AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2018

Reizfigur Putin Das seltsame Russland-Gefühl der Deutschen

Wie umgehen mit Putins Russland? Seit die AfD das Thema für sich entdeckt hat, kann diese Frage Wahlen entscheiden.

Gegenspieler Putin, Merkel "Schlimmer als im Kalten Krieg"
Markus Schreiber / AP

Gegenspieler Putin, Merkel "Schlimmer als im Kalten Krieg"


Am vergangenen Sonntag sitzt der Pianist Justus Frantz in seiner Villa im Hamburger Stadtteil Pöseldorf und sinniert laut über die Deutschen und deren Verhältnis zu Russland. Der neue deutsche Außenminister, der Herr Maas, sagt Frantz, erinnere ihn manchmal an Helmuth von Moltke, den kriegsbereiten Chef des preußischen Generalstabs zu Beginn des Ersten Weltkriegs.

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Heft 19/2018
Zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Wie ein besserer Kapitalismus die Welt gerechter machen kann

"Verantwortungslos" findet Frantz die neue, härtere Tonlage des Ministers. Leichtfertig gehe der Herr Maas mit Russland um, setze immer noch eins drauf. "Diese Generation weiß eben nicht mehr, was Krieg ist."

Für Frantz ist Russland ein Lebensthema, zu Hause spricht der 73-Jährige, der mit der russischen Geigerin Ksenia Dubrovskaya verheiratet ist, abwechselnd Deutsch und Russisch. Aber schon lange bevor er seine Frau kennenlernte, war Frantz überzeugt, dass es eine besondere Nähe gebe zwischen der deutschen und der russischen Kultur. "Die Epik der russischen Musik findet sich nur noch in der Epik der deutschen Musik wieder, weder in der französischen, der englischen noch der amerikanischen", schwärmt er.

Russland begleitete den Musiker während seiner gesamten Karriere. Als junger Pianist lernte er 1974 bei einem Soloauftritt in Moskau Dmitrij Schostakowitsch kennen. Ende der Achtzigerjahre gründete er die Deutsch-Sowjetische Junge Philharmonie, und in den Neunzigern lernte er den aufstrebenden Vizebürgermeister von Sankt Petersburg kennen. Sein Name: Wladimir Putin.

"Ein kultivierter Mann", sagt Frantz, man unterhielt sich über Mozart, über die "Zauberflöte" und die deutsche Kultur.

Sicher, in Russland würden Menschenrechte verletzt. "Aber die größte Menschenrechtsverletzung wäre es, wenn es zu einer neuen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Russland und dem Westen käme."

Frantz hat einen Aufruf gestartet, den auch Ex-Außenminister Sigmar Gabriel unterzeichnete. Es sei notwendig, "den Antagonismus von Provokation und Gegenprovokation, Verdächtigung und Beschuldigung, Drohung und Gegendrohung, von Sanktionen und Gegensanktionen zu durchbrechen", heißt es darin.

Justus Frantz steht stellvertretend für vieles, was das besondere Verhältnis zwischen Deutschen und Russen ausmacht: Kriegsangst und kulturelle Nähe, Russlandromantik und die Sehnsucht nach Völkerfreundschaft, gegenseitige Faszination und der Mythos, dass sich die rationalen Deutschen und die russische Seele kongenial ergänzten.

Deutsche und Russen, das war schon immer eine besondere, eine besonders emotionale Beziehung. So absurd es scheint: Der Weltkrieg hat Deutsche und Russen nicht entfremdet, sondern verbunden, bis tief in die Familiengeschichten hinein. Keine andere Nation begrüßte den Aufbruch unter Gorbatschow zum Ende der Sowjetunion so enthusiastisch wie die deutsche, vielleicht ist deshalb jetzt auch die Enttäuschung besonders groß, dass die Distanz wieder wächst.

