AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2017

Russland Wie Putin aus einem Irrenhaus sein Reich formte

Mit dem Zerfall der Sowjetunion vor 25 Jahren wurden wenige Russen unermesslich reich, viele verarmten. Heute geht es dem Land relativ gut - Wladimir Putin hat es nach dem Prinzip "Russia first" umgebaut.

Anufriev Alexander

Von


       Drei Jahrzehnte lang berichtete                  Christian Neef                als Korrespondent aus dem Osten. Das Foto zeigt ihn 1992 in Moskau. Nun hört der SPIEGEL-Mann auf und verlässt Moskau. Anlass genug für einen Blick zurück.
J. H. Darchinger/DER SPIEGEL

Drei Jahrzehnte lang berichtete Christian Neef als Korrespondent aus dem Osten. Das Foto zeigt ihn 1992 in Moskau. Nun hört der SPIEGEL-Mann auf und verlässt Moskau. Anlass genug für einen Blick zurück.

Dieser Tage fiel mir daheim ein Buch in die Hand, das ich aus den Augen verloren hatte. Es heißt "Russland. Gesichter eines zerrissenen Landes". Das mag kein sonderlich origineller Titel sein, aber inhaltlich trifft er das Thema. Das Buch behandelt Russland, wie es vor einem Vierteljahrhundert war: eine Art Irrenhaus. Die Sowjetunion war gerade erst untergegangen, die Hoffnung auf einen Neuanfang fast wieder versiegt. Frühere Funktionäre und gewiefte Geschäftemacher hatten das Erbe des Sowjetstaates an sich gerissen und genossen ihren plötzlichen Wohlstand, die Mehrheit der Russen aber war verarmt. Großmütter standen bei Wind und Wetter auf den "Tolkutschkas", den Flohmärkten, und machten ihr Hochzeitsservice zu Geld. Nebenan standen Schüler und priesen ihr liebevoll gepflegtes Briefmarkenalbum an. An den Rändern des Reiches herrschte unterdessen Krieg.

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Heft 32/2017
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Was Russland damals darstellte, wohin es sich politisch bewegen und wie sich all die Konflikte auflösen würden - weder Politiker noch einfache Russen konnten das im Jahr 1992 erklären. Wir Journalisten natürlich auch nicht.
Das alles ist Geschichte, Russland geht es heute, insgesamt gesehen, nicht schlecht. Das erwähnte Buch hatte ich geschrieben, in ihm sind 18 Menschen porträtiert, die damals ihren Platz im neuen Russland suchten. Sie waren typisch für die Umbruchzeit: Politiker und Generäle, Geschäftsleute und Künstler, Idealisten, Populisten, Kriminelle. Manche von ihnen leben nicht mehr, einige wurden umgebracht, andere haben Russland verlassen oder stiegen in die Regierung auf. Schaut man sich die Porträts heute an, versteht man, warum die einen aus der Bahn geworfen wurden und die anderen Karriere machten. Und mit welchen Mitteln Russland wieder auf die Beine kam.

Einer der Helden des Buches ist Dschochar Dudajew, der 1991 Tschetscheniens Unabhängigkeit von Russland erklärte und die Völker des Kaukasus zum Widerstand gegen die "Moskauer Kolonisatoren" rief. Seinetwegen entfachte Russland einen Krieg, es schickte 60.000 Soldaten in die kleine Republik. Drei Monate nach meinem Gespräch mit dem Tschetschenen-Präsidenten war sein Amtssitz, in dem wir uns getroffen hatten, dem Erdboden gleichgemacht, weitere 15 Monate darauf löschte eine russische Rakete sein Leben aus, noch einmal 15 Jahre später herrschte Ruhe in Tschetschenien. Mutmaßlich 160.000 Tote kostete dieser Krieg. Es gibt in Russland seither keine Sezessionsbestrebungen mehr.

Ein anderer Held dieses Buches war der Biochemiker und Hautspezialist Sergej Debow, auch er ist inzwischen tot. Debow war 1952 zum Geheimkommando "Lenin-Mausoleum" gestoßen, jener Gruppe von Wissenschaftlern, die seit 1924 den in Moskau aufgebahrten Revolutionsführer balsamiert. Fast 40 Jahre lang hatte Debow, der auch Stalin balsamierte, mit einer geheimen Lösung die Lenin-Leiche aufgefrischt, und das zweimal wöchentlich.

