AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2017

Robert Habeck Der grüne Schwan

Literaturkritiker trifft Literaturpolitiker: Ein Besuch bei Robert Habeck, der seine Partei in Schleswig-Holstein in eine Jamaika-Koalition geführt hat.

Minister Habeck: "Zehn Ausrufezeichen"
Markus Tedeskino/DER SPIEGEL

Minister Habeck: "Zehn Ausrufezeichen"

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Am Anfang gleich mal dreifach Nein: "Ich bin kein Literaturpolitiker." Und: "Um das jetzt gleich mal zu sagen: Politik und Literatur sind unterschiedliche Berufe." Und zur Sicherheit hinterher: "Also nicht so wie Novalis und die Romantik: Fantasie an die Macht. Das ist überhaupt nicht meine Art."

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Heft 32/2017
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Gut, also wird es nichts mit dem Projekt, den Grünen-Spitzenpolitiker Robert Habeck als einen Mann vorzustellen, der die Sphären Literatur und Politik pragmatisch und fantasievoll miteinander verbindet. Will er nicht. Jetzt noch ein viertes Mal: "So seh ich mich nicht." Ist ja gut, ist ja gut!

Ab 2012 war Habeck fünf Jahre lang stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein in einer rot-grün-blauen Regierung, seit gut fünf Wochen ist er stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein in einer schwarz-grün-gelben Koalition. Geboren wurde er 1969 in Lübeck. Studium der Philosophie, Philologie und Germanistik, er promovierte mit einer Arbeit über "Die Natur der Literatur" und hat dann gemeinsam mit seiner Frau Andrea Paluch als Schriftsteller gearbeitet. 2001 erschien ihr Debüt "Hauke Haiens Tod", eine Fortschreibung von Theodor Storms "Schimmelreiter" als Spitzentitel beim Verlag S. Fischer, es folgten Jugendromane, Kriminalromane, zeitgemäße Heimatromane.

Die doppelten Dichter als Liebespaar. Ein romantisches Modell, bei ihnen aber vor allem ein emanzipatorisch-pragmatisches. Sie hatten früh vier Kinder bekommen. Beim gemeinsamen Schreiben ging es auch darum, die Betreuung der Kinder gerecht aufzuteilen. Nachtschichten, Tagesschichten, schreiben, wickeln, füttern, dichten.

2008 haben sie ihr bislang letztes gemeinsames Buch geschrieben, "1918 - Revolution in Kiel", ein Theaterstück über den Matrosenaufstand.

Robert Habeck ist ein offener, freundlicher Mann, grau meliertes Kurzhaar, Viertagebart, auch schon grau, dunkler Anzug, weißes Hemd mit Borte, keine Krawatte. Wir haben uns am Kieler Landtag getroffen, Treppe vor dem Portal hinab, die Pressesprecherin neben ihm. Der schwarze Audi wartet schon.

Wir fahren am Wasser entlang, Habeck hatte für das Interview die Seebar vorgeschlagen, ein Restaurant auf einem breiten Steg, am Ende führt eine Treppe ins Wasser; Kielerinnen mit weißen Bademützen ziehen dort ihre Kreise. Am Vormittag war Landtagssitzung, es ging um die Krawalle beim G-20-Gipfel und um den Weiterbau der A 20, der nicht wie vorgesehen fertiggestellt werden kann aufgrund EU-rechtlich geschützter Zwergschwäne, die an der geplanten Strecke jedes Frühjahr auf ihrem Flug in ihre Brutgebiete einen längeren Zwischenstopp einlegen. Der Bau war ein zentrales Wahlversprechen der CDU, das sie nun nicht einlösen kann. Jetzt wirft sie der SPD vor, die Problematik jahrelang verschwiegen zu haben.

Wie es damit weitergehen könnte, erläutert Habeck, der als Minister für Energiewende, Landwirtschaft und Natur auch schon der letzten, zwergschwanverschweigenden Regierung angehört hatte, auf der Rückbank der Limousine im Schnelldurchgang. In Kürze hier nur so viel: Die Ausweisung eines Vogelschutzgebiets in der Planungsphase würde einen EU-weiten Präzedenzfall schaffen, und er wisse nicht, ob CDU und FDP klar sei, was das bedeute, aber "wollen Sie das wirklich alles ganz genau wissen?", fragt er noch, und dann sind wir auch schon an der Seebar.