Kein Wunder also, dass der veränderte Ton des neuen Außenministers für Debatten sorgt. Maas hatte im Gespräch mit dem SPIEGEL konstatiert, Russland agiere "zunehmend feindselig". Er sprach sich gegen den schrittweisen Abbau von Sanktionen aus, den seine Vorgänger befürwortet hatten, und forderte, dass der Westen in Syrien "den Druck auf Russland erhöht". Viele im Westen hätten, so Maas, die "Nase voll" von Russlands Politik.

Dabei ist die Lage angespannt genug. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Berlin russische Diplomaten ohne Spionageverdacht ausgewiesen, eine Strafaktion nach dem Giftgasanschlag gegen den Ex-Agenten Sergej Skripal. In den vergangenen Jahren hat Deutschland Sanktionen verhängt, seine Verteidigungsausgaben erhöht und im Rahmen der Nato Truppen im Baltikum stationiert. Es sind Versatzstücke einer Eindämmungspolitik, gleichzeitig will man mit Russland im Gespräch bleiben. Man müsse, heißt es immer wieder, mit Russland reden.

Doch während alle vom Reden reden, schlittern Russland und der Westen tiefer in die Krise. "Die Situation heute ist schlimmer als im Kalten Krieg", sagt Sergej Netschajew, Moskaus neuer Botschafter in Berlin. Es herrschen Misstrauen und tiefes Unverständnis. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnt vor einer "galoppierenden Entfremdung" zwischen Russland und dem Westen.

Die neue Tonlage des Außenministers kommt in Moskau naturgemäß nicht gut an. "Wir haben Probleme mit der Tonalität der Äußerungen einiger Politiker", sagt Botschafter Netschajew diplomatisch. "Wir hören da Worte, die es nie gab in der Lexik der deutsch-russischen Beziehungen, Worte wie 'Gegnerschaft' und 'feindselig'."

Selbst unter den Russlandkritikern der Union ist man nicht glücklich über die Verbalattacken des Ministers. "Man sollte das Gespräch mit Russland nicht unnötig erschweren", sagt der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen. "Da die Sache ernst genug ist, sollten wir auf sprachliche Verschärfungen verzichten."

Was also tun? Die russische Frage ist längst keine akademische Übung außenpolitischer Zirkel mehr. Seit die AfD das Thema für sich entdeckt hat, kann diese Frage Wahlen entscheiden, vor allem im Osten.

Wie umgehen mit Russland?

Ein Riss geht durch Deutschland zwischen Ost und West, auch zwischen Russlandverstehern und Russlandkritikern. Der Riss geht mitten durch die Volksparteien, die SPD vor allem, aber auch durch die Union, sogar die Liberalen sind gespalten. Die Russlandfrage hat die Grenzen der Parteipolitik verlassen.

Auf der einen Seite stehen Kanzlerin Angela Merkel, große Teil der CDU, der Grünen, Außenminister Heiko Maas, Vizekanzler Olaf Scholz, FDP-Chef Christian Lindner. Sie setzen auf deutliche Kritik, Härte bei den Sanktionen, das Aufzeigen von Grenzen.

Auf der anderen Seite stehen viele Sozialdemokraten, Steinmeier etwa, Ex-Außenminister Gabriel, ein Großteil der CSU, allen voran Parteichef Horst Seehofer, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, FDP-Vize Wolfgang Kubicki. Sie betonen Dialog, wollen Sanktionen abbauen, Putin vielleicht wieder aufnehmen in den Kreis der G7.

Und dann sind da noch Linkspartei und AfD, die einen gänzlich unkritischen, bewundernden Blick auf Russlands autoritäres Herrschaftsmodell pflegen.

Die einen sagen: Putin verschiebt Grenzen in Europa, er destabilisiert die Ukraine, will die EU spalten, führt einen verdeckten Cyberkrieg gegen den Westen.

"Der Westen hat auch Fehler gemacht", sagen die anderen. Sie betonen Deutschlands historische Verantwortung gegenüber Russland. Sie verlangen Realismus: Man werde sich mit Russland verständigen müssen.

