AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2017

Schicksale Sie war eine von 5000. Sie hieß Fatim

Die Torhüterin der gambischen Nationalmannschaft liebte den FC Bayern. Sie wollte in Deutschland spielen. Die 19-Jährige machte sich heimlich auf den Weg - und verschwand auf ihrer Reise.

Ricci Shryock / DER SPIEGEL

Von


Eine halbe Stunde bevor ihre Reise in den Tod begann, stand Fatim Jawara, 19 Jahre alt, an einer stauverstopften Straße in Gambia und wählte noch einmal die Nummer ihres Freundes. Es war ein Freitagmorgen im August. Sie hatte ihre Fußballschuhe in einen schwarzen Rucksack gesteckt, ein paar Klamotten dazu, sie war entschlossen, in den Bus zu steigen. Nur wollte sie ihrem Freund ein letztes Mal gegenüberstehen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 9/2017
Die Schulz-Debatte: Wie gerecht ist das Land?

"Ich will dein Gesicht sehen. Kannst du rauskommen?", fragte sie, als ihr Freund das Telefon abnahm. "Klar", sagte er und ging vor die Tür. Seit zwei Jahren waren sie ein Paar, Kawsu und die Nationalspielerin Fatim aus Gambia, jenem kleinen Staat am westlichen Rand von Afrika.

Sie stellten sich in den Morgen vor den kleinen Laden gegenüber seinem Haus. Verbeulte Autos drängen sich dort durch den Sand, Hühner picken Plastikfetzen, Händler verkaufen Smartphones, Eier, Lollis, Brot. An der nächsten Ecke fährt der Bus in Richtung Grenze.

Sie müsse für ein paar Wochen zum Fußballspielen nach Dakar, in die Hauptstadt des Senegal, sagte Fatim. Dasselbe hatte sie ihrer Mutter erzählt und ihren Geschwistern. Nichts Ungewöhnliches, dachten alle. Sie war öfter mit ihrem Team unterwegs, den Red Scorpions, und manchmal wurden Spielerinnen an andere Mannschaften ausgeliehen. Im Senegal, auch in Marokko hat Fatim im Tor gestanden. Sie war sogar schon in Aserbaidschan, bei einer Weltmeisterschaft für Juniorinnen. Sie umarmte ihren Freund. Dann lief Fatim, ein schlankes Mädchen mit kurzen geflochtenen Zöpfen und einer Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen, die 50 Meter zur Haltestelle und stieg zusammen mit einem anderen Mädchen in den Bus. Es war das letzte Mal, dass ihr Freund Kawsu sie sah. Es sollte zwei Monate dauern, bis er erfuhr, warum.

Zunächst war es nur ein Gerücht, das durch die Nachbarschaft wehte wie der Harmattan-Wind, der an besonders heißen Tagen den Staub aus der Sahara bringt; Handys klingelten, Nachrichten wurden versandt. Und schließlich, Anfang November, wusste es die ganze Welt. Der englische "Guardian" berichtete, die spanische Zeitung "El Mundo", die "Washington Post" schrieb: "Sie war Gambias Star-Torhüterin und doch nur eine weitere Migrantin, die im Mittelmeer ertrank."

Fatim und ihre Freundin Sirah hatten den "Backway" genommen, so nennen sie in Gambia die Route, die über Mali, Niger und Libyen bis nach Europa führt. Ende Oktober meldete sich ein Schleuser und bestätigte, dass Fatims Boot gesunken sei.

5100 Menschen ertranken laut Uno-Statistik 2016 im Mittelmeer, es war das Jahr mit den meisten Toten seit Beginn der Zählungen.

Fatim kannte die Gefahr, das sagen ihre Freundinnen. Sie hatte gehört, dass Mädchen auf der Route vergewaltigt werden, dass in Libyen gekidnappt und gefoltert wird. Wie kommt eine Sportlerin, die es bis in die Nationalmannschaft ihres Landes geschafft hat, dazu, diesen Weg zu gehen?

"Warum hat sie nichts gesagt?", fragt sich Kawsu, ihr Freund. "Warum habe ich nichts bemerkt?", fragt sich Momodou, ihr Bruder. "Warum hat sie gelogen?", fragt sich ihre Mutter. Sie alle sagen: "Sie hatte keine Not."

