AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Russland vor der Wahl Das System Putin

Am 18. März sind Wahlen, der neue Präsident wird der alte sein, das steht jetzt schon fest. Wie Wladimir Putin das Land verändert und sich untertan gemacht hat.

Präsident Putin: Stabilität und nationale Größe, so lauten seine Versprechen
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Präsident Putin: Stabilität und nationale Größe, so lauten seine Versprechen

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Wie sähe Russland wohl aus, wenn nicht Wladimir Putin an seiner Spitze stünde, sondern ein anderer Präsident? Ein Video, das in Russlands sozialen Netzen kursiert, hat darauf vor Kurzem eine Antwort gegeben. Es ist ein Werbeclip, der die Menschen zur Teilnahme an der Präsidentschaftswahl am 18. März ermuntern soll.

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Heft 10/2018
Die Wut der Autofahrer - und wie der Verkehr der Zukunft aussehen könnte

Man sieht darin einen Mann, der am Vorabend der Wahl ins Bett steigt und seiner Frau sagt, er werde nicht wählen. Als er aufwacht, hat sich Russland von Grund auf verändert. An der Tür steht ein schwarzer Soldat, Teil einer Armeepatrouille, die den Mann zum Wehrdienst einziehen will. Der Sohn trägt ein Pionierhalstuch wie zu Sowjetzeiten. Und in der Küche sitzt ein Schwuler, der der Familie vom Staat zur Unterbringung zugewiesen wurde.

Natürlich ist das Ganze ein Albtraum, aus dem der Held rechtzeitig erwacht, um doch noch zur Wahlurne zu eilen. Er hat verstanden, dass Russland gefährlichen Kräften in die Hände fällt, wenn er nicht handelt.

18 Jahre ist es her, dass Wladimir Putin zum ersten Mal ins Präsidentenamt gewählt wurde. Aber von allen Wahlen, zu denen er angetreten ist, ist die am 18. März vielleicht die absurdeste, das Video macht dies deutlich. Es unterstellt, es handle sich diesmal um eine Schicksalswahl, und persifliert sich zugleich selbst. Ein Russland ohne Putin, so sehen es die Regisseure, ist nur als Witz denkbar, mit Schwarzen an der Tür und Schwulen am Küchentisch. Die Wähler sind aufgerufen, etwas zu verhindern, was gar nicht sein kann.

Wie anders wirkt im Rückblick die Wahl vor sechs Jahren! Eine Protestwelle war damals durch Moskau und Petersburg gerollt. "Putin ist ein Dieb!", hatten sie auf Großkundgebungen skandiert.

Heute ist Putin nicht mehr wegzudenken. Er ist in 18 Jahren mit seinem Land zusammengewachsen, er ist den Russen so allgegenwärtig und selbstverständlich wie Russlands Trikolore. Eine Wahl erübrigt sich im Grunde. Er selbst sieht es nicht anders. Auf einen Wahlkampf hat er bislang verzichtet. Und als müsste er beweisen, dass er Amt und Person nicht mehr trennen kann, hat er sein Wahlprogramm ausgerechnet vor den beiden Kammern des Parlaments verkündet, bei der Jahresbotschaft des Präsidenten am Donnerstag.

Es gab für jeden etwas. Eine Halbierung der Armut versprach Putin, aber auch neue Wunderwaffen für die Armee - unter anderem nukleare Langstreckenraketen ohne Reichweitenbeschränkung. Auf Riesenbildschirmen sah man, wie die neuen Waffen in der Computergrafik ihre mutmaßlich amerikanischen Ziele vernichten, dazu wurde ausgiebig geklatscht.

Fast zwei Jahrzehnte ist Wladimir Putin nun an der Macht. Das ist länger als Leonid Breschnew, der ewige Generalsekretär zu Sowjetzeiten. Eine Generation von Russen ist aufgewachsen, die ein Leben ohne Putin nicht kennt. Russland hat sich unter ihm verändert, im Guten wie im Schlechten. Es ist reicher und mächtiger geworden, starrer und abgeschlossener. Es lässt seine Muskeln im Donbass und in Syrien spielen, aber der einzelne russische Bürger fühlt sich wieder schwach und gefährdet.

