AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2018

Verleger-Legende Das unglaubliche Leben des "Rolling Stone"-Gründers Jann Wenner

Er machte eine Musikzeitschrift zum Sprachrohr seiner Generation, war mit John Lennon befreundet und fuhr mit Mick Jagger in Urlaub. Doch der Erfolg verließ ihn. Wie geht es Jann Wenner heute?

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Ex-Verleger Wenner: Seinen Narzissmus unterschätzt
Celeste Sloman / DER SPIEGEL

Ex-Verleger Wenner: Seinen Narzissmus unterschätzt

Die Büros des "Rolling Stone" an der Avenue of the Americas in New York sehen aus, wie Arbeitsplätze der untergehenden Medienindustrie heute aussehen - ein großer Raum, darin kleine, durch Zimmerpflanzen notdürftig abgetrennte Ställe aus Schreibtisch und Rechner; dazu Geklapper der Tastaturen, blaues Bildschirmlicht auf den Gesichtern der Redakteure, einige sitzen zumindest in Glasboxen. Doch wer es an diesen Schreckensbildern der modernen Arbeitswelt vorbei bis ganz ans Ende des Großraums schafft, steht plötzlich vor einem holzgetäfelten Büro, Ecklage, kirchengroße Fenster, grüner Marmor, Blick bis zum Central Park, gut 50 Quadratmeter. Hier scheint die Zeit stehen geblieben.

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Heft 13/2018
Wie der allmächtige Konzern noch zu stoppen ist - und wie sich die Nutzer schützen können

Jann Wenner sitzt hinter einem großen Schreibtisch, dessen äußeres Oval aus Mahagoniholz besteht, während das innere aus Glas ist.

"Bringst du mir mal einen Kaffee?", ruft er seiner Assistentin zu. Dem Gast bietet er keinen an. Neben dem Schreibtisch steht ein Rollator geparkt, der irgendwie nicht in die Szenerie passt.

Heute, im März 2018, ist es über 50 Jahre her, dass Jann Wenner in San Francisco die erste Ausgabe der Zeitschrift "Rolling Stone" veröffentlicht hat, 1967 war das, Wenner war 21 Jahre alt. Als einer der Ersten hatte er damals erkannt, was heute selbstverständlich sind: dass Rock'n'Roll (und später Pop) nicht nur Musik oder Kunst, sondern ein komplettes kulturelles Periodensystem waren, eine Linse, durch die sich jeder Aspekt des Lebens betrachten ließ; und zweitens, dass irgendwo in dieser Lebensanschauung mit ihrem Love und Peace, den Drogen, den langen Haaren und dem sozialen Gewissen ein gutes Geschäft stecken musste.

Diese beiden Gedanken waren die Voraussetzung für den folgenden jahrzehntelangen Siegeszug der Babyboomer- und Popgeneration: Die permissive westliche Gesellschaft, Bill Clinton als Präsident der Vereinigten Staaten, Bob Dylan als Nobelpreisträger für Literatur, Turnschuh, Jeans und Sakko in den Büros, legalisiertes Marihuana,70-jährige Rockstars auf den Bühnen, 70-jährige Rockfans in den VIP-Logen und die herrschende Celebritykultur - all das hat viel mit Jann Wenner zu tun und seiner Zeitschrift, die diese Weltanschauung Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt zweiwöchentlich verbreitet hat.

Wenner ist über die Jahrzehnte als Eigentümer, Herausgeber und Chefredakteur nicht nur Freund eines jeden Rockstars, sondern auch sehr reich und zwischenzeitlich relativ drogensüchtig geworden.

Und nun, nach einem halben Jahrhundert schwerer Arbeit und dem seit zumindest einem Jahrzehnt nicht mehr von der Hand zu weisenden Verdacht, dass der Triumphzug der Popgeneration vorbei ist, hatte sich Wenner auf eine Ehrenrunde begeben wollen. Mit dem Bezahlsender HBO drehte Wenner eine vierstündige Dokumentation, mit einem von ihm handverlesenen Autor arbeitete er dreieinhalb Jahre lang an einer mehr als 600-seitigen Biografie.