Naiv sei das, sagen die einen, "Putin versteht nur eine Sprache der Stärke". "Kriegstreiber", sagen die anderen. Und: Russland sei mehr als Putin.

Der Einzug ins Auswärtige Amt ist für jeden neuen Minister eine Herausforderung. Einerseits lebt die deutsche Außenpolitik von Kontinuität und Verlässlichkeit, andererseits will sich jeder Neue gern ein wenig profilieren. Das gilt auch für Heiko Maas.

Auf der Suche nach einem Thema, um sich von seinen Vorgängern Steinmeier und Gabriel abzusetzen, fiel Maas' Wahl ausgerechnet auf Russland.

Moskau bot durch den Fall Skripal und seine Rolle im Syrienkrieg genug Anlass für eine schärfere Tonlage, zudem schienen die Beziehungen zwischen dem Westen und Moskau bereits auf einem Tiefpunkt angelangt, das Risiko eines außenpolitischen Schadens also begrenzt.

Doch Maas hatte die Sensibilität des Themas unterschätzt, vor allem für seine eigene Partei. Selbst jene, die sich Maas schon früh als Außenminister vorstellen konnten, zeigen sich intern irritiert: Wie kommt ein Mann vom linken Flügel der SPD dazu, auf stärkere Abgrenzung zu Moskau zu setzen?

Sogar im Kanzleramt war man erstaunt über den neuen Minister, verwundert erkundigten sich Merkel und ihre Leute in Gesprächen mit Sozialdemokraten, was ihren Außenminister treibe.

Unter den Außenpolitikern in der SPD-Fraktion gibt es Verärgerung, weil Maas sie in seine Kursänderung nicht eingebunden hat. Eine Präsidiumssitzung geriet kürzlich zu einem kleinen Tribunal. Die Ministerpräsidenten Stephan Weil aus Niedersachsen und Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern warnten vor einer Rebellion der Parteibasis. Der Minister selbst war nicht anwesend - man verständigte sich darauf, das Thema bei der nächsten Vorstandssitzung zu klären.

Minister Maas: Probleme mit der Tonlage
Xander Heinl / photothek.net

Minister Maas: Probleme mit der Tonlage

Inzwischen bemühen sich beide Seiten um Schadensbegrenzung: "Ich bin zu Russland in guten Gesprächen mit Heiko Maas", sagt Schwesig. Man sei sich einig, dass der Dialog mit Russland fortgeführt, aber auch Kritik angesprochen werden müsse. "Es geht um die Frage, was man stärker betont, Kritik oder Dialog."

Schwesig führt die Maas-Kritiker in der SPD an. Seit sie im vergangenen Sommer Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern wurde, hat sie die Beziehungen zu Russland zu ihrem Thema gemacht. Die erste Auslandsreise wenige Wochen nach Amtsantritt führte sie mit einer großen Wirtschaftsdelegation nach Sankt Petersburg, ein Statement.

Schwesig hat Russisch in der Schule gelernt, hatte es sogar als Abiturprüfungsfach. Als der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich im Dezember 2017 zurücktrat, übernahm sie im Bundesrat den Vorsitz der Deutsch-Russischen Freundschaftsgruppe. Doch sie wehrt sich gegen den Vorwurf, die Ostdeutschen sähen Putin unkritisch.

"Niemand ist naiv, und niemand schätzt Putin falsch ein", sagt Schwesig. Der Vorwurf werde den Ostdeutschen gern gemacht, nach dem Motto: "Die Ostdeutschen haben zu lange mit den Russen hinter der Mauer gelebt." Aber, so Schwesig, "die Ostdeutschen sind nicht naiv, nur weil es früher die deutsch-sowjetische Freundschaft gab".

Maas' Kritiker halten den neuen Kurs nicht nur außenpolitisch für gefährlich. "Das Thema Russland treibt die Menschen um", sagt Schwesig. Sie werde sehr viel von Bürgern angesprochen. "Die Leute sind alarmiert, sie machen sich Sorgen."

