AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2017

Prozess Die Millionen der Schlecker-Familie

Mehr als fünf Jahre nach der spektakulären Pleite ihrer Drogeriekette verfügt die Familie Schlecker immer noch über ein Millionenvermögen - obwohl sie vorgab, alles ins Unternehmen gesteckt zu haben. Wie ist das möglich?

Ehemaliges Schlecker-Zentrallager in Ehingen
Cira Moro / laif

Ehemaliges Schlecker-Zentrallager in Ehingen

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Dieser Artikel erschien erstmals im April 2017 vor Beginn des Prozesses gegen die Familie Schlecker. Er zeigt auf, wie Anton Schlecker und seine Kinder Meike und Lars vor der Insolvenz Geld aus dem Unternehmen zogen.

Fast 23 Jahre stand die Hausangestellte im Dienst der Kaufmannsfamilie Schlecker im schwäbischen Ehingen. Sie kochte und putzte, sie wusch und kümmerte sich um die Kinder Meike und Lars, als die noch jünger waren, und das für rund 3600 Euro monatlich. Als Schlecker am 23. Januar 2012 Insolvenz anmeldete, ging ein paar Monate später auch die gute Seele des Hauses am Ammerweg 4.

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Heft 10/2017
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Warum sollte es der Hausangestellten auch besser ergehen als all den "Schlecker-Frauen", die in den Filialen der Drogeriekette gearbeitet hatten und nun auf der Straße standen? Immerhin hieß es im Fernsehen, dass nicht nur das gesamte Firmen-, sondern auch das Privatvermögen der Schleckers aufgezehrt sei. "Mein Vater hat alles in die Firma eingebracht", sagte Meike Schlecker, die Tochter von Firmengründer Anton Schlecker, vor laufenden Kameras.

Der Vater hatte seine Tochter in die Pressekonferenz, die erste seit den Neunzigerjahren, vorgeschickt, er selbst traute sich wohl nicht. Die damals 38-Jährige trug einen dunklen Hosenanzug, auffällige Ohrringe und eine auffällig unauffällige Frisur. Man wolle sich ja nicht beschweren, sagte sie mit brüchiger Stimme, aber es sei "kein signifikantes Vermögen mehr da". Aha.

Die Hausangestellte musste gehen und später auch der Hausmeister Herr Kempf, der ihre Arbeit mit übernahm und wegen der Doppelbelastung mehr Geld forderte. Heute erledigen eine türkische und eine russische Minijobberin diese Dienste, jeweils auf 450-Euro-Basis.

Glaubwürdiger wäre Meike Schleckers Mär von der armen Familie allerdings gewesen, wenn die nicht weiter eine Autosammlung unterhalten hätte, zu der ein Porsche Cayenne, zwei Porsche 911, ein Mercedes R-Klasse, ein VW Touareg sowie drei Golf gehören. Und wenn Christa Schlecker, Antons Ehefrau, aus der Insolvenzmasse nicht einen Aston Martin Coupé für den Schnäppchenpreis von 17.142,86 Euro gekauft hätte.

Wenn nichts mehr da wäre, ließe sich auch kaum erklären, dass nach der Pleite noch immer ein Landschaftsgärtner engagiert wird, der in den Anwesen der Familie die Thujahecken stutzt, die Rasenkanten sticht und die Gehölze ausschneidet. Kosten binnen vier Monaten: rund 30.000 Euro. Alles sehr ungewöhnlich für jemanden, der vorgibt, blank zu sein.

Tatsächlich verfügt die Familie Schlecker nach wie vor über ein Millionenvermögen, über Immobilien, Luxusautos und viele andere Wertgegenstände. Gleichzeitig hält ihnen das Finanzamt vor, Kapitalerträge nicht angegeben zu haben. Es droht eine Nachzahlung, die sich auf rund 17 Millionen Euro belaufen könnte.

