AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Salman Rushdie über Trumps Amerika "All diese giftigen Teufel sind aus der Büchse gesprungen"

Salman Rushdie nimmt es mit Donald Trump auf: In seinem neuen Roman "Golden House" erzählt er von einem Comic-Bösewicht, der US-Präsident wird. Wie ernst ist die Lage der USA, Herr Rushdie?

Batman-Figur Joker ( Jack Nicholson), US-Präsident Trump
Bridgeman Images; Martin Schoeller/ Picture Press

Batman-Figur Joker ( Jack Nicholson), US-Präsident Trump

Ein SPIEGEL-Gespräch von


Manhattan, 21. Stock eines Bürohauses nahe dem Central Park, wenige Blocks vom Trump Tower entfernt. Die Gänge cremefarben, der weiche Teppich, die Tapeten, alles in Creme. In diesem Stockwerk residiert die Literaturagentur Wylie. Hinten, am Ende des Ganges, liegt das Büro des legendären Agenturgründers Andrew Wylie. Er ist nicht da. Er hat sein Zimmer heute einem seiner berühmtesten Autoren zur Verfügung gestellt. Salman Rushdie, hellblaues Hemd, weiße Turnschuhe, ist blendender Laune. Dabei ist die Lage ernst. Die Wahl Trumps zum Präsidenten und die ersten Monate seiner Regierung haben auch Salman Rushdies Glauben an Amerika, an das Amerika, das er liebt und in dem er seit dem Jahr 2000 lebt, erschüttert.

Salman Rushdie , 1947 in Bombay geboren, im Alter von 14 Jahren von seinem Vater in ein englisches Elite-Internat geschickt, wurde 1981 bekannt mit dem genialen, postkolonialen, magisch-realistischen Roman "Mitternachtskinder". Eine indisch-britische Traumkarriere begann. Dann kam der Valentinstag des Jahres 1989. Der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini erkannte in Rushdies Roman "Die Satanischen Verse" eine Beleidigung des Propheten und rief alle gläubigen Muslime der Welt dazu auf, Salman Rushdie zu ermorden. Es folgte ein Leben in Angst, unter totaler Überwachung und Geheimhaltung. Seit 17 Jahren lebt er frei und ohne Polizeischutz in New York. Obwohl die Fatwa nicht aufgehoben, die Belohnung, die auf seine Ermordung ausgesetzt ist, sogar auf fast vier Millionen Euro erhöht wurde. Aber Rushdie will sein Leben nicht von diesem bizarren Urteil beherrschen lassen. Es klingt wie ein dunkler, dummer Spaß, dass die Fatwa nur von demjenigen widerrufen werden kann, der sie verhängt hat. Leider ist Khomeini ein halbes Jahr nach dem Urteilsspruch gestorben. Pech für Rushdie. Die Fatwa gilt für immer.

Jetzt hat der Mann, der sich im Alleingang mit islamischen Fundamentalisten anlegte, einen Roman über das Amerika der vergangenen zehn Jahre geschrieben: "Golden House" erscheint am 5. September zeitgleich in den Vereinigten Staaten und Deutschland. Es ist - ungewöhnlich für Rushdie - ein Gesellschaftsroman. Ein indischer Milliardär, der sich Nero Golden nennt, kommt Anfang 2009 mit seinen Söhnen nach New York. Zur gleichen Zeit lebt in dieser Stadt ein anderer Milliardär, den alle den Joker nennen, in Anspielung auf den Bösewicht der "Batman"-Comics. Dieser Joker hat irgendwann die Idee, Präsident der USA zu werden. Niemand nimmt seine politischen Ambitionen ernst. Doch es kommt anders. Der Joker wird Präsident - und stellt die Grundlage des freien Amerika infrage.

Schriftsteller Rushdie: "So gegenwartsnah wie nur irgendwie möglich"
Chad Batka/ DER SPIEGEL

Schriftsteller Rushdie: "So gegenwartsnah wie nur irgendwie möglich"

SPIEGEL: Herr Rushdie, Ihr Roman "Wut", eine Art Liebeserklärung an das alte Amerika, erschien am 11. September 2001. Als 2015 Ihr Roman "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte" erschien, ereigneten sich die Terrorangriffe von Paris. Haben Sie etwas Angst vor dem 5. September, wenn Ihr neuer Roman herauskommt?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Rushdie: Oh nein, nein. Wir hatten die schlechten Nachrichten doch schon. Wir sind inmitten der schlechten Nachrichten.

