AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Flutkatastrophe in Texas "Dad, pass auf die Stromleitung auf"

Houston versinkt in der Jahrhundertflut, und es sind vor allem die Armen, die darunter leiden. Präsident Trump hingegen wirkt, als wäre er zu einer Golfpartie eingeflogen. Unterwegs mit Rettern und Geretteten.

Überschwemmtes Haus in Houston: Transformatoren explodieren, der Strom fällt aus, Telefone sind tot
Scott Dalton/ DER SPIEGEL

Überschwemmtes Haus in Houston: Transformatoren explodieren, der Strom fällt aus, Telefone sind tot

Von Scott Dalton und


Nach drei Tagen Sturm und Regen hatte Ryan Craig genug von diesen Bildern im Fernsehen. Von überschwemmten Häusern, von davontreibenden Autos und von Menschen, die auf Dächern hocken. Craig lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in Montgomery County, 30 Meilen nördlich von Houston. Noch ist er hier vor dem Wasser sicher, aber er wollte nicht tatenlos zusehen, wie Houston in den Fluten versinkt. Er fragte seinen Vater, ob er mitkommen wolle, nach Houston. Sie hatten ja das Boot.

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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Und so gleiten an diesem Tag Vater und Sohn die Kuykendahl Road entlang, im Norden von Houston. Ryan Craig trägt einen Regenanzug, darüber eine blaue Rettungsweste, sein Vollbart tropft von Wasser. Er hält sich an der Bordwand fest. "Dad, pass auf die Stromleitungen auf", ruft er. Die Leitungen hängen gefährlich niedrig, am Tag zuvor sind zwei Helfer durch einen Unfall mit Stromleitungen, die unter Wasser lagen, gestorben.

Die Kuykendahl Road war bis vor Kurzem eine Straße, die sich durch die Vororte von Houston schlängelte, an Tankstellen, Waschanlagen und Taco-Läden vorbei. Jetzt ist sie ein Fluss in der Farbe dünnen Milchkaffees, mit Strömungen und gefährlichen Untiefen. Aus dem Boot von Ryan Craig betrachtet ist Houston, viertgrößte Metropole der USA, 2,3 Millionen Einwohner, eine Geisterstadt, eine Kulisse aus einem Katastrophenfilm.

Ausgerechnet Houston, Zentrum der Ölindustrie, die Stadt, die den ersten Menschen auf den Mond schickte, Amerikas Boomtown.

Seit vorigen Samstag der Wirbelsturm "Harvey" vom Golf von Mexiko auf Texas traf, fielen bis zu 132 Zentimeter Regen, ein Rekord für die USA. Nicht die Wucht des Sturms war das Problem, sondern die große Menge Regen in kurzer Zeit. Die beiden Auffangbecken im Westen der Stadt liefen über, Flüsse stiegen an, Straßen wurden überflutet, ganze Viertel verschluckt, zwischenzeitlich stand ein Drittel der Stadt unter Wasser. Die Zahl der Todesopfer lag am Donnerstagabend bei 39, doch erst wenn das Wasser abläuft, wird die Stadt verstehen, was "Harvey" wirklich angerichtet hat.

In Houston lässt sich beobachten, wie aus einer lebendigen Metropole binnen Stunden ein apokalyptischer Ort wird. Es ist ein Schicksal, wie es vielen Städten in Zeiten des Klimawandels und extremer Wetterereignisse bevorstehen könnte. Transformatoren explodieren mit einem Knall, der Strom fällt aus, Kühlschränke, Ampeln, Klimaanlagen, Telefone und Fernseher sind tot. Eine Ausgangssperre wird verhängt, wie in einem Krisengebiet. Die Behörden drohen Plünderern und Wucherern mit der ganzen Härte des Gesetzes.

In den ersten Tagen saßen Menschen auf den Dächern, sie hängten weiße Handtücher aus den Fenstern, um Helfer auf sich aufmerksam zu machen. Die Bewohner eines Altenheims saßen bis zur Hüfte im Wasser. Ein drei Jahre altes Mädchen klammerte sich an seine sterbende Mutter. Und die Schlangen vor den Notunterkünften der Stadt wurden immer länger.