Robert Habeck ist ein offenherziger Pragmatiker der Macht. In seinem letzten Buch, "Wer wagt, beginnt", einer Art programmatische Autobiografie, geschrieben ohne seine Frau, erinnert er sich an die Theater-AG in seiner Schule, wo er in Brechts "Dreigroschenoper" den zynischen Machtmenschen Jonathan Jeremiah Peachum spielte. Habeck sang bei den Proben so schlecht, dass er kurz davor war, die Rolle zu verlieren. Doch er kämpfte und übte. Denn: "Ich muss zugeben, dass ich mich mit dem Machtmenschen Peachum zu identifizieren begann."

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Vielleicht war das größte Kunststück in seiner bisherigen Karriere, wie er seine Partei vor wenigen Wochen direkt von der einen in die ganz andere Regierungskoalition überführte. "Geräuschlos", wie es allgemein staunend hieß. Worte wie "Opportunismus", "Machtgeilheit" und "Verrat", die normalerweise einen solchen Wechsel begleiten, fielen in diesem Falle nicht. Und das im Lande Barschels und von Simonis' Heide-Mörder. Es muss schon mit Habecks offener, offensiver, optimistischer, unverdruckster Art zusammenhängen, in der er immer schon auch auf politische Gegner zugegangen ist. In einer Sprache, die weitgehend phrasenfrei ist. Damit unterscheidet sich Habeck auch vom Parteikollegen Cem Özdemir, der die politische Kunst, mit vielen Worten nichts zu sagen, seit seiner Wahl zum Spitzenkandidaten der Grünen zu bislang ungeahnter Meisterschaft geführt hat.

Özdemir hat Habeck seine bislang schmerzlichste politische Niederlage beigebracht, mit einer denkbar knappen Wahl zu seinen Gunsten. Damals, direkt nach der Niederlage und plötzlich also ohne politische Aufgabe, hatte Habeck eine Woche lang darüber nachgedacht, wieder zu schreiben. Einen Roman, der auf dem Theaterstück über den Matrosenaufstand aufbauen sollte. Über die Revolution von Kiel, den Aufbruch, das Urereignis der deutschen parlamentarischen Demokratie. "Diese Idee von Aufbruch und Veränderung war so stark in mir", sagt Habeck jetzt, "dass ich dachte: Was machst du jetzt damit?"

Warum sich also nicht wieder den Helden von damals zuwenden? Robert Habeck, nun voller Enthusiasmus: "Die haben nun wirklich über den Horizont hinausgedacht: im Krieg den Pazifismus denken. Im Kaiserreich die Demokratie. Im System des Gehorsams die Meuterei! Keine Alternativlosigkeit. Das passt doch zu unserer Zeit!", sagt er.

Und er spricht von dem ungeheuren Erfolg der Schrift "Der kommende Aufstand", von all dem Aufbruchsgeist, der darin steckt, und davon, dass der Roman, den er plante, als eine Art Parallelschrift dazugedacht war, "als Studie darüber: Wann brechen Menschen aus ihrer vertrauten Wirklichkeit aus und trauen sich wirklich Großes zu?".

Wenn man das Theaterstück liest, ist man allerdings überrascht, wie positiv Paluch und Habeck darin den später als "Bluthund" der Sozialdemokratie berüchtigt gewordenen Zähmer des Aufstands, den SPD-Politiker Gustav Noske, charakterisieren. Damals, 1918 in Kiel, hatte er auch noch keinen Spartakusaufstand blutig niederschlagen lassen, sondern war der zugereiste Pragmatiker. Sein Gegenspieler heißt im Stück Fritz, der edle Wilde, emphatischer Revolutionär. "Natürlich habe ich mich am Anfang mit dem identifiziert", sagt Habeck. "Er ist schließlich der Mann, der auf die Barrikaden geht und den Aufstand anführt." Aber dann wurde er Noske. "Interessanterweise ist beim Schreiben immer mehr Gustav Noske die interessantere Figur geworden. Jemand, der versucht, den ewigen Zustand der Revolte in etwas zu übersetzen, was gesellschaftlich funktioniert."

