AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2016

Rechtsextremismus Wie ein Gastarbeitersohn zum NPD-Funktionär wurde

Die Eltern von Safet Babic waren bosnische Gastarbeiter. Ihr Sohn wurde Mitglied der NPD. Wie konnte es dazu kommen? Von Britta Stuff


NPD-Mitglied Babic: "Ich bin ein Stein gegen eure Wand"
Alina Emrich/DER SPIEGEL

NPD-Mitglied Babic: "Ich bin ein Stein gegen eure Wand"

Er lebt in einem Hochhaus, direkt am Eingang der Stadt, wo die einfahrenden Autos wie anbrandende Wellen klingen. Nebenan: ein Stadion, das von besseren Zeiten erzählt. Als Eintracht Trier in die zweite Liga aufstieg, leistete sich der Verein eine große Tribüne. Gegenüber: ein Freibad.

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Heft 36/2016
Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen - und welche Berufe morgen noch sicher sind

In seiner Wohnung kann man ihn nicht besuchen, das will er nicht. Sie sei nicht für Besuch gemacht, ein Zimmer, winzig klein. Wenn man ihn treffen will, muss man in einen Keller aus dem 13. Jahrhundert, so tief unter der Erde, dass man dort einen Bombenangriff überleben könnte. Der Eingang ist direkt neben Karstadt in der Fußgängerzone. Es ist ein Restaurant, eigentlich essen hier nur Touristen, aber er hat in vielen Läden in Trier Hausverbot. Sie wollen niemanden von der NPD bewirten. Und so sitzt er im Halbdunkel zwischen Japanern, die Jägerschnitzel essen.

Wie das alles begann?

Er sagt, das sei in der Eisdiele gewesen, aber man könne natürlich noch früher anfangen.

Man könne in den Siebzigerjahren anfangen, als seine Eltern ihre Heimat verließen, aus der bosnischen Krajina nach Hanau fuhren, um Gastarbeiter zu werden.

Der Vater Maurer, die Mutter Textilarbeiterin, beide Muslime. Ihr zweiter Sohn kam in Hanau feuerrot zur Welt, am 28. März 1981. Safet, das bedeutet "der Reine".

Er war zehn Jahre alt, als in Jugoslawien der Krieg begann. Im Fernsehen sah er die Vergangenheit zerfallen, das Land, aus dem er stammt und in das die Familie nicht mehr zurückkann. Es war klar: Dieses Land würde nie seine Heimat sein.

Sein Vater war in Bosnien in der kommunistischen Partei gewesen und hatte in Deutschland, so schien es dem Sohn, die Politik aufgegeben wie andere das Rauchen. Der Sohn rief bei den Parteien in Deutschland an und bestellte Infomaterial. Grüne, SPD, CDU, NPD, REP.

Alle lieferten. Nur von den Rechten hatte auch jemand Zeit für ihn und traf den Jungen in der Eisdiele. Da war er 13.

Heute, mit 35, ist er ein bisschen bekannt. Das liegt an einem Video, das er im vorigen Jahr bei YouTube hochgeladen hat. Man sieht dort vier Rechte aus Trier, mit Fackeln. Sie sagen: "Am 1. August zeigt der nationale Widerstand in der ältesten Stadt Deutschlands Flagge. In Trier wird die NPD gegen das neue Asylheim in Trier West auf die Straße gehen. Jetzt sind alle gefragt. Denn der Asylirrsinn nimmt überhand."

Sie stehen an der Mosel und sprechen in die Kamera. Der eine ist dick, der andere hat außerdem noch eine Glatze, der dritte lispelt, dem vierten fehlen Zähne.

Es gab Parodien im Netz, eine von Jan Böhmermann, eine von Oliver Kalkofe. Plötzlich waren er und die NPD Trier bekannt.

Er will eigentlich nicht über das Treffen in der Eisdiele reden.

Vielleicht erschien es ihm logisch, was der Mann ihm sagte. Vielleicht hatte er das Gefühl, dass er recht hat. Vielleicht war es auch einfach nur schön, dass ein Erwachsener ihn ernst nahm.