Stephan Weil hat aufmerksam eine aktuelle Forsa-Umfrage studiert, wonach 94 Prozent der Bundesbürger gute Beziehungen zwischen Russland und Deutschland wichtig sind. Eine härtere Gangart in der Russlandpolitik halten 68 Prozent der Bürger für falsch, unter SPD-Mitgliedern sind es sogar 81 Prozent. Er könne in der SPD wenig Neigung dafür erkennen, die Ostpolitik im Grundsatz zu ändern, sagt Weil.

Der Ministerpräsident verfolgt dabei auch wirtschaftliche Interessen. Für Volkswagen ist der russische Markt sehr wichtig. Aber aufgeladen ist die Debatte in der SPD vor allem deshalb, weil sie einen Kern sozialdemokratischer Überzeugungen berührt: Willy Brandts Ostpolitik. "Ich halte den neuen Kurs für die SPD für nicht gut, Entspannungspolitik gehörte zu unserem Markenkern", sagt Matthias Platzeck, ehemaliger brandenburgischer Ministerpräsident und Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums.

Maas' Rhetorik, so sehen es seine Kritiker, passe nicht zu dieser Tradition. Sie passe auch nicht zur Sehnsucht großer Teile der SPD, sich wieder als Friedenspartei zu profilieren. Doch Parteichefin Andrea Nahles und Vizekanzler Olaf Scholz stützen Maas ausdrücklich, der Außenminister hat den Umgang mit Moskau eng mit den beiden abgestimmt.

Im Maas-Lager sieht man den Streit mit Unverständnis. "Wer die destruktive Rolle Russlands in Syrien, den Bruch des Völkerrechts auf der Krim oder die gezielte Desinformationspolitik des Kreml kritisiert, sieht sich häufig mit der Forderung konfrontiert, endlich zur Ostpolitik Willy Brandts zurückzukehren", sagt Staatsminister Niels Annen. Dabei werde übersehen, dass die feste Verankerung Deutschlands im Westen die Grundlage für die Politik von Brandt und Bahr war. "Grundlage für den notwendigen Dialog bleibt - damals wie heute - ein klarer Standpunkt", sagt Annen. Die Debatte zeige, dass eine nüchterne Beschreibung der russischen Politik "nicht immer einfach ist".

Die Nähe zu Russland steckt in der Biografie vieler Deutscher, von manchen Politikern ist gar nicht bekannt, dass sie Kenner und Liebhaber Russlands sind. Einer von ihnen ist der CSU-Mann Peter Ramsauer, Ex-Bundesverkehrsminister, heute Chef des Entwicklungsausschusses im Bundestag.

Ramsauer lernte auf einem Gymnasium im Chiemgau Russisch, als Schüler reiste er durch die Sowjetunion. Seine Russischlehrerin gab ihm auch Klavierunterricht, Ramsauer spielte gut, zeitweise erwog er, Konzertpianist zu werden. Geblieben ist ihm die Liebe zur russischen Musik, zu Rachmaninow, Tschaikowski, Mussorgski.

2006 war Ramsauer dabei, als in Murmansk mit deutscher Hilfe eine Anlage zur Entsorgung russischer Atom-U-Boote eingeweiht wurde. Die Russen hatten einen Empfang organisiert. Ein alter Admiral, so erzählt es Ramsauer, habe Tränen in den Augen gehabt: Der einstige Stolz der sowjetischen Flotte wurde abgewrackt, ausgerechnet mit Unterstützung der Deutschen. "Das war für mich ein Schlüsselerlebnis", sagt Ramsauer. "Der Westen hat zu wenig versucht, sich in die russische Befindlichkeit hineinzudenken. Wir müssen auch versuchen, die russische Perspektive zu verstehen."

