AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Saudi-Arabien Der gnadenlose Prinz

Der junge saudische Thronfolger Mohammed bin Salman modernisiert sein Land mit eiserner Hand. Nicht einmal die eigene Familie ist vor ihm sicher.

Prinz Mohammed bin Salman
AFP

Prinz Mohammed bin Salman

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Es geschehen unglaubliche Dinge in diesen Tagen in Riad. Etwa als Professor Saad Albazei im Zelt des Kulturzentrums Sasca das Bild "Tod des Sardanapal" von Eugène Delacroix zeigt, auf dem die Diener des assyrischen Sagenkönigs dessen nackte Konkubinen schlachten. Verschleierte Akademikerinnen sitzen in Professor Albazeis Vortrag über "Orientalismus in der Kunst". Auch Dichter und Ingenieure in Thaub und Guthra sind gekommen, sie alle trauen ihren Augen kaum: Nie zuvor haben sie so eine Malerei, so viele unverhüllte Frauenleiber gesehen.

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Heft 46/2017
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Saudi-Arabien befindet sich in diesen Tagen und Wochen in einem Schockzustand. Als wäre es aus dem Tiefschlaf gerissen und in den Orbit geworfen, mit noch unbekanntem Ziel. Da werden zum einen Prinzen, Milliardäre und Minister verhaftet. Da tritt zum anderen der libanesische Premier zurück, und spekuliert wird, er sitze in Riad im Hausarrest. Und dann fordert Saudi-Arabien auch noch alle seine Landsleute auf, den Libanon zu verlassen.

Und gerade erst hat der junge Kronprinz Mohammed bin Salman das Projekt einer spektakulären Hightechstadt am Roten Meer vorgestellt, mit selbstfahrenden Autos und Frauen ohne Schleier. In Riad spazieren Verheiratete Hand in Hand, viele religiöse Fundamentalisten sind entweder still oder im Gefängnis. Und, auch das noch, bald sollen Frauen sogar Auto fahren dürfen. Etwas ändert sich also im Land, die Frage ist nur: Was bedeutet das alles? Droht da nun ein neuer großer Krieg? Oder wird da ein Land modernisiert, so schnell, so radikal, wie es die Welt noch nicht gesehen hat?

Sechs Kilometer nördlich vom Kulturzelt im Hotel Ritz-Carlton ließen sich vielleicht Antworten auf einige dieser Fragen finden. Dort sitzt die politische und wirtschaftliche Elite des Landes, allerdings nicht ganz freiwillig. Sie wurden von schwarzen Limousinen aus ihren Luxusvillen abgeholt und in das Hotel gebracht, den wohl luxuriösesten Knast der Welt.

Auch der reichste Geschäftsmann Saudi-Arabiens, Prinz Alwaleed Bin Talal, wurde in eine der komfortablen Suiten eingesperrt, ebenso wie der langjährige Finanzminister, der König Salman noch beim G-20-Gipfel in Hamburg vertreten hatte. Das Königshaus wirft ihnen Ungeheuerliches vor: Korruption, Geldwäsche, Vorteilsnahme. Ungeheuerlich, nicht weil diese Vorwürfe überraschend oder unberechtigt wären. Sondern weil die Beschuldigten bisher als unantastbar galten.

In einem weitläufigen Büro in einem Hochhaus von Riad sitzt ein Regierungsberater, der anonym bleiben will. "Das ist der Anfang eines neuen Saudi-Arabiens", sagt er, seine Stimmung ist blendend.

"Diese Leute haben schlimme Sachen gemacht, nicht nur ein bisschen Geld hinterzogen." Sondern angeblich rund 90 Milliarden Euro in drei Jahren - das ist fast ein Drittel des bundesdeutschen Haushalts. Bestechung und Erpressung hätten bei vielen zum ganz normalen Geschäftsgebaren gehört, sagt der Berater.

Da sei zum Beispiel der ehemalige Bürgermeister von Dschidda. Aus Geldgier habe er die Flutgebiete der Stadt als Bauland ausgewiesen, ein Kanalsystem wurde bezahlt, aber nie gebaut. Mehr als hundert Menschen starben bei Überschwemmungen, als Bauten unterspült wurden.

Die meisten Verdächtigen würden angeklagt, sagt er, ein ziviles Gericht werde sie verurteilen. Alles ganz transparent also, streng nach dem Gesetz, das ist die Botschaft. Ob er nicht fürchtet, dass diese mächtigen Prinzen und Geschäftsleute irgendwann zurückschlagen könnten? Nein, sagt er, 90 Prozent der Saudi-Araber "tanzen doch auf der Straße vor Freude" und außerdem: Seit drei Jahren arbeite man an diesen Fällen. Jetzt sei es endlich so weit gewesen, dass man zuschlagen konnte.

Immer wieder wurden neue Festgenommene und Zeugen in das provisorische Gefängnis geschafft, Prinzen, Minister, ehemalige Regierungsmitglieder und Geschäftsleute. Zur Stunde sind es laut Generalstaatsanwalt 208 Verdächtige, von denen bisher nur sieben "ohne Anklage" wieder freikamen.

Seit der Verhaftungswelle vom vergangenen Wochenende geht die Angst um im Königreich. Interviewanfragen werden nicht beantwortet, niemand ist mehr bereit, sich öffentlich zu äußern, schon gar nicht kritisch.

Was sich hier abspielt, ist ein Coup des erst 32-jährigen Kronprinzen Mohammed bin Salman gegen die eigene Elite. Seit Tagen erteilte die Luftfahrtaufsicht keine Starterlaubnis mehr für Privatmaschinen, auch nicht für die königliche Familie. Im Ritz-Carlton sind die Telefone abgestellt.