Wie hat es dieser Mann geschafft, so lange an der Macht zu bleiben? Was macht das System Putin so langlebig? Und wird es fortdauern, wenn er nicht mehr Präsident ist? Denn so viel steht fest: Nach der Verfassung kann er zur Präsidentschaftswahl 2024 nicht mehr antreten.

Es sind Fragen, die in die russische Provinz führen, wo die Putin-Jahre andere Spuren hinterlassen haben als in der Hauptstadt und wo die meisten Russen wohnen. Hier versteht man eher, wie Putins Russland funktioniert. Auf eine simple Formel gebracht, handelt es sich um ein Tauschgeschäft. Der Staat entmündigt seine Bürger, aber er gibt ihnen etwas dafür: das Gefühl von Stabilität und von wiedergewonnener nationaler Größe. Mischt euch nicht ein, sagt der Kreml; lasst uns nur machen, dann seid ihr geschützt vor wirtschaftlicher Not und respektiert in einer feindlichen Welt.


Im Video: Wenn Putin spricht
Die Karriere des russischen Präsidenten in Zitaten

REUTERS

Stabilität und nationale Größe, so lauten also die Versprechen im System Putin. Täuschung und Gewalt sind die Instrumente.

Anhänger und Gegner im Kohlenrevier Kusbass, Sibirien

Kemerowo in Westsibirien ist ein guter Ausgangspunkt, um das Russland Putins zu erkunden. Die Industriestadt - rechtwinklige Straßen, grauer Schnee, Stalin-Bauten - liegt im Kusbass, Russlands größtem Kohlenrevier. Gleich hinter den Außenvierteln beginnt der Tagebau. Wenn dort das Gestein gesprengt wird, schwappt den Anwohnern der Tee aus den Tassen. Hoch über dem zugefrorenen Fluss Tom leuchtet rot das Wahrzeichen der Stadt, das Denkmal "Herz des Bergarbeiters".

Aber es gibt neben der Steinkohle eine zweite Ressource, die in Kemerowo gewonnen wird: Wählerstimmen. Das Gebiet ist bekannt für seine bizarren Wahlresultate. 2015 haben sie ihren Gouverneur mit 97 Prozent im Amt bestätigt, die Beteiligung lag fast ebenso hoch. An der Parlamentswahl 2016 nahmen 87 Prozent der Wahlberechtigten teil - in Moskau waren es lediglich 35 Prozent, ebenso in der Nachbarregion Nowosibirsk.

Für den Kreml sind Regionen wie Kemerowo daher unverzichtbar. Mit ihren Stimmen kompensiert er, was er in Großstädten wie Moskau und Petersburg nicht mehr bekommt. Es ist mit den Stimmen wie mit der Steinkohle: Kemerowo exportiert das fertige Produkt dorthin, wo es gebraucht wird. Die Kohle geht nach China. Die Stimmen gehen nach Moskau, in die zentrale Statistik.

Walentina Trubizyna und Nina Nilowa eilen in der Sonne über die Frühlingsstraße, dabei schwingen sie ihre Arme mit den Wanderstöcken so weit, wie das in ihrem Alter noch ratsam ist. Nordic Walking ist in Kemerowo ein beliebter Rentnersport, das liegt am örtlichen Gouverneur Aman Tulejew, der die Stöcke an Veteranen der Arbeit verteilt hat. Tulejew liebt es zu schenken. Mal verteilt er Kinderfahrräder, mal Gummigaloschen, und irgendwann stand sogar auf allen Straßenbahnen der Stadt: "Geschenk von Gouverneur Aman Tulejew".

Als Walentina Trubizyna 80 wurde, hat Tulejew ihre Rente deutlich aufgestockt, jetzt bekommt sie umgerechnet 260 Euro im Monat. Im vergangenen Jahr wurde Tulejew operiert, da habe sie geweint, sagt Walentina. Aber jetzt höre sie jeden Morgen wieder das Hupen seiner Eskorte, wenn der Gouverneur morgens zur Arbeit fahre. "Dann wissen wir: Papa kommt."