Dann brachen die Sowjetunion und der Kommunismus zusammen. Präsident Boris Jelzin stellte die Finanzierung des Geheimkommandos ein und zog die Ehrenwache vor dem Mausoleum ab. Lenin wurde zum Buhmann der Nation, Bürgerinitiativen setzten sich für seine Beisetzung auf einem Petersburger Friedhof ein. Debow zeigte sich mir gegenüber schockiert: "Lenin aus der Geschichte Russlands zu streichen - das geht ja wohl nicht."

Dass der Revolutionsführer 25 Jahre später noch immer auf dem Roten Platz zur Schau gestellt wird und Debows Nachfolger weiter am Werke sind, erklärt ebenfalls, warum Russland zu Stabilität zurückgefunden hat: Der Führer der Oktoberrevolution, dem genauso wie Stalin egal war, wie viele seiner Landsleute der kommunistischen Idee geopfert werden müssen, ist noch immer eine wichtige politische Symbolfigur. Seine weitere Zurschaustellung beruhigt die Anhänger der Kommunisten, illustriert aber auch die Überzeugung der Kremlführung, dass es in Russlands Geschichte nichts zu bereuen gibt. Er ist eine Art Klammer für das Geschichtsbild im Lande Wladimir Putins.

Ein dritter Held des Buches lebt noch, er ist jetzt 53 Jahre alt. Er kam an Stalins Geburtstag zur Welt, stieg zu einem der Vizeregierungschefs auf und ist heute verantwortlich für die Rüstungsindustrie. Ich lernte Dmitrij Rogosin kennen, als er 31 war, kurz zuvor hatte er der Kaderreserve des Staatsjugendverbands Komsomol angehört. Später wurde er Botschafter bei der Nato und schockierte die westlichen Militärs mit hemdsärmeligen Sprüchen; wir trafen uns des Öfteren in Brüssel.

Anufriev Alexander

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nahm sich Rogosin des Schicksals jener 25 Millionen Russen an, die nun außerhalb der Landesgrenzen lebten, in den anderen früheren Sowjetrepubliken. Er gründete einen "Kongress der Landsmannschaften", um ihre Interessen zu wahren, und wurde zum Vordenker der "russischen Welt". Jener Welt, die es laut Putin heute in allen Ecken des Erdballs zu verteidigen gilt, dort, wo russische Landsleute leben. Rogosin ist inzwischen so etwas wie der nationalistische Lautsprecher der Regierung, er hat erst dieser Tage wieder westliche Politiker als "Geschmeiß" tituliert.

Die Heimholung Tschetscheniens, die Rehabilitierung der Sowjetgeschichte und die Rückbesinnung auf die eigene, die russische Welt - ähnlich wie es Donald Trump jetzt für die USA unter dem Motto "America first" betreibt -, all das hat zur Rettung des jungen Russland beigetragen. Die Russen danken es Putin, das zeigt sich in den mehr als 80 Prozent Zustimmung, die sie ihrem Staatschef zubilligen.

Das neue Russland lässt sich an vielen Orten in Augenschein nehmen. Vor wenigen Wochen kam ich durch die nordwestrussische Kleinstadt Gwardejsk, nur 13.000 Einwohner leben dort. Ich hatte sie 1998 das letzte Mal besucht, nach der großen Rubelkrise, die fast zum Bankrott des Staates geführt hätte. Damals hatte die Papierfabrik zugemacht, dann das Eisenbetonwerk, dann die Käsefabrik. Die Heizwerke hatten keine Kohle mehr, drei Viertel der Einwohner lebten unter der Armutsgrenze.

Selbst im Krankenhaus war es kalt, Medikamente und Handschuhe für die Operateure gab es nicht mehr. In der Armeekaserne und im Gefängnis, das in einer alten Burg untergebracht war, war das Essen knapp. In den Dörfern um Gwardejsk hatten die schlechte Ernährung und verschmutztes Trinkwasser zu Fällen von Tuberkulose und Meningitis geführt.

Heute, im Jahr 2017, sind die Häuser am Marktplatz frisch gestrichen, eine Möbelfabrik hat aufgemacht, ein Fleischkombinat und ein Werk für Verpackungsmaterial, es gibt einen Jugendtreff und ein Fitnessstudio. Und aus dem Burg-Gefängnis soll ein Touristenziel werden.

