AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2017

Doping-Kronzeuge Grigorij Rodtschenkow "Putin wird mich töten"

Dopingexperte Grigorij Rodtschenkow verhalf Russland zu Hunderten Medaillen. Doch seit der Betrug aufflog und er auspackte, ist er auf der Flucht - aus Angst vor Vergeltung.

Filmemacher Rodtschenkow bei Dopingselbsttest
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Filmemacher Rodtschenkow bei Dopingselbsttest

Von und


Grigorij Rodtschenkows Leben als Flüchtling begann am 17. November 2015. An diesem Tag landete er auf dem International Airport in Los Angeles, er trug Jeans und ein blaues Shirt, er zog einen schwarzen Rollkoffer hinter sich her. Er war mit einer Maschine aus Moskau gekommen, über Nacht hatte er Russland verlassen müssen. Aus Angst, vom Geheimdienst umgebracht zu werden.

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Heft 35/2017
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Ein paar Meter hinter der Passkontrolle warf Rodtschenkow die Arme in die Höhe, er rief: "Ich lebe noch!" Dann fiel er Bryan Fogel um den Hals, dem Mann, der ihm bei der Flucht geholfen hatte.

Rodtschenkow kramte in seinem Koffer, er zog eine Festplatte heraus und gab sie Fogel. "Was ist das?", fragte Fogel. "Mach dir keine Gedanken darüber", sagte Rodtschenkow, "versteck das Ding einfach an einem sicheren Ort."

Auf der Festplatte befanden sich Dokumente, Tabellen und E-Mails. Es waren die Beweise, dass Russland in den vergangenen Jahren eines der effektivsten Dopingsysteme der Sportgeschichte aufgezogen hat, gelenkt von der Regierung, ausgeführt von Rodtschenkow. Nach seiner Landung in Los Angeles war er bereit, der Welt davon zu erzählen.

Die Ankunft am Flughafen ist Teil eines Dokumentarfilms über Grigorij Rodtschenkow, den der US-Amerikaner Bryan Fogel gedreht hat. Er trägt den Titel "Ikarus" und läuft bei Netflix. Es sind 121 Minuten, die von den Abgründen des Sports handeln, von Medaillen und Urin, von Intrigen, Flucht und Verfolgung.

Zu Beginn des Films taucht ein Satz von George Orwell auf: "In Zeiten, da Täuschung und Lüge allgegenwärtig sind, ist das Aussprechen der Wahrheit ein revolutionärer Akt."

Grigorij Michailowitsch Rodtschenkow, 58, ist Doktor der Chemie. Er war zehn Jahre lang Chef des Dopingkontrolllabors in Moskau. Er arbeitete für die Wada, die Welt-Anti-Doping-Agentur, die als Dachorganisation den Kampf gegen die dunkle Seite des Sports organisiert.

Sportler Rodtschenkow beim Mittelstreckelauf um 1980
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Sportler Rodtschenkow beim Mittelstreckelauf um 1980

Das Labor in Moskau ist eines von 34, die im Auftrag der Wada Dopingtests analysieren. Jedes Jahr untersuchen Wissenschaftler weltweit über 300.000 Proben von Sportlern. In jedem Labor lautet ihr Auftrag gleich: den Urin und das Blut der Athleten zu testen, Betrüger zu schnappen. Rodtschenkow tat das Gegenteil, er war der Kopf eines Betrugskartells, er war Regelhüter und Verbrecher zugleich.

Die Geschichte des Dopings ist auch eine Geschichte der Hintermänner - Ärzte, Manager und Betreuer, die die Mittel besorgen und lukrative Geschäfte damit machen.

Victor Conte verteilte in Kalifornien Designersteroide an Baseballspieler und Sprinter. Eufemiano Fuentes panschte in Madrid das Blut von Radprofis. Der Sportbetrug ist reich an schillernden Figuren. Doch sie alle verblassen neben Rodtschenkow, der das Doping eines ganzen Landes organisierte, der ein System aufbaute, das vermutlich noch immer Hunderten Spitzensportlern die Chance gibt, unentdeckt alles Mögliche zu schlucken und zu spritzen.