Er begann danach, sich zu informieren. Jemand gab ihm den Tipp, sich ein Buch zu besorgen, "Was die Rechten lesen", herausgegeben von der Arbeitsstelle Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf. Dort sind Zeitschriften aufgelistet, die die Arbeitsstelle für rechtsextrem hält. "Deutsche Stimme". "Wikinger". "Die Neue Front". Er sparte sein Busgeld und gab es für Zeitschriften aus.

Er erfuhr Dinge, die er nicht in der Schule lernte und die er erst nach und nach verstand. Wenn er davon erzählt, klingt es, als wäre er immer weiter in einen Raum gegangen, der ihm erst dunkel erschien. Aber je mehr sich die Augen an die neue Umgebung gewöhnten, desto mehr sah er und desto wohler fühlte er sich. Dieser Raum sollte sein neues Zuhause werden.

Mit 14 ging er anders durch die Straßen von Hanau. Er sah, was er gelesen hatte. Er sah Leute mit dunkler Haut. Ausländer, die sich benahmen, als würden die Straßen ihnen gehören. Ihm fiel noch etwas auf: Sie waren anders als er.

Er las im "Nibelungenlied". An der Stelle, an der Volker von Alzey im Kampf gegen die Hunnen Hagen von Tronje treu zur Seite steht, musste er weinen. Es gefiel ihm, gerührt zu sein. Er bestellte Flugblätter bei den Republikanern und verteilte sie vor der Schule, als sei nichts dabei.

Die Eltern wurden einbestellt.

Sajo, muss das sein? Kannst du dich nicht entschuldigen?

Der Sohn dachte, was er vorher gelesen hatte: Nie zurück, nur vor.

An seiner Schule war er von nun an jemand. Nicht mehr nur Safet Babic, sondern eine Attraktion. Er meldete sich, um die deutsche Kriegsschuld zu diskutieren, einmal, so erzählt er es, brachte er eine Lehrerin vor der Klasse zum Weinen. Er fragte, wie weit es mit der Meinungsfreiheit in einem Land sein könne, das die Wiking-Jugend verbiete. Und merkte an, dass Rudolf Heß den Frieden wollte. An der Nachbarschule pappte er Aufkleber an Klotüren und Laternenmasten, "50 Jahre Kapitulation feiern nicht mit uns - DVU". Die erste Hausdurchsuchung, mit 14. Er sagt, dass sie viermal versucht hätten, ihn der Schule zu verweisen. Und viermal seien sie gescheitert.

Morgens, auf dem Weg zur Schule, sagte er sich immer wieder:

"Ich bin ein Stein gegen eure Wand.

Ich bin ein Stein gegen eure Wand.

Ich bin ein Stein gegen eure Wand."

Es klingt, als wäre es ihm ganz und gar unmöglich gewesen, damit aufzuhören. Als wäre es seine Droge gewesen.

1997 wurde er eingebürgert und bekam einen deutschen Pass. Er wurde deutscher Staatsbürger, Deutscher war er für viele NPDler dennoch nicht. Er ging zu den Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD. Er fuhr zu einem Parteitag, ihm gefiel die Stimmung. Sie ließen seinen Aufnahmeantrag lange unbearbeitet liegen, als wäre er Gift. Dann bestellten sie ihn ein. Sie diskutierten, ob man jemanden wie ihn aufnehmen könne, jemanden, der Safet Babic heißt.

In der NPD gibt es wie in jeder Partei Strömungen. Es gibt die, die an das deutsche Volk glauben, und die, die eine nordische Rassengemeinschaft sehen. Es gibt die, die sagen, nicht alles unter Hitler war schlecht, und die, die gleich einen Hitlerbart tragen.

In der Sitzung, die über Safet Babic' Zukunft entschied, sagte jemand: "Aber er sieht doch ganz arisch aus."

Er hat die blauen Augen seiner Oma aus der Nähe von Biha.

Am Ende stimmten fünf gegen ihn und sieben für ihn. Seine Aufnahme führte dazu, dass Dutzende Rechtsradikale austraten, sich von der Partei abspalteten, vor allem in Ostdeutschland. Der komplette sächsische JN-Landesverband ging. Man könne nicht multikulturell sein, wenn man gegen die multikulturelle Gesellschaft sei.

In seinem Kinderzimmer lief Musik von Skrewdriver, Landser und Kraftschlag.