Doch dann - ja, womit fing es an? Vielleicht damit, dass er sich vergangenen Sommer beim Tennis mit einem seiner drei Teenage-Kinder (insgesamt hat er sechs, es gibt noch drei erwachsene) den Oberschenkelhals gebrochen hat. Dazu kam ein Herzinfarkt, drei Bypässe mussten gelegt werden. Immerhin hat ihn Bruce Springsteen sofort im Krankenhaus besucht. Auf dem Krankenbett las Wenner dann die Biografie, die "sein" Autor, wie er glaubte, Joe Hagan, schließlich fertiggestellt hatte - und hasste das Buch sofort. Allein der Titel "Sticky Fingers", klebrige Finger, klar spielt er auf ein berühmtes Stones-Album an, aber klingt er nicht auch mickrig, klingt er nicht nach Onanie oder Taschendiebstahl?

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Joe Hagan:
Sticky Fingers

Wie Jann Wenner und der Rolling Stone Musikgeschichte geschrieben haben

Friederike Moldenhauer

Rowohlt; 672 Seiten; 28,00 Euro.

Hinzu kam, dass er, der sich auf seine Instinkte immer hatte verlassen können, beim "Rolling Stone" zuvor mit zwei großen Geschichten mächtig danebengehauen und den Ruf seines Magazins nachhaltig ramponiert hatte: Erst stellte sich die ausführliche Geschichte einer angeblichen Vergewaltigung an der University of Virginia als nicht haltbar heraus. Und Anfang 2016 ging der vermeintliche Scoop, den meistgesuchten Drogenboss der Welt, Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", in seinem mexikanischen Versteck von dem Schauspieler Sean Penn interviewen zu lassen, journalistisch nach hinten los: Das Magazin hatte eingewilligt, dem Schwerverbrecher den Text vorher zur Kontrolle vorzulegen.

Schließlich musste Wenner Ende des Jahres die letzten Anteile an seinem Magazin, 51 Prozent, an den Sprössling eines ehemaligen Autorennfahrers verkaufen. Der Erbe war so nett und hat Wenner erst mal behalten. Jetzt ist er Angestellter seiner früheren Firma. Im Januar durfte er gleich die Titelgeschichte verfassen, ein ungeheuer langes Interview mit seinem Freund Bono.

"Das war sehr viel Arbeit", sagt Wenner.

"Ja?"

"Ja. Erst einlesen. Und dann die Fragen ausarbeiten. Das dauert! Apropos Fragen, was wollen Sie wissen? Sie haben 30 Minuten!"

Doch um seine Lieblingsthemen durchzugehen, Lennon, Jagger, Annie Leibovitz, Hunter S. Thompson und so weiter, wären wahrscheinlich mehr als 30 Minuten nötig.

"Okay. 35", sagt Wenner. Dann streicht er mit den Fingern über die Ausgabe des SPIEGEL, die vor ihm liegt. "War auch schon mal dicker."

Das Buch, an dem der Journalist Joe Hagan vier Jahre lange gearbeitet hat, beginnt mit einer Geschichte, die 1970 spielt. In ihr zeigen sich schon alle Seiten Wenners: Er ist 24 Jahre alt und seit zweieinhalb Jahren Eigentümer und Chefredakteur des "Rolling Stone". An einem Wochenende im Frühjahr kommen John Lennon und Yoko Ono ihn in San Francisco besuchen. Für einen Journalisten von heute ist ja allein das schon ein ungeheuerlicher Vorgang: dass jemand von der Bedeutung Lennons einen Journalisten besuchte, um sich mit ihm auszutauschen. Aber wenn damals Musiker, egal welcher Prominenz, jenseits ihrer Musik wahrgenommen werden wollten, war der "Rolling Stone" mit seiner landesweiten Kioskpräsenz das entscheidende Blatt.

