AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2016

Schlechte Noten im Zeugnis Besser lernen ohne Zwang

Viele Kinder - und Eltern - verzweifeln an schlechten Zeugnisnoten. Dabei sind andere Faktoren viel wichtiger für Erfolg im Leben. Experten erklären, wie sich Neugierde und Motivation fördern lassen.

Kinder im Nationalpark Harz
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Kinder im Nationalpark Harz

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Wenn Titus Dittmann zeigen will, was er von der Schule und vom Lernen in Deutschland hält, hebt er die Arme über den Kopf und formt mit seinen Händen einen Trichter. Er sagt: "Ganz viel Wissen oben rein."

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Heft 35/2016
Noten sind nicht alles: Worauf es im Leben ankommt

Dann beugt er sich über seinen Schreibtisch und macht ein Geräusch, als wäre ihm plötzlich schlecht. Er sagt: "Und hier wieder raus." Am Ende bleibe von all dem Wissen wenig hängen, denn was fehle, sei die Begeisterung. "Aber solange die Noten gut sind, sind alle happy."

Titus Dittmann, 67, hat in den Siebzigerjahren das Skateboarden in Deutschland populär gemacht und die Firma Titus aufgebaut, eine Zeit lang die größte Skateboardfirma der Welt. Dittmann sagt, er habe in über 30 Jahren noch keinen Mitarbeiter eingestellt, weil der ein gutes Zeugnis hatte. Oder ein schlechtes. "Ich habe nie danach gefragt", sagt Dittmann.

Dabei ist er selbst einmal Lehrer gewesen. Als Studienrat an einem Gymnasium im westfälischen Hamm unterrichtete er Sport und Erdkunde. Jahrelang, Kinder von der Fünften bis zur Dreizehnten. Dittmann weiß, was es heißt, Klausuren zu benoten, Zeugnisse zu vergeben. Es hat ihm nie richtig gepasst. Was spricht denn dagegen, Schüler mit Noten zu bewerten?

"Im Grunde nichts. Doch in unseren Schulen geht es nur noch darum, Wissen einzutrichtern und abzufragen. Das ist alles, was wir unter Bildung verstehen. Dabei ist Wissen nur ein kleiner Teil davon."

Wenn Titus Dittmann zeigen will, was er sonst noch darunter versteht, dann läuft er aus seinem Büro die Treppe hinunter in seine Skatehalle in Münster.

Dort präsentiert er ein Brett, das aussieht, als könnte man damit ein Lagerfeuer starten: Helles, sprödes Holz, auf der Unterseite drehen sich vier verschlissene Kunststoffrollen. Das Brett stammt aus Kabul, Afghanistan. Dittmann leitet mit seinem Verein "Skate-Aid" soziale Projekte in vielen Ländern der Welt, 2015 kürte ihn die Fachmesse Didacta dafür zu ihrem Bildungsbotschafter.

Skateboard-Unternehmer Dittmann
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Skateboard-Unternehmer Dittmann

Das Brett scheint mehrmals gebrochen zu sein, jemand hat es geflickt, rostige Nägel durch dünne Leisten getrieben. Ein Haufen Schrott, zu nichts zu gebrauchen.

"Aber der Junge, der damit fuhr", sagt Dittmann, "wollte es mir nicht geben. Es ging nur so: in die rechte Hand ein neues Skateboard, aus der linken das alte."

Dittmann hat das Brett mit nach Deutschland genommen, um zu zeigen, wie es aussieht, wenn ein Kind etwas gern macht, wenn es sich begeistert. Ja, schön, aber mit einem Skateboard stundenlang durch die Gegend fahren, wozu soll das gut sein?

"Scheinbar für nichts", sagt Dittmann. "Viele Erwachsene halten es für nutzlos. Aber allein das macht es für Jugendliche so sinnstiftend. Es bleibt dadurch ihr Ding."

Beim Skateboarden, so Dittmann, entwickelten Kinder Fähigkeiten, die heute jeder Arbeitgeber schätze: Leistungsbereitschaft, festen Willen, Kreativität, Stressresistenz. "Es ist ein ewiges Fahren, Hinfallen, Wiederaufstehen. Ohne dass Lehrer, Trainer oder die Eltern dem Kind etwas vorschreiben. Ohne Zwang, aus freien Stücken."

Und was hat das mit Schule zu tun?

"Darum geht es bei Bildung auch: sich mal allein durchzubeißen. Ein freier, selbstbestimmter Mensch werden. Eine starke Persönlichkeit."

Eltern in Deutschland, das stellen Forscher alle paar Jahre wieder fest, wünschen sich genau das; sie möchten, dass ihre Kinder starke Persönlichkeiten werden, die selbstbewusst und entscheidungsfähig für ihre Belange eintreten können.

Ihre Erziehungsziele lauten: Selbstständigkeit, soziale Verantwortung und Leistungsbereitschaft. Aber wachsen unsere Kinder auch so auf, dass sie diese Ziele erreichen können?

"Zwischen dem, was die Eltern sich für ihr Kind wünschen, und dem, wie sie es erziehen, liegt eine große Diskrepanz", sagt Julius Kuhl, Psychologe an der Universität Osnabrück.

Kuhl und seine Kollegen erforschen in mehreren großen Studien, welchen Einfluss Lernfreude und Ehrgeiz, Leistungsdruck und Konkurrenz auf die Entwicklung von Schulkindern haben. Und welche Rolle dabei die Eltern spielen.