Große Teile von Houston stehen unter Wasser
Scott Dalton/ DER SPIEGEL

Große Teile von Houston stehen unter Wasser

Inzwischen ist die Nationalgarde angerückt, die Armee, die Küstenwache, es sind Helfer vom Roten Kreuz da und vom Amt für Katastrophenschutz. Innerhalb von erstaunlich kurzer Zeit entstand zudem ein Netzwerk an Freiwilligen, die zu Fuß, in Booten oder mit Riesentrucks durch die überschwemmten Stadtviertel patrouillieren und Bewohner evakuieren.

Die Geschichte von Houston ist, zumindest im Moment, eines dieser Dramen von Katastrophe und Zusammenhalt. Sogar Donald Trump, der oberste Polarisierer und Spalter des Landes, sagte halbwegs präsidial, das Land stehe hinter Houston und Texas, "heute, morgen und jeden Tag danach". Er schien den Hurrikan als eine Art persönlichen Rekord zu bejubeln, nannte ihn "episch" und "historisch" und absolvierte einen Besuch im Katastrophengebiet, der die Anmutung eines Wahlkampfauftritts hatte. Trump traf keine Opfer, sah kein Wasser und wirkte, als wäre er zu einer Partie Golf eingeflogen. Aber in diesem Moment verziehen ihm die Amerikaner sogar das.

Millionenspenden treffen in Houston ein, Kleidung, Nahrung, Medikamente für die Obdachlosen. In der größten Notunterkunft der Stadt, dem George R. Brown Convention Center, werden Helfer inzwischen abgewiesen. Zwischenzeitlich übernachteten hier 10.000 Menschen, sie wurden registriert und mit dem Nötigsten versorgt. Im Moment noch wirkt Houston wie eine Stadt, in der der Staat trotz des Chaos die Kontrolle behält; sogar die zwei Flughäfen wurden am Mittwoch wieder eröffnet, ein trotziges Signal, dass man einfach so weitermachen werde wie bisher.

Was für ein Unterschied zum Hurrikan "Katrina", der vor zwölf Jahren die Dämme von New Orleans brechen ließ und die Stadt zum Sinnbild von Gesetzlosigkeit, Chaos und mörderischem Überlebenskampf machte. In Houston dagegen stellte man sich dem Wasser selbstbewusst in den Weg.

Möglich ist das, weil es hier viele Menschen gibt wie Ryan Craig, hilfsbereit, anpackend und mit einem Boot in der Garage. Er gibt seinem Vater ein Zeichen, den Motor zu drosseln. Da hinten, Craig zeigt auf ein Haus, das zur Hälfte unter Wasser steht. Hier wuchs er auf, bis die Familie in die Vorstadt zog. Sie wollten weg aus Houston, weg von der Flutgefahr. "Der schlimmste Sturm, den wir vor 'Harvey' erlebten, war im Jahr 2001. Damals stand das Wasser im Haus 50 Zentimeter hoch", erzählt Craig. Danach zogen sie weg. Und jetzt? "Jetzt sind es fast zwei Meter."

Freiwilliger Craig: "Dad, pass auf die Stromleitungen auf"
Scott Dalton/ DER SPIEGEL

Freiwilliger Craig: "Dad, pass auf die Stromleitungen auf"

Am Tag zuvor haben er und sein Vater neun Menschen gerettet, darunter eine Familie mit einer gehbehinderten Tochter. Dazu vier Hunde. Jetzt aber müssen sie die Suche aufgeben, vorerst, weil die Stromleitungen über dem Fluss den Weg versperren.

Es ist ja nicht so, dass die Flut überraschend gekommen wäre. Der Süden von Texas ist flach und sumpfig, schon im ersten Jahrhundert nach Gründung der Stadt um 1830 musste Houston 16 Flutkatastrophen überstehen. Inzwischen kommt das Wasser häufig und immer brutaler. Allein in den vergangenen drei Jahren erlebte die Stadt drei schwere Stürme, die Fluten mit sich brachten. Viele Experten warnten lange vor der Katastrophe. Denn Houston ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, um ein Viertel seit Mitte der Neunzigerjahre. Die Bauvorschriften sind sehr locker, es wurden viele freie Flächen zubetoniert, wo das Wasser nun nicht mehr versickern kann.