In seiner Partei hat Ramsauer mächtige Verbündete, Parteichef Horst Seehofer etwa hat sich mehrfach für die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland ausgesprochen. Der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber pflegt seinen guten Draht zu Putin, mehr als einmal versuchte er, die Russlandpolitik der Kanzlerin zu konterkarieren. Im Gegenzug erwies Putin bei Stoibers Abschiedsreise als Ministerpräsident im Jahr 2007 Freund Edmund eine besondere Ehre: Er ließ die Militärkapelle des Kreml aufspielen.

In der CDU steht dagegen eine klare Mehrheit hinter Merkels Kurs gegenüber Russland. Was für die SPD die Ostpolitik, das ist für die CDU die Westbindung. Der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer, hatte nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundesrepublik in die Europäische Gemeinschaft und die Nato geführt.

Es ist diese Traditionslinie, die Norbert Röttgen, der Chef des Auswärtigen Ausschusses, verkörpert. "Deutschland hat gegenüber Russland keine Sonderrolle", sagt er. "Deutschland ist Teil der europäischen und transatlantischen Tradition, das wird nicht infrage gestellt."

Die Nachsicht, mit der viele Sozialdemokraten Putin begegnen, findet man bei der CDU eher selten, zumindest in ihren westdeutschen Landesverbänden. Aber auch dort gibt es führende Politiker, die einen anderen Blick auf Russland haben, etwa Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet. Er war einer der Ersten in seiner Partei, die das russische Eingreifen im Syrienkrieg begrüßten.

Nach der Vergiftung des russischen Ex-Spions Skripal in Großbritannien zog Laschet die britische Darstellung in Zweifel, Moskau sei für den Vorfall verantwortlich. Franzosen, Amerikaner und die Bundesregierung hatten sich auf die Seite Londons gestellt. Laschet dagegen twitterte: "Wenn man fast alle Nato-Staaten zur Solidarität zwingt, sollte man dann nicht sichere Belege haben?"

Laschets Haltung speist sich unter anderem aus der Wahrnehmung, dass in der Bevölkerung ein hartes Vorgehen gegen Russland nicht beliebt ist - oder zumindest sehr gut begründet sein sollte.

Die AfD gönnt sich inzwischen einen ganz eigenen, man könnte auch sagen, alternativen Blick auf Putin. In den Augen der Partei ist der Kremlchef ein Mann der Versöhnung, der leider von einer kriegslüsternen Bundesregierung immer wieder provoziert wird. Kürzlich attackierte der AfD-Abgeordnete Hansjörg Müller im Bundestag den neuen Außenminister. Maas werde mit seiner "antirussischen Rhetorik" noch einen Krieg mit Russland anzetteln, schimpfte Müller. "Deshalb frage ich Sie: In welchem Auftrag handeln Sie wirklich? Ist es die Atlantik-Brücke oder der German Marshall Fund?"

Maas und die meisten Abgeordneten der anderen Fraktionen rollten die Augen über Müllers Verschwörungstheorien, aber im Netz, wo die Rede schnell die Runde machte, waren sie wieder mal der Hit. Viele AfD-Anhänger pflegen nicht nur einen unkritischen Blick auf den Kreml, sie bewundern den virilen russischen Präsidenten, der ihnen so viel machtvoller und entschlossener erscheint als die zögerliche Angela Merkel. "Putin ist eine Führungsfigur, die ihr Land liebt und schützt", schwärmt auch Müller. "Er unterwirft sich und sein Volk nicht fremden Interessen wie unsere Kanzlerin." Ja, räumt der Abgeordnete ein, Putin sei durchaus eine "Projektionsfläche" der Sehnsüchte vieler Deutschen nach einem starken Staatenlenker, "so wie Bismarck".

Damit ist Müller voll auf Linie seiner Partei: Alexander Gauland war 2013 der Erste, der für bismarcksche Methoden im Umgang mit Russland plädierte. Damals war die AfD noch eine Anti-Euro-Partei unter Führung von Bernd Lucke, und das Russlandthema galt als Gaulands schräges Hobby. Heute gehört es zum Glaubenskanon der AfD, dass Deutschland an der Seite Russlands zu stehen habe und sich aus der Abhängigkeit von den USA lösen müsse. "Wir Deutschen sind militärisch, politisch und medial rechtlose Vasallen der Amerikaner", beklagt Müller.