Schule, sagt der Psychologe, sei zu einem "extrem stressintensiven System" geworden. "Es ist unheimlich schwer für Pädagogen, Eltern und Lehrer, unter dem großen Leistungsdruck, der heute herrscht, die Bedingungen herzustellen, die zum Erreichen dieser Ziele nötig sind."

Sechs Wochen Sommerferien bedeuten für viele Kinder deshalb vor allem: sechs Wochen Freiheit. Sechs Wochen Durchatmen, auf andere Gedanken kommen. Wenn die Schule beginnt, geht das Bangen aber auch schon wieder los: Wie schneide ich ab bei Klassenarbeiten, Klausuren und Referaten?

Hinzu kommen allerlei Tests: Um die Schulen weltweit vergleichen zu können, gibt es Pisa oder Iglu, innerhalb Deutschlands Bundesländervergleiche. Und in den Jahrgangsstufen drei und acht wird mit dem Vergleichstest "Vera" geprüft, wie die einzelnen Klassen in den Schulen abschneiden.

Was bringt das alles? Bereiten wir unsere Kinder so besser auf das Leben vor?

Für das Erziehungsziel "Leistungsbereitschaft" scheint es gut zu laufen. Der Anteil der Abiturienten steigt; immer mehr Absolventen eines Jahrgangs beginnen ein Studium. Der Bildungsbericht 2016 vermerkt: "Der Bildungsstand der Bevölkerung hat sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verbessert."

Nur: Der Schulbesuch bereitet viel zu wenig deutschen Kindern Freude. Für die "Children's Worlds"-Studie der britischen York University und der Goethe Universität Frankfurt wurden insgesamt 56.000 Kinder in 16 Ländern auf verschiedenen Kontinenten befragt. Die Mehrheit der Kinder ist zufrieden mit der Schule. In kaum einem anderen Land gaben mehr Kinder an, ungern oder überhaupt nicht gern die Schule zu besuchen, als hierzulande.

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Bei der Frage, wie zufrieden sie mit ihren Noten seien, gab jedes fünfte Kind in Deutschland an, damit unglücklich zu sein.

Die Jagd nach Spitzennoten erschöpft - Kinder wie Eltern. Zugleich stellen sich auch Pädagogen die Frage, wie sinnvoll diese Jagd ist.

Josef Kraus ist Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Er sagt: "Noten haben heute nicht mehr die Aussagekraft, die sie mal hatten." Die Korrelation zwischen Bildungsnote und späterem Berufserfolg werde immer geringer - obwohl die große Mehrheit der Deutschen das immer noch glaubt (siehe UmfrageSeite 98).

Laut Kraus gibt es inzwischen eine Inflation der Spitzennoten. "In vielen Bundesländern hat sich die Zahl der 1,0-Abitur-Schnitte in den letzten zehn Jahren vervielfacht. Wenn alle eine Eins haben, hat keiner eine."

Andererseits befürchtet Kraus, dass sich die Schüler, ob aus eigenem Ehrgeiz oder auf Druck der Eltern, auf der Jagd nach diesen Spitzennoten derart verausgaben, dass sie keine Reserven mehr haben, wenn es ins Studium oder in die Ausbildung geht.

Kraus hat als Direktor seines Gymnasiums in Niederbayern 22 Abiturjahrgänge ins Leben entlassen. Er sagt: "Ein Abiturient mit einem guten Zweier-Abitur und einer breiten Basis an Interessen hat allemal bessere Aussichten, sich auf etwas Neues zu freuen und im Beruf zu reüssieren, als ein Einser-Schüler, der vor lauter Stress schon zu Schulzeiten ausgebrannt ist."

Haben sie ihren Abschluss geschafft, drücken die Jugendlichen weiter Zukunftssorgen. In einer Umfrage der Vodafone-Stiftung von 2014 gab fast die Hälfte der befragten Abi-Absolventen an, dass sie nicht wüssten, welchen Beruf sie einmal ergreifen sollten. Jedem fünften ist gänzlich unklar, wie es weitergehen könnte. Die Jugendlichen stehen am Ende der Schulzeit vor einer großen Leere.

Gleichzeitig sind die Abbrecherzahlen in den Bachelorstudiengängen hoch. In vielen Fächern bricht ein Drittel der Studenten ab. In Mathematik oder Informatik geben über 40 Prozent auf.

In manchen Fällen haben die Studierenden gemerkt, dass ihnen ein anderes Fach besser liegt. Jeder kann sich mal täuschen. Doch hinter dem Sinneswandel stecken häufig große Dramen, innere Kämpfe, es geht schließlich darum herauszufinden, was man mit seinem Leben machen möchte, was man schaffen kann. Wer man werden will.

Um solche Entscheidungen zu treffen, muss man sich selbst gut kennen. Und Noten allein weisen Jugendlichen nicht den Weg in eine Zukunft, in der sie ihre Talente größtmöglich entfalten können.

Aber woran sollen sich die Schüler orientieren? Wie sollen sie zu der Größe wachsen, die sie im besten Fall erreichen können? Und bleibt ihnen bei all dem Stress in der Schule dafür überhaupt noch Zeit?