SPIEGEL: Im Roman schreiben Sie: "Die Arbeit läuft gut, wenn das Leben schrecklich ist" - war das in Ihrem Falle auch so?

Rushdie: Ich denke, ja. Es war sonderbar, wie dieses Buch zu mir kam. Es ist nicht normal für mich, einen 500-Seiten-Roman in zwei Jahren zu schreiben. Das ist mir noch nie passiert. Aber ich war wie besessen. Mein voriges Buch ist ja eine Art New-York-Märchen, diesmal sollte es kein Märchen werden. Eher ein Gesellschaftsroman. Dabei hatte ich noch gar keine Ahnung, worum es gehen sollte. Es gab nur Nero Golden und meinen Wunsch, einen Gesellschaftsroman von heute zu schreiben.

SPIEGEL: Die Konstruktion erinnert etwas an "Doktor Faustus" von Thomas Mann. Eine Ihrer Figuren, der belgische Filmemacher René Unterlinden, ist bereit für einen Teufelspakt mit dem diabolischen Nero Golden, gleichzeitig schneiden Sie quasi live die politische Gegenwart mit diesem irren Joker-Präsidenten in das Romangeschehen hinein.

Rushdie: Ich kam bislang nicht auf die Idee, meinen Roman mit Thomas Mann zu vergleichen. Aber es stimmt.

SPIEGEL: Wann haben Sie beschlossen, den Joker auftreten zu lassen?

Rushdie: Ziemlich spät. Plötzlich hatte ich diese Idee: Auf der einen Seite sind die echten Menschen, an einem echten Ort, in einer echten Zeit, die sich mit ihren echten Lebensproblemen beschäftigen. Aber sobald man heraufsteigt auf die Ebene der Macht, befindet man sich in einem Cartoon. Eine reale Welt, die von grotesken Figuren regiert wird. Die Idee zum Joker war ja leicht: Joker und Trump...

SPIEGEL: ... wie die Trumpfkarte auf Englisch heißt...

Rushdie: ... sind die beiden ungewöhnlichsten Spielkarten. Der Joker ist nun wirklich ein angsteinflößender Charakter. Vielleicht der angsteinflößendste Charakter, der je erfunden wurde. Und er hat einige nützliche Merkmale, zum Beispiel unglaublich weiße Haut und komisches Haar. Leider nicht orange, sondern grün, aber immerhin.

"Batman"-Filmfigur Joker, gespielt von Jack Nicholson, 1989
Bridgeman Images

"Batman"-Filmfigur Joker, gespielt von Jack Nicholson, 1989

SPIEGEL: Im Roman ist das Haar nur mit einer Ku-Klux-Klan-Haube bedeckt...

Rushdie: Ja, das schien eine nützliche Reverenz, die jeder augenblicklich versteht. Und so musste ich den Namen Donald Trump nicht verwenden.

SPIEGEL: Haben Sie den echten Trump mal getroffen?

Rushdie: Oh ja. Einige Male. Aber nicht mehr, seit er ernsthafte Ambitionen auf das Präsidentenamt entwickelt hat.

SPIEGEL: Wie war Ihr Eindruck?

Rushdie: Er war immer sehr freundlich zu mir. Ich habe ihn mal in der Oper getroffen, als wir beide "La Traviata" gesehen haben. Bei einem Konzert von Crosby, Stills and Nash im Madison Square Garden haben wir fast nebeneinandergesessen. Und einmal bei einem Charity-Event. Er war wirklich sehr nett. Er hat mir seine Box bei den U.S. Open angeboten. Er fragte mich: "Sind Sie an Tennis interessiert?" Ich sagte: "Ja." Er sagte in seiner trumpy Art: "Sie wissen, ich habe die beste Box. Meine Box ist besser als jede andere Box." Und: "Wann immer Sie dort hingehen wollen, sind Sie mein Gast." Aber ich ging nicht...