Natürlich, fährt man nach Osten, tief in die Provinz hinein, lässt sich auch anderes beobachten, dort sterben ganze Dörfer. Aber an den nationalen Notstand, der Russland vor zwei Jahrzehnten lähmte, erinnert nichts mehr. Erst recht nicht in Moskau, das sich in eine moderne Metropole verwandelt hat, mit Fußgängerzonen, riesigen Supermärkten, mit Jazzklubs und Avantgardetheatern, mit WLAN auf den Straßen und selbst ganz unten in der Metro.

Und doch gibt es etwas, was sich in den letzten 25 Jahren weder in der Hauptstadt noch im Rest des Landes geändert hat. Ich stieß darauf, als ich jüngst einen Aushang im Aufgang meines Moskauer Wohnhauses las. Er steht für ein Phänomen, das Russland seit Jahrhunderten begleitet und das die 80 Prozent Zustimmung für Putin sofort wieder relativiert.

Der Aushang befasst sich mit der Ankündigung der Moskauer Stadtregierung, rund 4500 marode Wohnblöcke abzureißen. Es geht um fünfstöckige, hässliche und meist schadhafte Plattenbauten, etwa eine Million Moskauer sind betroffen, rund ein Zwölftel der Stadtbevölkerung. Die Stadtverwaltung hat den Plan jedoch so rücksichtslos angepackt, ja in Windeseile ein passendes Gesetz durchs Parlament gepeitscht, dass ein Sturm der Entrüstung losbrach. Selbst in meiner Gegend, in der solche Häuser gar nicht stehen.

Anufriev Alexander

Auf dem Aushang in meinem Haus meldet sich eine Initiative "Moskauer gegen den Abriss" zu Wort. Aus ihrer Sicht ist das Vorhaben ein schändlicher Akt der Zwangsumsiedlung. Es gehe nicht nur um marode Plattenbauten, sondern darum, regierungsnahen Baukonzernen Grundstücke für den Neubau profitabler Hochhäuser zuzuschanzen. Bewohner, die einen Umzug verweigerten, würden zwangsumgesiedelt, es gebe keine Kompensation für das, was die Mieter in Renovierungen gesteckt hätten, viele würden für ihre Eigentumswohnungen keineswegs etwas Gleichwertiges erhalten.

Der Aufruhr in Moskau ist immens. Die Regierung, die erklärt hatte, etwas Gutes für die Bevölkerung tun zu wollen, zeigte sich vom Widerstand völlig überrascht. Sogar Putin musste eingreifen und die Duma zu einer leichten Änderung des Gesetzes bewegen, denn 2018 steht eine Präsidentenwahl an - da kann er Proteste verärgerter Bürger nicht gebrauchen.

Es ist wie so oft in Russland: Selbst wenn die Führung im Prinzip Gutes für ihr Volk zu tun verspricht, geht es meist schief. Weil sie einsame Entscheidungen trifft und diese dem Volk vorsetzt wie ein Weihnachtsgeschenk. Und weil sie die Pläne in bolschewistischer Manier zu verwirklichen versucht. Dass es da draußen bei den Menschen Einwände geben könnte, kommt im Denken russischer Politiker meist nicht vor.

Die Debatte um die Umsiedlung der Wohnhäuser zeigt, dass es in Russlands politischem System nach wie vor keine Rückkopplung gibt. Die Regierung bemüht sich erst gar nicht, das eigene Volk mitzunehmen. Politik wird per Gnadenerweis betrieben oder mit Verboten. Deswegen auch die erneuten Demonstrationen in Moskau und anderen Städten des Landes. Volk und Staat finden in Russland selten zueinander.

Anufriev Alexander

Es sei ein Land der Schlagbäume; "die normale Position des Schlagbaums ist ,geschlossen'", hat der Schriftsteller Wiktor Jerofejew einmal gesagt und daran die Frage geknüpft: "Die Heimat erlaubt dir gern, sie zu lieben, aber - liebt sie dich auch? Liebt Russland uns?" Jerofejew glaubt, die Liebe der Russen zu Russland beruhe nicht auf Gegenseitigkeit, und ebendas habe auch ich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder registriert. Aber er meint, dass die Russen selbst daran schuld seien - weil sie sich für den Staat nicht interessierten.