In seiner Autobiografie notierte der Naturforscher Charles Darwin im Jahr 1876: "Ich verfüge nicht über die schnelle Auffassungsgabe, die so herausragend an einigen sehr klugen Männern ist." Worin er sich seinen Zeitgenossen überlegen sah, war eine andere Qualität: "Viel wichtiger aber ist, dass meine Liebe zur Naturwissenschaft immer beständig und brennend war."

Physikgenie Albert Einstein bekannte: "Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig."

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Und die deutsche Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard gesteht, keine gute Schülerin gewesen zu sein. Ihr Abitur bestand sie mit 2,5. Doch die Eltern triezten sie nicht wegen Noten, sondern ließen ihr die Freiheit, die eigenen Interessen zu verfolgen.

Liebe, Leidenschaft, Interesse - für ein Thema, ein Fach, eine Frage. Jeder weiß: Wir sind gut, wenn wir für das brennen, was wir tun. Wie schön wäre es, könnte sich der Nachwuchs ebenso für Kurvendiskussionen wie für die lateinische Grammatik begeistern. Tut er aber nicht.

Geschichten von mittelmäßigen Schülern, die später im Leben erfolgreich ihren Weg fanden, hören Eltern gern. Vor allem, wenn der eigene Teenager gerade versucht, die nächste Klassenarbeit auszublenden. Solche Biografien spenden Trost.

Und doch vertrauen viele Eltern nicht darauf, dass auch ihr Kind am Ende seinen Weg gehen wird. Lieber zahlen sie für teure Nachhilfe, verhängen Ausgehverbote, beharren auf besseren Ergebnissen.

Denn: Verbauen schlechte Noten dem Kind nicht den Karrierepfad? Sind gute Noten nicht der beste Beweis dafür, dass das Kind etwas geleistet hat?

Oskar Haidn ist Professor für Raumfahrtantriebe an der Technischen Universität in München (TUM). Vor seinem Büro in Garching stehen Teile von Raketen und Turbomaschinen. Haidn sagt: "Wir lieben, was peng macht und brennt." Er forscht mit Kollegen aus aller Welt daran, umweltverträgliche Treibstoffe für Raketen und Satelliten zu finden.

Dabei hat Haidn als Schüler vor allem drei Fächer gehasst: Mathematik, Physik und Englisch. Sein Abiturzeugnis war eines, das, frei nach Ludwig Thoma, "selbst den nächsten Verwandten nicht gezeigt werden konnte". Es stand eine Drei vor dem Komma.

Auch diesen Sommer wird Oskar Haidn wieder in der Auswahlkommission der TUM sitzen. Die Hochschule hat im Jahr 2000 begonnen, für fast alle Studienfächer den Numerus clausus abzuschaffen, und ist dennoch seit 2006 deutsche Exzellenzuniversität.

Bewerber mit Einser-Abi erhalten meist automatisch einen Studienplatz, diesen Vorteil haben sie wegen ihrer Noten noch. Zu den Auswahlgesprächen aber werden, je nach Fachbereich, auch Abiturienten mit 2,9 oder 3,1 eingeladen - einen festen Grenzwert gibt es nicht. Überzeugen die Bewerber, bekommen sie einen Studienplatz.

"Noten sind mir wirklich egal", sagt Oskar Haidn. "Junge Menschen dürfen Fehler machen. Was ich hier sehen will, ist: Neugier, Biss, der Drang zu lernen."

Eine der Studentinnen, die Haidn an die Uni geholt hat, ist Bianca Monzer. Die 26-Jährige kam als Teenager aus Rumänien nach Bayern, sprach kein Wort Deutsch. Monzer erzählt, dass man ihr nach dem Hauptschulabschluss riet, eine Lehre zu beginnen. Sie hat sich dann über die Real- und die Fachoberschule zum Abitur hochgehangelt. "2,2", sagt sie. Sie wollte Ingenieurin werden.

Vor vier Jahren saß Monzer dann vor Oskar Haidn, an dem Tag regnete es. "Er hat mich gefragt, in welchem Winkel die Spritzer eines Tropfens von einer glatten Oberfläche abprallen", erzählt sie. Das wusste sie nicht. Also hat sie versucht, es über mathematische Formeln herzuleiten. Begann, Modelle für Laborversuche zu beschreiben.

"Die Frage musste sie nicht richtig beantworten", sagt Haidn. "Aber sie hat die Nerven behalten und es versucht. Mehr wollte ich nicht wissen." Dieses Jahr wird Bianca Monzer ihren Bachelor in Ingenieurwissenschaften abschließen und einen Master beginnen.

Die Quote der Studienabbrecher an der TUM ist gering. In Informatik und Mathematik, Fächern, in denen bundesweit 43 und 47 Prozent der Studierenden hinschmeißen, schreiben sich an der TUM nur 18 und 19 Prozent aus. Aufgeben, so scheint es, ist hier weniger eine Option als anderswo.

Ihr Rektor Wolfgang Herrmann leitet die Universität seit 1995. Herrmann trägt Anzughose und Janker, vom Fenster seines Arbeitszimmers im Zentrum von München sieht man die Alte Pinakothek.

Herrmann erzählt von den Konzerten, die die Universität jedes Jahr veranstaltet. Und weshalb er es zur Pflicht gemacht hat, dass seine Studenten sich auch mit Kunst, Musik oder den Sozialwissenschaften beschäftigen. "Wer hier seinen Abschluss machen will", sagt Herrmann, "muss über den Tellerrand blicken. Wir wollen keine Fachidioten ausbilden."

