AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Bayern-Star Lewandowski "Fußball ist Kapitalismus pur"

Torjäger Robert Lewandowski sorgt sich um die Zukunft des Fußballs. Wenn immer dieselben Mannschaften die Titel gewinnen, leide das Interesse der Fans. Und auch der FC Bayern München sei in Gefahr.

Lewandowski
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SPIEGEL: Herr Lewandowski, am Dienstag startet die Champions League. Ist es für Sie der einzige Wettbewerb, den Sie noch ernst nehmen?

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Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Lewandowski: Ich habe diesen Titel noch nie gewonnen, also klar, die Champions League ist schon besonders reizvoll. Zumal es mich immer noch nervt, dass ich das Finale 2013 in London mit Borussia Dortmund verloren habe.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich als Fußballer unfertig, wenn Sie diesen Wettbewerb niemals gewonnen haben?

Lewandowski: Natürlich will ich ihn irgendwann gewinnen. Auf der anderen Seite weiß ich, was für eine Lotterie die Champions League ist. Nehmen wir nur die vergangene Saison. Wir waren in einer sehr guten Form, jeder von uns war heiß auf den Titel. Dann verletze ich mich an der Schulter, falle für das Hinspiel gegen Real Madrid aus. Dort verschießen wir dann auch noch einen Elfmeter, und unser Traum zerplatzt. Es liegt auf diesem Topniveau oft an Kleinigkeiten, für die ganz großen Titel muss eben alles zusammenpassen.

SPIEGEL: Die deutsche Meisterschaft haben Sie bereits fünfmal gewonnen. Wird die Bundesliga irgendwann öde?

Lewandowski: Ein Spitzensportler will immer der Beste sein. Du gewinnst die Liga einmal, aber dann willst du gleich beweisen, dass das kein Zufall war. Dann wirst du zum zweiten Mal Meister und sagst dir, dass du jetzt von allen gejagt wirst und deshalb noch besser werden musst. Und so geht es immer weiter. Diese Saison ist uns klar: Noch nie hat ein deutscher Klub sechsmal hintereinander die Meisterschaft geholt, wir können weiter Geschichte schreiben. Das ist ein riesiger Anreiz.

SPIEGEL: Zu Saisonbeginn warfen Ihnen Kritiker vor, Sie seien unmotiviert und wirkten frustriert.

Lewandowski: Das bezog sich vor allem auf die Spiele während unserer Asienreise. Vielleicht war diese Kritik sogar berechtigt. Ich muss zugeben, dass es mir in diesem Sommer wirklich schwerfiel, mich zu motivieren.

SPIEGEL: Woran lag das?

Lewandowski: Ich spiele seit Jahren im Drei-Tag-Rhythmus ohne große Unterbrechungen. Das ist eine riesige Belastung, vor allem für den Kopf. Eine gute Saisonvorbereitung ist für mich deshalb sehr wichtig, denn dort lege ich die Grundlagen, um während der Saison auch dann zu funktionieren, wenn mein Kopf müde ist.

SPIEGEL: Und das ging in Asien nicht?

Lewandowski: Wir haben dort sehr viele Spiele gemacht. Man muss sich dann als Profi entscheiden: Will ich in diesen Spielen Topleistung bringen, oder will ich lieber in den wenigen verbleibenden Trainingseinheiten so arbeiten, dass ich im kommenden Frühjahr fit bin, wenn die großen Titel der Saison vergeben werden. Ausdauer und Kraft kann ich während einer Saison kaum noch trainieren, dafür fehlt die Zeit zwischen den vielen Spielen.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich entschieden?

Lewandowski: Wir Topspieler leiden unter permanenter Überbelastung. Das resultiert aus einem immer dichteren Spielplan und der zunehmenden Geschwindigkeit der Spiele. Die einzige Möglichkeit, um sich ein wenig vor größeren Verletzungen zu schützen, ist - neben einer guten Ernährung und ausreichend Regeneration - ein effizientes Training in den wenigen spielfreien Phasen während der Sommer- und Winterpause. Mein Fokus lag in Asien ganz klar auf dem Training. Die vielen Testspiele bringen mich nicht weiter, wenn ich im Dezember, drei Tage nach einem Champions-League-Spiel gegen Real Madrid, bei Schneeregen zum Spiel nach Freiburg fahren soll.

