AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2017

Als Spitzen-Managerin in Saudi-Arabien "Ich reise, wohin ich will"

Sie leitet die milliardenschwere Börse in Riad, aber selbst Auto fahren darf sie nicht: Fühlt sich die Top-Managerin Sarah Al Suhaimi in ihrer konservativen Heimat respektiert?

Sarah al-Suhaimi
picture alliance/ abaca

Sarah al-Suhaimi

Ein Interview von


Sarah Al Suhaimi ist seit Februar die Vorstandschefin der saudi-arabischen Börse in Riad, dem wichtigsten Handelsplatz der arabischen Welt. Sie ist damit die erste Frau auf diesem Posten in der Geschichte Saudi-Arabiens. Parallel dazu leitet sie die Investmentabteilung der saudi-arabischen National Commercial Bank (NCB), die für rund eine Million Kunden ein Vermögen von 30 Milliarden Dollar betreut. Al Suhaimi ist 37 Jahre alt und stammt aus einer Bankerfamilie.

SPIEGEL: Frau Al Suhaimi, durch die Ernennung zur Chefin der saudi-arabischen Börse wurden Sie auf einen Schlag berühmt, fast alle internationalen Zeitungen haben über Sie geschrieben. Hat Sie das überrascht?

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Heft 18/2017
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Al Suhaimi: Es gab ja schon hier und da Berichte, als ich die Investmentabteilung der NCB übernommen habe. Mit diesem weltweiten Echo hatte ich allerdings nicht gerechnet.

SPIEGEL: Fast alle Artikel drehten sich auch um die Rolle der Frau in Saudi-Arabien. Etwa darum, dass Sie als Chefin der Börse bis heute nicht selbst Auto fahren dürfen.

Al Suhaimi: Das Autofahrverbot für saudi-arabische Frauen scheint ein Reizthema zu sein. Dabei bereitet das weder mir noch den meisten anderen Frauen in Saudi-Arabien schlaflose Nächte. Es bedeutet ja keineswegs, dass wir nicht mobil sind, dass wir keine Führungspositionen einnehmen und dass wir unsere Meinung zur Zukunft dieses Landes nicht sagen. Saudi-arabische Frauen sind schlauer, als viele denken. Wir bewegen uns viel, auch wenn wir nicht hinter dem Steuer eines Autos sitzen.

SPIEGEL: Das heißt, das Verbot stört Sie gar nicht?

Al Suhaimi: Ich bekomme diese Frage ständig gestellt. Es ist nun mal ein Verbot, und wir Frauen haben uns damit arrangiert. Aber das hindert uns nicht daran, eine Rolle bei der Modernisierung von Saudi-Arabien zu spielen.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich dabei mit Ihrem Werdegang als Vorbild?

Al Suhaimi: Ich bin da vorsichtig. Wenn ich als Beispiel für eine moderne saudi-arabische Frau stehe, die hart arbeitet und als Belohnung wichtige Posten bekommt, ist das okay. Aber es gibt neben mir viele andere Frauen in Saudi-Arabien, die schon heute viel Verantwortung übernehmen: in ihren Familien und in ihren Berufen. Hier an der Börse haben wir zum Beispiel bereits 30 Prozent weibliche Mitarbeiter.

SPIEGEL: Über Sie wurde auch geschrieben, Ihr Ehemann müsse all Ihre beruflichen Entscheidungen genehmigen. Dabei sind Sie gar nicht verheiratet ...

Al Suhaimi: ... und folglich gibt es auch keinen Mann, den ich um Erlaubnis fragen müsste. Aber auch die grundsätzliche Haltung ist falsch: Keine saudi-arabische Frau braucht eine Erlaubnis, um einen Job anzunehmen.

SPIEGEL: Wenn Frauen reisen wollen, ist laut Gesetz eine Erlaubnis nötig.

Al Suhaimi: Ich reise, wohin ich will. Da gab es auch nie Probleme, da mein Vater mich immer unterstützt hat. Natürlich gibt es konservative Familien bei uns. Und es gibt dieses Gesetz - aber das wird keine saudi-arabische Frau vom Reisen ins Ausland abhalten. Strenge Familien gibt es überall auf der Welt. Der einzige Unterschied ist, dass anderswo nicht die Regierung für die straffen Regeln verantwortlich gemacht wird.

Saudische Frauen in einem Café in Jeddah
AP

Saudische Frauen in einem Café in Jeddah

SPIEGEL: So einfach ist das nicht. Ihre Regierung gibt den Männern das Recht, die Freiheit der Frauen in ihren Familien massiv einzuschränken.

Al Suhaimi: Für Reisen ins Ausland mag das richtig sein. Aber Sie müssen eines verstehen: Sie können die Werte Saudi-Arabiens nicht eins zu eins mit denen anderer Länder vergleichen. Oder die Rechte einer saudi-arabischen Frau mit denen in Deutschland. Niemand hier will das Leben von Europäern oder Amerikanern führen.