Das alles belegen Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen und die auch für die Staatsanwaltschaft Stuttgart Grundlage waren, eine 250-seitige Anklageschrift gegen die Familie zu formulieren und sie vor Gericht zu bringen.

Ob die Schleckers so viel besitzen dürfen oder ob dieses Vermögen nicht den Tausenden Gläubigern zusteht, ob also all die Schenkungen, Übertragungen und Verkäufe vor der Insolvenz rechtens oder nicht vielmehr strafbar waren - darüber soll ab Montag die 11. Große Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Stuttgart befinden. Die Richter haben die Anklage der Staatsanwaltschaft "in vollem Umfang" zugelassen.

Knapp vier Jahre lang ermittelte die Behörde, anfangs noch schleppend, weil Personal fehlte und Software angeschafft werden musste, weil Gutachter beauftragt und Beteiligte vorgeladen wurden, um jede Verästelung des schier undurchdringlichen Schlecker-Reichs durchleuchten zu können.

Hans Richter, bundesweit einer der erfahrensten Juristen für Wirtschaftskriminalität, konnte seine Ermittlungen nicht mal mehr selbst abschließen, obwohl er seinen Ruhestand schon um drei Jahre hinausgezögert hatte - so lange dauerte das Zusammensetzen des Puzzles. Nun stehen mehr als 200 Ordner mit belastendem Material auf den Fluren von Richters Nachfolgerin Beate Weik.

Firmengründer Schlecker 2016: Fast jeden Morgen ins alte Büro
Sascha Baumann / Bild

Firmengründer Schlecker 2016: Fast jeden Morgen ins alte Büro

26 Tage sind angesetzt, der Strafprozess soll sich bis in den Oktober hinziehen. Er lässt sich vergleichen mit dem ähnlich spektakulären Wirtschaftsprozess am Landgericht Stuttgart gegen die Ex-Porsche-Vorstände Wendelin Wiedeking und Holger Härter.

Die Beschuldigten diesmal sind: Anton Schlecker, inzwischen grau und schmal geworden, die beiden Kinder Lars, aus Berlin, und Meike, die ihren Hauptwohnsitz nach London verlegt hat. Auch Ehefrau Christa und zwei Wirtschaftsprüfer müssen sich verantworten. Die Vorwürfe: vorsätzlicher Bankrott in besonders schwerem Fall, Beihilfe zum Bankrott, Untreue und Insolvenzverschleppung.

Seit Langem, so die Staatsanwaltschaft, sei klar gewesen, dass sich die Drogeriekette "in einer strategischen Krise" befunden habe. Anton Schlecker habe die drohende Zahlungsunfähigkeit kommen sehen, er habe deshalb in insgesamt 36 Fällen Vermögenswerte beiseitegeschafft und so den Gläubigern entzogen. Zudem soll er für die Jahre 2009 und 2010 falsche Angaben in den Bilanzen der Firma gemacht und eine falsche Versicherung an Eides statt abgegeben haben. Die Ehefrau, die Kinder und zwei Wirtschaftsprüfer sollen ihm geholfen haben.

In der Öffentlichkeit galt Anton Schlecker noch 2011 als einer der reichsten Männer des Landes, das US-Magazin "Forbes" schätzte sein Vermögen damals auf über drei Milliarden Dollar. Viel war über die Familie nicht bekannt, außer dass sie ihre Beschäftigten so karg hielt wie das Interieur ihrer Filialen: Tariflöhne waren lange Zeit tabu, Leiharbeiter von eng mit Schlecker verflochtenen Leiharbeitsfirmen keine Seltenheit, Betriebsräte wurden verhindert, wo es nur ging.

Als vor 30 Jahren drei Maskierte seine Kinder entführt hatten, feilschte Anton Schlecker mit den Verbrechern um die Höhe der Lösegeldsumme, schließlich handelte er sie von 18 Millionen Mark auf 9,6 Millionen Mark herunter - just jene Summe, die von einer Versicherung abgedeckt war.