Worüber sagen Noten etwas aus?

"Sie sagen, dass jemand zu einem bestimmten Termin eine bestimmte Leistung abliefern kann", sagt Herrmann. Sie seien ein Indikator für eine gute Konzentrationsfähigkeit.

Worüber sagen Noten nichts aus?

"Soziale Kompetenzen. Begeisterungsfähigkeit. Neugierde." Er habe im Laufe der Jahre erkannt, dass es gute Gründe gibt, schlechtere Noten zu haben. Das Schulumfeld, das Elternhaus, fehlende Förderung.

Das Auswahlverfahren bedeute zunächst viel Arbeit, sagt Herrmann. "Aber am Ende finden wir Studenten, die sich erheblich stärker mit ihrem Studium identifizieren." Auch die Gruppendynamik sei besser. "Vom Numerus clausus halte ich gar nichts", sagt der Rektor. "Die besten Noten machen einen nicht zum besten Forscher, Ingenieur oder Arzt." Dazu brauche es einiges mehr.

1970 startete die Nasa ihre dritte bemannte Landemission zum Mond. Mit "Apollo 13" brachen die Astronauten Jim Lovell, John Swigert und Fred Haise auf, um Proben bisher unerforschter Gesteinsformationen zu sammeln. 56 Stunden nach dem Start explodierte ein Sauerstofftank. Astronaut Swigert meldete über Funk: "Houston, we've had a problem here."

Was folgte, wurde zu einer der spektakulärsten Rettungsaktionen der Raumfahrtgeschichte; die Mannschaft am Boden kämpfte tagelang darum, die drei Astronauten lebend zurück auf die Erde zu holen.

Flugdirektor Gene Kranz war damals in Houston dabei, er beschrieb viele Jahre später einem Journalisten, was geschah, nachdem der Sauerstofftank explodiert war: "Es ging darum, diese Leute zu überzeugen, dass wir schlau genug, clever genug sind, als Team diese unmögliche Situation in den Griff bekommen zu können." Aus Kranz' Appell an seine Mitarbeiter wurde später der berühmte Satz "Failure is not an option" - Scheitern ist keine Option.

Kranz scharrte eine kleine Gruppe von Leuten um sich, das "Tiger Team", und legte los. 143 Stunden nach dem Start landeten Lovell, Swigert und Haise wohlbehalten im Pazifik.

Es war das Wissen um Raumfahrttechnik und Physik, das die Bodencrew eine Lösung finden ließ. Aber was den Astronauten das Leben rettete, war die Fähigkeit des Teams in Houston, sich nicht von Druck, Angst und Zweifeln bezwingen zu lassen, Vertrauen in ihr eigenes Können zu haben.

Was geschehen muss, damit sich Wissen und Selbstvertrauen gleichermaßen gut entwickeln, haben der Psychologieprofessor Julius Kuhl und seine Mitarbeiterin Ann-Kathrin Hirschauer erforscht.

Am Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung in Osnabrück haben Kuhl und seine Kollegen knapp 300 Schüler aus dritten und vierten Klassen befragt. Die Psychologen untersuchten, wie stark die Fähigkeit der Kinder war, sich selbst zu motivieren, zu beruhigen, mit Schwierigkeiten umzugehen oder die eigenen Absichten umzusetzen. Sie nennen diese Fähigkeiten "Selbstkompetenzen".

In der Psychologie umfasst das "Selbst" das Erfahrungsgedächtnis eines Menschen und somit seine Fähigkeiten und Bedürfnisse, seine Werte, seine Einstellungen. Die Erfahrungen, die ein Mensch macht, werden in die vielen parallel arbeitenden Netzwerke dieses Selbst gespeist. Es sorge dafür, erklärt Kuhl, dass man diese Erfahrungen immer präsent habe und sie zurate ziehen könne.

"Im Austausch mit einem anderen Teil der Psyche, dem logisch denkenden ,Ich', formt das Selbst viele rationale Erkenntnisse, die es später intuitiv anwenden kann", sagt Kuhl. "So können wir in einer Entscheidung an alles denken, ohne wirklich an alles denken zu müssen."

Habe man beispielsweise eine Prüfung vermasselt, müsse man nicht in Katastrophenfantasien versinken, wenn man doch wisse, dass man es ein anderes Mal gut geschafft hat.

Das Selbst habe Zugriff auf das autonome Nervensystem, sagt der Psychologe. "So erhält man die emotionale Unterstützung für das, was gemacht werden soll." Für Mut, Zuversicht oder Enthusiasmus. Doch unter Stress, Sorge oder Angst leide der Austausch zwischen Ich und Selbst. Der Zugang zum Selbst bleibe einem dann verwehrt.

Was hat das mit dem Lernen, mit der Schule zu tun?

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Kuhl weiß, dass nur rund 15 Prozent einer Schulnote von der Intelligenz eines Schülers bestimmt werden. "Auch die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, die Bildung der Eltern und vieles mehr sind wichtig", sagt Kuhl.

"Aber der Einfluss der Intelligenz auf die Note kann steigen, wenn er mit der passenden Selbstkompetenz zusammenkommt", sagt Kuhl. "Dann kann ich mehr von meiner Intelligenz ausschöpfen. Ich werde besser."

Ein Kind, das sich gut selbst motivieren kann, mit Schwierigkeiten umzugehen weiß, wird besser lernen als eines, das dies nur unzureichend hinbekommt.