SPIEGEL: Weil Ihnen dafür dann die Motivation fehlt?

Lewandowski: Freiburg ist nur ein Beispiel, Sie können auch eine der anderen Mannschaften nehmen, die tendenziell nicht zu den Meisterschaftskandidaten zählen. Die spielen gegen uns teilweise mit zehn Mann am eigenen Strafraum, fünf Verteidiger direkt um mich herum, es gibt kaum Platz, dafür bekomme ich ständig auf die Socken. Wenn ich dann auch noch vom Europacup müde bin, das Stadion eng ist und es für die gegnerischen Fans das Größte ist, uns Spieler des FC Bayern auszupfeifen, dann muss ich vorher wirklich hart gearbeitet haben, um auch in diesem Moment Topleistungen abliefern zu können.

SPIEGEL: Wie bereiten Sie sich auf solche Spiele vor?

Lewandowski: Für mich gilt seit Jahren: Wenn mein Kopf müde ist, muss mein Körper trotzdem zu 100 Prozent funktionieren, damit ich mich nicht verletze. Wenn ich total fit bin, hat mein Körper Automatismen, auf die ich mich komplett verlassen kann.

SPIEGEL: Haben Sie bestimmte Motivationstricks?

Lewandowski: Ich stelle mir beispielsweise manchmal vor dem Spiel vor, dass ich diesmal ein Tor schießen will, bei dem der Ball genau in den Winkel geht. Oder ich nehme mir vor, einen bestimmten Trick in einem Zweikampf hinzubekommen, einen besonderen Laufweg perfekt auszuführen oder einen Pass, den ich schon lange übe, sauber zu spielen. Es geht um minimale Grenzen, die ich in meinem Kopf verschiebe.

SPIEGEL: Klingt so, als seien manche Bundesligaspiele für Sie mehr Training als Wettkampf. Was sagt das über die Qualität der Bundesliga aus?

Lewandowski: Ich weiß, dass das jetzt nicht jedem gefallen wird, aber die Bundesliga braucht mehr Mannschaften wie RB Leipzig. Starke Teams zwingen uns, noch mehr zu investieren. Die Bundesliga darf nicht von einer Mannschaft dominiert werden, selbst ein Zweikampf an der Spitze ist zu wenig. Wir brauchen vier, fünf Mannschaften, die permanent auf Spitzenniveau spielen. Dieser Konkurrenzkampf würde auch uns beim FC Bayern helfen, bis zum Schluss der Saison die Konzentration auf dem höchsten Punkt halten zu können. Und eine starke Liga würde auch die Vermarktung ankurbeln.

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SPIEGEL: Die Vermarktung?

Lewandowski: Wenn man mehr Spitzenspiele hat, hat man mehr Show, mehr Trara, das Fernsehen kann mehr und länger in die ganze Welt senden. Die Fans wollen doch die großen Duelle sehen, die Stars der Liga, die Schlachten um die Meisterschaft. Das würde die Bundesliga fürs Ausland interessanter machen. Vielleicht sogar mehr als die vielen Reisen nach Asien oder Amerika.

SPIEGEL: Die Verantwortlichen der Bundesliga wünschen sich diese Trips.

Lewandowski: Ich bin gegenüber den Auslandsreisen skeptisch. Nicht nur, weil die Belastung in diesen wichtigen Trainingsphasen so hoch ist, sondern weil ich nicht wirklich überzeugt davon bin, dass sie für die Vermarktung einen großen Nutzen haben. Und zwar aus einem Grund: die Sprache.

SPIEGEL: Deutsch ist ein Nachteil?

Lewandowski: Insbesondere gegenüber der Premier League und der Primera División in Spanien ist das so, ja. Englisch und Spanisch werden in vielen Ländern der Welt gesprochen, Deutsch nicht. Große Teile der Bevölkerung haben also schon allein dadurch einen stärkeren Bezugspunkt zur englischen oder spanischen Liga. Das Fernsehen reagiert natürlich auf die Wünsche seiner Zuschauer und bedient sie vornehmlich mit den Ligen, deren Sprache sie auch verstehen.