Seine Biografie steht für die Ohnmacht des Sports im Kampf gegen Trickser und Lügner, seine Geschichte ist der Beleg dafür, dass das Antidopingsystem gescheitert ist. Sie handelt von einem Wissenschaftler mit wirren Haaren und Silberblick, der erst Russlands Sieger machte und dann zum Staatsfeind wurde.

Fogel im Interview mit rodtschenkow in Los Angeles 2015
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Fogel im Interview mit rodtschenkow in Los Angeles 2015

Rodtschenkow selbst kann nicht sprechen. Als Russlands Dopingprogramm aufflog, flüchtete er nach Amerika. Das US-Justizministerium hat ihn in Schutzgewahrsam genommen. Rodtschenkow hält sich irgendwo in den USA versteckt. Selbst seine Familie hat keinen Kontakt zu ihm.

Man kann sich aber auf seine Spuren begeben, mit Weggefährten und Kollegen von ihm sprechen und in Berichten der Wada lesen, was Sonderermittler zu ihm herausgefunden haben. Man kann sich die Dokumentation über ihn ansehen und den Regisseur Bryan Fogel treffen.

Am Tag nach einer Filmvorführung im Juni nimmt Fogel in einem Londoner Hotel Platz. Der Filmemacher aus Los Angeles begleitete Rodtschenkow monatelang mit der Kamera, er half ihm bei der Flucht, er war sein Beschützer, sein Sprecher, sein Assistent bei den Enthüllungen. "Es war die verrückteste Zeit meines Lebens", sagt Fogel. Man sieht es seinen Augen an, sie sind rot unterlaufen.

2014 begann Fogel sein Filmprojekt, es sollte zunächst um ihn selbst gehen: Fogel ist Amateurradfahrer, er wollte sich vor der Kamera dopen und dokumentieren, wie sich seine Leistung bei den Rennen verbessert. Er bekam den Tipp, dass der Moskauer Laborchef Rodtschenkow genau der Richtige sei, um ihn dabei zu beraten. Fogel fragte ihn, ob er interessiert sei. Rodtschenkow war begeistert.

Rodtschenkow, Fogel bei der Auswertung von Fogels Urinproben
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Rodtschenkow, Fogel bei der Auswertung von Fogels Urinproben

Die beiden sprachen fortan regelmäßig über Skype miteinander. Rodtschenkow erklärte Fogel, welche Substanzen er nehmen müsse, woher er sie bekommen könne, wie sie zu lagern seien.

In London sagt Fogel, dass er sich am Anfang gewundert habe: "Ich dachte: Hey, dieser Typ ist eigentlich für das Antidopingsystem in Russland zuständig, und mich leitet er zum Dopen an? Das ist Wahnsinn, hoffentlich verliert er nicht seinen Job deswegen." In Fogels Film sieht man, wie er sich in seiner Küche in Los Angeles Epo spritzt, dazu Testosteron und Wachstumshormon.

Im Sommer 2015 lud der Chemiker den Regisseur nach Moskau ein, Rodtschenkow zeigte Fogel sein Labor. Es liegt im Osten Moskaus, auf einem eingezäunten Gelände. Sie tranken Wodka, feierten, tanzten und freundeten sich an. Zur gleichen Zeit ermittelte die Wada gegen Russland, die ARD hatte Ende 2014 über den Dopingalltag in der russischen Leichtathletik berichtet. "Grigorij dachte damals noch, dass alles unter den Teppich gekehrt werden würde. So wie immer. Er war ziemlich entspannt", erzählt Fogel.

Das änderte sich am 9. November 2015; an diesem Tag gab die Wada in Genf eine Pressekonferenz. Das Dopingproblem in Russland sei "schlimmer als gedacht", sagte der Wada-Ermittler Richard Pound. Das Moskauer Labor müsse suspendiert, sein Chef entlassen werden.