Besonders wichtig dabei sei die Motivation, sagt Kuhl: "Ob man etwas nur mit dem Kopf will - oder ob man auch mit emotionaler Unterstützung dabei ist; mit dem Herzen."

Dann, so stellten die Forscher fest, verbesserten sich auch die Leistungen. "Diese Form der Motivation hat genauso starken Einfluss auf die Schulnote wie die Intelligenz." Die Forscher nennen das "Lernfreude".

Sie fanden aber auch eine Art des Antriebs, die sich als nicht so günstig erweist: die von Konkurrenzdenken geprägte Motivation, den Überehrgeiz. Er hat keine positiven Effekte bei den Kindern, fanden die Forscher heraus. Wer einfach nur besser sein wollte als die anderen, verbesserte seine Leistungen nicht.

"Damit sind Eltern und Lehrer in einer Zwickmühle", sagt Kuhl. "Für die Gesellschaft scheint der Vergleich mit anderen das Wichtigste. Wenn der Vergleich aber zu stark in den Vordergrund rückt, ist es schädlich für die Ausschöpfung der Intelligenz."

Optimal sei es, wenn in der Grundschule die Lernfreude den Ehrgeiz überwiege. Später könnten Konkurrenz und Ehrgeiz als Motivation hinzukommen. "Ganz ohne Vergleich wird es in der Schule nicht gehen", sagt Kuhl. "Überhandnehmen sollte der reine Ehrgeiz aber nie."

Besonders schwierig wurde es, wenn Kuhl und Hirschauer bei den Eltern eine Haltung fanden, die sie die "sorgenvolle Leistungsorientierung" nennen.

"Diese Eltern verzweifeln schnell, wenn schulische Probleme auftauchen. Sie machen sich leichter Sorgen, vergleichen die Leistungen des Kindes mit anderen. Grübeln, ob es seinen Lebensweg finden wird", sagt Hirschauer. Diese Haltung war bei mindestens einem Drittel der Väter und Mütter zu erkennen.

Über einen längeren Zeitraum konnten die Forscher sehen, dass diese Einstellung sich auch auf die Kinder auswirkt: "Wir haben bei etwa 60 Kindern Schulnoten, Lernverhalten und die sorgenvolle Leistungsorientierung der Eltern erfasst", sagt Hirschauer. Obwohl alle Kinder gleich gut lernten, verschlechterten sich bei denen mit besonders besorgten Eltern bereits nach einem halben Jahr die Noten statistisch signifikant.

Sie konnten sich schlechter konzentrieren und zeigten, was Kuhl eine "ängstliche Leistungsmotivation" nennt: Angst, zu scheitern. Die Fähigkeit der Kinder litt, sich auf ihre eigenen, gerade erst entwickelten Selbstkompetenzen zu stützen.

"Die Sorgen der Eltern sind ja nicht falsch und auch nicht immer unberechtigt", erklärt Kuhl. "Noten entscheiden nun mal über das schulische Fortkommen der Kinder."

Doch offensichtlich gehe es um die Kunst, diese Sorgen nicht ungefiltert an die Kinder weiterzugeben. "Und vor allem", sagt Kuhl: "die eigene Wertschätzung für das Kind nicht mit den Noten zu verbinden."

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Eltern verbringen heute jeden Tag durchschnittlich 80 Minuten Zeit mit ihren Kindern, 10 Minuten mehr als noch vor zehn Jahren. "Und das, obwohl mehr Eltern heute berufstätig sind", sagt der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann. "Das zeigt, welch ein hohes Gut die Kinder darstellen."

Hurrelmann, der mit der Shell-Jugendstudie jahrelang untersucht hat, wie es Familien in Deutschland geht, sieht, dass sich die Erziehungsziele der Eltern zwar nicht wesentlich verändert haben. Ihre Schwerpunkte aber sehr wohl: "Von der sozialen Verantwortlichkeit und Selbstständigkeit - hin zur Leistungsfähigkeit."

Zugleich sieht er, dass die Lust der Kinder, in die Schule zu gehen, in der Grundschule noch sehr hoch ist - und in der Mittelstufe rapide sinkt. Das Stillsitzen, die Disziplin sei gerade in der Pubertät schwer zu ertragen. "Die fühlen sich da wie in einem Gefängnis", sagt Hurrelmann. Zugleich reichten die Angebote nicht aus, die man den Jugendlichen mache. "Es wird zu wenig trainiert, wie man mal etwas auf eigene Faust macht", sagt Hurrelmann. Etwas fürs Leben lernt.

Der Berliner Gendarmenmarkt an einem heißen Sommertag. Manfred Prenzel öffnet die Fenster in seinem Büro. Er leitet seit zwei Jahren den Wissenschaftsrat, die Institution, die sich mit der Zukunft der Forschung im Land befasst.

Prenzel ist auch Professor für Bildungsforschung, von 2003 an koordinierte er viele Jahre lang die Durchführung der Pisa-Studie in Deutschland. Er ist der Meinung, dass Tests wie Pisa den Kindern helfen, etwas fürs Leben zu lernen. Weil sie herausfinden, wie nachhaltig sie ihr Wissen erworben haben.

