AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Kult-Auto Lada Anschnallen, die Russen kommen 

Die Automarke Lada galt als Sowjetrelikt. Doch das neue Modell soll auch westlichen Ansprüchen genügen. Was taugt der Billig-Russe wirklich?

Neues Lada-Modell Vesta, Testfahrer Putin: "In 500 Metern es gibt eine Radarkontrolle"
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Neues Lada-Modell Vesta, Testfahrer Putin: "In 500 Metern es gibt eine Radarkontrolle"

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Jede Regierung kann mal Ärger mit der heimischen Autoindustrie bekommen. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin ist hier nicht frei von Sorgen. Ihm geht es aber nicht etwa um die Abschaffung des Verbrennungsmotors; eher darum, dessen Produktion überhaupt wieder richtig in Gang zu kriegen. Lada, Russlands größter und einzig nennenswerter Autoproduzent, ist ein ewiger Krisenfall.

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Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Doch es gibt Hoffnung: Die öffentliche Testfahrt des erkennbar zufriedenen Präsidenten mit einem der ersten Exemplare des Lada Vesta im Herbst 2015 wurde ein kleiner Quotenhit bei YouTube. Der Vorgang mochte ein wenig an planwirtschaftliche Propaganda erinnern, doch das Produkt ließ wohl erkennen, dass hier eine neue Ära beginnt.

Als die ersten Exemplare des Vesta im Frühjahr in den deutschen Handel kamen, schrieb das Branchenblatt "Kfz-Betrieb" von einem "Schockerlebnis". Das Fahrzeug habe ein "deutlich sichtbares Automobildesign". Im Übrigen stand da ein durchweg moderner Mittelklassewagen für 12.740 Euro, mit einigen Schwächen noch, aber besser verarbeitet und ausgestattet als je ein Lada zuvor.

Was wundersam anmutet, ist die zwangsläufige Konsequenz einer globalen Entwicklung, von der Lada eben nur sehr spät erfasst wurde: die beginnende Sanierung durch einen westlichen Konzern. Renault/Nissan ist schrittweise eingestiegen und nun dabei, den Industriekoloss aus der Verkrustung seiner sowjetischen Erbmasse herauszusprengen.

Der französisch-japanische Konzernverbund hat bereits die rumänische Gruselmarke Dacia erfolgreich in die Moderne geführt, scheint also durchaus qualifiziert für eine solche Operation. Aber der Fall ist doch ein wenig delikater: Dacia war einst außerhalb der Länder des Warschauer Pakts nahezu unbekannt - Lada dagegen Kult.

Strömungsgünstig wie ein Schuhkarton

Die Produkte aus Togliatti, zunächst robuste Fiat-Klone aus einer von dem italienischen Hersteller ans Wolgaufer gepflanzten Retortenfabrik, fanden bald nach dem Produktionsstart 1971 Vertriebswege nach Westeuropa. Luxusverweigerer mit mehr oder weniger politischen Motiven entdeckten den knorrigen Zauber der unschlagbar günstigen "Russen-Fiats".

Hinzu kamen ein beinharter Geländewagen, lange bevor die Schickeria den Allradantrieb entdeckte, und eine Werbekampagne, mit der sich der Importeur kunstreich im eigenen Spott suhlte. Unvergessen bleibt die Anzeige mit dem Lada-Werker, der mit einem Haarföhn gegen den Frontgrill pustet, darunter der Verweis auf die vortreffliche Aerodynamik. Das Auto war so strömungsgünstig wie ein Schuhkarton.

"Ironie wird heute nicht mehr angenommen", sagt Dieter Trzaska, Chef der Lada Automobile GmbH in Buxtehude. Trzaska ist ein kauziger Geschäftsmann; er empfängt in einem signalgrünen Hemd, das noch aus volkseigener Textilfertigung stammen könnte, und spricht Klartext in zartem Ruhrpottakzent. In den Siebzigern hat er als Verkäufer bei Lada begonnen und die ganze Reise mitgemacht: den verrückten Boom nach der Grenzöffnung, als die befreiten DDR-Bürger massenhaft Ladas orderten, dann den Absturz und die lange Misere.

Die kleine Importfirma überlebte in einer Art Notbiwak improvisierten Marketings. Als einzige Trumpfkarte im Modellspektrum blieb der Geländewagen Niva von 1976, den das Werk als ewigen Klassiker weiterproduziert, auch wenn er jetzt Taiga oder Urban heißt. Der Name Niva ging an General Motors verloren - im Rahmen einer fruchtlosen Kooperation des US-Konzerns mit dem russischen Produzenten.

Mit dem Vesta beginnt jetzt eine problembeladene Zeitenwende. Renault wird in Deutschland nicht den Vertrieb übernehmen, da schon die konzerneigene Billigmarke Dacia im Händlernetz präsent und gut etabliert ist - Ladas härtester Konkurrent.

Die Händlerschaft der russischen Marke lebt noch im Wesentlichen vom Kultmobil Niva; der Vesta tritt in der Preisklasse von Dacia an, ist aber, bei Licht betrachtet, noch nicht so gut: Die Schaltautomatik macht unerfreulich lange Pausen zwischen den Gangwechseln, die Kunststoffe riechen noch immer leicht nach Ölraffinerie, und es gab Klagen über ein etwas kryptisches Navigationssystem, dem in der Eile der Markteinführung die westlichen Idiome nicht klar genug beigebracht worden waren. Es sagte anfangs "sechzigfünf" statt "fünfundsechzig" und warnt vor Blitzern noch immer mit dem Satz: "In 500 Metern es gibt eine Radarkontrolle."

Lada-Liebhaber der alten Schule mögen das als charmant empfinden. Doch es geht jetzt darum, Menschen zu gewinnen, deren Einstellung zum Auto nicht von Humor geprägt ist. In diesem Jahr will die Lada Automobile GmbH mindestens 3000 Neuwagen absetzen, knapp 2000 werden noch Exemplare des musealen Allradmobils sein.

Erst mit der neuen Kombivariante dürfte der Vesta 2018 das dominierende Modell werden, schätzt Trzaska. Der 72-Jährige hatte sich einmal vorgenommen, die Geschäftsführung erst abzugeben, wenn Lada in Deutschland mehr als 12.000 Autos im Jahr verkauft. "Aber das", sagt er, "werde ich wohl nicht mehr miterleben."

"Die Russen-Fiats": Der russische Autobauer Lada versucht mit seinen neuen Modellen, an internationale Standards anzuknüpfen. Gelingt das? SPIEGEL-Autoexperte Christian Wüst unternimmt eine Testfahrt - sein Urteil im Video.

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