Wenner war eigentlich ein kleiner Mann mit einem etwas babyspeckigen Gesicht und Prinz-Eisenherz-Frisur, doch er hatte die bestürzend schöne Jane Schindelheim, Zahnarzttochter aus New York, geheiratet (und von ihren Eltern einen Großteil der 7500 Dollar Startkapital für den "Rolling Stone" erhalten) und sich einen Porsche mit offenem Verdeck gekauft. Mit diesem Gefährt schepperte er nun durch die Hügel San Franciscos, auf der Rückbank seine Frau Jane sowie Yoko Ono, neben ihm auf dem Beifahrersitz sein Idol John Lennon.

Sie fuhren zu einem Kino, in dem der gerade erschienene letzte Beatles-Film "Let It Be" lief, ein Zeugnis ihres Zerwürfnisses. Lennon hatte den Film noch nicht gesehen. Sie gingen rein, und im Sitz neben Wenner fing Lennon an zu weinen, als er Paul McCartney dabei zusah, wie der beim letzten Auftritt der Band auf einem Dach in London "Get Back" sang. Durch dieses Erlebnis verbunden, durfte Wenner ein halbes Jahr später Lennon ausführlich interviewen, das Ergebnis ist das vielleicht interessanteste Dokument, das es über die Beatles und ihr Ende gibt, veröffentlicht in zwei Ausgaben des "Rolling Stone" Anfang 1971. Das Interview schien Wenner derart bedeutend, dass er Lennon bat, es auch als Buch herausbringen zu dürfen, was Lennon untersagte. Wenner war zwar ein großer Fan von Lennon, aber ein noch größerer von sich selbst sowie dem Ruhm und dem Geld, das ihm sein Interview bringen würde, und setzte sich über Lennons Verbot hinweg.

Lennon sprach bis zu seinem Tod nicht mehr mit Jann Wenner.

"Wahrscheinlich hätte ich von der Freundschaft mit John am Ende mehr gehabt als von der Veröffentlichung des Buches", sagt Wenner heute. "Wer weiß."

Die Episode erzählt einerseits viel über Wenners Charakter, andererseits auch von der Macht, die ihm sein Magazin damals verlieh. Der "Rolling Stone" war zum ersten medialen Sprachrohr einer Generation geworden, der eines gemein war: die Verrücktheit nach Rockmusik und ihr Einfluss auf alles bereits im Teenageralter. John Lennon erklärte es Wenner in dem Interview so: "Damals war Rock'n'Roll echt, alles andere war unecht."

Rockfan Wenner 1967: Im Porsche durch die Hügel San Franciscos, John Lennon neben sich
Getty Images

Rockfan Wenner 1967: Im Porsche durch die Hügel San Franciscos, John Lennon neben sich

Im "Rolling Stone" verbanden sich alle Schwungkräfte der späten Sechziger zu einer riesigen Wucht, und vieles davon spielte sich vor Wenners Haustür in San Francisco ab: die Kiffer und LSD-Köpfe aus dem Hippieviertel Haight-Ashbury, die Studentenproteste in Berkeley, die Black Panthers aus Oakland, die Rocker der Hells Angels - und all das vor der Folie des andauernden Kampfs um die Bürgerrechte sowie der Bomben in Vietnam. Wenner schickte später weltberühmte Autoren wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson ins Land hinaus, die mit ihren eigenen Versionen der Wirklichkeit zurückkamen - Texte, die in manchen Fällen möglicherweise mehr ideelle Wahrheit enthielten als die Faktensammlungen des herkömmlichen Journalismus. Für das, was Wenner da veröffentlichte, gab es bald einen Namen, New Journalism, der heute für seine subjektive Herangehensweise und die Transparenz zwischen Autor und Objekt an Journalistenschulen gelehrt und mit Reporterpreisen ausgezeichnet wird.