Ich hatte darüber vor einigen Monaten einen Disput mit dem angesehenen Filmemacher und Theaterregisseur Andrej Kontschalowski. Er wird diesen Monat 80 Jahre alt, hat einige der besten russischen Filme gedreht und lange in Hollywood gelebt. Trotz allen Streits: In vielem waren wir uns sehr nahe. Kontschalowski sagt, der Russe sei über die Jahrhunderte hinweg in seinem Wesen Bauer geblieben. Er sei nie Bürger geworden und immer feindlich gegenüber dem Staat eingestellt, weil dieser ihm ständig etwas nehme. Gleichzeitig sei er von einer solchen Geduld, dass er Ungerechtigkeiten leichter hinnehmen könne. Außerdem sei das russische Denken manichäisch, es kenne nur Schwarz und Weiß.

Und dann sagte Kontschalowski, Putin habe anfangs wie ein Westler gedacht. Dann habe er begriffen, warum es jedem russischen Herrscher schwerfalle, diesen Staat zu führen: weil dessen Bewohner gemäß einer unerschütterlichen Tradition freiwillig alle Macht an einen einzigen Menschen delegierten. Dann warteten sie darauf, dass sich die Macht um sie kümmere, selbst aber täten sie nichts.

Insofern ist das Verhältnis von Volk und Staat in Russland ein einziges Missverständnis. Darf ein Ausländer das sagen? Ich glaube schon, ich habe mich mehr als 30 Jahre lang mit Russland beschäftigt und die Hälfte davon in diesem Land gelebt. Mir ist klar, warum die Liberalen um Boris Jelzin in den Neunzigerjahren scheiterten. Liberalismus hat in Russland keine Chance, das Volk lässt ihn nicht zu.

Das seltsame Verhältnis der Russen zu ihrem Staat lässt sich auch an vielen Alltagsdetails beobachten. Der Moskauer Bürgermeister begann vor zwei, drei Jahren, das Parkproblem zu lösen, indem er ein Online-Parksystem einführte. Die Gebühren sind gering, die Stunde kostet meist weniger als einen Euro. Die Lage entspannte sich, das System kam allen zugute. Was aber geschah? Die Moskauer klebten ihre Autonummern ab, sodass Kontrollwagen beim Vorbeifahren die Nummern der abgestellten Autos nicht scannen und damit keine Parksünder aufspüren konnten.

Ein anderes Beispiel: Seit Jahrzehnten werden in Russland kaum neue Straßen, geschweige denn Autobahnen gebaut. Immerhin wird jetzt zwischen Moskau und St. Petersburg eine neue Schnelltrasse gebaut, das erste Teilstück führt zum Moskauer Flughafen Scheremetjewo. Nur: Sie wird kaum benutzt, weil eine geringe Maut erhoben wird. Russlands Autofahrer sehen darin ein Abzocken durch den Staat und stehen lieber auf der alten Strecke im Stau.

Dass der Bürger etwas für die Gesellschaft tun muss, um von ihr auch etwas zurückzubekommen - diese Erkenntnis ist in Russland nur selten anzutreffen. So ehren die Russen zwar ihre Schauspieler und Dichter, weit mehr, als es die Deutschen tun. Aber den wirklich Kreativen, die auf ihre Weise die Debatte über den künftigen Weg des Landes voranzubringen versuchen, stehen sie skeptisch gegenüber.

Der Schriftsteller Boris Akunin erzielt in Russland Millionenauflagen, lebt aber im Ausland, weil er die Politik seiner Regierung nicht erträgt. Ebenso sein Kollege Wladimir Sorokin, der lange von regierungsnahen politischen Organisationen verfolgt wurde. Auch der international anerkannte Regisseur Kirill Serebrennikow ist unter Druck geraten, jüngst stürmten Polizeieinheiten sein Theater. Sein Ballett "Nurejew" im Bolschoi wurde drei Tage vor der Premiere im Juli abgesetzt - es war auf heftigen Widerstand konservativer Politiker gestoßen. Was auch mich traf, denn ich hatte mir für diesen Abend eine der schwer erhältlichen Bolschoi-Karten erkämpft.

Anufriev Alexander

Derartige Exzesse stören nur wenige Russen, nirgendwo erhebt sich Protest - ein paar Stimmen der Moskauer Intelligenzija ausgenommen.

"Wir sind ein Volk, wir lieben die, die uns ähnlich sind, wir brauchen keine Unähnlichen", so hat Wiktor Jerofejew das sarkastisch erklärt. Der Staatsanwalt, der dem Volk Angst mache, stehe diesem trotzdem näher als der geläuterte Oligarch Michail Chodorkowski, der klarsichtig das Putin-System kritisiert.