Rodtschenkow meldete sich noch am selben Abend bei seinem Kumpel in Los Angeles. Fogel fragte: "Musst du jetzt ins Gefängnis? Bist du in Gefahr?" Rodtschenkow antwortete: "Ja, ich bin in Gefahr, aber es geht hier nicht ums Gefängnis. Ich bin der einzige Mensch, der die Olympischen Spiele erledigen kann. Ich bin der einzige Mensch, der Russland erledigen kann. Ich bin der einzige Mensch, der die Wada erledigen kann. Und jetzt werden sie kommen und mich erledigen."

In diesem Moment entschied Fogel, einen neuen Film zu drehen. Mit einer neuen Hauptfigur: Rodtschenkow.

Als Student war Grigorij Rodtschenkow Läufer, er startete für das Team der Universität in Moskau. Er lief 1500 und 5000 Meter. Und er dopte, mit Stanozolol, einem anabolen Steroid. Er studierte Chemie. Rodtschenkow war fasziniert davon, wie Medikamente den Menschen robuster, leistungsfähiger machen können. Deswegen fing er neben dem Studium als Mitarbeiter im Antidopinglabor in Moskau an. Vor ein paar Jahren sagte er in einem Interview, er probiere "fast die ganze Liste der verbotenen Mittel" an sich selbst aus. Die Experimente seien wichtig für seine Arbeit als Dopingexperte.

2005 stieg er zum Chef des Labors auf. Gleichzeitig wurde er Mitarbeiter beim russischen Geheimdienst FSB, den er regelmäßig über die Abläufe im Labor informieren musste. Rodtschenkow trug den Decknamen "Kuts", es war der Beginn eines Doppellebens.

Kontrolllaborchef Rodtschenkow in seinem Büro in Moskau 2015
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Kontrolllaborchef Rodtschenkow in seinem Büro in Moskau 2015

Außerhalb Russlands trat er als engagierter Dopinggegner auf. Er sprach auf Wada-Konferenzen in Deutschland und in den USA, veröffentlichte Beiträge in renommierten Wissenschaftsmagazinen. Kollegen aus anderen Labors waren beeindruckt von seiner Fachkompetenz.

Rodtschenkow entwickelte ein Verfahren, das im Kampf gegen Doping als große Errungenschaft gilt: Bis vor ein paar Jahren waren Steroide im Urin von Athleten nur für wenige Tage nachweisbar. Rodtschenkow erfand einen Test, mit dem die Analytiker Sportler bis zu sechs Monate lang erwischen konnten.

Viele Athleten, die bei den Olympischen Spielen 2008 und 2012 gestartet sind, wurden daraufhin bei Nachtests erwischt. Manche mussten ihre Medaille zurückgeben. Man kann sagen, Rodtschenkow hat den Antidopingkampf vorangebracht. Es war aber auch Teil seiner Tarnung.

Zu Hause in Moskau war Rodtschenkow ein korrupter Dopingdealer. Zusammen mit seiner Schwester Marina verkaufte er verbotene Medikamente an russische Sportler: Testosteron, Oxandrolon und Methandienone. Wenn die Sportler nach Wettkämpfen positiv getestet wurden, ließ Rodtschenkow die Proben in seinem Labor verschwinden. Er kassierte pro Sportler 30.000 Rubel, damals rund 800 Euro.

Die Geschäfte liefen gut für Rodtschenkow. Bis zum Frühjahr 2011, als ihm die russische Antidopingbehörde auf die Schliche kam. Er wurde verhaftet, seine Wohnung durchsucht. Seine Schwester wurde zu anderthalb Jahren Haft verurteilt. Die Vorwürfe gegen Rodtschenkow ließen die Behörden jedoch fallen, er durfte sogar als Laborchef weitermachen.