In Ehingen lebte und agierte die Familie weitgehend im Verborgenen. Anton Schlecker trat so gut wie nie öffentlich auf, nicht einmal das Empfangspersonal hat ihn jemals gesehen. Der Patriarch fuhr samt Gattin stets direkt in die Tiefgarage und von dort mit dem Privataufzug ohne Zwischenhalt ins Büro in den siebten Stock.

Nun wird er jäh aus dem Verborgenen ins Rampenlicht gezerrt. Der öffentliche Prozess in Stuttgart ist das Fanal einer der größten Unternehmenspleiten in der Geschichte der Bundesrepublik. Europaweit waren 42.000 Menschen in 10.000 Filialen beschäftigt. In Deutschland fielen der Pleite am Ende rund 23.400 Mitarbeiter zum Opfer, über 5400 Filialen mussten geschlossen werden. Forderungen von rund einer Milliarde Euro standen im Raum.

Allein der Kreditversicherer Euler Hermes beanspruchte rund 300 Millionen Euro, die Bundesagentur für Arbeit ebenfalls einen dreistelligen Millionenbetrag, weil sie den Mitarbeitern in Deutschland drei Monate Insolvenzgeld zahlen musste. Das Verfahren ist auch deshalb so aufsehenerregend, weil die Rechtsform von Schlecker bei einer Unternehmensgröße wie dieser einzigartig war. Der Firmengründer agierte als eingetragener Kaufmann, der für die Schulden des Unternehmens auch mit seinem gesamten Privatvermögen haftet. Formell ist daher nur er der Pleitier, nicht die Familie.

Schlecker-Sohn Lars: Merkwürdige Vermögensmehrung
Sebastian Karadshow / Bild

Schlecker-Sohn Lars: Merkwürdige Vermögensmehrung

Doch Privates und Unternehmerisches verschmolzen schon während der Existenz der Firma auffällig. Geld, Anteile und Immobilien wurden hin und her geschoben, Schlecker spannte die ganze Sippe für das Unternehmen ein. Das könnte sich nun rächen. Trotzdem finanziert sie ihn großzügig, seit er offiziell mittellos ist.

Das Gericht und die Staatsanwaltschaft wollen wissen, woher das noch immer umfangreiche Vermögen der Ehefrau und der Kinder kommt, ob Fristen für Vermögensübertragungen eingehalten wurden und ob es Scheinrechnungen für Leistungen gab, die nie erbracht wurden, um so Transaktionen von Geldern zu verschleiern, die eigentlich Gläubigern zustehen.

Neben den Richtern und Staatsanwälten müssen die Schleckers zurzeit auch noch die Finanzbehörden fürchten. Die verschickten im Oktober 2016 einen Brief, der es in sich hat. In jenem Schreiben geht es um eine Firma, die laut Staatsanwaltschaft im Zentrum möglicher Vermögensverschiebungen steht - und die im weitreichenden Firmengeflecht von Schlecker beim Vorwurf, Millionen vor künftigen Gläubigern in Sicherheit gebracht zu haben, wohl die entscheidende Rolle spielt.

Es handelt sich um die LDG Logistik- und Dienstleistungsgesellschaft mbH, damals im Besitz der Kinder Meike und Lars. Das Logistikunternehmen mit zuletzt rund 600 Mitarbeitern wickelte die Belieferung der Schlecker-Filialen mit Ware aus dem Zentrallager ab. Andere Kunden gab es nicht.

Doch statt wegen der engen familiären Verbindungen Rabatte auf die Touren zu gewähren, stellten Meike und Lars ihrem Vater in der Regel augenscheinlich vollkommen überzogene Rechnungen aus - und der zahlte klaglos.