SPIEGEL: Wie kann sich die Bundesliga in diesem Markt behaupten?

Lewandowski: Das wird viel Arbeit für die Verantwortlichen. Aber am Ende wird es nur über internationale Erfolge und den Ankauf von Topspielern gehen. Die Fans wollen immer das Beste sehen, dafür geben sie Geld aus.

SPIEGEL: Derzeit wechseln die Superstars aber eher nach England und Spanien.

Lewandowski: Bis heute hat Bayern München nie mehr als rund 40 Millionen an Ablösesummen für einen Spieler bezahlt. Im internationalen Fußball ist das schon längst eine Summe, die eher Durchschnitt als Spitzenwert ist. Man ist in den vergangenen Jahren nicht so mit dem Markt gewachsen wie Real Madrid oder Manchester United. Und jetzt ist der Abstand zu den Höchstbeträgen eben wirklich riesig.

SPIEGEL: Ulrich Hoeneß sagte, er wolle diesen "Transferwahnsinn" nicht mitmachen.

Lewandowski: Um einen Topspieler zu bekommen, ist Geld ein wichtiger Faktor, wenngleich nicht der einzige. Die sportliche Perspektive, die Mannschaft, die Stadt, das Umfeld sind natürlich auch wichtig. Bayern muss sich etwas einfallen lassen und kreativ sein, wenn der Verein weiter Weltklassespieler nach München lotsen will. Und wenn man ganz vorn mitspielen will, braucht man die Qualität dieser Spieler. Auch, weil solche Stars ihre Mitspieler besser machen. Großer Konkurrenzkampf in einem Kader hilft dabei, die letzten ein bis zwei Prozent aus sich herauszuholen.

SPIEGEL: Bayern München geht es nicht nur um die Ablösesummen, sondern auch um die interne Gehaltshygiene. Was wäre passiert, wenn Bayern, wie angeblich geplant, Alexis Sánchez vom FC Arsenal gekauft und ihm die kolportierten 25 Millionen Euro Jahresgehalt gezahlt hätte?

Lewandowski: Womöglich wären dann ein paar von uns Spielern zum Vorstand gegangen und hätten nach einer Gehaltserhöhung gefragt. Denn ein solch großes Gefälle in der Gehaltsstruktur einer Mannschaft kann gefährlich sein und zu Neid und Missgunst führen.

SPIEGEL: Paris Saint-Germain (PSG) scheint das wenig Kopfschmerzen zu bereiten. Der Verein kaufte Neymar für 222 Millionen Euro und machte ihn mit Abstand zum Bestverdiener in der Mannschaft.

Lewandowski: Eines der ersten Wörter, die ich als Pole in Deutschland gelernt habe, war Ordnung. Alles muss seine Ordnung haben. Vor allem die Buchhaltung, die Finanzen. Deshalb glaube ich, dass ein Transfer wie der von Neymar in Deutschland wohl nicht funktionieren würde.

SPIEGEL: Die Höhe der Ablösesummen ist stark in der Kritik. Was halten Sie persönlich davon?

Lewandowski: Ich bin da vielleicht zu sehr Realist, um mich wirklich über solche Summen empören zu können. Es gibt einen Klub, der bereit ist, diese Summe zu bezahlen, also ist das der neue Markt, und alle müssen sich damit abfinden und nach Lösungen suchen. Dadurch, dass immer mehr Leute immer mehr Geld in den Fußball investieren, werden wir in den kommenden Jahren wohl noch viel mehr solcher Deals sehen.

SPIEGEL: Die Uefa hat vor einigen Jahren das Financial Fair Play eingeführt, nach dem Vereine nicht viel mehr Geld ausgeben dürfen, als sie einnehmen. Dieser Versuch, die Transferexzesse einzudämmen, scheint aber kaum zu greifen. Ist der Spitzenfußball unregulierbar?