SPIEGEL: Klar, Sie sind Tischtennisfan.

Rushdie: Ich gehe auch sehr gern zum Tennis, aber ich dachte mir dann doch: vielleicht nicht in Donald Trumps Box...

SPIEGEL: Dass er Ihren neuen Roman liest, erwarten Sie eher nicht, oder?

Rushdie: Oh, ich glaube, er ist kein so großer Leser. Nein, im Ernst: Er sollte Besseres zu tun haben. Er muss ein Land regieren. Das macht er ja nicht so besonders gut.

SPIEGEL: Das vom Joker regierte Amerika Ihres Romans scheint dem Untergang geweiht.

Rushdie: Aber der Roman endet doch optimistisch. Mit Hoffnung und Liebe. Die Zeiten sind dunkel, ja, aber ich wollte etwas Helles am Schluss. Mir schien, es gibt zurzeit zu viele Dystopien in der Literatur. Jeder schreibt Dystopien. Sogar Kinderbücher sind Dystopien. All diese Bücher über die Welt, die schrecklich ist, dann wird es schlimmer, und am Ende geht es ganz schlecht aus. Und ich wollte eine Art Sieg der menschlichen Natur am Ende.

SPIEGEL: Aber auch Ihr Roman trägt apokalyptische Züge.

Rushdie: Ich sehe ihn eher als griechische Tragödie. Ich kam nach Amerika, um hier zu leben, weil es Dinge gibt, die ich liebe, deshalb bin ich hier. Es ist vor allem New York City, das ich so liebe - aber es ist alarmierend und traurig zu sehen, wie das Amerika, das ich mein Leben lang im Kopf hatte, das ich als Vision, als Bild immer in mir trug, das ich durch die Literatur, die Filme lieben gelernt habe, vor unseren Augen zerfällt und entwürdigt wird.

SPIEGEL: In Ihrem Roman stürzt ein Haus ein.

US-Präsident Trump: "Er war wirklich sehr nett"
Martin Schöller/ Picture Press

US-Präsident Trump: "Er war wirklich sehr nett"

Rushdie: Tja, wenn man ein Buch nach einem Haus benennt, ist schon vieles klar. Häuser haben schlechte Aussichten in der Literatur, sie gehen oft unter. "Der Untergang des Hauses Usher" und so viele andere. Wann immer es ein Haus im Titel gibt, stürzt es am Ende ein.

SPIEGEL: Hauptthema des Buchs sind die schwankenden, ungewissen Identitäten aller Figuren.

Rushdie: Die Hauptcharaktere sind ja aufgebrochen, um ihre Identität zu verfälschen. Sie auszulöschen. Und sie durch eine andere zu ersetzen. Identität ist heute eine weltweite Obsession.

SPIEGEL: Wie sieht Ihre eigene Identitätsobsession aus?

Rushdie: Es sind drei Orte, die mein Leben geprägt haben: Bombay, London und New York. In all diesen Städten ist die Frage der Identität extrem spannungsreich. Aber an jedem dieser Orte bedeutet es etwas komplett anderes. Wann immer hier in New York über Identität gesprochen wird, geht es um Gender-Identität oder Rassen-Identität. Mittlerweile ist das Gender-Thema so allgegenwärtig und kompliziert geworden. Und politisch bedeutsam, seit die neue Regierung das Thema negiert. In dieser Stadt ist es ein Riesending. Dann London, ganz anders. Dessen Identitätsmanie ist seit dem ganzen Brexit-Unsinn die Fantasie vom alten England. Von der alten glorreichen Zeit, die nichts mit Europa und diesen ganzen schmutzigen Ausländern zu tun hatte. Rule, Britannia! Der Moment, in dem England groß war. In Indien ist es wieder ganz anders. Dort geht es um nationale Identität und Authentizität. Religiöse Sektierer, den Hindu-Moslem-Konflikt. Jeder Teil der Welt, in dem ich mein Leben verbracht habe, ist gespalten in Fragen der Identität. Und auf komplett unterschiedliche Weise. Das alles kommt in meinem Roman zusammen.

SPIEGEL: Ein Opfer der Gender-Besessenheit im Roman ist Nero Goldens Sohn Dionysos, der eine starke weibliche Seite in sich trägt und von den Furien der Eindeutigkeit zu einer Geschlechtsumwandlung getrieben wird.