Auf diese Weise sollen bereits lange vor der Pleite Schleckers auf unlautere Art Millionenbeträge aus dem Unternehmen abgeflossen sein. Während die Drogeriekette schon in die roten Zahlen rutschte, erzielte die LDG Traumumsätze und -renditen. Vom Umsatz des Jahres 2010 in Höhe von knapp 33 Millionen Euro blieb ein Gewinn von 12,3 Millionen übrig, eine Umsatzrendite von sagenhaften 37 Prozent.

Das änderte sich schlagartig im Jahr 2011. Im Entwurf der Bilanz der LDG waren zwar immer noch knapp 30 Millionen Euro Umsatz ausgewiesen, doch als Ergebnis stand da ein Minus von knapp 60 Millionen Euro. Was war geschehen?

Die Kinder hatten ihrem Vater über ihre Firma LDG ein Darlehen über 50 Millionen Euro gegeben, das bis zum 31. März 2012 hätte zurückgezahlt werden sollen. Darüber hinaus stand der Papa bereits mit rund 18 Millionen in der Schuld der Kinder, da er "Werkleistungen" in Anspruch genommen hatte, ohne sie zu vergüten. Doch mit der Zahlungsunfähigkeit Schleckers zum Jahreswechsel 2011/12 erachteten die Schlecker-Kinder diese Posten für die LDG offenbar als wertlos und schrieben sie in der Bilanz entsprechend ab. Heraus kam der Verlust.

Das kam dem Fiskus suspekt vor. Im Oktober 2016 verschickte das Finanzamt Ehingen jenen Brief, der für die Familie Schlecker genauso gefährlich sein könnte wie die Anklage der Staatsanwaltschaft.

Die Finanzbeamten sind offenbar der Ansicht, dass die Gesamtsumme von 68 Millionen Euro für den Vater gar kein echter Kredit war, sondern ein Griff in die Kasse durch die Gesellschafter, also der Kinder - sprich eine verdeckte Gewinnausschüttung, die privat an den Vater weitergereicht wurde. Da sich die Zahlungsunfähigkeit Schleckers längst abzeichnete, wäre ein Darlehen in dieser Größenordnung und zu diesem Zeitpunkt auch unternehmerisches Harakiri gewesen.

Genüsslich listet der Sachbearbeiter in seinem Schreiben auf, wie er die Sache sieht: Zum Ende des Jahres 2011 seien bei der Firma LDG "Wertberichtigungen auf Forderungen in Höhe von 68.063.938 Euro gegenüber Herrn Anton Schlecker geltend gemacht" worden. Die Wertberichtigungen jedoch "wurden nicht anerkannt und als verdeckte Gewinnausschüttung ... bei der Firma LDG mbH hinzugerechnet".

Auf eine Gewinnausschüttung muss aber jeder in diesem Land Kapitalertragsteuer zahlen, auch Meike und Lars Schlecker. Eine Versteuerung "erfolgte bisher nicht", urteilt der Fiskus streng. Das Finanzamt beabsichtige daher bei den damaligen LDG-Gesellschaftern Meike und Lars Schlecker "verdeckte Gewinnausschüttungen 2011 von jeweils 34.031.969 Euro anzusetzen".

Macht bei einer pauschalen Kapitalertragsteuer von 25 Prozent insgesamt eine Steuernachzahlung in Höhe von mehr als 17 Millionen Euro - ein Betrag, den auch die Kinder trotz erheblichen Restvermögens nicht so einfach stemmen dürften.

Das Finanzamt verschickte diesen Brief nicht ohne Grund kurz vor Beginn des Prozesses, denn Ende 2016 wäre die Verjährungsfrist für diese Nachforderung abgelaufen. Nun dürfte dieser Vorgang in Stuttgart zentraler Bestandteil der Gerichtsverhandlung werden.