"Denn Du bist stolz, keiner kann Dich leiden, doch Du liebst nur Dein Land. Darum nimmst Du aus Wut und Trotz das Fremden-Problem in die eigene Hand. Du bist stolz, keiner kann Dich leiden, doch Du liebst nur Dein Land, darum ziehst Du nachts durch deutsche Straßen und säuberst Dein Vaterland."

Wie er die Welt sieht?

Die Ideen der NPD seien groß, aber die Welt sei noch nicht bereit. Doch die Zeit werde der NPD recht geben. Es gehe nämlich vielen so, dass es sie bedrücke, in einen Bus zu steigen, in dem "andere Rassen" sitzen. Das sei eine ganz einfache Wahrheit, aber wenn man sie ausspreche, schrien alle auf. Man dürfe nicht mal "Rasse" sagen, obwohl selbst im Grundgesetz von Rasse gesprochen werde, da stünde: Niemand darf wegen seiner Rasse benachteiligt oder bevorzugt werden. Da könne man ganz weit ausholen, aber es gebe auch ein Problem: Es gebe Dinge, die man in Deutschland nicht sagen dürfe. Stichwort "Drittes Reich". Er habe auf diese Dinge eine besonders klare Sicht, weil er bosnische Eltern habe. Ihm sei nicht eingeredet worden, dass die Deutschen Schuld hätten.

Er sagt: Aber machen Sie sich nichts vor, da werde ich nicht alles sagen, was ich denke. Er spreche generell in jeder Lebenssituation, als stünde der Staatsanwalt direkt daneben.

Wenn man ihn was fragt, was er nicht beantworten will, sagt er: Ach, wissen Sie - und lacht laut.

Ach, wissen Sie: Gegen den Einzelnen habe er nichts. Ein Jude könne nett sein, aber Israel müsse weg. Manchmal gehe er sogar einen Döner essen, am Bahnhof. Döner essen und rechtsradikal sein, das schließe sich nicht aus. Je nach Ziel könne man sich auch mit Leuten solidarisieren, mit denen man sich sonst nicht solidarisieren würde. Er habe auch schon neben Palästinensern demonstriert, da ging es gegen Israel. Da habe er dann einfach nicht bei allen Parolen mitgebrüllt. Die Menge rief: "Allahu akbar." Er stimmte an: "Nie wieder Israel."

Er sagt, eine Demo sei die Krönung eines Tages. Bei einer Demo sei alles ganz klar. Die rechte Szene in Trier ist klein, und er ist ihr Chef. Es kommen vielleicht zehn NPDler. Er hat im Supermarkt die Fackeln für die Kameraden besorgt, im Copyshop ließ er "Treu Sozial National" auf Poloshirts drucken. Er hält dann die Reden und findet die Worte, bei denen jeder mitbrüllt, zum Beispiel vor einem der Flüchtlingsheime. Dann hört man noch ein bisschen Musik, zum Beispiel das Deutschlandlied, alle Strophen.

Neonazi Babic bei einer Demonstration in Trier 2013
Philipp Reichert

Neonazi Babic bei einer Demonstration in Trier 2013

Er habe von Natur aus einen guten Schlaf, aber nach so einem Abend schlafe er wie ein Stein.

Er sieht einem fest in die Augen, wenn er das erzählt, als sei es ein Kampf, bei dem der verliert, der zuerst blinzelt. Als brauche er dringend eine Reaktion, ganz egal welche.

Einmal hat er versucht, neu anzufangen. Das war 2001.

Er war Linker, für ein halbes Jahr. Er verließ Hanau und begann, in Trier zu studieren. Er ging zu linken Gruppen im Asta und sagte, er sei bereit mitzuhelfen. Er meldete sich bei der NPD ab, sagte denen, er sei nun Maulwurf. Es war die Zeit, als die NPD zum ersten Mal verboten werden sollte.

Bei den Linken war er glücklich. Die Linken können so links sein, wie sie wollen, das ist gesellschaftlich akzeptiert, sagt er. Als Linker wird man gegrüßt, man wird zu Partys eingeladen. Er verteilte Flugblätter gegen die Großbanken und rief zum Uni-Streik auf.