In Fogels Film sagt er: "Anstatt ins Gefängnis zu gehen, sollte ich Russlands Erfolg bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi vorbereiten. Von oben wurde mir gesagt: Du bist dafür zuständig, dass wir um jeden Preis gewinnen, das wird deine Wiedergutmachung sein."

Aus dem Chemiker im Laborkittel wurde offenbar ein Diener der Mächtigen, in einem System, das an die Mafia erinnert. Rodtschenkow soll von der Regierung die Order bekommen haben, Russland zu dopen. Sein Ziel: olympische Medaillen.

Dopingpräparat Stanozolol
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Dopingpräparat Stanozolol

Ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen in Sotschi begannen die Vorbereitungen für das Dopingprogramm. Der erste Teil von Rodtschenkows Plan bestand darin, das passende Dopingmittel zu finden. Er hatte sich ein großes Wissen über die Wirkung von Steroiden angeeignet. Er mixte Mikrodosen von Trenbolon, Oxandrolon und Methasteron, löste jeweils ein Milligramm der Steroide in einem Milliliter Alkohol auf. Seinen Cocktail benannte er nach einem bekannten russischen Getränk: Herzogin.

Auch der Geschmack war ihm wichtig. Für die Männer mischte er die Präparate mit Whiskey, für die Frauen mit Wermut. Im Wada-Bericht steht: "Die Sportler spülten mit der Lösung und spuckten sie wieder aus, die Substanzen sollten über die Mundschleimhaut absorbiert werden. Doktor Rodtschenkows Forschungen hatten ergeben, dass die Mittel so höchstens drei bis fünf Tage nachweisbar sind."

Rodtschenkows Cocktail ging offenbar an russische Sportler, die bei den Spielen 2012 in London starteten, an Leichtathleten vor der Weltmeisterschaft 2013 in Moskau, an Teilnehmer der Winterspiele 2014 in Sotschi.

Es gibt genaue Regeln, was zu tun ist, wenn ein Sportler positiv getestet wird. Sie sind im Antidopingcode festgehalten, den alle Sportverbände der Welt anerkennen. Die Wada muss in diesem Fall über das Testergebnis informiert werden, der zuständige Verband muss ein Verfahren gegen den Sportler eröffnen.

Rodtschenkow pfiff auf die Regeln. Die Wada-Funktionäre in Montreal waren weit weg, seine wahren Chefs saßen in Moskau. Seit 2011 meldete Rodtschenkow positive Tests per E-Mail an Jurij Nagorny, der damals Russlands Vizesportminister war. Nagorny wiederum teilte ihm mit, ob der betroffene Sportler gesperrt werden sollte oder nicht. Das belegen E-Mails zwischen den beiden, die Rodtschenkow der Wada übergeben hat.

Gedopte Russen hatten wenig zu befürchten. Tauchte im Labor ein positiver Test auf, wurde Rodtschenkow angewiesen, ihn in der entsprechenden Wada-Datenbank als negativ zu melden. Die Methode funktionierte jahrelang perfekt, weil Rodtschenkow alles in Personalunion war: Täter, Kontrolleur und Richter.

In seinem Dokumentarfilm führt Fogel ein Interview mit Rodtschenkow: "Wie viele Russen waren bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking gedopt?", fragt Fogel. Rodtschenkow: "30 Prozent." Fogel: "Und wie viele waren es bei den Olympischen Spielen 2012 in London?" Rodtschenkow: "Gut die Hälfte."

Für Sotschi, so berichtet es Rodtschenkow, sollte das Programm nochmals ausgeweitet werden. Denn bei Olympischen Spielen können positive Proben nicht einfach als negative ausgegeben werden. Bei Olympia sind internationale Experten im Einsatz, die die Analysen im Labor überwachen.

Teil zwei von Rodtschenkows Plan bestand deswegen darin, die positiven Urinproben der Sportler zu manipulieren, und zwar noch bevor sie im Labor analysiert werden.