Schlecker-Tochter Meike
Jesal / Tanna / Bild

Schlecker-Tochter Meike

Dort wird auch zur Sprache kommen, ob die Familie tatsächlich noch über ein Vermögen in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe verfügt, wie lange spekuliert wurde. Christa Schlecker beispielsweise erzielte allein im Jahr 2015 fast eine halbe Million Euro Kapitalerträge, wie aus den entsprechenden Jahressteuerbescheinigungen hervorgeht. Selbst wenn man nur eine durchschnittliche Anleiherendite im Jahr 2015 von vier Prozent zugrunde legte, summierte sich das Vermögen allein aus diesen Anlagen auf mehr als zwölf Millionen Euro.

Zudem ist Christa Schlecker zusammen mit ihren Kindern Gesellschafterin der CML Schlecker Immobilienverwaltung GmbH & Co. KG mit Sitz in der ehemaligen Schlecker-Zentrale in der Ehinger Talstraße, die Abkürzung CML steht für die Vornamen Christa, Meike und Lars.

Fast jeden Morgen fährt das Ehepaar Schlecker hierher, in sein altes Büro, und abends wieder heim, hier verwaltet das Paar die Grundstücke und Bauten der CML, die laut Bilanz 2015 einen Wert von mehr als 4,5 Millionen Euro hatten. Die Umsatzerlöse aus Vermietung, Verwaltung und "sonstigen betrieblichen Erträgen" beliefen sich auf fast eine Million Euro.

Sohn Lars betreibt daneben gemeinsam mit seiner Frau Mirja die Beteiligungsgesellschaft "Mila Königsberg". Mit ihr ist er seit einiger Zeit größter Gesellschafter der Münchner Float Med Tec, einem Hersteller für Entspannungspools. Doch auch dieses Engagement dürfte weniger dem Gelderwerb als eher dem Zeitvertreib dienen.

Denn auch Lars Schlecker könnte gut von den Kapitalerträgen von einem Teil seines restlichen Vermögens leben. 2015 kassierte er Kapitalerträge in Höhe von 271.809,33 Euro. Damit dürfte auch das Vermögen von Schlecker junior bei der Verzinsung von vier Prozent im Jahr 2015 weit mehr als sechs Millionen Euro betragen.

Meike Schlecker hat den größten Teil ihres Geldes nicht in Deutschland angelegt, sondern im Ausland. Daher haben deutsche Finanzbehörden nur begrenzt Einblick in ihr Vermögen. Sie ist zwar auch wie ihr Bruder und ihre Mutter Kundin bei der Bethmann Bank und der Deutschen Bank, das aber vor allem mit Girokonten.

Die Staatsanwaltschaft fragt sich nun, woher das viele Geld kommt. Lars spielte im Unternehmen Schlecker erst kurz vor Ende eine tragende Rolle und kann in dieser kurzen Zeit reell kaum ein solches Vermögen angehäuft haben. Christa soll ein monatliches Gehalt von 60.000 Euro erhalten haben, was "angesichts der Ertragsituation nicht (mehr) angemessen war", wie die Staatsanwaltschaft schon im Jahr 2012 monierte (SPIEGEL 33/2012). Aber auch ein solches Monatsgehalt lässt sich nur schwer auf mehrere Millionen Vermögen mehren.

Die Ankläger gehen davon aus, dass Anton Schlecker sukzessive Vermögenswerte übertrug, als klar war, dass sein Unternehmen nicht mehr zu halten sein würde. In diesem Zusammenhang ist auch der genaue Wortlaut von Meike Schleckers legendärer Pressekonferenz am 30. Januar 2012 interessant. "Es wurde ja immer gesagt, meine Familie würde auf Milliarden sitzen oder wir hätten Hunderte von Millionen auf die Seite geschafft, die die Restrukturierung des Unternehmens hätten stützen können", so Meike Schlecker. "Das ist falsch." Milliarden? Hunderte von Millionen? Das vielleicht nicht. Dutzende von Millionen aber womöglich schon.