Das wäre allerdings interessant gewesen, wie der Schriftsteller Robert Habeck jetzt, neun Jahre nach dem Stück, Fritz, Noske und die anderen in unsere Gegenwart des kommenden Aufstands hineingeschrieben hätte. Hat er aber nicht. "Das war nur eine Woche. Dann war wieder Wahlkampf", sagt Habeck an der Förde.

Wie schnell hat sich das Gespräch doch dem Thema Literatur und Politik zugewandt. "Du kannst allein mit diesem blanken Idealismus, mit diesem Trotz gesellschaftlich nicht bestehen", fährt Robert Habeck fort. "In der Wirklichkeit brauchst du beides gemeinsam. In der Literatur kannst du es gegeneinanderstellen."

Er redet über die großen politischen Momente der letzten Jahre. Vor allem von Emmanuel Macron und wie es ihm gelungen ist, scheinbar aus dem Nichts heraus diese gigantische politische Bewegung zu kreieren. All diese Menschen zu mobilisieren, nicht nur Wähler, sondern politische Aktivisten, Neupolitiker, die vorher schon politisch dachten, aber nicht wussten, wohin mit ihrem Willen zum Engagement.

Die Zeit der großen, pathetischen, politischen Erzählung sei vorbei, meint Habeck. Es sind die kleinen Erzählungen, die ihm wichtig sind. In unserer Zeit gebe es so viel "Hunger nach Idealismus und Begeisterung". Und jetzt komme es eben darauf an, dass "die Politik eine Form und eine Sprache findet, in der das Kleine, das Subjektive, das Nicht-Gleiche aufgenommen und formuliert wird".

Macron sei genau das gelungen: "In der Zuwendung, in der Sprache hat Macron genau diese Individualisierung der Menschen aufgenommen und zugelassen. Daraus speist sich seine Bewegung."

Auch bei Martin Schulz habe es ja diesen Moment gegeben, sagt Habeck. Aber der dauerte eben nur ein paar Wochen. "Weil er an entscheidender Stelle den Weg in die Verallgemeinerung genommen hat", sagt er. "Jetzt ist Gerechtigkeit wieder das große Thema. Leider sind die Leben so vielfältig, dass mit der Parole 'Mehr Gerechtigkeit für alle' wenig anzufangen ist."

Robert Habeck erzählt von den Schweinswalen, "das sind hier unsere Delfine", sagt er. Immer mehr von denen waren in den Netzen der Dorschfischer nahe der Küste verendet. Das war Anfang der letzten Legislaturperiode. Habeck wollte Schutzzonen im Meer einrichten. Die Fischer waren natürlich außer sich, er zerstöre ihr Leben, nehme ihnen ihre Arbeit. Habeck fuhr zu ihnen hin.

"Ich bin mit denen groß geworden", sagt er und zeigt hinüber ans andere Ufer. "Das ist eine Härte und Kernigkeit, die einen fordert und anspornt." Die haben ihn wütend beschimpft, Habeck ließ die Netze weiter zu. Von den Tierschützern hieß es nun: "Du bist für jeden toten Schweinswal verantwortlich." Gemeinsam haben sie eine Lösung gesucht und schließlich beschlossen, zu bestimmten Zeiten die Netzlänge zu reduzieren. Seitdem seien kaum noch tote Schweinswale in den Netzen gefunden worden. "Jetzt versöhnt sich der Schweinswalschutz mit der Fischerei."

Er erzählt noch weiter von den Fischern und Bauern und dass es das Glück der Arbeit in seinem Ministerium sei, dass man ständig mit Nichtpolitikern im Gespräch sei, mit Leuten aus ganz anderen Systemen und Lebenszusammenhängen. "Das sprengt einem den Horizont frei", sagt er. Und dass es so wichtig sei, "sich entfremden zu lassen". Ja, von Menschen, aber gut, zum Beispiel auch durch Literatur, Geschichten aus anderen Leben. Es gehe darum, kleine Geschichten zusammenzusetzen zu einer großen, "die dadurch immer mehr an Kraft gewinnt".