Tulejew ist im Kleinen, was Putin im Großen sein will - der Landesvater, der sein Volk aus dem Elend der Neunziger geführt hat. Er hat den von Bergarbeiterstreiks und Mafiakriegen erschütterten Kusbass befriedet. Inzwischen ist er 73 Jahre alt, und seine Verdienste liegen in der Vergangenheit. Aber solange Tulejew für Ruhe sorgt und Moskau Wählerstimmen beschafft, ist der Kreml zufrieden. Auch Walentina und Nina werden am 18. März wählen. Vielleicht den Kandidaten der Kommunisten, die als klassische Rentnerpartei galten?

"Nein, Putin, nur Putin, wir Omas wählen alle bloß Putin!" Ihre Stimmen überschlagen sich. Obwohl, fällt Nina ein, sie kenne da doch ein paar Babuschki, die seien für Xenija Sobtschak, die liberale Kandidatin, weil sie die aus Fernsehshows kennen würden. "Aber denen haben wir mit diesen Stöcken hier gedroht", sagt Walentina und hebt energisch ihre Hand.

"Autoritarismus, aber von unten", so nennen manche das Modell, um es zu rechtfertigen. In Wahrheit kommt der Autoritarismus durchaus von oben. Das spürt aber nur der, der sich auflehnt, und das tut hier kaum einer. Selbst die kremlloyale Opposition ist schwach. Die Kommunisten haben es nicht mal ins Gebietsparlament geschafft, und das in Russlands Kohlenpott mit seinen vielen Arbeitern.

Umso mehr haben sich die Kemerower gewundert, als 2017 die Politik zurückkehrte in ihre Stadt. Da besuchte der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny Kemerowo. Er war der Einzige, der kam, so wie er auch der Einzige ist, der überhaupt einen nennenswerten Wahlkampf in Russland geführt hat. Nawalny ist ein Fremdkörper in der russischen Politik. Er hält sich nicht an die ungeschriebenen Regeln des Kreml.

Im November sprach Nawalny auf einer Kundgebung, die zum Erstaunen der Kemerower von Hunderten besucht wurde. Die Behörden hatten die Veranstaltung nur am Stadtrand zugelassen und die Buslinien dorthin unterbrochen. "Wie seid ihr überhaupt hierhergekommen?", fragte Nawalny als Erstes. Die Menge lachte in der schützenden Dunkelheit.

Es wurde ein typischer Nawalny-Auftritt, weniger eine Rede als ein Zwiegespräch. Nawalny stellte lauter Fragen: Wie viel verdient ihr? Wie viel zahlt ihr für Heizung und Wasser? Wo ist das ganze Geld des Kusbass? Wollt ihr das alles so? Nawalny ist ein charismatischer Populist. Er kann eine Menge in seinen Bann schlagen wie niemand sonst in Russland. Und er hat dazugelernt. Sein altes Thema - die Selbstbereicherung von Putins Elite - verknüpft er jetzt mit der gewachsenen sozialen Not im Land.

Aber dann fuhr Nawalny zurück ins ferne Moskau, seine Anhänger in Kemerowo mussten allein weiterarbeiten. Sein Team ist in einem Bürogebäude im Stadtzentrum untergebracht, junge Leute gehen ein und aus und holen Flugblätter.


Im Video: "Er war sehr frech!"
Im Jahr 2000 wählten die Russen Wladimir Putin zu ihrem Präsidenten. SPIEGEL TV hat im Jahr seiner ersten Präsidentschaftswahl Zeitzeugen, Weggefährten und ehemalige Lehrer getroffen.

Xenija Pachomowa leitet den Nawalny-Stab. Sie war Jurastudentin, als dessen Film über die vielen Villen des Premierministers Dmitrij Medwedew auf YouTube Furore machte. "Da hat es in meinem Kopf klick gemacht", sagt sie. Sie sah sich Nawalny an, als er im März 2017 das Büro in Kemerowo eröffnete. Im August übernahm sie die Leitung. Es wurde eine Wende in ihrem Leben, und nicht nur in ihrem. Xenijas Mutter verlor den Job, selbst die Oma erhielt Besuch von der Polizei. Xenija selbst wurde mehrfach festgenommen, es gab Durchsuchungen. Sie erzählt davon mit einer Art frohgemuter Wut.