SPIEGEL: Das heißt, Sie finden die Kritik an Saudi-Arabien in Sachen Frauenrechte anmaßend?

Al Suhaimi: Ich respektiere jede Meinung. Aber man kann westliche nicht gegen saudi-arabische Werte aufrechnen. In Deutschland macht sich doch auch niemand Sorgen, wie die Amerikaner das deutsche Leben und die Sitten sehen könnten. Wichtig ist, dass Menschen mit ihrem Leben zufrieden sind - und da werden Sie hier nicht viele Beschwerden oder Unmut finden. Die Kritik aus dem Ausland sagt deswegen wenig über die Stimmung in Saudi-Arabien aus.

SPIEGEL: Sie haben leicht reden: Sie stammen aus einer privilegierten Familie, hatten mehr Freiheiten und konnten deshalb einfacher Karriere machen.

Al Suhaimi: Die meisten Frauen, die ich im Finanzsektor kennengelernt habe, arbeiten, weil sie ein zweites Einkommen für die Familie brauchen. Insofern stimmt Ihre These nicht. Meine Erfahrung zeigt eher: Wenn man reich geboren wurde, ist der Appetit auf harte Arbeit nicht so riesig.

SPIEGEL: Sie behaupten also, dass es keine Hürden für Frauen in der saudi-arabischen Gesellschaft gibt?

Al Suhaimi: Natürlich gibt es die! Auch in Saudi-Arabien kämpfen Frauen damit, die richtige Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden, zwischen der eigenen Karriere und der Familie. Eines aber unterscheidet uns: Weltweit kämpfen Frauen mit dem Problem, dass sie für die gleiche Arbeit weniger Geld bekommen als Männer. Das ist bei uns anders, hier werden exakt die gleichen Löhne für Männer und Frauen gezahlt. Und zwar schon länger.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Warum gilt Saudi-Arabien dann weltweit als rückwärtsgewandtes Land?

Al Suhaimi: Wir sind ein Land mit alten Traditionen und Sitten, manche mögen sogar irrational erscheinen. Trotzdem sollten Ausländer keine Schlüsse ziehen, ohne das Leben hier zu kennen. Wir wollen und wir werden uns ändern, sowohl in der Wirtschaft als auch in der Gesellschaft. Aber wir werden das in unserer eigenen Geschwindigkeit tun und nicht, weil wir von außen belehrt werden.

SPIEGEL: Ihre Regierung hat kürzlich ein Modernisierungsprogramm angekündigt, die sogenannte Vision 2030. Sie sieht vor, dass bis dahin 30 Prozent aller Frauen berufstätig sein sollen. Ist das realistisch?

Al Suhaimi: Es geht nicht darum, ob es realistisch ist. Es muss passieren. Wir brauchen die Arbeitskraft der weiblichen Bevölkerung, wir können nicht weiter die Hälfte aller Saudi-Araber vom Arbeitsmarkt ausschließen. Die Quote ist nur eine Zielmarke, aus meiner Sicht muss sie früher als geplant erreicht werden.

SPIEGEL: Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass eine Regierung eine Frauenquote anordnet.

Al Suhaimi: Das ist keine Idee oder Vision, es ist eine Notwendigkeit. Wir haben sehr gut ausgebildete Frauen hier in Saudi-Arabien, und wir leben in einer globalen Welt. Wenn wir die Frauen hierbehalten wollen, damit sie den Fortschritt unterstützen, müssen sie die Posten bekommen, für die sie hart studiert haben.

SPIEGEL: Die Finanzwelt ist bis heute eine Männerdomäne. Und zwar weltweit.

Al Suhaimi: Das ist richtig. Aber ausgerechnet unsere Banken sind sehr viel progressiver als anderswo. Ich schätze, dass gut 15 Prozent aller Banker hier Frauen sind, besonders im Investmentgeschäft. Die Branche ist jung, deswegen ist sie führend, was die Gleichberechtigung angeht.

SPIEGEL: Trotzdem ist Ihre Karriere noch die Ausnahme ...

Al Suhaimi: Das stimmt nicht. Denn wenn ich von 15 Prozent weiblichen Bankern spreche, rede ich nicht von Schalterangestellten. Schauen Sie sich meine Bank an: Der Chief Financial Officer ist eine Frau, die Sicherheitsabteilung - durch die steigenden Cybergefahren eine zentrale Funktion - wird von einer Frau geführt. Das sind Topposten.

Frauen in einer Mall in Riad
Getty Images

Frauen in einer Mall in Riad

SPIEGEL: Was ändert sich, wenn mehr Frauen in der Wirtschaft, aber auch in der Regierung arbeiten?