Die Geschichte von Fatim Jawara handelt von der Flucht einer jungen Frau, von der niemand glaubte, dass sie einen Grund zu flüchten habe. Die Geschichte lässt sich zusammenfügen aus dem, was sie ihren Mitspielerinnen anvertraute, ihren Geschwistern, aus den Gedanken, die sie auf ihre Facebook-Seite schrieb. Ihre Geschichte beginnt auf den Straßen von Serekunda, wo vor 15 Jahren ein kleines Mädchen anfing, vom Fußball zu träumen.

Fatim Jawara wächst auf als jüngste Tochter von Amie Kebbeh, der dritten Frau ihres Vaters. Der Vater ist Imam, ein Ehrenmann. Noch vor Fatims Geburt baut er eine Moschee, direkt gegenüber dem Familiengrundstück, ein schmucker Bau mit weiß und türkis getünchten Steinen.

Das Zuhause der Familie Jawara liegt hinter einem blauen Blechtor, das auf einen großen Hof führt, Hühner laufen dort, Ziegen, Katzen. 15 blasse Häuschen stehen innerhalb der steinernen Mauern, darin leben die drei Ehefrauen des Imam und ihre 20 Kinder. Eines von ihnen ist Fatim, alle nennen sie "Chart", die Jüngstgeborene.

Der Vater stirbt, als Fatim noch ein kleines Mädchen ist. Die Familie ist nicht wohlhabend, aber auch nicht bitterarm, sie kommt über die Runden, und es wird etwas einfacher, als die ersten Kinder Arbeit finden. Fatims Lieblingsbruder wird Vorarbeiter in der Staatsdruckerei und bei einer Tageszeitung, ein anderer Bruder ist Polsterer. Die Mutter betreibt einen kleinen Kiosk, in dem Fatim und ihre Schwester Oumie beim Verkaufen helfen.

Fatim und ihre Schwestern lernen, gute Töchter zu sein, auf ihre Gebete zu achten, fleißig in der Schule und im Haus zu sein. Aber schon früh ist zu spüren, dass Fatim noch eine andere Seite in sich trägt.

Wenn die Brüder in den Straßen kicken, läuft Fatim hinterher und bettelt, bis sie mitspielen darf. Trotz ihrer dünnen Beinchen rennt sie jedem Ball hinterher. Wenn sie nicht selbst spielen kann, stellt sie sich an den Rand und bewacht die Schuhe der Spieler. Irgendwann stellen die Jungen das kleine Mädchen ins Tor. Von da an ist sie nicht mehr vom Platz zu kriegen.

Als sie älter wird, kommt Fatim ins Internat. Sie ist beliebt, ein Mädchen, das viel lacht, das tanzt, wann immer Musik angeht, das bei den Pfadfinderinnen Flöte spielt. Sie stellt sich jeder sportlichen Herausforderung. Es gibt Fotos von Fatim, da steht sie auf dem Siegertreppchen nach einem Laufwettbewerb, sie spielt Volleyball. Aber der Fußball ist es, dem ihre ganze Aufmerksamkeit gehört.

"Boying", so beschreibt Fatims Bruder ihr Auftreten. Fatim läuft gern in Trainingshose und T-Shirt umher - in einem Land, in dem die Mädchen bunte Kleider tragen und nicht selten ein Kopftuch dazu. Fatim hat lieber Baseballcaps auf ihren kurzen Haaren. "Willst du nicht mal einen Mann haben und heiraten - warum ziehst du dich so an?", das fragen die Leute sie.

Aber Fatim macht so weiter, und irgendwann hören sie auf zu fragen. "Sei du selbst. Sei immer du selbst. Auch wenn die Leute wollen, dass du wie sie wirst. Ich bin stolz, ich zu sein", das schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite.

Vor sieben Jahren tragen die Red Scorpions ein Erstligaspiel im Stadion in der Nachbarschaft aus. Fatim schaut zu, und es muss sich für sie anfühlen, als käme sie an in diesem Moment. Da sind 22 andere Mädchen, die so sind wie sie, die mit dem Ball umgehen können wie die Jungs und die stolz darauf sind. Sie nennen einander Schwestern.

Fatim gehört schnell dazu. "Da noble Family", die noble Familie, nennt sie ihr Team. Wahrscheinlich ist sie selbst der größte Fan. Auf ihrer Facebookseite kommentiert sie später jedes Spiel, postet Bilder von Trainingslagern, von ihren Reisen. Da ist Fatim im Tor zu sehen, wie sie auf Kunstrasen Bälle hält, da ist ihr Team im Nationalstadion bei einer Pokalübergabe.