Für die Mutter war es schwieriger. 26 Jahre hatte sie an einer staatlichen Kunstschule gearbeitet, jetzt arbeitet sie als Verkäuferin. Natalja Pachomowa erzählt das, während die Tochter neben ihr sitzt, und es klingt so, als könnte sie immer noch nicht glauben, was ihr widerfahren ist. Es ist die Geschichte eines Erwachens.

Das Jahr 2017 hatte damit begonnen, dass Natalja ihrer Tochter einen Putin-Kalender schenkte. Sie ahnte nicht, dass Xenija kurz davor war, für Nawalny zu arbeiten. Sie wusste ja nicht einmal, wer Nawalny war. Sie war eine typische Lehrerin, "Teil des Systems", wie sie heute sagt. Zu Wahlen organisierte sie mit ihrer Schule "Konzertbrigaden", um "Stimmung zu machen", wie das hieß. Aber sie hatte nicht den Eindruck, in Unfreiheit zu leben.

Im Rückblick sieht sie das anders. "Die Politik ist in die Schulen eingedrungen", sagt sie. Man verlangte von ihr, die aufrührerische Tochter zur Vernunft zu bringen. Man entließ sie als Schuldirektorin. Kolleginnen rechtfertigten sich tränenreich für ihr Schweigen, andere brachen den Kontakt ab. Die beste Freundin hielt zu ihr, nahm aber nun die Batterie aus ihrem Handy, wenn sie sich mit Natalja traf. Natürlich wusste sie immer schon, dass die Opposition behindert wurde. "Aber das war mir egal, ich war ja für Putin. Ich war so... amorph", sagt sie.

"Unpolitisch warst du", korrigiert Xenija streng. "Ein idealer Bürger dieses Landes." Nun sind sie beide politisch engagiert, auch wenn sie manches unterschiedlich sehen.

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"Putin ist ein alternder Mann, der den Moment verpasst hat, in Würde abzutreten. Er tut mir leid", sagt Natalja.

"Putin ist ein Krake, der sich an Russland festgesaugt hat. Man muss ihn losreißen", sagt Xenija.

Im Dezember war Xenija in Moskau, um mit anderen Delegierten Nawalny offiziell zum Kandidaten zu küren. Sie versammelten sich in einem beheizten Zelt am Stadtrand, weil sie keinen Raum mieten konnten. Nawalny kam in Schlips und Anzug, an seiner Seite die Ehefrau und seine zwei Kinder. Es sollte alles so aussehen wie normale Politik in einer normalen Demokratie. Es war, als wollte Nawalny sagen: Wenn der Kreml so tut, als gäbe es Wahlen, dann tue ich eben so, als wäre ich ein Kandidat.

Aber natürlich sperrte ihn der Kreml aus. Das System Putin musste sein Monopol durchsetzen. Und so griff der Kreml zu den Instrumenten Gewalt und Täuschung: Gewalt, indem ein manipuliertes Gerichtsurteil für Nawalnys Ausschluss herhalten musste. Täuschung, weil es darum ging, die kunstvolle Imitation von Wahlen zu schützen vor der Realität, vor wahrhaftiger Opposition. Putin fürchtet dabei nicht Nawalnys Anhänger, sie sind eine Minderheit. Er fürchtet die Idee, die Nawalny in Russlands politisches System getragen hat und die dieses System wie ein Virus zerstören könnte.

Einen Tag nach der Wahl im Zelt verweigerte die Zentrale Wahlkommission dem Oppositionskandidaten offiziell die Registrierung, mit Verweis auf eine von Nawalny angefochtene Vorstrafe. Es war eine erwartbare, schmerzhafte Niederlage. Sie wurde auch dadurch nicht gemildert, dass andere Kandidaten von Nawalnys Ausschluss profitierten: Xenija Sobtschak, die liberale Fernsehjournalistin, und Pawel Grudinin, der neue Spitzenkandidat der Kommunisten, wären wohl nicht auf dem Stimmzettel gelandet, hätte der Kreml nicht Angst gehabt, dass die Wahl gar zu öde würde. Nawalny wirbt seither dafür, die Wahlen zu boykottieren. Aber viele halten den Boykott für keine glückliche Strategie. Sie spalte die Opposition, und der Effekt auf die Wahlbeteiligung werde schwer messbar sein.