Lehrer, so Prenzel, verschätzten sich dabei allzu häufig. Für eine zwei Wochen im Voraus angekündigte Klassenarbeit werde viel gebüffelt. "Wenn man die Inhalte ein halbes Jahr später überprüft", sagt Prenzel, "sehen die Ergebnisse oft viel schlechter aus."

Prenzel wünscht sich, dass der Stoff nicht gleich nach der Prüfung wieder vergessen wird. Er sagt: "Weniger ist mehr." Die Lehrpläne sollten stark ausgedünnt werden, sich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Inhalte, die man fürs Weiterlernen, fürs Leben wirklich brauche, sollten souverän beherrscht werden.

An vielen Schulen aber sorgen solche Tests für Unruhe. Für noch mehr Leistungsdruck und Konkurrenz.

"Ein Vergleichstest soll nicht vorbereitet werden. Und auch nicht als Tribunal begriffen werden", sagt Prenzel. "Sondern als Hilfe. Für die Lehrer selbst, für die Schüler." Seiner Meinung nach braucht es noch mehr Erfahrung, um mit diesen Tests richtig umzugehen.

Viele Eltern erzählen gern, wie schlecht sie bisweilen in Latein, Biologie oder Mathematik abgeschnitten haben - und behaupten zugleich, das Lebensglück ihrer Kinder hänge von Noten ab. Stimmt das? Sind Noten wichtiger geworden?

"Nein", sagt Prenzel, "es ist heute noch genauso. Es gibt viele Fälle, in denen Menschen mit sehr guten Noten kläglich im Leben scheitern. Und Menschen mit nicht besonders gutem Schulerfolg eine Biografie hinlegen, die einen staunen lässt."

Ein Konferenzraum in einem Düsseldorfer Hochhaus. Tiefer Teppich, viel Glas. Der Deutschlandsitz der Personalberatung Heidrick und Struggles liegt nah am Rhein, nicht weit vom Flughafen.

Christine Stimpel ist hier Partnerin. Sie besetzt Stellen ab einem Gehalt von 200.000 Euro im Jahr, vor allem in Dax-Konzernen und großen Familienbetrieben.

Stimpel war mal Tierärztin. Nach dem Studium ging sie in die klinische Forschung, später in die Personalberatung. "Daher rührt auch meine Sympathie für Leute, die nicht nur den geraden Weg gehen." Wie sieht der im deutschen Topmanagement normalerweise aus?

Stimpel zählt an den Fingern einer Hand bis vier: "BWL studieren, Kaderschmiede besuchen, Auslandsaufenthalt, Managerkarriere."

Für eine Studie ihrer Firma hat sie ausgewertet, welche Karrierewege die Dax-Vorstände selbst hinter sich gebracht haben. "Bei 50 Prozent verlief es relativ gerade", sagt sie. "Aber der Rest hat, wie wir es nennen, "on the job" angefangen."

Da wurden Lehren gemacht, Studien abgebrochen, andere Berufswege eingeschlagen. "Manche haben gar nicht studiert und sich von Position zu Position nach oben gearbeitet."

Bewerber werden Heidrick und Struggles normalerweise empfohlen. Stimpel prüft dann Referenzen, Lebenslauf. Und lädt zum Gespräch. Worauf sie dabei vor allem achtet: wie die Bewerber mit Schwierigkeiten umgegangen sind, wie sie auf Niederlagen reagiert haben. "Jeder darf Schleifen und Kurven drehen", sagt Stimpel. "Aber Karrieren misslingen auch, weil Leute zu schnell das Handtuch schmeißen, wenn es unangenehm wird." Das müssen Stimpels Kandidaten können: hinfallen, aufstehen, weitermachen.

Wie lernen Kinder das? Durchzuhalten, auch wenn es keinen Spaß macht?

Psychologe Kuhl hat erforscht, was Kindern dabei hilft. "Man lernt das am besten, wenn man jemanden hat, der einen bei Schwierigkeiten immer mal wieder begleitet", sagt Kuhl, "und an den Stellen, an denen man aufgeben will, eine kleine Hilfe gibt." Das klinge zwar selbstverständlich. "Aber das Kind muss in dem Moment für die Hilfe wirklich empfänglich sein." Es müsse Zugang zu sich selbst haben. Keine Angst, keinen Stress, keinen Druck. Sonst sei es, wie man auch im Alltag sagt: "verschlossen."

Wann öffnet man sich? "Wenn man sich akzeptiert, verstanden fühlt. Wenn man nicht als Ding gesehen wird, das einen bestimmten Zweck erfüllen muss", sagt Kuhl. Dann könnten Eltern gut Hilfe anbieten und das Kind ermutigen, allein weiterzuarbeiten.

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"Diese Art von Begleitung braucht es nicht ständig. Man darf sich da nicht zu viel reingraben", sagt Kuhl. Aber als Kind diese Erfahrung zu machen sei wichtig: Hilfe zu erhalten, aber auch das Vertrauen darauf, es allein schaffen zu können. Nur so lerne man, sich selbst anzuspornen und bei Schwierigkeiten nicht gleich aufzugeben. "Die Kunst", sagt Kuhl, "besteht darin, immer wieder mal lockerzulassen."

8.45 Uhr, Freitagmorgen in der Gesamtschule Bremen-Ost. Die Schüler der siebten Klasse packen nach der ersten Schulstunde Hefte und Mäppchen weg und spazieren mit ihrem Klassenlehrer aus dem Gebäude. Auf einem Trampelpfad geht es in Richtung Osten. Die Sonne scheint, ein paar Mädchen und Jungen haben Handtücher zum Schwimmen unterm Arm. Heute ist wieder Projekttag, es geht an den See.