Lewandowski: Der Fußball ist Kapitalismus pur, jeder will in dieser Branche Geld verdienen. Das ist eigentlich nichts Verwerfliches, so funktioniert unsere gesamte westliche Gesellschaft. Trotzdem müssen die Verbände Regeln finden, damit der Markt nicht vollkommen ausufert. Wenn immer nur dieselben vier, fünf Mannschaften alle Titel gewinnen, weil alle Topspieler dort spielen, dann wird vielleicht das Interesse am Fußball auch bei den normalen Fans abnehmen. Dies wäre der größtmögliche Schaden für den Fußball.

Torjäger Lewandowski am 18. Februar in Berlin: "Der FC Bayern muss sich etwas einfallen lassen"
M.i.S.-Sportpressefoto/ face to face

Torjäger Lewandowski am 18. Februar in Berlin: "Der FC Bayern muss sich etwas einfallen lassen"

SPIEGEL: Glauben Sie, dass die Fußballverbände solche Regeln durchsetzen können?

Lewandowski: In der Tat scheint das sehr schwierig zu sein. Bei PSG, Chelsea, Manchester und den vielen anderen Investorenklubs arbeiten eben auch Vollprofis mit sehr guten Anwälten. Jede Lücke, die sich ihnen bietet, werden sie ausnutzen, um ihrem Klub einen Vorteil zu verschaffen. Die Uefa muss die Riesentransfers dieses Sommers genau untersuchen und anschließend gemeinsam mit der Fifa daran arbeiten, um die Lücken im Regelwerk zu schließen.

SPIEGEL: Sie treffen in der Gruppenphase der Champions League auf Paris. Wird durch Megatransfers wie den von Neymar oder Kylian Mbappé der Wettbewerb verzerrt?

Lewandowski: Als Spieler denkst du nicht so. Du bist auf dem Platz und willst dich immer mit den Besten der Welt messen. Paris hat sich nun einen Weltklassekader zusammengekauft. Ob es aber auch eine Weltklassemannschaft ist, muss man abwarten. Bayern München ist als Team eingespielter, wir haben schon vieles zusammen erlebt. Ich bin mir sicher, dass wir gegen Paris bestehen können. Im Fußball ist es nämlich glücklicherweise so, dass nicht immer diejenigen mit dem meisten Geld gewinnen.

SPIEGEL: Ousmane Dembélé, Philippe Coutinho, Mbappé - der Transfersommer hat auch gezeigt, dass Loyalität mit dem eigenen Verein im Fußball keine Rolle mehr spielt. Sind Verträge mittlerweile wertlos?

Lewandowski: Man sollte aufhören, den Profifußball mit solchen Emotionen zu überlagern. Loyalität ist zwar ein schönes Wort, eine wunderbar romantische Vorstellung und im Privatleben auch ein wichtiger Wert. Im Spitzensport zählen aber andere Parameter: Erfolg und Geld. Und diese beiden Komponenten entscheiden über einen Transfer, nichts anderes.

SPIEGEL: Das heißt, es ist auch legitim, dass ein Spieler einen Transfer erpresst, indem er streikt?

Lewandowski: Ein Streik ist das schlechteste aller Mittel, und so etwas kommt bei echten Spitzenteams eigentlich nicht vor. Ein Spieler, der so etwas macht, verrät die Gemeinschaft, und die wird ihm das nicht verzeihen. Das ist schon ein enormes Risiko für den Spieler, auch, weil er den Ruf niemals wieder wegbekommt. Aber solche Streiks sind für mich eigentlich nur Symptome, die Ursache für das Problem liegt woanders.

SPIEGEL: Nämlich?

Lewandowski: Die Machtverhältnisse im Fußball haben sich in den vergangenen Jahren extrem verschoben, und zwar zugunsten der Spieler. Wenn ein Spieler wirklich wechseln will, dann kann er das in der Regel auch durchsetzen. Deshalb fände ich es gut, wenn die Verbände vertraglich festgeschriebene fixe Ablösesummen zur Pflicht erklären. Da kann man sich auch Gedanken über unterschiedliche Modelle machen: Für reichere Vereine käme auf die fixe Ablösesumme beispielsweise noch ein Fairnesszuschuss von 20 Prozent obendrauf, ärmere Klubs dürften dafür weniger für den Spieler zahlen, wenn er sich dafür entscheidet, dorthin zu wechseln.