Oppositionspolitiker Nawalny (2. v. r.) in Moskau: Ein Fremdkörper in der russischen Politik
AP

Oppositionspolitiker Nawalny (2. v. r.) in Moskau: Ein Fremdkörper in der russischen Politik

Putins Versprechen an seine Wähler heißt seit je: Stabilität. Es ist gewissermaßen der Kern der Marke Putin. Und verglichen mit seinem Vorgänger Boris Jelzin hat Putin das Versprechen eingehalten. Es gab keinen Staatsbankrott wie 1998 und keine Verfassungskrise wie 1993. Mit dem Ölpreis stiegen die Einkommen, und die heftige Wirtschaftskrise von 2008 hat die Führung gut abgefedert. Unter Putin ist Zukunft planbar geworden, dafür sind ihm viele Russen zutiefst dankbar.

Nur ist das Gefühl der Stabilität wieder verloren gegangen. Seitdem Putin 2012 erneut in den Kreml eingezogen ist, ist der Rubel fast auf die Hälfte seines Wertes gegenüber dem Euro gesunken. Die Realeinkommen sind vier Jahre in Folge geschrumpft. 22 Millionen Russen leben offiziell in Armut.

Der wirtschaftliche Abschwung kündigte sich schon vor der Ukrainekrise an, aber Putins Bruch mit dem Westen hat ihn verschärft. Zwischen außenpolitischen Ambitionen und innenpolitischer Stabilität dank Wirtschaftswachstum entschied sich Putin für erstere. Nicht, dass die Russen ihm das übel nehmen würden, die Krim-Annexion war überaus populär im Land.

"Er hätte sogar noch schärfer auftreten sollen. Aber ich würde mir wünschen, dass er sich ein wenig mehr um sein eigenes Land kümmert." So sagt es Galina Klimenko im Dorf Tajlep, das drei Autostunden südlich von Kemerowo liegt und aus niedrigen Holzhäusern besteht, vor denen Hunde kläffen. Galina Klimenko ist nicht die Einzige im Dorf, die den Eindruck hat, dass Putin mit seinem Kopf woanders ist, irgendwo in Syrien oder in der Weltpolitik und nicht bei ihren Problemen.

Eines Tages vor fast drei Jahren wurde gleich neben dem Dorf ein neuer Kohletagebau eröffnet, seither hören die Einwohner rund um die Uhr den Lärm von Muldenkippern und Steinbrechern. Drei- bis viermal die Woche wird gesprengt, dann rieselt in manchen Holzhäusern der Putz von der Decke. Überall setzt sich Kohlenstaub ab, sogar die Eiszapfen sind in Tajlep schwarz. Galina setzt sich bei der Hausarbeit manchmal eine Atemmaske auf.

Rentnerinnen Nilowa, Trubizyna in Kemerowo: "Wir Omas wählen alle Putin"
Denis Sinyakov/ DER SPIEGEL

Rentnerinnen Nilowa, Trubizyna in Kemerowo: "Wir Omas wählen alle Putin"

Niemand hat vor dem Tagebau gewarnt, sagt Galina, und Beschwerden hätten auch nichts geholfen. Vergangenes Jahr haben sie bei Wladimir Putins "Direktem Draht" angerufen - so heißt die Telefon-Fernsehshow, in der Putin einmal jährlich mit dem Volk spricht. Stundenlang hört er Klagen an und verspricht Hilfe. Es ist ein bisschen wie ein Anruf beim Weihnachtsmann. Aber Russland ist groß, und der Weihnachtsmann kann nicht überall eingreifen.