Der Riss teilt Deutschland auch geografisch, er verläuft entlang der alten Zonengrenze. Als die Körber-Stiftung untersuchte, wie die Deutschen über Russland denken, bezeichneten 30 Prozent der Westdeutschen Russland als "ein mir fremdes Land", aber nur 12 Prozent der Ostdeutschen.

Nicht zufällig waren es also ostdeutsche Regierungschefs, die unlängst erneut auf eine Lockerung der Sanktionen gegen Russland drängten. Thüringens linker Ministerpräsident Bodo Ramelow hält die Sanktionen für "Kanonenbootpolitik". Das "Russland-Bashing" erinnert ihn an den Kalten Krieg. Der Außenpolitik rät Ramelow von Konfrontation ab, man müsse "auch Russland mitdenken". Berlin solle "auf Russland zugehen und Angebote machen".

In Sachsen-Anhalt geht der Riss durch die Union. Ministerpräsident Reiner Haseloff fordert die Aufhebung der Sanktionen. Neben wirtschaftlichem Kalkül spielt dabei auch das Gefühl eine Rolle, dass der Westen Moskau nicht verstehe. "Wir im Osten kennen die Russen", sagt Haseloff.

Doch in der Partei formiert sich Widerstand, Haseloffs Vorgänger, der ehemalige Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), zeigte sich schockiert vom prorussischen Kurs der Ostregenten. Sanktionen seien die einzige Möglichkeit, die Russen in der Ukraine zum Einlenken zu bewegen.

Doch das ist heikel: Gerade Ostdeutschland hat enge Wirtschaftskontakte zu Russland. Die Total-Raffinerie in Leuna ist mit vier Milliarden Euro Umsatz im Jahr das mit Abstand umsatzstärkste Unternehmen Sachsen-Anhalts. 80 Prozent des dort verarbeiteten Erdöls kommen aus Russland.

Die Wirtschaft unterhält traditionell enge Kontakte nach Russland. Umso mehr empfindet sie die Konflikte als zermürbend. "Deutsche Unternehmen sehen Russland unverändert als wichtigen Markt an", sagt Wolfgang Büchele, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. "Aber die Unsicherheit, mit wem und in welchem Rahmen Russlandgeschäfte künftig möglich sind, ist extrem belastend, besonders für den Mittelstand."

Büchele, ein Schwabe mit geschwungener Haartolle und wechselvoller Managerkarriere, hat schon in den Neunzigerjahren als Osteuropachef den Chemiekonzern BASF durch die Höhen und Tiefen des Handels mit Russland navigiert. Einfach war das nie, aber die Deutschen scheuten das schwierige Terrain weniger als andere, selbst nachdem Sanktionen den Handel ab 2014 erschwerten.

2017 legten die Exporte aus Deutschland um ein Fünftel zu, auch investierten hiesige Firmen wieder verstärkt in Russland, der schwache Rubel machte es attraktiv. "Aber die neuen US-Sanktionen verdüstern abrupt die Lage", sagt Büchele, gerade in einer Phase, da man in der deutschen Wirtschaft hoffte, bald über einen Einstieg in den Ausstieg aus den Sanktionen reden zu können, die mit dem Minsker Abkommen verknüpft sind.

In der deutschen Wirtschaft haben viele den Eindruck, dass es den Amerikanern nicht mehr nur darum gehe, mit Sanktionen politischen Druck auszuüben, sondern um wirtschaftliche Interessen. So zielten die jüngsten US-Sanktionen darauf ab, amerikanisches Flüssiggas in den europäischen Markt zu drücken. Der Ost-Ausschuss schätzt den kurzfristigen direkten Schaden für die deutsche Wirtschaft durch entgangene Geschäfte wegen der neuen US-Sanktionen auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Rund 60 Unternehmen dürften betroffen sein, vor allem Zulieferer für die Förderung und den Transport von Öl und Gas aus Russland, aber auch Maschinen- und Anlagenbauer.