In den Monaten vor den Winterspielen in Sotschi ging Rodtschenkow einmal pro Woche ins Sportministerium, um die Details des Konzepts zu besprechen. So erzählte er es Fogel nach seiner Flucht. Auch Russlands damaliger Sportminister Witalij Mutko sei involviert gewesen, genauso wie Agenten des FSB.

In Sotschi sollten die Dopingproben vor Ort analysiert werden. Rodtschenkow kümmerte sich um die Baupläne für das entsprechende Kontrolllabor. Er entschied, wo Türen eingebaut und Überwachungskameras montiert wurden. Und wo nicht.

Kurz nach Mitternacht schlich er sich in eine Abstellkammer, die an das Labor grenzte. Ein Mitarbeiter im Innern des Labors sammelte die Fläschchen ein, in denen sich die Urinproben der russischen Athleten befanden. Er reichte sie Rodtschenkow in den Nebenraum. Die Männer händigten sich die Fläschchen durch ein Loch in der Laborwand aus. Tagsüber wurde es von einer Vitrine verdeckt. So erzählt es Rodtschenkow.

Bordkarte von Rodtschenkows Fluchtflug aus Russland in die USA
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Bordkarte von Rodtschenkows Fluchtflug aus Russland in die USA

Ein FSB-Mitarbeiter habe sich die versiegelten Fläschchen gegriffen. Er öffnete sie mit speziellen Werkzeugen, damit die Deckel nicht zerstört wurden und später wieder daraufgeschraubt werden konnten. Rodtschenkow schüttete den Urin in eine Toilette, säuberte die Fläschchen, dann füllte er sie mit altem Urin auf, den er von den Sportlern ein paar Monate zuvor gesammelt hatte. Ihren Urin hatte er in Sprudelflaschen gelagert.

Bei jeder Dopingkontrolle wird die Menge, das Gewicht und die Farbe des Urins in einem Formular festgehalten. Rodtschenkow füllte Salz oder Wasser in die Fläschchen, um den ausgetauschten Urin schwerer oder leichter, dunkler oder heller zu machen. Er schraubte die Deckel wieder auf die Fläschchen, gab sie durch das Loch zurück ins Labor.

Er arbeitete wie am Fließband, nur für eine Zigarette gönnte er sich zwischendurch Pausen. Am nächsten Morgen konnten die Dopinganalysen im Labor beginnen, die russischen Sportler hatten nichts mehr zu befürchten.

33 Medaillen gewann Russland in Sotschi, so viele wie keine andere Nation. Die Dopingtests der russischen Sportler waren alle negativ.

Im Januar 2015 lud die Regierung Rodtschenkow ins Sportmuseum in Moskau ein, bei einer Feier bekam er den Orden der Freundschaft angesteckt. Für seinen "herausragenden Beitrag zu Russlands Erfolg bei den Winterspielen in Sotschi", wie es in der Dankesrede hieß.

Rodtschenkows Zeit als Moskauer Laborchef endete im November 2015, kurz nachdem die Wada ihre ersten Ermittlungsergebnisse veröffentlicht hatte. Zum ersten Mal wurde der Vorwurf laut, dass in Russland ein umfassendes Dopingsystem existiere. Die Wada beschuldigte Rodtschenkow, mehr als 1400 Proben in seinem Labor vernichtet zu haben, um Spuren zu verwischen.

Im Film erzählt Rodtschenkow, dass er damals zu Mutko zitiert worden sei. "Können Sie zurücktreten?", habe der Sportminister gefragt.

Rodtschenkow räumte seinen Schreibtisch im Labor, die Daten auf seinem Computer kopierte er noch schnell auf eine Festplatte. Die folgenden Tage musste er in seiner Wohnung in Moskau verbringen, FSB-Agenten bewachten ihn und seine Frau.

Putin trat im russischen Fernsehen auf. Staatlich verordnetes Doping? Alles Lüge, verkündete der Präsident. Man werde eigene Untersuchungen einleiten. Sollte jemand Regeln verletzt haben, werde er "individuell bestraft". Rodtschenkow ahnte, dass er gemeint war.