Am Ufer eines kleinen Baggersees verteilt Lehrer Felix Hahn Bestimmungsbücher für Pflanzen und Tiere. Einige Schüler bekommen einen Käscher in die Hand, andere Teststäbchen zum Messen von pH- und Nitratwerten. Lehrer Hahn ruft in die Runde: "In einer halben Stunde wieder hier." Die Kinder, alle zwischen 12 und 13 Jahre alt, ziehen los.

Eren, Ishan und Stefan bilden eine Gruppe. Sie verteilen die Aufgaben: Stefan soll gucken, Ishan lesen und Eren aufschreiben. Sie stapfen durchs Gebüsch.

Stefan ruft: "Was sind die Gelben da?"
Eren: "Löwenzahn."
Ishan: "Haben wir schon."
Stefan: "Birke!"
Ishan: "Haben wir."

Dann bleiben alle drei vor einer hohen gelben Blume stehen. Sie stecken die Köpfe in ihr Buch.

Stefan sagt: "Blätter mal weiter zu den Uferpflanzen!"
Ishan: "Sumpfdotter, oder?"
Alle drei nicken.
Stefan: "Schreib auf!"

Eine halbe Stunde später hat die Gruppe den See umrundet. Niemand hat sein Handy aus der Tasche gezogen, keiner es sich auf einer Parkbank bequem gemacht. Die Kinder stehen wieder am Ufer, zeigen sich gegenseitig kleine Wassertiere in ihren Becherlupen. Ein Mädchen ruft: "Herr Hahn, guck mal, was ich gekäschert hab!"

Felix Hahn sagt, dass es Luxus sei, sich einen ganzen Tag Zeit nehmen zu können, an solchen Projekten zu forschen. "Aber diese Tage helfen wahnsinnig, das Interesse der Kinder zu fördern."

Die Gesamtschule Ost leistet sich diesen und noch anderen Luxus, ohne jedoch dafür mehr Geld oder Personal vom Senat zu erhalten. Die Schule macht das, weil sie andernfalls ganz viele Probleme haben könnte.

Auf die Gesamtschule Bremen-Ost gehen mehr als tausend Schüler, die Hälfte von ihnen sind Migrantenkinder. In der Mittelstufe bekommen 350 Jugendliche Geld über Hartz IV. Eigentlich eine Problemschule. Dennoch wollen mehr Kinder hierher, als die Schule aufnehmen kann. Auch aus anderen Stadtteilen.

In ihrem Büro erklärt Schulleiterin Karin Peterburs, worauf sie und ihre Kollegen achten. "Wenn die Kinder in der fünften Klasse hier ankommen, legen wir erst einmal viel Wert auf soziales Lernen." Drei Stunden werden dafür in der Woche reserviert. Lehrer und Schüler besprechen, wie man Konflikte löst, üben, wie man sich bei einem Streit verhält. Wie man eine gute Klassengemeinschaft bildet.

Später gibt es einmal in der Woche einen Projekttag. Es kostet viel Arbeit, diese Tage zu koordinieren. Denn bis zu vier Fächer werden kombiniert, gemeinsam besucht man Labors, vermisst Wege, bestimmt Pflanzen und Tiere. "Aber die Schüler lernen da gut, sich Aufträge zu suchen und sich wirklich mit einer Sache zu beschäftigen", sagt Peterburs. "Das brauchen sie auch später im Beruf."

Peterburs und ihre Kollegen wollen, dass die Kinder bis zur zehnten Klasse gut aufs Leben vorbereitet sind. Tatsächlich verlässt fast niemand die Schule ohne Abschluss. Die Hälfte der Schüler schafft es in die Oberstufe.

"Noten und Leistungsdruck hin oder her", sagt Peterburs. "Manchmal muss man auf die Bremse treten und sich fragen: Motiviere ich die Kinder gut? Lernen sie gern? Schaffen sie es, auch als Menschen zu wachsen?"

Eine versäumte Unterrichtseinheit lasse sich nachholen. Doch von der Zeit, die man sich nehme, um die Neugier der Kinder zu wecken, ihr Miteinander zu stärken, ihre Fähigkeit, Problemen zu begegnen - davon profitierten sie ein Leben lang. Ein bisschen Mut brauche es dafür, von Lehrern wie Eltern, glaubt Peterburs: "ein bisschen Mut zur Lücke".