Der Kronprinz, der de facto schon mit dem Plazet seines Vaters König Salman regiert, fing schon vor fünf Monaten an aufzuräumen. Er entmachtete den ehemaligen Innenminister Prinz Mohammad bin Naif, der bis Juni 2017 als potenzieller Thronfolger gehandelt wurde - bis der König seinen Sohn Mohammed bin Salman in der Thronfolge vorzog. Der junge Kronprinz soll den alten Rivalen seines Führungsstabs beraubt und ihn so lange ohne Diabetesmedikamente gehalten haben, bis dieser seinem eigenen Rücktritt als Innenminister zustimmte. Seither lebt er in seinem Palast in Dschidda unter Hausarrest.

Ob die Geschichten stimmen oder nicht, lässt sich nicht nachprüfen. Aber dass sie in diesen Tagen erzählt werden, sagt schon viel über den Zustand des Landes aus.

Viele Saudi-Araber sehen die Verhaftungen mit Gefallen, trifft es doch zum ersten Mal die Reichen. "Prinz Naif hat nun wenigstens einmal die Schmerzen gespürt, die er so vielen von uns als Innenminister zugefügt hat", sagt ein 28-jähriger Blogger, der sein Geld als Kalligraf verdient. Viele seiner Freunde sitzen im Gefängnis. Bisher habe es nur die Aufmüpfigen getroffen, "jetzt aber haben alle Angst, niemand ist mehr sicher, auch die Milliardäre nicht."

Geschäftsmann Bin Talal
Fahad Shadeed / REUTERS

Geschäftsmann Bin Talal

Aber es geht dem Kronprinzen sicher nicht allein um Gerechtigkeit, um den Kampf gegen die Korruption. Er konsolidiert mit diesen Verhaftungen seine Macht, nun wird es niemand mehr wagen, ihn offen zu kritisieren. Schon jetzt ist Kritik kaum noch möglich, in den vergangenen Monaten wurden so viele Kritiker wie selten zuvor verhaftet oder unter Hausarrest gestellt. Ein neues Antiterrorgesetz droht allen, die den König oder den Kronprinzen direkt oder indirekt angreifen, mit bis zu zehn Jahren Haft.

Ein königliches Dekret, erlassen am Tag der Verhaftungen, sichert dem Kronprinzen zudem weitgehende Vollmachten zu. Als Vorsitzender des Antikorruptionsausschusses kann er außerdem Vermögen einfrieren, Reisebeschränkungen erlassen, Finanztransaktionen von Personen und Firmen nachvollziehen. Es gibt nun niemanden, der mächtiger ist als Mohammed bin Salman. Nur: Was will er mit dieser Macht anfangen?

Wer wissen will, in welche Richtung es gehen kann, der muss sich nur seine bisherige Bilanz anschauen. Seinen verheerenden Krieg gegen die Huthi-Rebellen im Jemen, der Tausende getötet hat - ohne dem Ziel näher gekommen zu sein, im Gegenteil. Oder die so rigorose wie sinnlose Blockade von Katar wegen seiner angeblich zu proiranischen Politik.

Es sieht so aus, als wolle da jemand möglichst viel Disruption, als wolle er alles Alte auf einen Schlag zertrümmern. Saudi-Arabien soll seine bisherige geopolitische Zurückhaltung aufgeben, eine Führungsrolle im Nahen Osten erobern und Iran zurückdrängen. Eine erzkonservative Monarchie soll im Zeitraffer zum Zukunftsland umgebaut werden. Aber zu viel Disruption in einem so erstarrten Land kann auch zu gefährlichen Erschütterungen führen. Ein politischer Neuling, ausgestattet mit fast absoluter Macht - das ist eine riskante Mischung.

Wie riskant, das zeigt sich nun an bin Salmans Einmischung in den Libanon. Am Freitag, dem 3. November, landete das Flugzeug von Premier Hariri in Riad, so viel steht fest. Dann soll er verhaftet worden sein, ihm wurde angeblich das Handy entzogen - und er zum Rücktritt gezwungen. Jetzt stehe er in Riad unter Hausarrest. So berichten es zumindest unterschiedliche Quellen aus seinem Umfeld in Beirut. Riad bestreitet den Hausarrest.

Hariri ist eigentlich eng mit dem Königshaus in Riad verbunden, zugleich aber regiert er ein Land, das de facto von der Hisbollah beherrscht wird - und mit der Hariri, wohl oder übel, paktiert. Die Hisbollah jedoch ist ein Handlanger von Iran, dem Erzfeind Saudi-Arabiens. So kompliziert, so verwirrend verlaufen die Frontlinien im Nahen Osten.

In seiner Rücktrittsrede warf Hariri Iran und der Hisbollah vor, Unfrieden in den arabischen Staaten zu stiften. Er sagte zudem, er fürchte seine Ermordung. Sein Vater Rafiq al-Hariri, ebenfalls einst Premierminister, wurde 2005 ermordet, vermutlich von der Hisbollah.

Es sieht so aus, als drohe nach der Katarkrise nun die Libanonkrise, mit noch sehr viel gravierenderen Folgen. Eine Wirtschaftsblockade und der Abzug saudi-arabischen Geldes aus der libanesischen Zentralbank wären möglich, das würde den ohnehin instabilen Libanon in eine schwere Staats- und Wirtschaftskrise reißen. Und sogar ein Krieg gegen die Hisbollah ist nicht ausgeschlossen. Dem allmächtigen Kronprinzen wäre das leider zuzutrauen.



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