Rushdie: Eigentlich gehöre ich der falschen Generation an, um darüber zu reden. Weil ich altmodische Ansichten habe. Aber ich wollte mich dadurch nicht einschränken lassen. Ich wollte die ganze Komplexität dieses Themas und wie die Menschen darüber denken herausfinden. Dionysos kann die Krise, die er in sich trägt, nicht lösen. Vielleicht haben die, die ihm zu einer Geschlechtsumwandlung raten, nicht gerade geholfen. Das Buch bewertet das nicht.

SPIEGEL: Wie bitte? Der verwirrte Mann wird von den Ideologen der Eindeutigkeit, den Gender-Furien, schließlich in den Selbstmord getrieben.

Rushdie: Nicht nur wegen der Gender-Furien. Sondern wegen einer generellen Konfusion, die er nicht bewältigen kann. Aber es gibt in der Tat Dinge, die heute geschehen, die mich beunruhigen. Zum Beispiel bei kleinen Jungs, die gern rosa Hemden tragen und mit Puppen spielen. Früher haben die Leute gesagt: "Oh, das ist ja ein kleiner Homo, der könnte schwul werden und so weiter", aber das war es dann auch. Heute aber wird den Eltern des Jungen geraten, mal über eine Geschlechtsumwandlung für ihn nachzudenken. Das erscheint mir - nun sagen wir es so: eine extreme Reaktion auf etwas, das vielleicht keine extreme Sache ist. Eine Menge Autoren, die sich damit beschäftigt haben, wie Ian McEwan oder Philip Roth, sind von der Political Correctness niedergestreckt worden.

SPIEGEL: Ein gefährliches Terrain.

Rushdie: Eine Gegend voller Landminen. Aber ich sagte mir: Was soll's. Und ich habe auch nicht ins Blaue hinein geschrieben. Ich habe ein paar Wochen in der Transgender-Community von Bombay verbracht. Das war eine extrem starke Erfahrung. Einige waren sehr zufrieden und mit sich im Reinen, einige sehr schüchtern, andere regelrecht beschädigt. Ich habe dort wahnsinnig viel gelernt. Ich habe auch zwei Freunde in New York, die eine Geschlechtsumwandlung hinter sich haben - einmal von Mann zu Frau, einmal von Frau zu Mann. Das gab mir wenigstens etwas Halt und Verständnis. Für einen Schriftsteller ist das ein irres Thema, allein schon die Sprache, wie schnell die sich in dem Bereich verändert. Da kommt man als Autor kaum mit.

SPIEGEL: Warum ist das Thema so explosiv?

Rushdie: Na ja, die Frage nach der Sexualität ist doch für alle menschlichen Wesen die zentrale Frage. Und wenn die Idee, dass es im Grunde zwei Geschlechter gibt und davon jeweils heterosexuelle und homosexuelle Versionen, plötzlich verschwindet. Wenn nun herauskommt, es gibt mehr als zwei Geschlechter, dann gibt es besonders junge Menschen, die davon total absorbiert werden. Jeder junge Mensch ist mit der Frage beschäftigt: Wer bin ich? Und plötzlich wird diese Frage enorm kompliziert. Das macht es auch viel schwieriger, jung zu sein. Und dann kommt noch Ideologie dazu und übernimmt das Feld. Dazu die individuelle Scham. So wird es zu diesem kolossalen sozialen, explosiven Thema.

SPIEGEL: Der Roman umfasst die Zeit der Obama-Jahre. Was ist falsch gelaufen, dass die in die Trump-Ära mündeten?

Rushdie: Es ist nicht viel falsch gelaufen. Es waren gute Jahre für dieses Land.

SPIEGEL: Der Roman scheint aber zumindest eine Teilschuld bei den amerikanischen Liberalen zu finden, den Künstlern, Autoren, Filmemachern. Apathie, Zynismus, vorauseilende Enttäuschung zum Beispiel.