Der Anruf aus Tajlep blieb unbeantwortet. Stattdessen sahen Galina und ihre Nachbarinnen im Fernsehen, wie ein Junge von der Pazifikküste per Skype zugeschaltet wurde. Er klagte über Kohlenstaub, der aus dem Hafen Nachodka herüberwehe. Putin schrieb etwas in sein Notizbuch und versprach: "Andrjuscha, wir werden das mit dir zusammen anschauen."

Es war ein typischer Fernsehauftritt Putins. Egal, worum es geht, der Präsident wird im Fernsehen nie mit Problemen in Verbindung gebracht, nur mit ihrer Lösung. Er schwebt über den Dingen - schuld an nichts, fähig zu allem. Die Fernsehshow "Direkter Draht" soll das belegen. Nüchtern betrachtet zeigt sie, wie schlecht Russlands Staat funktioniert. Wo sich der Staatspräsident persönlich um den Kohlenstaub in Nachodka kümmern muss, da ist etwas gründlich schiefgelaufen.

Die Menschen aus Tajlep sind in die nächste Großstadt gefahren, um zu demonstrieren. "Wir haben aber nichts Schlimmes gerufen!", versichert Galina, als müsste sie sich rechtfertigen. Es war ein kleiner Protest - einer von Tausenden, die in Russland ständig stattfinden, sogar in Aman Tulejews Reich. Unter der Oberfläche der angeblichen Stabilität rumort es. Aber die Stimme der Bürger ist dünn und schwach.

Beim Spindoktor des Kreml in Moskau

In einem verwinkelten Hinterhof in der Moskauer Innenstadt liegt das Büro von Gleb Pawlowski. Auf dem Tisch stehen Statuetten und Figürchen, auch eine Stoffpuppe des Hausherrn ist darunter. Pawlowski ist Moskauer Politprominenz, er war einer der einflussreichsten Spindoktoren des Kreml. Heute ist er ein Kritiker jenes Systems, das er - wie er mit Scham und Stolz sagt - mitgeschaffen hat.

Pawlowski war einer von denen, die Putin vor fast zwei Jahrzehnten ins Amt hievten. "Projekt Nachfolger" nannten sie das damals in der Kremlverwaltung, es ging darum, dem todkranken und unbeliebten Boris Jelzin den Abgang zu sichern, ohne dass der neue Staat wieder auseinanderfiel. Pawlowski half, dem blassen Nachfolger eine loyale Fraktion in der Duma und ein gutes Wahlresultat zu verschaffen. Er strickte mit am Mythos des allmächtigen, einsamen Entscheiders Putin, das kam gut an bei den Wählern.

Putins Machtantritt war ein riesiger Erfolg. Erst später hat Pawlowski verstanden, was er da angerichtet hat. Er klingt heute wie ein Mechaniker, der zu spät feststellt, dass er aus Versehen die Bremsen eines Autos ausgebaut hat. Eigenständige Gouverneure, rebellische Kommunisten im Parlament, kritische Fernsehkanäle - alle möglichen Hindernisse wurden nach und nach beseitigt. Jetzt rollt das System ohne Widerstand, und das ist beängstigend.

Putin-Gegnerinnen Pachomowa in Kemerowo: "Er ist ein Krake, man muss ihn losreißen"
Denis Sinyakov/ DER SPIEGEL

Putin-Gegnerinnen Pachomowa in Kemerowo: "Er ist ein Krake, man muss ihn losreißen"

Nach zwei Amtszeiten war Putins Autorität bereits so groß, dass ein bloßer Fingerzeig von ihm genügte, um die Russen den uncharismatischen Premierminister Dmitrij Medwedew zum Präsidenten wählen zu lassen. Was beim Übergang von Jelzin zu Putin nur mit Mühe gelang, die reibungslose Nachfolge, stellte sich acht Jahre später als kinderleicht heraus. Das allerdings war nur der Schein. Tatsächlich war Putin gar nicht abgetreten.

Eines Tages im Frühjahr 2011 funktionierte Pawlowskis Einlasskarte in den Kreml nicht mehr. Selbst die Wachen dachten zuerst, es handle sich um ein technisches Problem. Aber es war das Zeichen, dass Pawlowski bei Putin in Ungnade gefallen war. Der Grund: Pawlowski hatte sich öffentlich dafür ausgesprochen, Medwedew solle für eine zweite Amtszeit kandidieren. Putin, der 2008 ins Amt des Premiers gewechselt war, wollte aber selbst in den Kreml zurück. Er witterte eine Verschwörung Medwedews und hielt Pawlowskis Äußerungen für eines der Indizien.