Bereits im Oktober 2012 schrieb der Insolvenzverwalter an Anton Schleckers Anwaltskanzlei Grub Brugger & Partner über seine Erkenntnisse. Demnach hat Schlecker am 24. Juni 2009 das Anwesen am Ammerweg 2-4, ein parkähnliches Grundstück mit zwei Wohnhäusern, an seine Frau überschrieben. Laut dem Gutachten eines Sachverständigen vom 19. Juni 2012 war die Immobilie insgesamt 2,35 Millionen Euro wert. Was Schlecker als "ehebedingte Zuwendung" deklarierte, dürfte eher eine Scheinschenkung gewesen sein, denn er trug weiterhin die Kosten für den Unterhalt des Anwesens. Noch fünf Tage vor Insolvenzantrag überwies er einen Betrag in Höhe von 50.353,50 Euro für das letzte Quartal 2011 an seine Frau - also zu einem Zeitpunkt, als Schlecker schon zahlungsunfähig war.

Im Jahr 2008 schenkte Anton Schlecker seinen Kindern ein an die Firmenzentrale angrenzendes 11.413 Quadratmeter großes Grundstück. Darauf befanden sich Tennisplätze und ein Vereinshaus.

Eineinhalb Jahre später überschrieb er ein weiteres angrenzendes Grundstück an die Kinder. Der ursprünglich vereinbarte Kaufpreis von 150.000 Euro wurde nie beglichen. Die Unterhaltskosten für das Grundstück - rund 70.000 Euro im Jahr 2009 - zahlten bis zum Januar 2010 nicht etwa die neuen Besitzer, sondern: Anton Schlecker. Beide Grundstücke hatten 2012 einen Wert von mehr als einer halben Million Euro.

Am 31. März 2010 schenkte Anton Schlecker jedem seiner vier Enkelkinder 200.000 Euro.

Innerhalb eines Zeitraums von vier Jahren vor dem Insolvenzantrag ließ Anton Schlecker laut Insolvenzverwalter seinem Sohn einen Gesamtbetrag in Höhe von 2.026.747,24 Euro für den Kauf einer Eigentumswohnung zukommen. Schlecker senior sagt, es seien nur 1,2 Millionen Euro gewesen.

Am 17. Januar 2012 verkaufte Schleckers Firma Logistik Service Center GmbH zwei Logistikzentren im österreichischem Gröbming und Pöchlarn sowie die österreichische Firmenzentrale in Pucking an die Kinder Meike und Lars zu einem Preis von sieben Millionen Euro, deutlich unter Wert, wie vermutet wird - und wohl auch nur pro forma. Denn: Die fällige Grunderwerbssteuer in Höhe von 322033 Euro zahlten nicht die neuen Besitzer, sondern: Anton Schlecker. Von seinem Privatkonto bei der Sparkasse Ulm. Auch landete der Kaufpreis am Ende nahezu komplett auf dem Privatkonto Anton Schleckers. Von diesem zahlte er drei Tage vor der Insolvenz Schleckers 7.005.296,74 Euro an die LDG Logistik und Dienstleistungsgesellschaft mbH. Gesellschafter dieser Firma: Meike und Lars Schlecker. Diese schütteten sich den Bilanzgewinn 2011 selbst aus.

DER SPIEGEL

Schließlich schlossen Christa Schlecker und die BDG Bau- und Dienstleistungsgesellschaft mbh, ein Schlecker-Tochterunternehmen, noch im Mai 2012 einen Beratervertrag ab, der Christa Schlecker monatlich 8000 Euro netto garantierte. Ihre Aufgaben: Akquisition von Aufträgen, Beratung bei Kassentischen und Schaufensteranlagen, Planung von Neueröffnungen. Schlecker war zu diesem Zeitpunkt längst in Abwicklung. Schaufenster wurden verklebt, Kassentische abmontiert, das Tagesgeschäft eingestellt. Eine echte Beratungsleistung dürfte daher nie erfolgt sein.