Fogel erzählt: "Ein Freund von Grigorij, der beim FSB arbeitet, verriet ihm, dass man ihn beseitigen wolle. Es sollte wie Selbstmord aussehen." Rodtschenkow verstand, dass er das Bauernopfer sein sollte. Er rief Fogel an: "Ich muss hier raus, kannst du mir helfen?"

Fogel bezahlte das Flugticket von Moskau nach Los Angeles. "Er konnte das nicht auf seine Kreditkarte nehmen", sagt Fogel, "das wäre auffällig gewesen." Rodtschenkow packte Klamotten in seinen Koffer, dazu die Festplatte. Er besaß noch ein gültiges Visum für die USA, da er dort ein paar Monate zuvor einen Vortrag gehalten hatte. So gelang ihm die Flucht.

Fogel besorgte Rodtschenkow eine Wohnung in Los Angeles, ein Auto und einen Anwalt. Ein paar Wochen nach der Flucht ging die Nachricht vom Tod zweier russischer Sportfunktionäre um die Welt. Wjatscheslaw Sinew und Nikita Kamajew waren kurz nacheinander gestorben. Sie hatten mehrere Jahre lang die russische Antidopingagentur geleitet.

Man sieht in Fogels Film den Moment, in dem Rodtschenkow davon erfährt: Er sitzt in seiner Wohnung in Los Angeles und sieht im Fernsehen die Berichte über die verstorbenen Kollegen. Kamajew soll an einem Enthüllungsbuch gearbeitet haben, sagt Rodtschenkow. Und: "Es ist in Russland gefährlich, Bücher zu schreiben."

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Fogel sagt: "Wir haben gemerkt, dass es für Grigorij nur eine Chance gab, sich zu retten: Er musste als Whistleblower alles öffentlich machen, bevor er umgebracht werden konnte." In dem Film gibt es eine Szene, Rodtschenkow läuft nervös durch einen Raum und ruft: "Putin wird mich töten!"

Rodtschenkow und Fogel ordneten die Dokumente auf der Festplatte, die Rodtschenkow mitgebracht hatte. Namenslisten von russischen Sportlern, E-Mails mit Anweisungen aus dem Ministerium, Tabellen mit den Codes von Dopingproben. Im Mai 2016 packte Rodtschenkow in der "New York Times" aus, über die langen Nächte in Sotschi und den ausgetauschten Urin. Er sagte, dass er bei den Winterspielen insgesamt rund hundert Proben von russischen Sportlern manipuliert habe.

In Moskau reagierte Putin auf einer Pressekonferenz, in der er Rodtschenkow als "Schurken" bezeichnete, der "vom Ausland gelenkt" werde und "erfundene Geschichten" erzähle. Russische Behörden befragten Rodtschenkows Frau, seine Kinder. Ihre Pässe wurden konfisziert, Rodtschenkows Datscha beschlagnahmt.

Im Juli 2016 entschied die US-Regierung, Rodtschenkow in Schutzgewahrsam zu nehmen. Die Behörden gingen davon aus, dass sein Leben in Gefahr war, er sollte an einen geheimen Ort gebracht werden. Am Ende von Fogels Dokumentation telefoniert Rodtschenkow ein letztes Mal mit seiner Familie in Moskau. Seine Frau weint, sie sagt: "Die machen uns hier zu Monstern, das ist alles so traurig." Rodtschenkow sagt: "Es tut mir leid."

Richard McLaren ist ein kanadischer Anwalt, der sich in den vergangenen Monaten mit den Dopingvorwürfen gegen Russland beschäftigt hat. Er wurde von der Wada als Ermittler eingesetzt, um Beweise zu sammeln. Glaubt man seinen Berichten, so hat Rodtschenkow als Whistleblower die Wahrheit gesagt.