Wie kann das sein, habe ich mich gefragt, als ich dieser Tage in eine Polizeistation im Zentrum von St. Petersburg geriet. Denn nirgendwo wird deutlicher, wie der Staat seine Bürger kleinzumachen versucht. Der diensthabende Offizier blickte nicht mal auf, wenn sich jemand mit einem Anliegen an ihn wandte. Schwere Eisentüren versperrten den Zugang zu den Büros, sie öffneten sich nur ab und an, einer unerklärlichen Logik folgend; in den Arbeitszimmern wurde noch von Hand protokolliert. Und an den Wänden hingen Porträts von Felix Dserschinski! Das war der erste Geheimdienstchef der Sowjetunion, jener Mann, der den roten Terror auslöste und Zehntausende umbringen ließ. Sein Denkmal vor der Moskauer Lubjanka wurde noch vor dem Ende der Sowjetunion als erstes gestürzt - und nun hat die Polizei seine Porträts heimlich wieder aufgehängt?

Warum nehmen die Russen das alles wortlos hin?

Ihre Passivität und Gleichgültigkeit vermischen sich auf ungute Weise mit einem Fatalismus und einer Scheu vor Verantwortung, die es den meisten unmöglich machen, zum Kern historischer Wahrheiten vorzudringen. Dass erneut Denkmäler für Stalin aufgestellt werden, lässt viele kalt. Dabei sei das etwa so, als würden Juden Denkmäler für Hitler aufstellen, schrieb ein Moskauer Publizist.

Auch Gewaltanwendung durch den Staat wird noch immer als metaphysisch, als schicksalhaft erlebt. Der überwiegende Teil der Bevölkerung sei nach wie vor nicht in der Lage, sich bewusst zu machen, dass durch den roten Terror in der Sowjetunion Millionen Menschen ihr Leben verloren, sagt der Sozialphilosoph Alexander Zipko.

Als der 35-jährige Denis Karagodin aus dem sibirischen Tomsk vor Kurzem nach jahrelangen Recherchen herausfand, welche Geheimdienstfunktionäre seinen Urgroßvater Stepan 1938 zum japanischen Spion erklärt hatten, um ihn dann hinzurichten, leitete er eine Klage gegen die Verantwortlichen ein, obwohl die längst verstorben sind. Er ist der erste Bürger Russlands, der sich nicht mit dem formalen Rehabilitierungsbescheid der Behörden zufriedengibt. Er will die Henker zur Rechenschaft ziehen, zumindest symbolisch. Aber seine Hartnäckigkeit ruft Unverständnis, ja Befremden hervor. Das Argument: Es lässt sich ohnehin nicht ändern, was geschehen ist.

Das, was hier beschrieben ist, hat nicht Wladimir Putin erdacht. Putin hat diese Mentalität vorgefunden, er kalkuliert sie aber auch ein. Flucht vor persönlicher Verantwortung? Ausgrenzung Andersdenkender? Schicksalsergebenheit? Minderwertigkeitsgefühle gegenüber dem Rest der Welt? Das sind Eigenschaften, denen der Staat entgegenwirken müsste. Stattdessen verstärkt er sie, weil ihm das nutzt. Wie störend ist mir das in den letzten Jahren sogar bei russischen Freunden aufgefallen, die meisten sind inzwischen der Demagogie ihres Präsidenten erlegen.

Putin befeuert bei den Russen das Gefühl der Verachtung gegenüber den Ukrainern, obwohl - davon bin ich überzeugt - die Russen in ihrem tiefsten Innern neidisch darauf sind, dass den Ukrainern nun die Annäherung an Europa gelingt. Und er bestärkt in der Bevölkerung ein Gefühl der moralischen wie militärischen Überlegenheit gegenüber dem Westen, das wenig mit der Realität zu tun hat, Staat wie Volk jedoch immer mehr von der Außenwelt isoliert. Putin macht Russland zum Dissidenten der Weltordnung, und das Volk freut sich darüber wie über einen Jahrmarkttrick. Dabei sind Europa wie Amerika für viele Russen nach wie vor die wichtigsten Referenzen fürs eigene Leben.

Wie gesagt, all das hat nicht Putin erfunden. Putin hat nur meisterhaft gelernt, auf dieser Klaviatur zu spielen und diese russische Mentalität zu bedienen, mit Demagogie, Halbwahrheiten oder Lügen. Das ist für mich die wichtigste Erkenntnis 25 Jahre nach Russlands Wiedergeburt.



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