All diese Vermögensverschiebereien und seltsamen Geschäftsgebaren hält neben der Staatsanwaltschaft auch der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz für widerrechtlich. Schlecker habe vor dem Insolvenzantrag Fristen gebrochen und so seine Gläubiger benachteiligt, indem die Weggabe von Vermögensgegenständen die Insolvenzmasse verkleinerte. In vielen Fällen habe es eine "ungerechtfertigte Bereicherung" gegeben, ein Anspruch auf Rückzahlung liege "zweifelsfrei vor".

Bilateral hat sich Geiwitz mit Schlecker längst auf einen Vergleich geeinigt. Der Exunternehmer überwies dem Insolvenzverwalter im Jahr 2013 etwas mehr als zehn Millionen Euro, der verzichtet dafür auf komplizierte Rückübertragungen der Werte. Auch, weil Geiwitz nicht davon ausgeht, dass der Prozess neue Erkenntnisse oder gar weitere versteckte Verschiebungen zutage fördern könnte.

Falls er sich irrt, muss Schlecker im schlimmsten Fall bis zu zehn Jahre ins Gefängnis. Auf Anton Schleckers Anwalt Norbert Scharf kommt nun viel Arbeit zu, all die Anwürfe vor Gericht abzuwehren. Auf Anfrage des SPIEGEL wollte sich Scharf "angesichts der bevorstehenden Hauptversammlung nicht äußern".

Scharf hat bereits Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer, den ehemaligen Chefbanker Christopher Freiherr von Oppenheim und den früheren Formel-1-Tycoon Bernie Ecclestone bei Strafprozessen verteidigt. Alle genannten Mandanten des Münchner Anwalts kamen mit Einstellung des Verfahrens, Geldauflagen oder Bewährungsstrafen davon.

Der ehemalige Oberstaatsanwalt Hans Richter, der die Ermittlungen gegen Schlecker eingeleitet hatte, scheint auch im Fall Schlecker nicht allzu viel Hoffnung zu haben, dass der zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird. Kurz bevor er in Rente ging, sinnierte er im "Handelsblatt" noch über die Maßlosen und ihr Geld. "Es gibt eine Zwei-Klassen-Täterschaft", sagte Richter. Die Armen müssten oft büßen, die Reichen kämen oft davon, weil sie sich ein Heer der besten und teuersten Verteidiger des Landes leisten könnten.

Ob er dabei an die vielen "Schlecker-Frauen" dachte? Von den 23.400 Beschäftigten in Deutschland fand nach der Insolvenz nur etwa die Hälfte wieder einen Job. Viele suchen noch immer. So wie Insolvenzverwalter Geiwitz immer noch jemanden sucht, der die Marke "Schlecker" kaufen will. Es will sie aber niemand haben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes wurde die anfangs erwähnte Hausangestellte namentlich genannt. Darauf haben wir in der aktuellen Version verzichtet. Zudem werden Dauer der Betriebszugehörigkeit sowie ihr Einkommen nun genauer benannt.

Im Video: Der letzte Tag - SPIEGEL TV über die Schließung der Schlecker-Filiale in Herzogenaurach im März 2012.