Laut Wada haben mehr als tausend russische Sportler vom Dopingprogramm profitiert. Leichtathleten, Gewichtheber und Eisschnellläufer. Sogar Segler. Und Athleten aus dem Behindertensport. Unter ihnen gab es offenbar niemanden, der Bedenken hatte. "Sportler sind wie kleine Kinder", sagt Rodtschenkow, "egal was du ihnen gibst, sie stecken sich alles in den Mund."

Kollegen von Rodtschenkow erzählen, dass er sich manchmal beklagt habe über den Druck von oben, über die Zwänge, denen er ausgesetzt war. Er soll aber auch Möglichkeiten gehabt haben auszusteigen. Warum hat er es nicht getan?

Jemand, der ihn gut kennt, sagt: "Doping ist für Grigorij ein Teil des sportlichen Wettkampfs, er ist stolz darauf, das System ausgetrickst zu haben. Er hat sich als aktiver Teilnehmer der Olympischen Spiele in Sotschi gesehen."

"Von seinem ersten Tag als Athlet bis zu seinem letzten als Laborchef ging es Grigorij darum, die Regeln zu umgehen", sagt Fogel, "es gab in seinem Land nie eine Kultur gegen Doping, nicht in der Sowjetunion und auch nicht später. Nach Sotschi hatte er den Auftrag, das Dopingprogramm für die Fußball-WM 2018 in Russland auszuarbeiten, Grigorij war schon mitten in den Vorbereitungen dafür, als alles aufflog."

Witalij Mutko, der auch Chef des WM-Organisationskomitees ist, teilt dem SPIEGEL mit: "Der Staat hat keine Möglichkeit, die Arbeit eines Labordirektors zu überwachen." Rodtschenkow sei nur der Wada unterstellt gewesen. "Er war weltweit anerkannt und wurde als Experte bei Olympischen Spielen eingesetzt", sagt Mutko. "Natürlich haben wir gedacht, dass alles in Ordnung ist."

Es bleibt die Frage, ob der Sport aus dem Fall etwas lernen wird. Fogel erzählt, dass er vergangenes Jahr einen Brief von Thomas Bach bekommen habe. Der IOC-Präsident habe geschrieben, dass man die Dopingvorwürfe gegen Russland sehr ernst nehme. Fogel sagt, dass er Bach kein Wort glaube.

Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro ließ das IOC 271 russische Sportler starten, trotz der Enthüllungen. Im Juni trug Russland den Confed Cup aus, die Generalprobe für die Fußball-WM. Es gab 854 Dopingproben, laut Fifa alle negativ, alles gut. Dabei hat die Wada erst kürzlich 155 verdächtige Proben russischer Fußballer beschlagnahmt.

In diesem Jahr gab es bereits Dopingsperren für russische Ringer, Ruderer, Gewichtheber, Leichtathleten und Bobfahrer. Zuletzt erwischte es den Eishockeystar Danis Sapirow.

Manche Sportfunktionäre aus dem Westen wollen, dass Russland von den Olympischen Winterspielen im Februar in Pyeongchang ausgeschlossen wird. Beim IOC ermitteln zwei Arbeitsgruppen dazu, im März sollte es erste Ergebnisse geben. Doch die Sache verzögert sich.

Den höchsten Preis für Russlands Dopingsystem bezahlt bislang der, der es zum Einsturz gebracht hat: Grigorij Rodtschenkow. Selbst Fogel weiß nicht, wo sich der Chemiker derzeit aufhält. Rodtschenkow wird wohl nie in seine Heimat zurückkehren können.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
gandal 29.08.2017
1. Bildunterschrift falsch
Das erste Foto mit der aufgezogenen Spritze ist Fogel und nicht Rodtschenkow
cum infamia 29.08.2017
2. Putin ?
Wenn Putin alle solcher Knalltüten töten wollte, hätte er aber viel zu tun !
taglöhner 29.08.2017
3.
Zitat von cum infamiaWenn Putin alle solcher Knalltüten töten wollte, hätte er aber viel zu tun !
Machen Freunde für ihn. wissen wir doch ;).
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