Es sei ganz leicht, als Rechter links zu sein, das habe er damals schnell gemerkt. Einfach das Nationale weglassen. Nicht so viel vom Volk reden, schon gar nicht von Rassen. Genossen statt Kameraden, der Rest könne bleiben, Kapitalismuskritik, Eurokritik, der kleine Mann.

Einmal sagte jemand: Safet, du bist so links, dass es schon fast rechts wieder rauskommt. Da musste er lachen.

Die Linken sollten seine neue Heimat werden, das nahm er sich vor. Falls die NPD vom Verfassungsgericht verboten werden würde, würde er bleiben. Doch dann kam es raus, jemand erkannte ihn.

Aber der ist doch bei der NPD.

Da war es vorbei mit den linken Freundschaften, die meisten grüßten ihn nicht mehr.

Er hasst das Reisen und die Fremde. Er ist noch nie in seinem Leben geflogen.

Im April 2016 wurde er wegen Volksverhetzung vom Amtsgericht Trier in erster Instanz zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Es ging um eine Rede am 1. Februar 2014, vor einem Asylbewerberheim in Trier. Ausschnitte:

"Liebe Kameradinnen und Kameraden, heute sind wir hier, weil wir keine Lust mehr haben auf Zigeuner, die hier Millionen bekommen."

"Wir haben keine Lust, diesen Gruppen immer noch die Mieten zu finanzieren."

"Wir wollen ein weißes Europa, wir wollen ein deutsches Volk sein."

"Da sind unsere Qualitätszuwanderer. Liebe Freunde, leider wächst keine Baumwolle und keine Bananenstaude hier in Trier."

"Die Affen drücken sehr an den Gitterstäben. Es sind Affen in Menschengestalt."

"Wer Deutschland nicht liebt, muss Deutschland verlassen. Wer Deutschland nicht liebt, muss Deutschland verlassen. Wer Deutschland nicht liebt, muss Deutschland verlassen."

"Dann geht back to Africa."

Er hasst das Reisen und die Fremde. Er ist noch nie in seinem Leben geflogen. Einmal organisierte er einen Ausflug für seine Kameraden, mit dem Bus, nach Wunsiedel zum Grab von Heß.

Er sagt, er sei ein Gewohnheitstier. Er habe die Welt aus seiner Wohnung ausgeschlossen. Er habe kein Internet und keinen Fernseher. Er brauche keinen, das habe er nach 9/11 beschlossen.

Er sah die Nachrichten, und er dachte: Die wollen, dass ich etwas fühle. Die wollen, dass ich mitleide.

Er wollte, dass Mitleid ihm fremd wird.

Er will die Bilder nicht, aber er braucht die Nachrichten. Sie sind Teil seines Geschäfts.

Er geht zum Internetcafé. Mails checken. Er googelt, was so los ist. "Safet Babic", "Flüchtlinge Trier", "Asylbewerber Trier". Dann postet er noch etwas auf der Facebook-Seite der NPD Trier, die über 200 Menschen liken. Vielleicht was über den IS-Terror oder darüber, dass ein Asylbewerber eine Oma vergewaltigt haben soll.

Er läuft mit geradem Rücken durch die Straßen der Stadt. Er trägt meist Schwarz und oft einen Jutebeutel in der Hand. Ein Revolutionär muss im Volk schwimmen wie ein Fisch im Wasser, sagt er. Er muss unauffällig sein, heißt das, aber er ist nicht unauffällig.

Er hat dafür gesorgt, dass jeder ihn kennt, dass er auch hier eine Attraktion ist. Er lebt seit über 15 Jahren in Trier. Er war fast zwei Jahre im Stadtrat, dann flog er raus, weil er wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt wurde: Schlägerei mit Linken beim Plakatekleben. Er ist NPD-Kreisvorsitzender, er stand bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz auf Platz drei der Landesliste.

Er geht also durch die Stadt, eine kleine Stadt, eine Stadt voller Feinde.

"Nazischwein."

"Braunes Stück Scheiße."

Er geht weiter und lächelt. Wenn ihn jemand bespuckt, was fast jeden Tag vorkommt, geht er weiter und lächelt. Er kann lächeln ohne den geringsten Anlass. Er sagt, er sei immer vorbereitet, sobald er seine Wohnung verlässt. Draußen sein nennt er eine Bedrohungssituation. Er sagt: Wenn mich jemand angreifen will, dann macht er das ohne Ankündigung.