Rushdie: Ich glaube nicht, dass die Verantwortung bei der Linken liegt. Diese ganze Idee, dass wir uns sofort schuldig fühlen müssen, ist falsch. Die Selbstbezichtigung ist ja ein Leitmotiv der Linken: Irgendjemand bläst das World Trade Center in die Luft - und Amerika soll den Fehler bei sich selbst suchen. Ich denke nicht so.

SPIEGEL: Also, was lief falsch?

Rushdie: Ich denke, erstens müssen wir akzeptieren, dass Hillary Clinton keine gute Kandidatin war. Und dass ihre Kampagne nicht gut war. Vor allem, weil sie die Nordstaaten ignoriert hat, weil sie dachte, die hätte sie sowieso in der Tasche. Die Republikaner haben sie nicht ignoriert. Trump hat die drei entscheidenden Staaten mit zusammen 75.000 Stimmen Vorsprung gewonnen. Wenn das nicht passiert wäre, müssten wir über den ganzen Mist hier nicht reden. Dann: Rassismus. Es ist unmöglich, die Bedeutung von Rassismus bei dieser Wahl überzubewerten. Es gab eine große Gruppe weißer Amerikaner, die es nicht ertragen hat, dass ein schwarzer Mann ins Weiße Haus einzieht, dass die First Family schwarz ist. Das hat die extreme Rechte enorm gestärkt. Das andere ist die Angst des weißen Amerika vor der Demografie. Sie wissen, sie werden schon bald in der Minderheit sein. Die Zeit arbeitet für den Gegner. Es ist die große Angst, die Kontrolle über das Land zu verlieren.

SPIEGEL: Angst aus dem Geiste der Statistik. Dabei haben Forschung und Wissenschaft bei der Rechten einen schwereren Stand denn je.

Rushdie: Etwas zu wissen, Experte zu sein, das gilt heute als elitär. Vor Kurzem gab es eine Umfrage unter Wählern der Republikaner, in der eine Mehrheit erklärte, sie glaubte, dass Universitäten schlecht für Amerika seien. Sie schadeten dem Land. Lernen ist schlecht für Amerika! Wir le-ben in einer Zeit, in der Sprache von den Füßen auf den Kopf gestellt wird. Leute, die Fake News verbreiten, nennen echte Nachrichten Fake News.

SPIEGEL: Das sind die neuen Großmeister der Fiktion, nicht mehr Sie, Herr Rushdie.

Rushdie: Natürlich hat das zum großen Teil mit dem Internet zu tun. Die Zerstörung der Wahrheit. Es gibt so unendlich viel Müll im Internet, und der wird auf derselben Ebene behandelt wie die Wahrheit. Das Bewusstsein der Menschen für das, was real und was irreal ist, erodiert.

SPIEGEL: Ein Wettkampf der Fiktionen. Und wir sind auf die Verliererseite geraten. Warum?

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Salman Rushdie:
Golden House

Aus dem Englischen von Sabine Herting

Bertelsmann; 512 Seiten; gebunden; 25,00 Euro

Rushdie: Die anderen sind die besseren Erfinder. Und das hat Konsequenzen für Leute in meinem Job. Die Berufserfinder. Ich habe natürlich darüber nachgedacht: Wenn die Welt so voll ist mit surrealen Unwahrheiten, könnte es die falsche Zeit sein, um seine Bücher mit weiteren surrealen Unwahrheiten zu füllen. Aber ich habe schon immer diese Paradoxie geliebt: dass Literatur der Ort ist, um Wahrheit zu suchen. Fiktion ist der Ort, an den du gehst, um Wahrheit zu finden. Es war so oft schon so in der Geschichte der Literatur. In der Sowjetunion sind die Menschen zu den Schriftstellern gegangen, um die Wahrheit zu erfahren, obwohl die Dinge erfunden haben - und die Leute, die behauptet haben, die Wahrheit zu sagen, haben in Wahrheit alles erfunden.

SPIEGEL: Daher auch die Angst totalitärer Regime vor der Literatur.