"Team Red Scorpions", schreibt Fatim, "simply da bztt", einfach die besten. Oder "#teamredscorpion# niemand kann uns stoppen... go go gooo".

Es ist Mittwochnachmittag, sechs Monate nach Fatims Verschwinden. Ihre Mannschaft steht auf dem Fußballplatz, einem Sandfeld im Stadtteil Kanifing, mit Toren, die aus je zwei krummen Baumstämmen und einem Drahtseil bestehen. Hier trainierte Fatim vier Tage die Woche, pflückte Bälle aus der Luft, das war ihre Spezialität. "Sie hatte Grip", sagt ihre Trainerin. Die Spielerinnen tragen rote Trikots. Sie sprinten und schießen bei 36 Grad. Jeder Ball wirbelt wüstenroten Staub vom Boden.

Auch Kawsu Drammeh, Fatims Freund, ist zum Training gekommen. Seit Fatims Tod macht er sich sooft wie möglich nach der Arbeit im Büro einer Zementfabrik auf den Weg zum Platz. Er ist ein groß gewachsener junger Mann mit einer hell gefärbten Strähne im Bart. Die anderen Spielerinnen haben ihn gebeten, mit ihnen zu trainieren, sie fühlen sich Fatim näher, wenn er dabei ist, sagen sie.

Trai­nings­platz der Red Scor­pi­ons
Ricci Shryock / DER SPIEGEL

Trai­nings­platz der Red Scor­pi­ons

Er wollte Fatim heiraten, erzählt er am Spielfeldrand. Seine Stimme ist leise. Als er ihr einen Antrag machte, sagte sie, es sei zu früh. Sie wollte erst ihre Fußballkarriere vorantreiben. Er sagt: "Vorn, das war Europa für sie. Am liebsten wollte sie nach Deutschland", er lächelt, "sie war zu 100 Prozent für Bayern München."

Die ersten Jahre bei den Red Scorpions sitzt Fatim viel auf der Bank, aber sie trainiert so hart, dass sie bald zu den Besten gehört. Im Februar 2012 bekommt sie eine offizielle Spielerlizenz von der Gambian Football Federation, auf blauem Papier, mit einem runden Stempel auf ihrem Spielerfoto. Darauf sieht Fatim glücklich aus und etwas überrascht. Man hat sie in die Nationalmannschaft berufen.

Wer verstehen will, was Fatim trotz ihres Erfolgs bewog, ihre Mannschaft, ihr Leben in ihrer Heimat hinter sich zu lassen, muss verstehen, was es bedeutet, in einem Staat wie Gambia zu leben.

Das Land gehört zu den ärmsten der Welt, etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Bis zum Machtwechsel im Januar wurden die Menschen 22 Jahre lang von einem irren Autokraten regiert. Die Staatskassen sind leer, viele Menschen sind geflüchtet.

Selbst wenn einige Spieler gut sind: Gambische Mannschaften qualifizieren sich so gut wie nie für ein internationales Turnier. Für den Frauenfußball gibt es einen winzigen Etat, Gehälter sind nicht vorgesehen.

In der Zentrale des gambischen Fußballverbands sitzt hinter einem Schreibtisch eine engagierte Frauenfußball-Beauftragte, die selbst in der Nationalmannschaft spielt und laufend Bewerbungen für Fifa-Programme schreibt, um die Ausbildung von Trainerinnen und Schiedsrichterinnen voranzutreiben. Aber alles, was sie den Spielerinnen anbieten kann, sind T-Shirts, kistenweise, auf denen steht: "FIFA. Live your goals".

Fatim weiß das. Aber sie versucht erst gar nicht, einen anderen Beruf zu finden: Sie belegt ein paar Computerkurse, doch in Wirklichkeit will sie nichts anderes als Fußball spielen, am besten im Ausland. Sie ist ein Teenager. Teenager haben Träume.

Und es gibt sie ja, die märchenhaften Geschichten von Gambiern, die es im Ausland geschafft haben. Da ist Bakery Jatta, der als Flüchtling kam und vergangenes Jahr einen Vertrag beim Hamburger SV unterschrieb. Oder Ousman Manneh, der bei Werder Bremen landete. Fußballer aus Gambia spielen in Italien, in England, Spanien, auf der ganzen Welt. Die Liste ist lang, zumindest bei den Männern.