"Wir halten es daher für dringend geboten, dass Deutschland das Gespräch mit den USA sucht, um Klarheit zu schaffen", sagt Büchele.


Im Video: SPIEGEL-Redakteurin Christiane über Putins Interessen


Nirgendwo wird der Riss deutlicher als bei dem Thema Nord Stream 2, also dem Streit um die Gaspipeline durch die Ostsee. Die Meinungen gehen quer durch die Parteien, inzwischen wird der Streit auch zwischen Merkels Unionsleuten im Europaparlament auf offener Bühne ausgetragen.

Das Projekt ist nicht nur wirtschaftlich lukrativ, es ist zum Symbol für die deutsch-russischen Beziehungen geworden. Auch deshalb liegt es Putin besonders am Herzen. In seinen Telefonaten mit der Kanzlerin kommt er zuverlässig auf "moja truba" zu sprechen, "meine Röhre", immer wieder liegt er Merkel in den Ohren, wann endlich mit dem Bau begonnen werde.

Die Kanzlerin hat das Projekt lange als rein wirtschaftliche Angelegenheit bezeichnet, inzwischen ihre Position aber verändert. Nach einem Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko machte sie deutlich, dass Nord Stream nur gebaut werden könne, wenn die Ukraine Transitland für russisches Gas bleibe. Gazprom-Chef Alexej Miller reagierte prompt. Per Twitter stellte er weiteren Transit durch die Ukraine in Aussicht.

Die Debatte um Nord Stream ist längst zu einem Streit darüber geworden, wie es Deutschland und Europa mit Russland halten. Aktuell dreht sich der Konflikt um die Frage, wer die Pipeline zu genehmigen hat - Brüssel oder die beteiligten Staaten.

Zuletzt gelangte der juristische Dienst des Europäischen Rates zu der Auffassung, die EU-Kommission verstoße mit ihrem Versuch, Nord Stream zu verhindern, gegen internationales Recht, die deutsche Botschaft in Moskau schickte die Nachricht des Gutachtens freudig an einen breiten Verteiler weiter.

Die Entfremdung zwischen Berlin und Moskau hinterlässt auch in Russlands Gesellschaft Spuren. Als das Lewada-Institut die Bürger 2010 nach "Freunden" und "Feinden" Russlands in der Welt befragte, ordnete nur ein Prozent der Befragten Deutschland als "Feind" ein, knapp ein Viertel als "Freund". Im vergangenen Jahr verkehrte sich das Verhältnis: Nun sieht fast ein Viertel in Deutschland einen "Feind" und kaum jemand mehr einen "Freund". Nur wenige andere Länder erfuhren eine so dramatische Umwertung.

Aus Sicht des Kreml ist die Ablösung von Sigmar Gabriel durch Heiko Maas daher eine Enttäuschung. Über die Jahre hatte man sich daran gewöhnt, dass gerade die deutsche Sozialdemokratie besonderes Wohlwollen für Moskau hegt. Es schien, als lebte wenigstens in der Freundschaft zu wichtigen Sozialdemokraten das enge deutsch-russische Verhältnis weiter. Als Wladimir Putin im vergangenen Sommer im kleinen Kreis mit Sigmar Gabriel und Gerhard Schröder dinierte, war das wie eine Beschwörung besserer Zeiten.

Und nun ein sozialdemokratischer Außenminister, der demonstrativ zuerst in die Ukraine fährt, bevor er eine Reise nach Moskau einplant. Immerhin wird Kanzlerin Merkel im Sommer nach Russland reisen, es wäre ihr erster bilateraler Besuch in Moskau seit der Annexion der Krim, mit Ausnahme einer kurzen Gedenkvisite aus Anlass des 70. Jahrestags des Kriegsendes im Mai 2015.

Im Kanzleramt will man ausloten, was Putin sich für seine letzte Amtszeit im Verhältnis zum Westen vorgenommen hat. Vielleicht könnte darin eine Chance stecken. Von einer "Inventur" ist die Rede.