Einmal trat ihm jemand ganz unvermittelt in den Bauch, mitten in der Stadt. Aber er wiegt drei Zentner. Er sagt, er habe es kaum gespürt.

Angst?

Über Angst will er nicht sprechen.

Angst hat man nicht, sagt er.

Verboten, sagt er.

Einmal gelang es jemandem, ihn doch zu treffen. Ein Gegendemonstrant zischte "Pi¿ka", Bosnisch für Muschi. Das habe er dann auch gleich der Polizei gesagt. Er hätte gern auf Bosnisch geantwortet, aber auf einer NPD-Demo spreche man Deutsch. Er sagt, Bosnisch speche er mit seinen Eltern, Bosnisch gehe direkt ins Herz. Doch auch über sein Herz will er nicht sprechen.

Worüber dann?

Er hatte Siege über das System, er erzählt von ihnen wie von gewonnenen Schlachten.

Einmal bestellte ihn das Schulamt ein, um seine Gesinnung abzuklopfen. Er wurde gefragt, wie die Einsatzgruppen des Reichssicherheits-Hauptamtes von Heinrich Himmler hießen. Er sagte "A, B, C und D" und auch, dass es ja nicht verboten sei, das zu wissen. Nur sein Vater, der dabei saß und nicht alles auf Deutsch genau versteht, fragte am Ende des Termins: "Wieso wollen sie von dir das Alphabet wissen?"

Oder als er einberufen werden sollte. Er habe der Bundeswehr einen Brief geschrieben. Er freue sich schon sehr auf die Zeit im Heer, er wolle auch mithelfen und einen "Ring nationaler Soldaten" gründen. Man bestellte ihn wieder ein, ließ ihn von einem Psychologen befragen und teilte ihm mit, dass man aus organisatorischen Gründen auf eine Einberufung verzichte.

Oder als die Linken durchsetzen wollten, dass die NPD Trier am 9. November und am 27. Januar nicht demonstrieren darf. Der 9. November sei der Tag der Judenpogrome in Deutschland, der 27. Januar der Tag der Befreiung von Auschwitz, haben sie gesagt. Das habe er sich nicht gefallen lassen und sei vor Gericht gegangen, einmal sogar bis vors Bundesverwaltungsgericht. Er habe natürlich gewonnen.

Ein Stein gegen die Wand.

Er ist Politologe, so steht es in seinem Lebenslauf. Das ist viel für die NPD, deren Mitglieder meist nicht studiert haben. Aber er wird es nicht nach oben schaffen in der Partei, schon gar nicht mit dem Namen. Manche nennen ihn im Spaß Siegfried Bach. Das ändert natürlich nichts, über die Jahre sind immer wieder NPDler ausgetreten, nur seinetwegen.

Es gibt auch in der NPD oben und unten. Er ist irgendwo in der Mitte, eher weiter unten, seitdem er dieses Video am Fluss gemacht hat und seine Partei ihn bat, es wieder zu löschen.

Er sagt, das habe ihm nichts ausgemacht. Jede Art von Aufmerksamkeit sei gut für die Sache. Er halte es da mit Zarathustra: Dass sie über ihn lachen, sei sein Glück.

In Karlsruhe tagt das Bundesverfassungsgericht gerade zum zweiten Mal über die Frage, ob seine Partei vielleicht bald verboten wird.

Und dann?

Er würde vielleicht zur AfD gehen. Schließlich ernte die, was die NPD gesät habe. Eine gute Partei sei das. Aber die AfD nimmt angeblich keine NPDler.

Man könnte aussteigen. Gibt ja genug, die es gemacht haben, sagt er. Das sind dann Leute, die man lange nicht gesehen habe und die dann plötzlich auf dem Titel vom "Stern" prangten. Das wolle er nicht.

Nie zurück, nur vor.