"Es wird immer Zweifler geben", schreibt Fatim auf Facebook, "aber wir glauben daran, dass etwas Wundervolles geschehen wird."

Ihr erstes Heimspiel gegen ein Team aus Europa hat Fatim im November 2015. Eine schottische Frauenmannschaft, die Glasgow Girls, sind zu einem Freundschaftsspiel gekommen. Am Abend vor dem Spiel schreibt Fatim: "Wir können es schaffen, mit Allahs Hilfe. Glasgow Girls, wir sind bereit für euch." Dazu postet sie ein Teamfoto mit der Aufschrift: "Dreams make us who we will become."

Und tatsächlich: Die Red Scorpions gewinnen 2:0. Fatim hält jeden Ball. Die Trainerin der Schottinnen nimmt Fatim nach dem Spiel beiseite und sagt, dass sie von ihrem Spiel beeindruckt sei, das erzählt Fatim später ihrem Bruder. Möglicherweise ist dies der Moment, in dem sich der Gedanke zur Flucht in ihrem Kopf festbeißt wie ein Parasit. Fatim erzählt jetzt öfter von Europa.

"Sei glücklich über dein Leben, denn es gibt dir die Möglichkeit zu lieben, zu arbeiten, zu spielen und in die Sterne zu schauen. Akzeptiere, was du nicht ändern kannst, ändere, was du nicht akzeptieren kannst", schreibt sie.

Es ist Trainingspause in Kanifing, die Spielerinnen der Red Scorpions lassen sich auf einem hohen Schotterhaufen und auf umgestürzten Baumstämmen im Schatten einer Mauer nieder. Das ist ihre Bank. Sie kichern miteinander, wie Teenager es tun, teilen Wasserflaschen mit Eiswürfeln darin, checken ihre Nachrichten, wischen sich mit dem Unterarm übers Gesicht.

Pullo Bah sitzt nun allein, wo sie bis vor Kurzem noch mit ihrer besten Freundin Fatim saß. Sie ist Stürmerin, 24 Jahre alt, sie trägt eine rosa Strickmütze, trotz der Hitze, Schweißperlen sprenkeln ihr Gesicht. Sie sagt: "Wir waren uns so nah. Ich warte immer noch auf ihren Anruf."

Freun­din Pul­lo Bah (M.), Mit­spie­le­rin­nen
Ricci Shryock / DER SPIEGEL

Freun­din Pul­lo Bah (M.), Mit­spie­le­rin­nen

Vor drei Jahren hat Fatim Pullo in das Team geholt, gemeinsam spielten sie in der Nationalmannschaft, sie sprachen jeden Tag über alles und jeden. Pullo weiß mehr als die meisten in Fatims Umfeld. Ihr vertraute sie ihre Geheimnisse an.

An einem Mittwoch im August klingelt ihr Telefon, erzählt Pullo. Fatim ist dran und sagt, sie müsse dringend mit ihr reden. Pullo macht sich auf den Weg zu Fatims Haus, und sofort sieht sie ihrer Freundin an, dass etwas nicht stimmt. Fatim sagt, sie habe eine Chance, nach Europa zu gehen, und sie werde sie ergreifen.

Fatim hatte ein Mädchen aus der Nachbarschaft kennengelernt, Sirah. Zuerst kam Sirah nur zu den Spielen, sah beim Training zu, nach kurzer Zeit verbringt Fatim immer mehr Zeit mit ihr. Sirah hat Ideen. Sirah sagt, sie könne Geld auftreiben, um sie beide bis nach Libyen zu bringen.

Pullo sagt: "Das kannst du nicht machen. Das ist gefährlich."

Fatim sagt: "Manche haben Glück."

Sie sagt auch, dass sie ihrer Mutter helfen müsse. Fatim kann den Gedanken nicht mehr ertragen, dass ihre Mutter schuften muss, während sie jeden Tag ohne Geld vom Training kommt. Dass ihre Mama jeden Morgen um vier Uhr aufsteht, um Bohnenpaste zu kochen und sie auf Sandwiches zu schmieren, die sie für 30 Cent das Stück aus dem Fenster ihres Shops verkauft. Dass sie anschließend stundenlang Fischeintopf zubereitet und ihn dann den Kunden zum Abendessen anbietet. Eine müde Frau über 60. An guten Tagen macht sie drei Euro Gewinn.