Der Putin von 2012 war ein anderer geworden. Er war verunsichert von den Straßenprotesten, die seine Rückkehr in den Kreml ausgelöst hatte. Waren die Russen seiner müde? Und er war umso gerührter, als er mit seinen Anhängern den Wahlsieg feierte. Sogar eine Träne lief ihm über die Wange. Fortan wurden die Gegner des Kreml zum inneren Feind erklärt. Sie waren die fünfte Kolonne eines missgünstigen und kulturell fremden Westens, "Nationalverräter", "ausländische Agenten" - kurz, vogelfrei. Haftstrafen gegen politische Aktivisten, bisher selten, wurden häufiger.

Mitten in Moskau, unweit des Kreml, wurde im Februar 2015 der Oppositionspolitiker Boris Nemzow erschossen - ein Mord, von dem sich Putin zwar distanzierte, aber der nie vollständig aufgeklärt wurde, auch wenn man später Tschetschenen als Täter verurteilte. In wessen Auftrag sie handelten, wurde nie genau ermittelt.

Nach außen hin hatte Putins System seine bisher größte Erschütterung unbeschadet überstanden. Aber es hatte sich von Grund auf verändert. Es war repressiver, populistischer geworden. Nur zwei Jahre später kamen die Annexion der Krim hinzu, der Kriegseinsatz im Donbass, der offene Bruch mit dem Westen. Putin, der oft so vorsichtig und zögerlich wirkt, hatte diesmal die russische Außenpolitik über den Haufen geworfen, und die Nation war ihm dankbar. Seine Zustimmungswerte schnellten in die Höhe. Auf einmal gab es überall Putin-T-Shirts zu kaufen, lauter patriotischen Klimbim mit bizarren Aufdrucken wie: "Sanktionen? Da lachen ja meine Iskander-Raketen". Es war keine vorgetäuschte, es war echte Begeisterung.

Neubauprojekt Skolkowo: Der gescheiterte Plan eines modernen Landes
Denis Sinyakov/ DER SPIEGEL

Neubauprojekt Skolkowo: Der gescheiterte Plan eines modernen Landes

Und die risikofreudige Außenpolitik ging weiter, mit dem völlig unerwarteten Syrieneinsatz. Der war zwar unter den Russen nicht populär, weil ihnen Syrien fremd und fern schien. Aber er zeigte zum ersten Mal nach vielen Jahren ein Russland, das auf Augenhöhe mit den Vereinigten Staaten handelte. Es war, als sähe die Nation sich selbst plötzlich mit anderen Augen. Das Wir-sind-wieder-wer-Gefühl lenkte ab von den Missständen im Land, es entschädigte für die vielen kleinen Demütigungen, die die Russen im Alltag erfahren. "Russland hat sich von den Knien erhoben", so hieß es nun.

Das Tauschgeschäft, auf dem Putins Herrschaft seit je beruht, hat sich seither verändert. Für ihre Entmündigung erhalten die Russen jetzt mehr nationale Größe, aber weniger Stabilität und Wohlstand. Russlands Wirtschaft stagniert, weil Reformen fehlen, weil zu wenig in Innovation und Bildung investiert wird. Aber kann Russland sich modernisieren, wenn es sich vom Westen abschneidet und auf unmündige Bürger setzt?

Das missglückte Silicon Valley in Skolkowo

Holzhäuser im Dorf Tajlep: Dreimal die Woche rieselt der Putz von der Decke
Denis Sinyakov/ DER SPIEGEL

Holzhäuser im Dorf Tajlep: Dreimal die Woche rieselt der Putz von der Decke

Im Südwesten Moskaus kann man den Versuch besichtigen, ein anderes Russland zu errichten. Eines, das die Welt zu sich einlädt und nicht Bodenschätze über das Wohl seiner Bürger stellt wie im Kusbass, sondern das in den Menschen die Ressource sieht, die es zu fördern gilt.

