kennen und ehren den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Khalifa. Ehe wir dem Präsidenten persönlich begegnen können, gehen wird durch seinen Palast, durch den Haupteingang, und wir müssen viele protokollarische Regeln und Rituale befolgen. Aber wenn ich mit Scheich Khalifas Sohn Freundschaft schließen würde, dann würde er mich durch den Nebeneingang in die Räume der Familie führen, und ich würde den Präsidenten dort als den Vater seines Sohnes treffen. Dieselbe Person, aber eine ganz unterschiedliche Begegnung, eine ganz andere Erfahrung. Im Islam ist Gott heilig, ehrfurchtgebietend, unendlich machtvoll, und die Gläubigen begegnen ihm sozusagen durch ein Protokoll, auf formalen Wegen. Aber Jesus hat seinen Anhängern gesagt, dass Gott für uns auf andere Weise zugänglich ist, durch ihn selbst, als liebender Vater. Ich habe dadurch, dass ich so viele Jahre in muslimischen Gesellschaften lebe, gelernt, dass hier ein bedeutender Unterschied liegt: derselbe Gott, aber verschiedene Eingangstüren.

SPIEGEL: Jesus kommt, nach der gemeinsamen Überzeugung, am Ende der Zeit zurück. Was bedeutet das?

Christophe Viseux / DER SPIEGEL

Almuhairi: Er wird als Prophet zurückkommen und den Anti-Christ besiegen, der die Menschen verführt hat. Er wird die ganze Welt beherrschen und die Gläubigen vereinen. Das ist es, was ich weiß, was ich gelernt habe.

Thompson: Auch im Christentum gibt es ähnliche Vorstellungen: Jesus wird als Weltenrichter zurückkommen, als König. Er wird seine Leute um sich scharen wie ein Schäfer seine Herde um sich schart. Das alles dient dem Ziel, das Königreich Gottes zu errichten. Daran denken wir gerade im Advent, wenn wir die Wiederkunft Christi erwarten, während wir uns auf das Fest seiner Geburt vorbereiten.

SPIEGEL: Aus aktuellem Anlass: Ist der Streit um Jerusalem, die heilige Stadt der drei Religionen, im Kern ein politischer oder ein religiöser Streit?

Al-Jadali: Über Politik möchte ich hier nicht sprechen. Der Islam hat tiefe gemeinsame Wurzeln mit den anderen Gläubigen des Buches, also Christen und Juden. Und es gibt viel Raum für gemeinsames spirituelles Wachstum bis zum Ende der Zeit, dem Ende der Menschheit am Tag des Gerichts. Ich möchte zwei Punkte nennen, wie diese gemeinsamen Wurzeln in unserem Leben sichtbar werden. Erster Punkt: Der allmächtige Gott hat es für zulässig erachtet, dass muslimische Männer Frauen heiraten, die dem christlichen oder jüdischen Glauben anhängen. Und natürlich würde niemand eine Frau heiraten, die er nicht liebt. Es ist also bemerkenswert, dass die leidenschaftliche Liebe zwischen Anhängern dieser Religionen nach der Scharia akzeptabel ist. Zweiter Punkt: Es ist Muslimen erlaubt, Fleisch und Geflügel zu essen, das von den anderen Gläubigen des Buches geschlachtet wurde. Das ist für uns sehr bedeutsam! Denn es ist Muslimen nicht erlaubt, Fleisch oder Geflügel zu verzehren, das von Anhängern anderer Religionen geschlachtet wurde. Diese beiden Punkte symbolisieren sehr gut die Beziehung zwischen Islam, Christentum und Judentum. Ich bin seit 15 Jahren Imam dieser Moschee, und die Tatsache, dass um uns herum mehrere christliche Kirchen stehen, zeigt für mich sehr gut, wie das Verhältnis zwischen den Religionen ist oder sein sollte: geprägt von Frieden, von guter Nachbarschaft. Jeder darf seinen Glauben auf seine Weise praktizieren, und nur Gott kann ihn zur Rechenschaft ziehen. Am Ende der Zeit können die Christen genauso wie diejenigen, die heute schon Muslime sind, vor Gott stehen und den wahren Glauben an ihn bekennen und sein Urteil erwarten.

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Thompson: Der Streit ist sowohl religiös als auch politisch. In der christlichen Gemeinschaft gibt es zwei ganz unterschiedliche Erzählungen über Jerusalem. Die eine besagt: Die Juden sind ein Volk Gottes, und wir müssen sie und ihr Land um jeden Preis beschützen, wirklich um jeden Preis. Vor allem in den USA finden wir diese Strömung. Und dann gibt es eine andere christliche Erzählung, sie lautet: Jesus ist gekommen, um ein neues Israel zu errichten, die zwölf Apostel stehen für die zwölf Stämme Israels und die Geburt einer neuen Gemeinschaft. Wenn wir in dieser Weise über Jerusalem sprechen, dann tun wir das in spirituellen Begriffen, wir reden über die Stadt als Allegorie der Kirche. In der weltweiten Christenheit, nicht nur in Amerika, finden wir diese beiden konkurrierenden Erzählungen. Die Politiker benutzen das für ihre Zwecke. Wenn ein Präsident Donald Trump sagt, dass Jerusalem die Hauptstadt Israels ist, dann knüpft er an die Erzählung vom Kampf um das Land Israel an, er benutzt einen Teil der christlichen Theologie, um seine Entscheidung zu rechtfertigen. Mir als einem Christen, der glaubt, dass die Kirche das neue Israel, die neue Gemeinschaft Gottes ist - es bricht mir das Herz, wenn ich mit ansehen muss, wie Jerusalem für das Spiel der Politik missbraucht wird. Jesus hat seinen Anhängern gesagt, sie sollen in Jerusalem für den Frieden beten, und das ist es, was ich auch hier in Abu Dhabi den Christen sage, betet um Frieden für alle Menschen in Jerusalem.

Almuhairi: Nicht nur in Jerusalem.

Al-Jadali: Der Koran lehrt, dass Jesus in Jerusalem nicht getötet und nicht gekreuzigt wurde. Er wurde in den Himmel erhoben. Der allmächtige Gott hat einem der Jünger Jesu gesagt, dass er ihm das genau gleiche Aussehen wie Jesus geben will, so dass er sich opfern kann an der Stelle von Jesus. Und so geschah es. Also wurde Jesus in den Himmel erhoben, wo er weiterlebt, und er wird kommen am Ende der Zeit, wenn es viele Kriege und viele Bedrängnisse und Leiden gibt. Und er wird zurückkehren und den Frieden bringen.

Thompson: Beim Frieden, da sind wir uns einig.

SPIEGEL: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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