AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2017

Scheidung auf Katholisch "Es war erniedrigend"

Katholiken können ihre Ehe seit einiger Zeit leichter annullieren lassen - falls sie Kirchenrichtern Auskunft zu ihrem Intimleben geben, sehr explizite Auskunft.

Katholische Trauung
Sascha Rheker

Katholische Trauung

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Wenn Kirchenrichter eine katholische Ehe annullieren sollen, gibt es keine Schamgrenze. "Haben Sie beim Beischlaf Verhütungsmittel benutzt?", lautet eine der gängigen Fragen. "Haben Sie schon vor der Hochzeit gewusst, dass Sie Ihre Frau betrügen wollten? Wie oft hatten Sie ehelichen Verkehr?" Barbara Menzel weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Intimleben von kirchlichen Würdenträgern inspiziert wird. Sie ist Sportlehrerin aus Bad Honnef bei Bonn, schon zweimal hat sie es zur Basketball-Ü45-Weltmeisterin gebracht.

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Heft 2/2017
Wie die Demokratie ihre Bürger schützen kann

Trotzdem gab es Probleme, als sie sich in ihrer Heimat bei einer katholischen Schule bewarb. "Dem Schulleiter passte es überhaupt nicht, dass ich mit einem geschiedenen Mann verheiratet bin", sagt Menzel. Zunächst müsse ihr Mann seine erste Ehe von einem Kirchengericht annullieren lassen, danach könne sie ihn kirchlich heiraten. "Erst dann", so Menzel, "sollte meiner Anstellung nichts mehr im Wege stehen."

Das Kölner Kirchengericht beugte sich daraufhin über das Vorleben von Menzels Mann. Sein Vater, seine Schwester und eine Schulfreundin mussten auf die Bibel schwören und wurden als Zeugen intensiv nach seinen Beziehungen und seiner ersten Ehe befragt. "Ich fand die ganze Verhörtechnik erschreckend", erinnert sich die Schulfreundin, eine Psychologin. Über die bizarren katholischen Kirchenprozesse dringt so gut wie nichts an die Öffentlichkeit. Denn alle Beteiligten werden zur Geheimhaltung verpflichtet. Aus gutem Grund.

22 katholische Gerichte existieren in Deutschland, im Jahr 2016 urteilten sie abschließend in 580 Ehenichtigkeitsprozessen. Allein im größten deutschen Kirchengericht in Köln arbeiten zwei Dutzend Festangestellte und 26 haupt- und nebenamtliche Richter. Im Schnitt beginnt dort zweimal pro Woche ein neuer Eheprozess, die Vernehmungen dauern mitunter den ganzen Tag. In den Archiven stapeln sich mittlerweile etwa 14.000 Prozessakten.

Jede dritte Ehe in Deutschland geht auseinander, doch die Kirche erkennt eine weltliche Scheidung nicht an, sie hält am Grundsatz der Unauflöslichkeit fest. Für Angestellte der katholischen Kirche bedeutet das im Zweifelsfall existenzielle Sorgen.

Jahrelang recherchierte die Autorin Eva Müller für ihr Buch "Richter Gottes" in der katholischen Paralleljustiz. Die Schicksale von katholischen Chefärzten und Schulleitern haben sie beschäftigt, von Altenpflegern, Kindergärtnerinnen und Bürokräften. Etwa 700.000 Menschen arbeiten für die katholische Kirche und die Caritas. "Sobald ihre Beziehung als 'schädliches Ärgernis' gilt, droht selbst verkündigungsfernen Angestellten die Entlassung", sagt sie.

Und wer sich auf einen Kirchenprozess einlässt, um seine erste Ehe annullieren zu lassen und so seinen Job zu retten, ahnt oft nicht, was auf ihn zukommt.

So ging es auch Elke Rogosky und Peter Otten aus Köln. Sie war bereits seit Jahren geschieden, als sie sich kennenlernten. Er ist Theologe und als Pastoralreferent im verkündigungsnahen Dienst, aus Sicht der Kirche dürfen sie nicht in wilder Ehe zusammenleben. "Du weißt, ich bin eine geschiedene Frau", hatte Rogosky gleich gesagt.

Als sie einige Zeit später zusammenzogen, schrieb sie ihren Namen nicht aufs Klingelschild. Aus Vorsicht, aber auch schweren Herzens. "Ich bin jetzt fast 50 Jahre alt", sagt sie, "natürlich habe ich mich gefragt, warum ich mich in eine Situation begebe, in der ich mehr oder weniger nicht legal bin." Auch Otten tat sich schwer: "Was ist, wenn ich mal eingeladen bin - bringe ich sie dann mit oder nicht?"

Von 2012 bis 2015 wurde ihr Fall vor einem katholischen Gericht verhandelt, es waren Jahre der Unsicherheit. Sieben Zeugen wurden vernommen: ihr Bruder, ihre Kollegin, fünf Freunde. Ein Pfarrer, den Rogosky nie zuvor gesehen hatte, führte mit ihr ein zweistündiges Gespräch, anschließend schrieb er ein Glaubwürdigkeitszeugnis, das in die Beweisführung einging.

