AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2017

Geschichte Wie das alte Rom wirklich aussah

Mit atemberaubender Tricktechnik lassen Historiker und Computerexperten das alte Rom auferstehen. Ihre Rekonstruktion zeigt die Blüte der Stadt unter Kaiser Nero - und ihren Niedergang im Laufe der Jahrhunderte.

Fabercourtial


Wo einst die Führer des alten Rom herumstolzierten, klafft eine gewaltige Lücke. Der Platz erinnert nicht mehr an das Forum einer Weltmacht, sondern an einen Dorfacker, auf dem Kinder bolzen. Die große alte Zeit ist längst vorbei.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 21/2017
Wie Hacker die Welt attackieren. Wie wir uns schützen können.

Im Hintergrund aber wird eine riesige Baustelle sichtbar. Dort wächst gen Himmel, was dereinst die bedeutendste Kirche der Welt sein wird: der Petersdom.

Verwirrend und faszinierend zugleich ist dieser gestochen scharfe Schnappschuss aus einer Zeit, in der die Erfindung des Fotoapparats noch Jahrhunderte in der Zukunft liegt. Genau so würde ein Erinnerungsfoto aussehen, wenn es Romtourist Martin Luther im Herbst 1510 bei seiner Stippvisite in der heiligen Stadt geknipst hätte.

In Wahrheit entstammt die täuschend echte Stadtansicht den Hochleistungsrechnern des Darmstädter Animationsbüros Faber Courtial. Die Effektspezialisten erweckten virtuell schon einen eruptierenden Vulkan, stampfende Saurierherden und marschierende Ritterhorden zum Leben. Für die neueste Ausstellung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen rekonstruierte Faber Courtial das alte Rom zu drei unterschiedlichen Epochen: zur Zeit des Kaisers Nero, in der Spätantike und in der Renaissance.

"Das ist unser Meisterstück", sagen die Firmengründer Maria und Jörg Courtial. Wohl nie zuvor wurde das antike Zentrum der Welt mit so viel Detailversessenheit und Aufwand dreidimensional nachempfunden. Über 45.000 Wohnhäuser, dazu etliche Tempel, repräsentative Bauten, Bäder und Arenen der alten Metropole bauten die Grafiker am Computer virtuell neu auf.

Curt-Engelhorn-Stiftung für die Reiss-Engelhorn-Museen / Faber Courtial

Selbst Dachziegel, Fenster und Fassaden ließen die Courtials so echt wie möglich nachbilden. "Unser Rom ist so fett und verschlingt derart große Datenmengen, dass unsere Rechner tagelang lahmgelegt waren", erzählt Jörg Courtial. "Wir haben unsere Möglichkeiten ausgereizt bis zum Gehtnichtmehr."

Grundlage für die Datenschlacht waren historische Berichte und Atlanten, alte Stiche und Gemälde, aber auch Grabungs- und Bebauungspläne und neueste digitale Vermessungsdaten. Aus diesem Fundus destillierten die Digitalkünstler in Darmstadt ein Bild des alten Rom, wie es in Geschichtsbüchern kaum zu finden ist: bunt bis zur Kitschigkeit und mit einem Kapitol, das weit weniger monströs über der Stadt thront, als historische Darstellungen glauben machen wollen.

Doch wie nah kommen die Spezialisten für visuelle Effekte tatsächlich der Wirklichkeit? Auch nach über 150 Jahren intensiver Romforschung existiert unter Geschichtskundlern noch immer kein einheitliches Bild von der Schaltzentrale des Cäsarenreichs. Viele Arbeitsschritte mussten die Grafiker von Faber Courtial mit den Historikern der Reiss-Engelhorn-Museen abstimmen - und gerieten dabei hinein in den Gelehrtenstreit.

Denn anfangs stellten die 3-D-Experten den Verlauf vom wahnhaften Herrscher Nero bis zum Bau des Petersdoms allzu radikal nur als bedrückende Verfallsgeschichte dar: In rund 1500 Jahren schrumpfte das imposante Machtzentrum der Antike zur Viehweide.

Da meldeten die Historiker plötzlich Bedenken an: Erlebte Rom in der Renaissance nicht doch eine bemerkenswerte Nachblüte? Nach längeren Diskussionen schwächten die Grafiker den städtebaulichen Niedergang ein wenig ab. Gesichert ist, dass die Römer einen unsentimentalen Umgang mit ihrem kulturellen Erbe pflegten. Die Gebäude des einstigen Regierungsviertels um das Forum Romanum wurden mit Beginn der Spätantike ohne Skrupel geplündert, um an anderer Stelle wieder als Baumaterial Verwendung zu finden.