Unzählige junge Reporter, die schreiben wollten wie Thompson, Greil Marcus oder Lester Bangs, kamen nach, einer von ihnen war Cameron Crowe, heute Hollywoodregisseur ("Jerry Maguire"), der als Teenager von Wenner mit Rockbands wie Led Zeppelin auf Tournee geschickt wurde. Seine persönliche Geschichte als junger "Rolling Stone"-Reporter verarbeitete Crowe später in dem Film "Almost Famous".

Zu Dylan, Lennon oder Jagger schickte Wenner eine junge Fotografin, die genauso an Drogen und Sex interessiert war und in die sich das Ehepaar Wenner verguckt hatte: Annie Leibovitz ergänzte die Texte um eine distanzlose (oft nackte) Bildsprache, die bis heute gültig ist.

Und als die erste Welle der Rockmusik Anfang der Siebziger ihren Schwung zu verlieren drohte, weitete Wenner die Rock-'n'-Roll-Formel einfach auf die Politik aus. So entstand die Verquickung von Pop und Politik, die für die Babyboomer-Generation prägend blieb. Hunter S. Thompson, der durch sein im "Rolling Stone" veröffentlichtes Drogenepos "Fear and Loathing in Las Vegas" inzwischen im ganzen Land berüchtigt war, wurde der Washington-Korrespondent des Magazins, und tatsächlich wurde "Rolling Stone" ein politisch ernst zu nehmendes Magazin, das begann, Pulitzerpreise zu gewinnen.

Wenner hatte die Formel gefunden, Gegenkultur in Kultur zu verwandeln. Er hat Rebellion mit den Mitteln des Kapitalismus domestiziert und alles in den Mainstream gewuchtet. Das Prinzip des zeitgenössischen Popstars als Hauptperson einer Fortsetzungsgeschichte, von dem die Öffentlichkeit - im Falle des "Rolling Stone" alle zwei Wochen, heute in der Instagramwelt alle zwei Stunden - Neuigkeiten erwarten, wurde in Wenners Zeitschrift etabliert.

1976 erreichte das Magazin eine Auflage von einer halben Million Exemplare, 1985 durchschlug es die Millionengrenze. Irgendwann zwischen diesen zwei Marken setzte die übliche Verwahrlosung ein. Häuser in den Hamptons, Kokain im Privatjet, ein Umzug von San Francisco nach New York, Studio 54, Urlaube mit Mick Jagger (meist Karibik, viel auf Booten, abends am Lagerfeuer mit der Gitarre Bob-Dylan-Songs singen). Hatte Jann Wenner sich anfangs seinen Ruhm von den Jaggers und Dylans nur geborgt, wurde er nun endlich selbst wie eine Celebrity behandelt.

Reporter Wenner 1946 (im Hintergrund rechts mit Aufnahmegerät bei Studentenprotesten an der Universität Berkley): Im "Rolling Stone" verbanden sich alle Schwungkräfte der späten Sechziger zu riesiger Wucht
picture alliance/AP Photo

Reporter Wenner 1946 (im Hintergrund rechts mit Aufnahmegerät bei Studentenprotesten an der Universität Berkley): Im "Rolling Stone" verbanden sich alle Schwungkräfte der späten Sechziger zu riesiger Wucht

Das ist natürlich großartiger Stoff für eine Biografie. Allerdings ist das schon zweimal versucht worden, und zweimal ist es gescheitert. Beide Male schienen die Autoren Wenners Narzissmus unterschätzt zu haben.