In Harris County, zu dem Houston gehört, wurden 7000 Häuser in Gegenden errichtet, die als Überflutungsflächen ausgewiesen sind. Seit Anfang der Neunzigerjahre wurde zudem fast ein Drittel der Sumpflandschaft bebaut. Houston ist stolz auf sein radikal ungeregeltes, ungeplantes Wachstum; man sieht darin Freiheit und Pioniergeist. Die Pläne für ein groß angelegtes Flutschutzprojekt allerdings, das ist der Nachteil, liegen seit Jahren auf Eis.

In der Ferne knattern die Rotoren von Helikoptern. Mehr als 30.000 Menschen mussten den Behörden zufolge ihre Häuser verlassen, viele davon vielleicht für immer. Der Schaden durch "Harvey" ist schwer zu beziffern, einige Schätzungen gehen sogar über die Kosten von "Katrina" hinaus, die bei 118 Milliarden Dollar lagen. Damit wäre "Harvey" der teuerste Sturm bislang. Schon jetzt steigen die Benzinpreise im Land, weil Raffinerien in Texas schließen mussten. Einen Teil der Kosten für die Schäden wird die Regierung bereitstellen müssen; eine Ironie fast, dass die Republikaner ursprünglich das Budget für den Katastrophenschutz kürzen wollten.

Die Flut von Houston ist ein Gleichmacher, sie trifft Schwarze und Weiße, Arm und Reich. Sie macht vor gusseisernen Hoftoren genauso wenig halt wie vor Holzhütten. Houston ist von Kanälen, den Bayous, durchzogen.

Rettungsaktion in Houston: Das Wasser kommt immer häufiger und brutaler
Scott Dalton/ DER SPIEGEL

Rettungsaktion in Houston: Das Wasser kommt immer häufiger und brutaler

Der Winter Oaks Drive liegt im Westen von Houston, eine Straße wie aus dem Suburbia-Bilderbuch. Riesige Häuser, umgeben von akkurat gestutzten Rasenflächen, mit Garagen, in denen neben dem BMW X5 bequem ein Motorboot Platz hat. Eine hervorragende Gegend für Leute wie Birte Dyrvig Sorensen, deren Mann für einen dänischen Ölkonzern arbeitete, bevor er in Rente ging.

Allerdings liegt der Winter Oaks Drive zwischen einem Auffangbecken und einem Bayou. Niemand hier dachte, dass das Becken überlaufen könnte, aber genau das ist nun geschehen. Außerdem müssen die Helfer die Schleusen immer wieder öffnen, um zu verhindern, dass der Damm vollständig bricht. Und so sitzt Sorensen auf einer Kinderschaukel in einem fremden Vorgarten und umklammert ihre Handtasche, Wellen schwappen auf den Rasen. Ein Pfau spaziert durch einen Vorgarten. Sorensen wagt sich nicht ins Wasser, sie hat Angst vor den Schlangen.

Mit Tränen in den Augen erzählt sie, dass das Wasser in ihrem Haus inzwischen bis an die Kante des Küchentischs reiche. "Wir sind am Sonntagnachmittag geflohen. Nur die Pässe haben wir mitgenommen und ein paar Sachen zum Anziehen." Zum Glück haben sie eine Versicherung gegen Flutschäden abgeschlossen.

Zwei Männer in Kanus paddeln vorbei, die in Müllsäcken einige Habseligkeiten gerettet haben. Niemand hier verfällt in Panik, höchstens in Trauer, weil man eben alles wieder neu kaufen muss. Die meisten Bewohner fallen weich und kommen bei Freunden oder Verwandten unter. Trotz Überschwemmung wird im Winter Oaks Drive niemand wirklich nass.

Am meisten werden die Armen leiden, die wochen- oder monatelang kein Einkommen haben oder ihre Jobs gleich ganz los sind; sie sind es zumeist, die keine Versicherung gegen Flutschäden haben. Ganze 80 Prozent der am stärksten Betroffenen haben sich nicht versichert - und so werden sich viele Menschen, deren Haus unbewohnbar wurde, den Neubau nicht leisten können.