Digitalisierungsminister Habeck in einem unterirdischen Rechenzentrum in Norderstedt
DPA

Digitalisierungsminister Habeck in einem unterirdischen Rechenzentrum in Norderstedt

Robert Habeck ist, dagegen kann er sich wehren, wie er will, ein literarischer Politiker. Ein erzählender. Sein Horror ist eine Politik der Alternativlosigkeit. Und er ist sicher, dass es auch nicht mehr lange gut geht, die Behauptung völliger Alternativlosigkeit. Die digitale Welt ist eine der permanenten Alternativen und Entscheidungen. "Man spürt doch, dass das nicht zusammenpasst. Der Politiker, dem es gelingt, das permanente Alternativsein zu artikulieren und daraus eine gesellschaftliche Zielvorstellung zusammenzufügen", wird triumphieren.

In "1918" lassen Habeck und seine Frau ihren Gustav Noske zum Revolutionär Fritz sagen: "Du handelst falsch. Du wirst nicht gewinnen, wenn Du immer und überall Recht haben willst." Habeck plädiert für eine politische Kultur des Nicht-recht-haben-Müssens. Gerade und vor allem in seiner Partei ist das keine Selbstverständlichkeit.

Auf die Frage, ob eine En-Marche!-Bewegung in Deutschland denkbar sei, antwortet er: "Ja, mit zehn Ausrufezeichen! Mein Eindruck ist, dass es hier einen schlafenden Riesen gibt, der darauf hofft, dass eine emphatische Politik ihn weckt!"

Nach dem Gespräch stehen wir noch kurz an der Bar, warten auf die Rechnung. Ein alter Herr steht schon da, weißes Haar, rötliche Augen, gewohnt, laut zu sprechen. "Ah, Herr Habeck", sprudelt er gleich los. Und dass er von der CDU sei und Stegner ein Arschloch und ob es wahr sei, dass man den ganzen Vormittag lang im Landtag über Gänse gesprochen habe. "Zwergschwäne", sagt Habeck. "Ja, Gänse. Das ist hier doch alles viel zu provinziell für Sie, Herr Habeck, Sie gehören doch nach Berlin." Habeck erklärt leise und freundlich, dass er hier schon ganz richtig sei. Die Gänse lässt er diesmal unkorrigiert. Er muss nicht immer recht haben.

Dann gehen wir über den Steg zurück an Land. Der Audi rollt heran, nimmt den Minister und seine Pressesprecherin wieder mit. Nicht mehr Richtung Landtag, sondern in eine andere Richtung.



insgesamt 2 Beiträge
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Einer unter Mehreren 12.08.2017
1. ???
Was ist das denn für eine armselige Homestory? Wenn Sie schon (auch) über den Politiker Habeck schreiben, sollten Sie auch über die Seehunde, den Belttunnel, Probebohrungen von DEA in der Nordsee und ähnliche, für einen Grünenpolitiker unverständliche Entscheidungen, berichten. Womit der Heiligenschein doch sehr beschmutzt wird. "Pragmatiker der Macht" trifft es wohl sehr genau.
rolantik 28.10.2017
2. Habeck hat das Zeug für ein Ministeramt in Berlin
Im Gegensatz zu Özdemir oder Göring.-E. hat Habeck das Zeug Minister im Kabinett Merkel zu werden. Gebildet, seriös und zielstrebig würde er gut in eine Kooperation mit der CDU/CSU passen, ganz im Gegensatz zu den "Spitzenkandidaten" für die BT-Wahl. ich möchte mir nicht einen Özdemir als Aussenminister vorstellen, der als "oberster Diplomat" unser Land vertritt. Wie und wer kann das verhindern. Es gibt bei den Grünen bessere Leute als die Özdemir und Göring-E., schade, dass Habeck damals nicht gewählt wurde, erst jetzt stellt sich seine Qualität heraus, da er vorher nicht sher bekannt war.
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