SPIEGEL: Sie glauben, mit diesem Konzept würde mehr Gerechtigkeit einziehen?

Lewandowski: Auf diese Weise ließe sich in dem Fußballkreislauf etwas Geld umverteilen. Zudem schützt ein solches Modell die Vereine nicht nur vor möglichen Spielerstreiks, sondern auch die Spieler vor Degradierungen durch die Klubs. Denn wir reden häufig über das Fehlverhalten von Spielern. Aber ich habe in meiner Karriere schon oft erlebt, was ein Klub einem Mitspieler antun kann, wenn er ihn unbedingt verkaufen will. Training mit der Reservemannschaft war dabei oft noch die netteste Form der Aussortierung.

SPIEGEL: Aber auch Ihr Modell wird den Fußball nicht davor schützen, sich immer mehr zu einer reinen Businessbranche zu entwickeln.

Lewandowski: Es wird in Zukunft noch viel mehr Geld in den Fußball fließen, als wir uns das aktuell vorstellen können. Egal wohin ich auf der Welt komme, die Menschen gucken Fußball. Und genau diese Leidenschaft, diese Emotionalität der Fans führt dazu, dass immer mehr Investoren in den Markt kommen werden. Sie erreichen mit dem Fußball junge und alte Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die alle ihre Liebe zu einer Mannschaft ausdrücken wollen, indem sie Merchandising-Artikel und Stadiontickets kaufen, TV-Abonnements abschließen oder Aktien und Anleihen erwerben. Die Renditechancen im Fußball sind so groß wie nirgendwo anders.

SPIEGEL: Zuletzt gab es Antikommerzialisierungsdemonstrationen von Fans. Sie beklagen, dass der Fußball sich zu weit von ihnen entfernt habe.

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Lewandowski: Was gerade im Fußball passiert, ist eben auch ein schmaler Grat zwischen Regionalität und Globalisierung. Als Verein, als Liga musst du wachsen, wenn du weiter mit den ausländischen Klubs und Verbänden mithalten willst. Das führt zu einer großen Frage: Wer ist denn eigentlich noch der Zielfan eines Vereins? Lebt der in München, in Asien oder in Amerika? Diesen Konflikt zu lösen ist im Moment eine der größten Herausforderungen für die Vereine. Und dass das zu Frust bei denjenigen führt, die ihren Klubs schon seit Jahrzehnten treu sind, ist doch klar. Diese Leute dürfen niemals das Gefühl bekommen, dass man sie ausnutzt.

SPIEGEL: Wie soll der Fußball aus diesem Dilemma herauskommen?

Lewandowski: Die Verantwortlichen müssen ein Gespür entwickeln, wo die Grenzen des Zumutbaren sind. Brauchen wir wirklich kleine Kameras auf Biergläsern, wie bei unserer vergangenen Meisterfeier nach dem Spiel gegen Freiburg? Müssen jetzt auch noch unsere Weißbierduschen vermarktet werden? Eine Meisterschaft ist ein sehr emotionaler Augenblick, und der sollte immer authentisch sein. Ich habe verstanden, dass sich die Fans darüber geärgert haben. Brauchen wir ein Konzert in der Halbzeit des DFB-Pokal-Finales? Vielleicht. Viele Menschen gucken den Superbowl in den USA auch wegen dieser Riesenshow, die dort während des Spiels veranstaltet wird.

SPIEGEL: Wird der Fußball irgendwann nur noch ein Showevent sein?

Lewandowski: Das Spiel wird immer das Wichtigste bleiben. Aber die Zeit rund um die 90 Minuten wird wahrscheinlich in Zukunft mehr einem Hollywoodfilm gleichen. Diese Entwicklung lässt sich nicht mehr aufhalten.

SPIEGEL: Herr Lewandowski, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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