Al Suhaimi: Hoffentlich das Gleiche, was sich in Europa oder anderswo gezeigt hat: Frauen sind nicht nur schlau, sondern bringen auch eine emotionale Kraft mit, die Männer so nicht haben. Es wird mehr Vielfalt geben. Frauen werden nicht nur ihr Können, sondern auch ihre Meinungen in Unternehmen und Regierung tragen.

SPIEGEL: Fürchten Sie keinen Widerstand?

Al Suhaimi: Es gibt immer Widerstand gegen das Neue, die Geschichtsbücher sind voll davon. Aber kann er Veränderungen stoppen? Ich glaube nicht. Die Welt heute ist anders als noch vor 15 Jahren. Jeder verfügt über alle Informationen, zu jeder Zeit. Jeder weiß, was er oder sie mit seinem Talent auch außerhalb von Saudi-Arabien machen kann. Ich bezweifle deshalb, dass jemand die geplanten Veränderungen blockieren kann.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Unbeschulbar 05.05.2017
1. Treffende Darstellung
Ich lebe seit letztem Jahr in Riad und ich kann die Darstellung von Frau Al Suhaimi nur bestätigen. Viele Frauen, insbesondere die jüngeren, nehmen auf sehr selbstbewusste und moderne Art und Weise am öffentlichen Leben teil. Insbesondere seit Uber und andere webbasierte Taxidienste verfügbar sind, hat sich die Mobilität für Frauen deutlich erhöht. Mir fällt kein anderes Land ein, welches sich zur Zeit so schnell in eine positive Richtung entwickelt. Es vergeht kaum ein Monat, in dem es kein neues "erstes Mal" gibt: Erstes Konzert in Riad seit 30 Jahren, erste Comic Ausstellung in Riad, usw. Die Realität in Saudi Arabien unterscheidet sich extrem von dem oft gezeichneten negativen Bild, ohne dass damit gewisse Mängel schöngeredet werden sollen.
jorgos 05.05.2017
2. Wunderbar
Auch in meinem Unternehmen haben wir tolle Frauen. Und sexistische Spüche sowie anderes Macho-Gehabe wird hier nicht geduldet. Aber es wirkt auf mich noch immer befremdlich, wenn Frauen durch Männer irgendetwas verboten wird, das Männern erlaubt ist - wie Autofahren, beispielsweise.
vitalik 05.05.2017
3.
Mein Gefühl ist, dass hier versucht wird aus dem goldenen Käfig heraus die Situation schön zureden. In ihrem Goldenen Käfig hat diese Frau natürlich die Macht und Selbstbestimmung, aber halt nur soweit bis die Käfigstreben nicht im Weg sind. Jetzt muss man sich in die Lage von Frauen versetzen, die diesen goldenen Käfig nicht haben. Einfache Hausfrauen, die nicht arbeiten können/dürfen. Welche Freiheiten können sich solche Frauen leisten? Da würden mich auch die Zahlen interessieren. Wie viel Prozent der Frauen in solchen Ländern gehen einer beruflichen Tätigkeit nach und wie viele Frauen müssen Zuhause bleiben?
ttvtt 05.05.2017
4. Stockholm Syndrom
Niemand muss selbst Autofahren. Nur wenn es einem auf Grund des Geschlechts nicht erlaubt wird und den anderem Geschlecht eben doch selbstverständlich ist, nützt alles Schönreden nicht. Letztlich ist es wie mit dem Kopftuchtragen, bei denen Frauen ja auch glauben, sie tun es aus freiwilligen Stücken. Frau muss erst aus ihren Käfig ausbrechen, um zu erkennen was Freiheit und Gleichberechtigung bedeuten. Was Frau nicht kennt, kann sie auch nicht vermissen.
Atheist_Crusader 05.05.2017
5.
Tut mir Leid. Das ganze Geschwurbel ist zwar nett, aber es das ist der Standpunkt einer privilegierten Frau, die durch ihre persönlichen Umstände (lies: Geld und eine vergleichsweise modern denkende Familie) mehr Freiheiten hat als Andere - und die Freiheiten die ihr dennoch fehlen schönredet. Das wäre, als wenn Jemand ein Verbot der freien Meinungsäußerung unterstützt, weil er ja eh nichts zu sagen hätte. Egoistisch, naiv und zutiefst beleidigend für jene die mehr unter diesen Gesetzen leiden. Saudi-Arabien ist ein zutiefst frauenfeindliches Land, per Gesetz ist eine Frau ihr ganzes Leben lang ein unmündiges Kind. Viele Dinge darf sie nicht tun - und was sie tun darf, ist oft von der Erlaubnis des Vaters oder Ehemannes abhängig. Das wird nicht besser, nur weil es eine weibliche Börsenchefin gibt. Genausowenig wie der Rassismus in den USA nicht geendet hat in dem Moment als ein schwarzer Präsident gewählt wurde. Und das obwohl in den USA die Menschen zumindest dem Gesetz nach gleich sind.
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