Doch was Berlin braucht, ist eine Strategie, eine Antwort auf die Frage, was jenseits von Romantik und Emotionen ein vernünftiger Umgang mit Russland ist. Wer, wie offenbar der Außenminister, das deutsch-russische Verhältnis für irreparabel hält, wird auf Eindämmung setzen.

Wer glaubt, Putin wolle die Sowjetunion wiederherstellen, die EU zerstören, Europa mit Flüchtlingen fluten und den Westen mit Propaganda spalten, muss auf Abwehr und Konfrontation setzen.

Doch wenn Russland in der Vergangenheit aggressiv oder destruktiv agierte, war das Folge einer - subjektiv empfundenen - Einkreisung des Westens. Um sie zu durchbrechen, ist Putin jedes Mittel recht.

Roter Platz in Moskau: Russland als Großmacht anerkennen
Andrey Rudakov / Bloomberg via Getty Images

Roter Platz in Moskau: Russland als Großmacht anerkennen

Putin will nicht die Sowjetunion wiederherstellen. Er will, dass der Westen Russlands Interessen respektiert: Er soll Russland wieder als Großmacht anerkennen, als weltpolitischen Akteur. Das hat Putin in Syrien unter Beweis gestellt.

Putin will, dass der Westen sich nicht in die russische Innenpolitik einmischt, und er will eine weitere Ausdehnung von Nato und EU verhindern.

Der Westen soll letztlich akzeptieren, dass Moskau die Staaten der ehemaligen Sowjetunion - mit Ausnahme des Baltikums - als seinen Cordon sanitaire, seine Interessensphäre, betrachtet, in der es ein Mitspracherecht fordert.

Deutschland kann das nicht offiziell anerkennen, aber es wäre vernünftig, wenn es diese Interessen de facto stärker berücksichtigte. Das Schicksal der Ukraine zeigt, dass es nichts nutzt, wenn der Westen auf seinen Prinzipien beharrt, diese aber gegenüber einem skrupellos agierenden Russland nicht durchsetzen kann. Berlin braucht gegenüber Moskau einen realpolitischen Ansatz.

Das hieße auch: Es ist endlich Zeit, über Dialog nicht nur zu reden, sondern ihn wieder zu führen. Ein erster Schritt wäre, die Regierungskonsultationen wiederaufzunehmen, wie Deutschland sie nicht nur mit demokratischen Staaten, sondern etwa auch mit China pflegt. Das könnte dazu beitragen, den Verlust von Sprache und Vertrauen zwischen Moskau und Berlin zu überwinden. Voraussetzung wäre allerdings, dass Russland von der Praxis ablässt, die Partner durch strategische Lügen in die Irre zu führen.

Symbolisch wichtig wäre es, die historischen Daten der kommenden zwei Jahre gemeinsam vorzubereiten und zu begehen. Moskau ist geschichtspolitisch besonders sensibel, deshalb sollte man Russland einbeziehen in die Planung für die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls im November 2019 und zum 75. Jahrestag des Weltkriegsendes im Frühjahr 2020.

In seiner Villa in Pöseldorf setzt sich Justus Frantz an den großen Steinway im Salon und spielt die russische Nationalhymne: "Russland, unser geheiligter Staat, Russland, unser geliebtes Land".

Es ist dieselbe Melodie wie einst die Sowjethymne über die "Unzerstörbare Union freier Völker", der Dichter Sergej Michalkow hat sie Anfang des Jahrtausends nur ein wenig umgedichtet.

Frantz spielt das Stück mit Gefühl, aber ohne Pathos. Als der letzte Takt verklungen ist, will er es dann doch nicht so stehen lassen. Wieder gleiten seine Finger über die Tasten, dieses Mal ist es die israelische Hymne. "Für mich ist das deutsch-russische Verhältnis genauso besonders wie das deutsch-israelische", sagt er.



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