Rushdie: Genau. Es ist der Ort für die andere Wahrheit. Wobei ich aber sagen möchte, dass wir natürlich hier in keinem totalitären Staat leben. All die Leute, die sagen, Amerika sei heute ein faschistischer Staat, helfen uns nicht. Wir müssen immer daran denken, präzise in der Sprache zu sein. Und es gibt wirklich viele Dinge in diesem Land, die mich alarmieren, aber wir sind nicht mal in der Nähe eines faschistischen Staates. Wir können hier reden, und niemand greift ein. Ich kann dieses Buch schreiben, und es ist mir egal, was der Präsident darüber denkt. Das sind doch alles Zeichen dafür, dass es immer noch eine ziemlich freie Gesellschaft ist.

SPIEGEL: Umso wichtiger, dass die Literatur ihre Freiheit nutzt.

Rushdie: Ich will es damit nicht zu weit treiben. Denn ich glaube natürlich nicht daran, dass Literatur dafür da ist, irgendetwas Bestimmtes zu tun. Dass sie eine Aufgabe hat, Ziele zu erreichen oder so was. Nein. Nein. Nein. Aber - wir haben über Identität gesprochen - Literatur hat immer schon gewusst, dass Identität sehr, sehr kompliziert ist. Dass die Natur des menschlichen Wesens niemals homogen ist. Dass wir alle Charakterzüge in uns tragen, die sich widersprechen. Und jedes große Werk der Fiktion, jeder große Charakter zeigt uns das. Ob es Madame Bovary ist oder Oskar Matzerath. Jeder ist die Widersprüchlichkeit in sich. Das ist die Kunst der Literatur. Und in unserem Zeitalter, in dem uns allen gesagt wird, wir müssen uns definieren, vereindeutigen, da könnte es helfen, ein oder zwei Romane zu lesen, die uns daran erinnern, dass wir nicht beschränkt und eindimensional sind, sondern ungeheuer vielfältig. Literatur ist eben nicht Politik. Sie kann aber politisch wirksam sein. Ein Porträt der Zeit zeichnen.

SPIEGEL: "Wir waren die Monster, die wir immer gefürchtet hatten", heißt es im Roman.

Rushdie: Das ist doch das zentrale Thema des Buches. Ob es möglich ist, zugleich böse und gut zu sein. Und ich denke, die Antwort ist: offensichtlich ja. Gut, also mir ist es natürlich total egal, ob Hitler nett zu Hunden war oder Vegetarier, in einigen Fällen ist das Ungleichgewicht so drastisch, dass die Frage irrelevant ist. Aber die meisten Menschen haben doch gute wie schlechte Seiten. Wir alle haben Dinge getan, für die wir uns schämen, und Dinge, auf die wir stolz sind. Dieses Selbstbild ist moralisch kompliziert, aber ohne das verstehen wir uns selbst nicht und auch sonst niemanden. Meine Romanfigur Nero Golden ist ein sehr dubioser Mann. Ich wollte einen Charakter, mit dem man mitfühlen kann, ohne ihm seine Verbrechen zu vergeben.

SPIEGEL: Ist Nero Golden ein weiteres Spiegelbild Donald Trumps?

Rushdie: Nein, er ist eher ein Echo. Ein Echo Trumps, ein Echo des Jokers. Der Name Golden zum Beispiel - das ist ja schon mal ein leiser Anklang auf diesen speziellen Präsidenten, und wie dieser spezielle Präsident liebt er es, seinen Namen riesig groß auf Sachen zu schreiben. Aber er ist keine Allegorie auf Trump.

SPIEGEL: Der Roman ist ja wahnsinnig zeitnah geschrieben.

Rushdie: Nachdem die Entscheidung gefallen war, die Politik mit hineinzuschreiben in den Roman, war klar, dass gegen Ende immer noch frisiert und umgeschrieben werden müsste. Wir sind ja hart dran an der Gegenwart, und am Ende sollte das Buch so gegenwartsnah wie nur irgendwie möglich sein. Also wenn in der Welt etwas geschieht, würde ich nachjustieren müssen. Aber in Sachen Rassismus musste ich nun wirklich nichts nachjustieren. Schon die Wahlkampagne war die Öffnung der Büchse der Pandora. All diese giftigen Teufel sind da aus der Büchse gesprungen. Mir war klar, dass selbst wenn Trump nicht nominiert worden wäre, selbst wenn er die Wahlen nicht gewonnen hätte - dass all dies nicht zurück in die Büchse gehen würde. Das lässt sich nicht wieder wegsperren. Da war ich absolut sicher, egal wie die Wahlen auch immer ausgehen würden.