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murksdoc 19.07.2017
1. Tolles Beispiel
Titus Dittmann als Erfolgsmodell zu präsentieren, müsste eigentlich berücksichtigen, dass er in einem Interview mit brandeins über die Tatsache, dass seine Skateboard-Firma unter Bankenaufsicht gestellt wurde, sagte, Zitat: Frage: Und mit wie viel sind sie rausgegangen? Antwort: Sie haben fast alles verloren. Brigitta und ich haben sie zum Schluss noch rausgekauft, das lag im sechsstelligen Bereich. Wir bezahlen jetzt noch ab. Eigentlich haben wir für ein Unternehmen, das so hohe Verluste machte, noch ordentlich Geld ausgekehrt. Warum? Wir haben uns freigekauft. Ohne die Aktion wären wir überhaupt nicht handlungsfähig gewesen, selbst als wir wieder allein im Vorstand waren. Wir waren erpressbar, zuerst durch die Investoren, dann durch die Banken. Und zwar nicht, weil wir irgendwas angestellt hatten - wir waren erpressbar, weil wir mit einem existenziellen Risiko dasaßen und Angst davor hatten, dass es eintritt. Die Bank sagte: Kusch, sonst ziehen wir den Stecker! Bis wir gesagt haben: Gut, dann lieber alles oder nichts. Sie haben alles verpfändet, was Sie seit 1980 verdient hatten. Eine Menge Menschen hätten sich für "nichts" entschieden. Ich würde mich wohl wieder so verhalten, weil ich nicht anders kann. Die meisten Geschäftsleute hätten vermutlich nüchtern gerechnet: Was ist weg, was zu retten, was bleibt? Ich kann das nicht. Vielleicht, weil ich als Nachkriegskind noch gelernt habe, dass man die Suppe auslöffeln muss, die man sich eingebrockt hat. Das klingt nicht wirklich nach persönlichem Erfolg
B. Hoffrich 19.07.2017
2. Was für ein Unsinn
Schulversagen liegt an mangelnder Intelligenz. Eine Intelligenz, die es noch nicht einmal schafft, zu erkennen, warum man auf der Schule ist: m zu lernen und nicht um Klamauk zu machen. Die anderen Kinder schnallen es doch auch.
shooop 19.07.2017
3. Toller Artikel!
Der Artikel trifft meine Schulzeit auf den Punkt. Meine Eltern waren 'ängstlich leistungsmotiviert' und beim Lernen ist das gerne auch in Jähzorn umgeschlagen, wenn ich Mathe nicht begriffen habe. Ich bin bis zum Alter von 30 regelrecht panisch gewesen, dass ich 'versagen' könnte und mein 'Selbst' war wie im Artikel beschrieben tief unter Panik und Existenzsorgen begraben. Ich habe dann - fix und fertig und am Ende angelangt - eine Therapie gemacht und kann heute meine Stärken voll ausspielen. Mir haben dieses System - diese defizitorientierte Schule mit ihrem statischen Menschen- und Lernbild - sowie meine Herkunftsfamilie meinem Lebensweg stark geschadet, indem sie das, was wirklich zählt, nämlich zu lehren,wie ich aus dem Selbst schöpfen kann, regelrecht zerstört haben. Der Mensch braucht im Leben neben einem Fach- und Allgemeinwissen eben eine d i c k e Portion Persönlichkeit und jenseits der dreißig ist diese sogar spielentscheidend. Ich würde mir wünschen, das bei Kindern in der Schule der Forscherdrang geweckt wird und nicht immer nur auf Defiziten rumgekaut wird. Denn wer sind denn die Leute, die die Menschheit voranbringen? Das sind immer die, in denen ein Feuer brennt, dass die Parentalgeneration nicht zu löschen geschafft hat. Ich bin übrigens auch dafür, das Bild eines weiblichen Nerds zu etablieren. Bei Jungs ist es anerkannt, dass die, die nicht gut 'aussehen' aber gut in Mathe sind, Nerds sind. Bei Mädels wird viel zu viel Wert auf Äußerlichkeiten gelegt und wenn ein Mädchen nicht gut aussieht hat sie es sehr schwer, dabei schlummern in Mädels genau so brilliante Köpfe wie in Jungs! Mein Fazit ist jedenfalls, dass meine Schulzeit eine reine Odyssee gewesen ist und wir als Gesellschaft uns eine Schule und Erziehung, in der Menschen ohne Selbst rauskommen gar nicht leisten können und umdenken sollten. Existenzieller Druck - und den biegen wir unseren Kindern schon früh bei! - führt zu Erwachsenen, die hörig bleiben, Demagogen hinterherrennen, Dauer-ausgebrannt durch die Gegend rennen und früher oder später dem Gesundheitssystem Kosten verursachen, wenn die Gesundheit am Boden liegt.
shooop 19.07.2017
4. Sehr guter Artikel!
Ich hatte gerade ausführlich geschrieben, warum ich dem Artikel zustimme. Leidet war die Anmeldezeit im Forum abgelaufen und ich konnte nicht senden. Noch mal Hacke ich das jetzt nicht ins Smartphone rein. Ich stimme dem Artikel zu 100 Prozent zu, das entspricht meinen Schul- und Lernerfahrungen zu 100 Prozent.
Thomas Schnitzer 19.07.2017
5.
"Es war das Wissen um Raumfahrttechnik und Physik, das die Bodencrew eine Lösung finden ließ. Aber was den Astronauten das Leben rettete, war die Fähigkeit des Teams in Houston, sich nicht von Druck, Angst und Zweifeln bezwingen zu lassen, Vertrauen in ihr eigenes Können zu haben." Und was soll uns das bitte sagen? Dieses Team hat eine Schulbildung bekommen in der die Prügelstrafe erlaubt war. Daraus schließe ich, dass knallharter Frontalunterricht mit ordentlich Druck dafür sorgt, dass die Ausgebildeten nachher wesntlich besser mit Druck umgehen können, ohne dabei ihre Fähigkeiten zu verlieren. Während die Opfer von Kuschelpädagogen bei Problemen schnell aufgeben, und ihre Konzentration sofort etwas zuwenden, was mehr Spaß macht.
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© DER SPIEGEL 35/2016
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