Christoph Scheuermann / Der Spiegel

Die Ärmeren sind es auch, die unter den Langzeitfolgen am meisten leiden werden, denn es sind ihre Viertel, die sich in der Nähe der Industriegebiete befinden. Der Süden von Texas ist das Land von Öl und Gas, Pipelines aus dem Golf von Mexiko kommen hier an Land, einige der größten Raffinerien der USA stehen in der Umgebung von Houston. Als die Flut kam, leckte Öl aus den Speichertanks, aus Raffinerien und Fabriken entwichen giftige Gase. Am Donnerstag kam es zu Verpuffungen in einem Chemiewerk nordöstlich von Houston, der aufsteigende Rauch sei "ungemein gefährlich", warnten die Behörden. Chemikalien, Müll, Abwässer verbinden sich zu einer toxischen Brühe. Dazu kommt, dass es Industriebrachen gibt, aus denen jetzt Blei, Arsen und andere Giftstoffe austreten.

Die Flut hat die Mauern zwischen den Hautfarben und Schichten vielleicht kurzfristig überspült, aber nicht eingerissen. So stark war der Sturm dann doch nicht.

Vor allem im Kongresszentrum von Houston wird deutlich, wie groß der Unterschied in dieser Stadt zwischen denen ist, die Geld für ein Hotelzimmer haben oder Freunde, bei denen sie für ein paar Nächte unterkommen können - und denen, die allein sind und kaum etwas besitzen. Das Kongresszentrum liegt in der Innenstadt, umgeben von Hotels und Bürogebäuden. Helfer verteilen Äpfel, Bananen und Trinkwasser. In den Hallen stehen Feldbetten, fast alle Menschen hier sind dunkelhäutig, einige sprechen nur Spanisch.

"Seit wann bin ich hier? Seit drei Tagen?" Alma Williams hat sich in eine Decke gewickelt, sie hockt auf der Kante eines Klappbetts in Halle D. Sie ist 87 Jahre alt und wirkt immer noch ein wenig ratlos, wie sie hierhergeraten ist. Sie wuchs in Houston auf, zog um nach Kalifornien, überstand ein schweres Erdbeben und kam vor zwei Jahren zurück in ihre Heimat. Williams ist eine Überlebende, nicht nur der Flut: Zwei ihrer sechs Kinder sind tot, der letzte ihrer drei Ehemänner starb an den Folgen einer Leberzirrhose.

Als am Sonntag das Wasser im Buffalo Bayou stieg und in ihre Wohnung drang, warf sie alles auf den Boden, was sie greifen konnte, um es aufzusaugen. Handtücher, Sofakissen, Kleider, Decken. Williams versuchte, eigenhändig die Flut zu stoppen, sie wollte nicht fort von daheim, sie wollte nicht, dass das Wasser die Macht über ihr Leben bekommt. Doch als die Flut immer höher stieg, als der Kampf verloren war, nahm sie ihre Geldbörse, zwei Paar Schuhe und die Handtasche, stieg in einen Pick-up der freiwilligen Helfer und ließ sich in Sicherheit bringen.

Katastrophenopfer Williams: "Seit wann bin ich hier?"
Scott Dalton/ DER SPIEGEL

Katastrophenopfer Williams: "Seit wann bin ich hier?"

Was macht sie jetzt, wie geht es weiter? Williams zuckt die Schultern. "Ich habe so viel verloren, was mir wichtig war, die Fotoalben zum Beispiel", sagt sie, ein ganzes Leben, von der Flut ausgelöscht. In ihre Wohnung kann sie nicht zurück. Im Moment ist Alma Williams obdachlos, eine alte, gebrechliche Dame, die trotzdem nicht die Hoffnung verliert.

"All das geschieht aus einem Grund. Womöglich, damit die Menschen zusammenkommen", sagt sie dann. "Es gibt ja so viel Hass in diesem Land." Vielleicht hat Gott seine Finger im Spiel, wer weiß.



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