Er bekommt 404 Euro monatlich von der Arbeitsagentur. Manchmal bewirbt er sich auf Stellen, aber die Leute googeln. Da steht dann, wer er ist. Es sorgt dafür, dass er es bleibt. Einmal wurde er eingeladen zu einem Vorstellungsgespräch. Da sagte der Typ: Wie im Zoo. Ich wollte nur mal sehen, wie Sie aussehen.

Die Arbeitsagentur hat ihm eine Weiterbildung empfohlen, ein Programm für Arbeitslose. Da soll er lernen, wie man sich bei Bewerbungen richtig präsentiert.

Seine Partei wünscht auf Plakaten Ausländern einen "Guten Heimflug", damit meint sie auch Einwanderer wie seine Eltern. Er sagt, sie kämen zurecht, wenn sie das Land verlassen müssten. Sie wären schon einen Tag vorher weg. Solche seien das. Er sagt, sie dächten darüber nach zurückzugehen, in ihre Heimat, die nicht seine ist.

Er wird bleiben, als der König einer Handvoll NPDler, in Trier, dem Ort, den er Heimat nennt.

Er hat hier keine Familie. Er suche noch 'ne Dumme, sagt er. Er hatte mal eine, lang vorbei. Heute begegnet er vor allem Frauen, die auch in der NPD sind. Aber eine Frau aus seiner eigenen Welt will er nicht. Zu gefährlich. Er sagt, manchmal kämen Familien mit Kinderwagen zu den Demos. Da werde ihm ganz anders. Man wisse schließlich nicht, was passiert. Vielleicht werfe jemand einen Stein. Vielleicht treffe dieser Stein das Baby.

Was ihm gefällt:

Im Sommer schwimmen. Morgens über die Straße gehen, ins Freibad. Zehn Bahnen maximal, auf dem Rücken, Ohren unter Wasser.

Nachts draußen sein. Egal welche Jahreszeit, er legt sich beinah jede Nacht auf den Balkon in seinem Hochhaus am Eingang der Stadt, Rücken auf der Matratze, und schläft unter freiem Himmel.

Manchmal, wenn er das Haus verlassen will und die Linken auf ihn warten, ruft er die Polizei.

So sind die letzten Jahre vergangen.

Was ihn tröstet, ist ein Vers aus der "Edda", einer Sammlung nordischer Götter- und Heldengesänge:

"Besitz stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie; eins weiß ich, das ewig lebt: der Toten Tatenruhm."

Wenn man ihn fragt, was er noch vorhat mit seinem Leben, dann sagt er, im Prinzip alles Mögliche.

Wahrscheinlicher sei: nichts.

Im Video: Unterwegs mit Safit Babic

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blitzunddonner 05.09.2016
1. ein typischer
ein typischer "bio"deutscher. nach der dna fragt doch sowieso keiner. nur nach dem schlechten geschmack.
boeseHelene 05.09.2016
2.
Ich wusste es, dass eine der Intelligenbestien die in Trier zum Fackelmarsch aufgerufen haben https://youtu.be/h4QUC0aXN8M http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/npd-in-trier---wenn-der-nazi-safet-babic-einen-doener-isst-6594818.html
20InchMovement 05.09.2016
3. Typischer Loser
der Herr Babic. Im Leben nichts erreicht, aber in der Partei ist er eine Größe. Genau so funktioniert das eben, gib jemandem Macht...
upalatus 05.09.2016
4.
Bevor man sich im Leben der Verfechtung irgendeiner politischen Denke hingibt, sollte man wohl doch erst mal den dafür notwendigen Zeit/Energieaufwand für die erfolgreiche Ausgestaltung der eigenen Lebensbereiche verwenden. Und so alt sieht Herr Babic nicht aus, als ob für ihn alles zu spät wäre, und auch ein sauberes kleines Zimmerchen ist besucherfreundlich. Aber wenns halt nicht zu mehr als npd-Dasein oder in artverwandten Parteien reicht.....
Ein_denkender_Querulant 05.09.2016
5. Satire
Es ist die beste Satire schlechthin, wenn die NPD die sofortige Abschiebung krimineller Ausländer als Programmziel hat, in ihren Reihen aber einen vorbestraften Bosnier duldet. Ihr Klappspaten! Ich empfehle dazu Extra Drei NNN: https://www.youtube.com/watch?v=sopiM-_VCbY Viel Spaß beim Lachen
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