Joe Hagan, der dritte Biograf, traf Jann Wenner vor ein paar Jahren in dem kleinen Städtchen Tivoli, wo er mit seiner jungen Familie hingezogen war, anderthalb Stunden nördlich von New York City, am Hudson gelegen. Wenner hatte sich dort zur gleichen Zeit am Wasser ein Anwesen gekauft als Rückzugsort für sich, seinen Ehemann und die drei adoptierten Kinder. Nach fast 30 Ehejahren und vielen Auf und Abs hatte Wenner sich 1995 von Jane getrennt, bekannt gegeben, dass er schwul sei, und war mit dem Calvin-Klein-Dressman Matt Nye zusammengezogen.

In Tivoli hat das Paar als Erstes ein paar störende, aber auch sehr alte Uferbäume abgeholzt, um den Fluss besser sehen zu können, und damit das ganze Städtchen gegen sich aufgebracht. Wenner war deswegen froh, als ihn eines Nachmittags 2011 im Café Joe Hagan ansprach. Hagan war Journalist, damals Anfang vierzig, er hatte ein paar Porträts für das Magazin "New York" geschrieben, Wenner hatte von ihm noch nie gehört, obwohl Hagan auch mal Praktikant beim "Rolling Stone" gewesen war. Hagan war zwar nicht gerade Wenners Liga, aber Wenner lud ihn gleich fürs nächste Wochenende zum Schwimmen auf sein Anwesen ein, Hagans Kinder waren im gleichen Alter wie seine, Annie Leibovitz kam auch. Wenner gab Hagan Aufträge für den "Rolling Stone" ("Ruf den Chefredakteur an, und sag, er soll dir ein paar Themen geben"), und als Wenner zufrieden war, schlug er Hagan vor, seine Biografie zu schreiben. Hagan wusste von den früheren Versuchen, er rief Rich Cohen an, einen ehemaligen "Rolling Stone"-Schreiber, den letzten Biografen, der gescheitert war. Es würde hart werden, prophezeite Cohen, aber klar, was für ein Stoff.

Wenner sagte Hagan, er wolle Kontrolle über alles, was Hagan über sein Sexualleben schreibe. Wenner hat sich 30 Jahre lang als heimlich schwuler Mann im Zentrum der relativ heterosexuellen Schweiß-und-Cowboystiefel-Welt des Rock'n'Roll bewegt: Hagan wusste, Wenners Sexualität würde ein zentraler Punkt einer Biografie sein müssen, und lehnte die Bedingung ab. Sie einigten sich schließlich, dass Wenner zwar nichts vorher zu sehen bekäme, aber das Werk von Dokumentaren verifiziert werden würde. Wenner glaubte, über die Dokumentare gewissermaßen durch die Hintertür in das Werk eingreifen zu können, und war glücklich. Hagan verkaufte das Buchkonzept für anderthalb Millionen Dollar Vorschuss und war ebenfalls glücklich.

Sie begannen, Interviews zu führen, es lief gut, und es wurden mehr als hundert Stunden. Wenner rief seine Freunde, Dylan, Jagger, McCartney, Ono, Bono, Springsteen und viele andere an und machte Termine für Hagan. Allein dies würde für eine herausstechende Qualität des Buches sorgen. Wo sonst kommen geballt all diese Stimmen zu Wort? Paul McCartney zum Beispiel, den er in England besuchte, erzählte Hagan, wie verletzt er war, dass Wenner offenbar stets auf Lennons Seite stand, vor allem in dem Interview von 1970, in dem Wenner es Lennon erlaubte, sich selbst als den wahren Künstler darzustellen, McCartney hingegen als Technokraten, der "bloß die Studios buchte".

Hagan hatte am Ende 250 Personen für sein Buch interviewt. Er stellte es sich als ein Sittengemälde der Babyboomer-Generation vor, ein "'Krieg und Frieden' der Siebzigerjahre", wie er es nannte. Wenner hingegen empfahl Hagan, er solle sich lieber an einer 2013 erschienenen Biografie des US-Präsidenten Woodrow Wilson orientieren. Zum Schreiben zog Hagan sich in ein Schweigekloster zurück.