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Seite 1
axel_roland 06.03.2017
1. Die Arbeitnehmer müssen entschädigt werden
Vorweg: Ich bin politisch eher wirtschaftsliberal und kein Linker, der abseits jeglicher Realität ideologisch motiviert stets mehr Arbeiterrechte fordert. Trotzdem: Auch wenn es juristisch komplizierter werden dürfte hoffe ich, dass die Richter zugunsten der Arbeitsnehmer entscheiden. Dass Schlecker keine Kapitalgesellschaft war, war eine von der Familie bewusst eingegangene, hochriskante Entscheidung. Ein normales Unternehmen gründet hier eine GmbH oder AG, um ein privates Haftungsrisiko für den Normalfall ausschließen zu können und muss dafür eben mehr Transparenz gewähren. Wenn jemand wie Schlecker genau das nicht tut, muss auch die Judikative dafür sorgen, dass diese volle private Haftbarkeit durchgesetzt wird und nun die Arbeitnehmer aus dem Vermögen der Familie entschädigt werden.genau
Crom 06.03.2017
2.
Es gibt in Deutschland keine Sippenhaftung. Wenn Ehefrau und Kinder Vermögen haben, so ist dies bezüglich der Insolvenz nur von Belang, wenn dies innerhalb der letzten zehn Jahre übertragen wurde.
Crom 06.03.2017
3.
Zitat von axel_rolandVorweg: Ich bin politisch eher wirtschaftsliberal und kein Linker, der abseits jeglicher Realität ideologisch motiviert stets mehr Arbeiterrechte fordert. Trotzdem: Auch wenn es juristisch komplizierter werden dürfte hoffe ich, dass die Richter zugunsten der Arbeitsnehmer entscheiden. Dass Schlecker keine Kapitalgesellschaft war, war eine von der Familie bewusst eingegangene, hochriskante Entscheidung. Ein normales Unternehmen gründet hier eine GmbH oder AG, um ein privates Haftungsrisiko für den Normalfall ausschließen zu können und muss dafür eben mehr Transparenz gewähren. Wenn jemand wie Schlecker genau das nicht tut, muss auch die Judikative dafür sorgen, dass diese volle private Haftbarkeit durchgesetzt wird und nun die Arbeitnehmer aus dem Vermögen der Familie entschädigt werden.genau
Es war aber kein Familienunternehmen sondern nur Herr Anton Schlecker hat gehaftet sonst keiner. Würden Sie für die Pleite eines Bruders oder einer Schwester haften, so vorhanden?
doc_johnny 06.03.2017
4. Schlecker hat sein Unternehmen verloren, das viele Jahren tausenden Arbeit gab
Darf man zur Vollständigkeit erwähnen, daß Herr Schlecker das Unternehmen selber und in entbehrungsreicher Arbeit aufgebaut hat? Jedem, der über erfolgreiche Unternehmer schimpft, würde ich den Selbstversuch empfehlen. Nebenbei bemerkt hat Schlecker Jahrzehnte lang tausende von Menschen beschäftigt. Sein Fehler war, immer an sein Unternehmen geglaubt zu haben und eben nicht (wie es viele von den "bösen" Kapitalisten tun) immer eine ordentliche Dividende aus dem Unternehmen gezogen zu haben und das Unternehmen als AG zu führen.
mali123 06.03.2017
5. Ach Gott wie freundlich
Zitat von doc_johnnyDarf man zur Vollständigkeit erwähnen, daß Herr Schlecker das Unternehmen selber und in entbehrungsreicher Arbeit aufgebaut hat? Jedem, der über erfolgreiche Unternehmer schimpft, würde ich den Selbstversuch empfehlen. Nebenbei bemerkt hat Schlecker Jahrzehnte lang tausende von Menschen beschäftigt. Sein Fehler war, immer an sein Unternehmen geglaubt zu haben und eben nicht (wie es viele von den "bösen" Kapitalisten tun) immer eine ordentliche Dividende aus dem Unternehmen gezogen zu haben und das Unternehmen als AG zu führen.
er hat Tausenden eine Arbeit gegeben. Wie altruistisch von diesem Mann! (Ironie) Wenn es Schlecker nicht gemacht hätte, dann hätte es ein anderer AG gemacht. Schlecker wollte niemandem Arbeit geben. Sein Antrieb war rein materiell. Er hat davon gut profitiert. Ein Unternehmen existiert wegen seiner Mitarbeiter. Niemals existieren die Mitarbeiter wegen des Unternehmens. Es ist in Deutschland ein Trugschluss wenn man von einem "Arbeitgeber" spricht, weil ein Teil des Lohns von diesem einbehalten wird. Somit sind im Grunde genommen die Arbeitnehmer diejenigen, welche den Unternehmer ernähren. Auch wenn gerne das Gegenteil behauptet wird und Naivlinge wie Sie diese Märchen glauben.
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