"Zu allen Zeiten war Rom eine alte Stadt", sagt Jörg Courtial, "die Zeitgenossen sahen immerfort den Zwang zur Erneuerung." Schon um 100 nach Christus spottete der römische Satiredichter Juvenal, die meisten Häuser der Metropole würden nur notdürftig von Stützpfeilern zusammengehalten. Als größte Sorge der Einwohner beschrieb er deren Furcht, ihnen könnte nächtens im Schlaf das Dach über dem Kopf zusammenbrechen.

Diese Angst war wohl nicht ganz unberechtigt. Anders als in der Moderne galten im alten Rom Erdgeschosswohnungen als besonders begehrenswert; die obersten Etagen hingegen waren als billige Absteigen verschrien. In der Rekonstruktion von Faber Courtial erlebt die römische Mietskaserne nun eine besondere Würdigung.

Zwar gaben das Forum Romanum, das Kolosseum und der Circus Maximus der antiken Metropole ihr unverwechselbares Gesicht. Das wahre Herzstück waren jedoch die Behausungen der Plebs. Schon im 2. Jahrhundert vor Christus zogen römische Bauherren in der rasant wachsenden Stadt Wohnblocks in die Höhe, wie sie in dieser Form im restlichen Europa erst viele Jahrhunderte später im Zuge der industriellen Revolution auftauchten.

Zur Zeit des Kaiser Augustus (27 vor bis 14 nach Christus) hatte sich ein derartig ausufernder Bauboom entwickelt, dass die Behörden einschreiten mussten. Die mitunter wackligen Wohnsilos durften nun nur noch nach festen Vorschriften und mit begrenzter Etagenzahl errichtet werden.

Für die Animationsexperten von Faber Courtial stellten jene fortschrittlichen Massenunterkünfte eine der größten Herausforderungen dar. Zehntausende dieser Wohnblocks mussten am Computer neu erschaffen werden - samt Fenstern, Balkonen und zeittypisch begrüntem Innenhof.

Würde ein Römer von einst seine Stadt in der rekonstruierten Version aus Darmstadt wiedererkennen? "Sicher kann man nicht sein", sagt Maria Courtial, "aber eine Sache weiß ich gewiss: Ich selbst würde leidenschaftlich gern durch unser altes Rom laufen."


Die Ausstellung "Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt" ist vom 21. Mai bis 31. Oktober 2017 im Museum Zeughaus C5 der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen.

ANZEIGE
Alfried Wieczorek (Hrsg.) und Stefan Weinfurter (Hrsg.):
Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt

Antike - Mittelalter - Renaissance

Schnell & Steiner; 544 Seiten; 39,95 Euro



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hendrik_001973 26.05.2017
1. Werbeartikel & nicht der Circus Maximus
Wenn am Ende des Videos das Forum Romanum zu sehen sein soll, kann am Anfang nicht der Circus Maximus zu sehen sein. Der liegt nämlich südlich dicht am Forum Romanum zwischen Palatin und Aventin. Da der Kameraflug wohl im Nordwesten beginnt und Richtung Süden über den Tiber geht, wäre der Circus zum Schluss hinter der Kamera. Von der Lage her, ist am Anfang eher der Circus Neronianus zu sehen (s.a. https://de.wikipedia.org/wiki/Rom#/media/File:Roma_Plan.jpg). Außerdem ist mir unverständlich, warum man für einen Werbeartikel für eine Mannheimer Ausstellung mit einem schlecht und falsch besprochenen Video auch noch Geld bezahlen muss.
leonard.schmidt85 26.05.2017
2. Tzzzz
Also wenn ich da zu Zeiten Neros von einem Colosseum höre dann dreht sich bei mir der Magen um... Man sollte sich mal den "originalen" antiken Namen von dem Bauwerk auf dem Mund zergehen lassen um sich mal klar zu machen wann das Colosseum gebaut wurde es hieß flavisches Amphitheater und die Flavier kamen erst nach dem Vierkaiserjahr das auf Nero folgte. Folglich gab es dieses Colosseum da noch nicht. An dessen stelle stand zu Neros zeiten der Stadtpark von ihm mit samt dem Domus Aurea also dem goldenen Haus. Soviel mal dazu was den Realismus angeht und auch die Darstellung, dass nach Nero der Niedergang folgte ist sowas von Bockmist. Das römische Reich erlebte unter den Adoptivkaisern seine höchste Blüte und unter dem ersten der Adoptivkaiser, Trajan sogar seine größte Ausdehnung. Daher fragt man sich welchen Müll diese Historiker eigentlich während dem Studium gelernt haben. Wenn es das "The History of the Decline and Fall of the Roman Empire" von Edward Gibbon ist, dann sind die mittlerweile schon eine widerlegte Zunft veralteten Wissens. Für Gibbon war ja das republikanische Rom die Höhepunkt seiner Blüte, was Unfug ist und im Grunde nur seine Präferenz des republikanischen Staatswesens wiederspiegelt.
bratworst 26.05.2017
3. briefmarkengöße
die erneute bitte: könnt ihr endlich mal bilder und videos in einer zumindest halbwegs ordentlichen qualität zeigen. dieses briefmarkengeglotze ist absolut nicht tragbar.
Layer_8 26.05.2017
4. Niedergang
Zitat von leonard.schmidt85Also wenn ich da zu Zeiten Neros von einem Colosseum höre dann dreht sich bei mir der Magen um... Man sollte sich mal den "originalen" antiken Namen von dem Bauwerk auf dem Mund zergehen lassen um sich mal klar zu machen wann das Colosseum gebaut wurde es hieß flavisches Amphitheater und die Flavier kamen erst nach dem Vierkaiserjahr das auf Nero folgte. Folglich gab es dieses Colosseum da noch nicht. An dessen stelle stand zu Neros zeiten der Stadtpark von ihm mit samt dem Domus Aurea also dem goldenen Haus. Soviel mal dazu was den Realismus angeht und auch die Darstellung, dass nach Nero der Niedergang folgte ist sowas von Bockmist. Das römische Reich erlebte unter den Adoptivkaisern seine höchste Blüte und unter dem ersten der Adoptivkaiser, Trajan sogar seine größte Ausdehnung. Daher fragt man sich welchen Müll diese Historiker eigentlich während dem Studium gelernt haben. Wenn es das "The History of the Decline and Fall of the Roman Empire" von Edward Gibbon ist, dann sind die mittlerweile schon eine widerlegte Zunft veralteten Wissens. Für Gibbon war ja das republikanische Rom die Höhepunkt seiner Blüte, was Unfug ist und im Grunde nur seine Präferenz des republikanischen Staatswesens wiederspiegelt.
Dieser Niedergang hätte ja auch 1400 Jahre lang stattgefunden. Wenn man die östliche Reichshälfte unter Rückstellung des west-/mitteleuropäischen neuzeitlichen Überlegenheitsanspruchs mitbetrachtet. Die Byzantiner bezeichneten sich meines Wissens nach bis zum Schluss im Jahre 1453 als "Römer". Und dort befand man sich keines Falls im "Mittelalter" wie in West-/Mitteleuropa.
lupo62 27.05.2017
5. Das ist eine Simulation, nicht das wirkliche, antike Rom
"Folglich gab es dieses Colosseum da noch nicht. An dessen stelle stand zu Neros zeiten der Stadtpark von ihm mit samt dem Domus Aurea also dem goldenen Haus." Nicht so ganz. Zu Neros Zeiten stand am Ort des späteren Coloseums eine riesige Statue des Kaisers. Das flavische Amphitheater hat von ihr seinen Namen. Die Macher der Simulation wußten das und haben sie vorgesehen, denn sie ist auf dem Foto im Hintergrund zu sehen. Man sollte übrigens an die Authenzität der Simulation keine allzu großen Anforderungen stellen. Es gibt neben den Bodenfunden zwar einen steinernen Stadtplan (der aber auch offenbar nicht 100%ig authentisch ist), Abbildungen einiger Gebäude auf Denkmälern und Münzen und Beschreibungen von Zeitgenossen, aber Allerweltsgebäude sind natürlich völlig undokumentiert verschwinden und die Macher mußten sich mit typischen Bauwerken behelfen. Abeits der Attraktionen ist das also mehr eine "typische römische Großstadtbebauung" als das tatsächliche Rom. Aber auch im Zentrum gibt es Probleme mit der Realität einer Simulation. Wer wissen möchte, wie die auf dem Forum an ihre Grenzen kommt, sollte sich einmal das hier anschauen: http://www.digitales-forum-romanum.de. In dieser leider niemals fertig gewordenen Simulation werden die Abstriche an die Wirklichkeit, die man mangels Dokumentation machen musste, nicht verschwiegen. Man sollte auch wissen, dass die Römer keinen Denkmalschutz im heutigen Sinne kannten. Ein abgebranntes oder beschädigtes Gebäude wurde ohne Rücksicht auf die noch vorhandene Bausubstanz verändert. Oder es wurde ganz neu gebaut, wenn man es für nötig hielt. Und man baute gern neu. Die riesigen Paläste des Nero waren wahrscheinlich noch nicht ganz fertiggestellt, als die Nachfolger dort ganz andere Gebäude ausführten (glücklicherweise darüber, so daß vieles "im Untergrund" erfalten ist). Cäsar hätte sich 100 Jahre nach seinem gewaltsamen Ende in Rom nicht mehr zurecht gefunden, so hatte sich die Stadt verändert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 21/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.