Das Buch, das schließlich dabei herauskam, ist so geworden, wie Wenner es als "Rolling Stone"-Geschichte geliebt hätte - als Biografie über sich selbst aber unbedingt vermeiden wollte: eine furiose, akribisch rekonstruierte, mit großartigen Figuren und Episoden ausgestattete Studie über das Coming-of-Age der von Tom Wolfe einst so beschriebenen "Me-Dekade" mit Jann Wenner als größtem "Me" unter vielen großen.

Seine Biografie sei auch eine "Parabel auf das Zeitalter des Narzissmus", schreibt Hagan und nennt Wenner gleich im Vorwort einen "kleinen Barbaren, dessen Gier nach Geld, Drogen und Sex drohte, seinen scharfen Intellekt zu überholen".

Doch auf den über 600 Seiten, die dann folgen, sorgt Hagan dafür, dass dem Leser dieser Wenner mit seiner unglaublichen Ambition, seinem Fantum, seiner Chuzpe und Angstfreiheit sehr ans Herz wächst, zumal man ja schon auf den Seiten, die in den Siebzigern spielen, ahnt, welchen Preis dieser Mann in den Achtzigern und Neunzigern noch zahlen werden wird, wenn sich Ehefrau oder Weggefährten wie Leibovitz und Hunter S. Thompson in die Tabletten-, Drogen- oder Was-auch-immer-Sucht verabschieden und Wenners Ware - Sex, Drugs & Rock'n'Roll - seine Anziehung verloren haben wird.

"Sticky Fingers" ist vielleicht nicht "Krieg und Frieden" geworden (wie viele Biografen haben sich schon vorgenommen, das "Krieg und Frieden" des Soundso zu schreiben, das klappt natürlich nie). Aber wie nur sehr guten Biografien gelingt es der von Joe Hagan, weit mehr zu erzählen als bloß ein sehr interessantes Leben.

Nun hat Hagan jahrelang mit einem fremden Leben zugebracht, täglich zehn Stunden, jeden Tag, wie er sagt. Dass das Ergebnis nun das Zerwürfnis bedeutet, macht ihm zu schaffen. Zumal er und sein Objekt immer noch im gleichen kleinen Städtchen am Hudson wohnen.

Biograf Hagan in Tivoli, New York: "Ein 'Krieg und Frieden' der Siebzigerjahre"
Celeste Sloman / DER SPIEGEL

Biograf Hagan in Tivoli, New York: "Ein 'Krieg und Frieden' der Siebzigerjahre"

Leute, die Wenner besser kennen oder mit ihm gearbeitet haben, sagen fast übereinstimmend, sie könnten Wenners Ärger ein bisschen verstehen. Es fehle tatsächlich eine Seite Wenners, seine Großzügigkeit, sein Charme, seine Alles-geht-Haltung.

Doch auch im Gespräch mit dem SPIEGEL gelingt es Wenner, diese Seite perfekt zu kaschieren. Er scheint schlicht keinen Bock mehr zu haben, über sein Leben zu reden. Er hat es getan, es ist schiefgegangen. Und jetzt steht neben seinem Schreibtisch ein Rollator. Wenn er über Joe Hagans Biografie redet, was er versucht zu vermeiden, klingt er wie Donald Trump, der über die "New York Times" spricht: "Das Buch war ein großer Fehler. Es ist unaufrichtig, faktisch inakkurat durchweg, echt schlecht recherchiert, in fieser und gemeiner Absicht geschrieben. Auf jeder Seite, die man umblättert, kommt irgendwas Negatives."

Ein Bildband über Hunter S. Thompson liegt auf dem Couchtisch, schwer wie ein Ziegel. Thompson hat sich vor 13 Jahren in den Kopf geschossen. Eine Zeit lang war er Wenners bester Freund. Er schaut auf den Buchumschlag. Vielleicht animiert ihn das. Doch Jann Wenner winkt nur noch ab.



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