Die Richter hat Rogosky nie zu Gesicht bekommen. Der Prozess wurde, in Anlehnung an das antike römische Streitverfahren, schriftlich geführt, eine mündliche Verhandlung gab es nicht. Wie ein Staatsanwalt brachte ein "Ehebandverteidiger" der Kirche per Schriftsatz seine Argumente für den Fortbestand ihrer Ehe vor - getreu dem Grundsatz: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Auf 16 Seiten bescheinigte ihr der Mann absolute Unglaubwürdigkeit. Rogosky war entsetzt: "Es war erniedrigend."

Am Ende wurde ihre erste Ehe zwar annulliert. Nach der standesamtlichen Trauung konnten Rogosky und Otten nun auch kirchlich heiraten, der Pastoralreferent durfte seine Stelle behalten. Trotzdem ist Otten über seinen Arbeitgeber empört. "Die Kirche nutzt die Lebensnot von Menschen, um in ihrem Privatleben zu schnüffeln", sagt er - "aus obskuren Machtgründen, denn theologische Gründe fallen mir nicht ein. Kein einziger."

Kirchenjuristen sehen das anders. Statt Ehen zu scheiden, erklären sie Ehen für ungültig. Aufwendig versuchen sie deshalb zu beweisen, dass ein Partner zum Beispiel von Anfang an keine Kinder bekommen wollte oder nicht an die Unauflöslichkeit der Ehe glaubte. Sex gibt es aus ihrer Sicht nur zwischen Eheleuten, alles andere ist Unzucht, Ehebruch, schwere Sünde.

Seit die katholische Kirche ihre strenge Morallehre in der Gesellschaft kaum noch durchsetzen kann, verkommt ihre Gerichtsbarkeit zur Paralleljustiz für die eigenen Angestellten. "Das ist für die Richter eine unmögliche Situation", sagt der Freiburger Kirchenrichter Georg Bier, der auch Kirchenrechtsprofessor ist: "Plötzlich hängt nicht nur die Frage der Ehegültigkeit, für die sie zuständig sind, von ihnen ab, sondern auch das Anstellungsverhältnis, für das sie nicht zuständig sind."

Besonders hart wird es für die Betroffenen, wenn ein Prozess gegen den Willen eines ehemaligen Ehepartners geführt wird wie bei Margarete G. aus dem Bergischen Land. Ihr Mann, ein Kirchenangestellter im Krankenhaus, hatte nach der Scheidung wegen einer neuen Beziehung das Verfahren eingeleitet, um seinen Job zu retten.

"Ich möchte nicht, dass meine 28-jährige Ehe für nichtig erklärt wird, aus der fünf wunderbare Kinder hervorgegangen sind", erklärte Margarete G. dem Gericht. Ihre Ehe habe "stattgefunden mit allem, was das Leben für uns bereitgehalten hat".

Das Urteil der Kirchenrichter: Die Ehe sei nichtig, die Kinder allerdings dürften weiter als ehelich gelten. Ihr ehemaliger Mann konnte seinen Job behalten. So läuft es häufig: Die Amtskirche zeigt sich flexibel, solange sie eben der Lehre nach halbwegs ihr Gesicht wahren kann.

Viele deutsche Katholiken hatten im Herbst 2015 darauf gehofft, dass Papst Franziskus die strengen Eheregeln endlich lockert. Tatsächlich verschlankte er nur die Kirchengerichtsprozesse. Sie können nun schneller und kostenlos geführt werden. Eine Scheidung auf Katholisch ist einfacher geworden. Die Nachfrage ist groß.

Für Barbara Menzel aus Bad Honnef kommt die päpstliche Reform zu spät. Drei Jahre lang hatte sich das Kölner Kirchengericht mit der ersten Ehe ihres Mannes beschäftigt, bevor es die erhoffte Annullierung beschloss. Inzwischen hat die Sportlehrerin auf die neue Stelle in der katholischen Schule verzichtet. "Für eine kirchliche Einrichtung möchte ich nicht arbeiten", sagt sie.



insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
MrSnoot 09.01.2017
1.
Von wann ist der Artikel, 12-Hundert-irgendwas?
Ein_denkender_Querulant 09.01.2017
2. aufgeklärte Gesellschaft
Eine Religion ist prinzipiell etwas schönes, wenn sie Menschen Einheit, Lebensfreude und Sinn schenken würde. Die katholische Kirche war von je her auf Macht, Unterdrückung und Abhängigkeitsbildung ausgelegt. Warum tut man sich so etwas in einer aufgeklärten Gesellschaft an? Das ist mir unbegreiflich.
solapgir 09.01.2017
3. Aha sehr interessant
Wo ist den bitte der Aufschrei nach Menschlichkeit und gegen einen Religiösen Fanatismus mitten in Deutschland Auf andere mit dem Finger zeigen und selber kein deut besser!
Shantam 09.01.2017
4. Verstehe das mal wieder nicht!
Es geht doch schon seit Jahrhunderten nur um Erniedigung ! Welchen Sinn hat denn sonst so eine Gemeinschaft? Beim besten Willen kann ich nichts aber auch garnichts anderes in dieser Gemeinschaft sehen.
hwdtrier 09.01.2017
5. Seltsam
Bei Bekannten war die Annulierung Verwaltungsakt. Klar dass man begründen muss.
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