SPIEGEL: Was Ihren Helden, den Erzähler René Unterlinden, am meisten beunruhigt, ist die Frage: Wer sind diese 60 Millionen Menschen, die den Joker gewählt haben? Er sieht den Landsleuten ins Gesicht, und er weiß nicht, wer die Monster gerufen hat.

Rushdie: Ja, stimmt. Wobei: In New York können Sie ein wenig zuversichtlicher sein, weil diese Stadt ja in überwältigender Mehrheit demokratisch gewählt hat. Es gibt allerdings Restaurants in New York, da weiß ich, die sind voller Trump-Wähler.

SPIEGEL: Aha. Was essen die so, die Trump-Wähler?

Rushdie: Teuer. Die Restaurants sind in Midtown, wo die reichen Leute sind. Du gehst in diese Restaurants, und du weißt, ja, du siehst es: Diese Leute sind jetzt glücklich!

SPIEGEL: Die neuen Könige im Reich der Fiktionen.

Rushdie: Ja, und dann gehst du in andere Läden in Downtown, und dir ist sofort klar: Hier hat Trump nicht eine Stimme bekommen.

SPIEGEL: Und warum haben Sie Ihre Figur nach dem Berliner Boulevard Unterlinden genannt?

Rushdie: Ach, den Namen hab ich mir nur ausgedacht. Wissen Sie, was das Tollste ist am New Yorker Telefonbuch? Dieses unfassbar reiche Reservoir an erfundenen Namen in dieser Stadt voller erfundener Biografien. Eine Stadt voller Leute, die sich ihre Namen einfach ausgedacht haben. Amerikanische Namensfindung war schon immer sehr kreativ. Heute ist der kreativste Bereich der Bereich der afroamerikanischen Namen. Das ist herrlich surreal. Ich meine: Wer heißt denn bitte LeBron? Niemand auf der Welt heißt LeBron. LeBrons Eltern haben sich das ausgedacht. LaShanda! Ich lach mich kaputt! Afroamerikanische Namen sind explodiert in diesem Bereich surrealer Schönheit.

SPIEGEL: Also musste dieses erfundene Land voller erfundener Personen am Ende einen Präsidenten bekommen, dessen ganze Weltsicht auf Erfindung beruht? Auf einer Fiktion?

Rushdie: Ich denke, ja. Ich will nur nicht Trump das letzte Wort darüber geben, worum es in diesem Roman geht. Es geht in dem Roman um alles, worüber wir jetzt geredet haben. Und es gibt derzeit diese schreckliche Gewohnheit, dass Trump jedes Thema entführt und übernimmt. Jedes. Wir reden über Essen - und schon reden wir über Trump. Wir reden über Baseball, und schon reden wir über Trump. Jedes Thema führt zu Trump in diesen Tagen. Es wird wirklich ärgerlich. Alle Straßen führen zu Trump. Und ich widerstehe dem.

SPIEGEL: Stimmt. Es hat sogar dazu geführt, dass wir das Wort Fatwa jetzt seit anderthalb Stunden nicht erwähnt haben.

Rushdie: Oh, ja, das hat wirklich lange gedauert. Das F-Wort. Danke. Aber ich habe dazu in meiner Autobiografie "Joseph Anton" auch wirklich alles gesagt.

SPIEGEL: Die einzige Frage, die dazu bleibt: Hat sich für Sie etwas geändert, seitdem es fast so wirkt, als stünde der ganze Westen unter permanenter Morddrohung?

Rushdie: Ja, aber das wissen die Leute seit dem 11. September. Danach haben Journalisten zu mir gesagt: Jetzt haben wir verstanden, worum es geht, jetzt, wo es uns passiert ist. So ist es wohl. Und es ist seitdem nicht besser geworden. Wir leben in Zeiten, in denen sich alles in Höchstgeschwindigkeit dramatisch ändern kann. Und, ja, wir können uns sogar unterhalten und das F-Wort nicht erwähnen, das ist doch auch herrlich!

SPIEGEL: Herr Rushdie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führte der Redakteur Volker Weidermann in New York.



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