Das "Silicon Valley" von Russland, so hatte es Dmitrij Medwedew einst als Präsident verkündet, solle in Skolkowo entstehen. Es war sein Lieblingsprojekt. Im Rückblick steht es für ein modernes Russland, ein Land, wie es hätte werden können.

Auch acht Jahre nach seiner Gründung sieht Skolkowo aus wie eine riesige Baustelle im Schnee. Immerhin sind jetzt die Umrisse deutlich zu sehen. Die neue Elite-Uni Skoltech - unterrichtet wird auf Englisch - erhält zum Herbst ihren neuen Campus, einen holzverkleideten Rundbau der Basler Architekten Herzog & de Meuron. Es gibt schicke Townhouse-Siedlungen und bald eine neue U-Bahn-Station. Das Herz des Projekts, der "Technopark", sieht aus wie eine riesige Shoppingmall, nur dass statt Läden Start-ups in den Flügeln sitzen.

So bauen bei "Tryfit" junge Männer Fußscanner für die Sportschuhindustrie. Der Start-up-Gründer hat in Russland und Irland studiert, lebt im kalifornischen Silicon Valley und pendelt nach Skolkowo, die Firma ist in Dublin registriert. Es ist ein Geschäftsmodell, das nur funktioniert, wenn Russland und der Westen füreinander offen bleiben. Aber der Machtwechsel im Kreml und die Entfremdung mit dem Westen haben Skolkowo nicht gutgetan.

Nichts zeigt das besser als das Schicksal der beiden Männer, die am Ursprung des Projekts stehen. Sein Inspirator, der Politiker Ilja Ponomarjow, musste Russland verlassen, weil er beim Kreml in Ungnade gefallen war. Skolkowo sei zur Imitation verkommen, sagt er über Skype - mit moderner Architektur, aber wenig echten Unternehmen. Es diene als Sprungbrett für Leute, die ins Ausland abwandern wollten. Ponomarjow lebt jetzt in Kiew, er kann nicht mehr nach Russland einreisen. Der einstige Betreuer des Skolkowo-Projekts in der Kremlverwaltung, Wladislaw Surkow, hat das umgekehrte Problem. Er steht auf den Sanktionslisten des Westens.

Es ist Putins Tragik, dass er beim Versuch, seine Herrschaft zu konservieren, ständig alternative Entwicklungen abschneiden und Neues zerstören muss, wie ein rabiater Gärtner, der seine Blumenbeete verteidigt. Er entmündigt so nicht nur die Opposition, sondern auch seine treuesten Anhänger. Er hat mit dieser Strategie auch die wichtigste aller Entwicklungen abgeschnitten, die Russland zwangsläufig nehmen muss - die Entwicklung zu einem Russland nach Putin. Der Präsident müsste jetzt schon anfangen, seine Nachfolge zu regeln, wenn er 2024 nicht mehr antreten kann. Aber es scheint, als hielte er sich für unersetzlich. Es ist ungewiss, welchen Weg er wählen wird: ob er kurz vor der nächsten Wahl einen Nachfolger aus dem Hut zaubert. Ob er die Verfassung ändert, um die Begrenzung der Amtszeiten aufzuheben, ob er sich ein neues hohes Amt im Staate basteln lässt.

Gewiss aber ist, dass sich die Gesellschaft verändert hat. Nichts zeigt das besser als die Wahlkampagne von Nawalny - das erfolgreichste Start-up-Projekt in der russischen Politik seit zwei Jahrzehnten. Nawalny hat die russische Politik modernisiert, indem er sie dem Monopol des Kreml entrissen hat. Er hat den Machtkampf, der bisher hinter dessen Mauern stattfand, zurückverlagert auf die Straße.

Er ist vorerst gescheitert mit seinem Versuch, vom Kreml als Politiker anerkannt zu werden. Aber gesiegt hat schon jetzt das Prinzip, für das er steht: Zum System Putin, in dem ein informeller Klub von 50 Leuten unter Putins Leitung über Russlands Schicksal entscheidet, gibt es Alternativen.



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