Ein einziges Mal in ihrer Fußballkarriere hat Fatim ihrer Mutter helfen können. Als sie von der Weltmeisterschaft aus Aserbaidschan zurückkommt, lässt der damalige Präsident jeder Spielerin 100.000 Dalasi, rund 2300 Euro, übergeben. Ein Vermögen in Gambia. Sie investiert das Geld in den Bau eines neuen Hauses für ihre Mutter, drei winzige Zimmer, verzierte Fenster nach draußen. Es ist wie ein Vorgeschmack auf das, was Fatim ihr ermöglichen könnte, wenn sie erst in Europa wäre.

"Mamy ama make u proud 1 day." "Mami, eines Tages werde ich dich stolz machen." Das speichert Fatim auf dem Bildschirmschoner ihres Handys. Dabei hätte ihre Mutter nie gewollt, dass Fatim geht. Ihr weiches Gesicht wird zu einer traurigen Maske, wenn sie an Fatim denkt. Tränen rollen dann aus ihren Augen. Die Mutter kann nicht mehr über ihre Tochter sprechen, die ganze Familie schweigt in ihrer Gegenwart über sie.

Mut­ter Amie Keb­beh
Ricci Shryock / DER SPIEGEL

Mut­ter Amie Keb­beh

Am Morgen des 12. August fahren Fatim und Sirah in den Senegal. In Kaolack steigen sie um in einen Bus, der sie nach Mali bringt. Von dort ruft Fatim ihre Freundin Pullo an. "Ich bin okay", sagt sie.

In Sarba, einem Durchgangsort in Niger, stecken die Freundinnen fest. Der Schleuser fordert 1000 Dinar, um sie nach Tripolis zu bringen. Sie rufen Fatims Schwester Oumie an und bitten sie, Geld zu schicken. Oumie weiht die älteste Schwester ein, sonst niemanden. Heimlich kratzen sie das Geld bei Bekannten zusammen. Der Rest der Familie glaubt noch immer, Fatim sei zum Fußballspielen im Senegal.

Der nächste Anruf kommt aus Tripolis.

"Wie geht es dir?", fragt Pullo.

"Es ist hart", sagt Fatim.

"Bitte komm zurück", sagt Pullo.

"Ich bin so weit gekommen. Lass uns sehen, wie Allah entscheidet", sagt Fatim.

Das letzte Gespräch führt Pullo an einem Sonntagabend Ende Oktober. Fatim erzählt, dass sie am Strand sitzt, dass sie Plätze auf einem Boot haben, das Wetter aber zu schlecht zum Starten sei. Sie müsse warten.

Vier Monate ist das jetzt her. Es gibt keinen Leichnam. Nur die Todesnachricht von einem Schleuser und ein paar Handyfotos, auf denen Sirahs geschundener Körper zu sehen ist. Sie wurde vor der Überfahrt in Libyen geschlagen, am Kopf, am Oberkörper. Ob Fatim das Gleiche geschah, kann niemand sagen.

In Fatims Zimmer schläft jetzt ein anderes Mädchen, ihre Freundin Ramu, die Fatim zum Verwechseln ähnlich sieht. Fatims Mutter hat sie gebeten einzuziehen, weil sie es nicht erträgt, Fatims Zimmer leer zu sehen. Ansonsten ist dort alles geblieben, wie es war. Fast sieht es aus, als könnte Fatim jeden Augenblick wiederkehren.

Freun­din Ramu Lowe in Fa­tims Zim­mer
Ricci Shryock / DER SPIEGEL

Freun­din Ramu Lowe in Fa­tims Zim­mer

Auf der Holzkommode liegt neben ihren Baseballkappen ein alter Frauenfußball-Katalog der Fifa, mit einem Vorwort von Sepp Blatter. Drei Paar Torwarthandschuhe stecken zwischen ihren Kleidern im Schrank. Daneben liegt sorgfältig gefaltet Fatims gelbes Trikot, Spielernummer 21.

RICCI SHRYOCK / DER SPIEGEL

Über die Autorin: Dialika Neufeld, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2009 beim SPIEGEL im Ressort Gesellschaft. Sie war beeindruckt vom emanzipierten, zum Teil recht maskulinen Auftreten der Spielerinnen - eine Besonderheit in einem muslimischen Land. Die Mädchen reagierten ungläubig bis begeistert, als sie erfuhren, dass Neufeld und die Fotografin ohne Ehemänner reisen.



© DER SPIEGEL 9/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.