AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2016

Neues Schönheitsideal Die Superweiber

Was ist schön? Einst war es die Venus von Milo, später die Wespentaille, das Vollweib Marilyn, die magere Twiggy. Nun gibt es einen neuen Trend: Frauen mit Muskeln.

Crossfitterin Hachmann
Johannes Arlt

Crossfitterin Hachmann


Wenn ihr Sohn abends schläft, geht Elli Hachmann hinunter in die Garage, um sich zu quälen. Sie dreht die Musik auf, greift die 70 Kilogramm schwere Langhantel, presst ihre Lippen aufeinander, geht in die Knie und drückt sich dann mitsamt den Gewichten in die Höhe.

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Heft 45/2016
Drehbuch einer Tragödie

"Brutal", sagt sie, keuchend, und lässt die Stange zurück in die Halterung fallen. Sie schafft Kniebeugen mit bis zu 120 Kilo. So viel, wie ein ausgewachsener Schwarzbär wiegt.

Hachmann in Daten: 34 Jahre, 164 Zentimeter, 64 Kilogramm. Nicht groß, nicht schwer, aber kraftvoll. Schlank, aber nicht mager. Muskulös, aber weit entfernt von den grotesken Formen der Bodybuilderinnen. Auf ihrem Bauch zeichnen sich die kleinen Wölbungen ab, die man Sixpack nennt, und ihre Schultern sehen aus, als hätte sie sich die Polsterkissen aus ihrem Jackett unter die Haut nähen lassen.

Frauen und Muskeln, das passte lange nicht zusammen. Weibliches Gewichtheben spielte nur als Kuriosum eine Rolle, wenn alle paar Jahre bei Olympischen Spielen gedopte Russinnen und andere Ostblocksportlerinnen im Fernsehen auftauchten, die aussahen, als würden sie zum Frühstück ganze Schafe essen. Das ist heute anders.

Heute stemmen ansonsten normale Frauen im Fitnessstudio ihre Gewichte, dort, wo früher das exklusive Reich der Pumperjungs war, der Jungs mit den aufgeblähten Ballonbizepsen.

Gewichtheberverbände und Fitnessanbieter bestätigen den Trend und freuen sich. "Bis vor ein paar Jahren gab es bei uns kaum Frauen", sagt Georg Hein, Präsident des Gewichtheberverbands Nordrhein-Westfalen, "heute rennen sie uns die Bude ein." Eine Erhebung mit der Überschrift "Frauenfitness Deutschland 2016" hat ein paar Zahlen parat zu dem Phänomen. Rund 600 Frauen zwischen 16 und 35 Jahren wurden zu ihren Zielen befragt. Weniger als die Hälfte von ihnen möchte primär abnehmen, die meisten aber, mehr als 70 Prozent, wollen mehr Muskelmasse.

Man darf Elli Hachmann als deutsche Pionierin dieser Bewegung verstehen. Sie brachte Crossfit nach Hamburg - diesen seltsamen Zeitvertreib aus den USA, bei dem es darum geht, so schnell wie möglich so viel Gewicht wie möglich hochzuheben oder hinter sich herzuziehen. Dazu gehören auch Klimmzüge, Liegestütze, Kniebeugen, alles, was wehtut. 2011 eröffnete sie in der Hansestadt das erste Studio. Ein Jahr später gab es deutschlandweit 21 Crossfitstudios, heute sind es über 230. Die Zahl der Crossfitter hat sich seit 2012 mehr als versechsfacht. Und vier von zehn Trainierenden sind weiblich.

Die meisten Frauen, sagt Hachmann, kämen anfangs mit altbekannten Wünschen zu ihrem Training: Körper straffen, ein paar Kilo abnehmen. "Aber wenn sie dann zum ersten Mal 50 Kilogramm gehoben haben", sagt Hachmann, "kommt ein ganz anderes Ziel hinzu": der Wunsch nach körperlicher Kraft. Und nach der Schönheit der Muskeln, in denen sie steckt.

Was ist schön? Einst war es die Venus von Milo, später die geschnürte Wespentaille der Damen. Es gab das Vollweib Marilyn, es gab die magere Twiggy. Menschen verschiedener Orte und Zeiten, Frauen wie Männer, scheinen äußerst wankelmütig in der Frage, welche weibliche Form sie zum Vorbild erheben. Frauen mit Muskeln aber, das fehlte bislang in der Galerie der Idole.

Bei allen Wandlungen überdauert ein Grundprinzip: Schönheitsideale erfordern von denen, die ihnen nacheifern, meist die Bereitschaft, sich zu quälen. Was schwierig zu erreichen ist und viel Anstrengung erfordert, wird jeweils erstrebenswert. Wenn die Nahrung knapp ist, gilt der korpulente Körper als schön. Gibt es Essen im Überfluss, ist der schlanke Körper begehrenswert.

Die Ansehnlichkeit des eigenen Körpers ist heute in der reichen Welt kein Schicksal mehr. Wo Traditionen schwinden und Religion zur Nebensache wird, wo Familienkonzepte vielfältig und Geschlechterrollen undeutlich werden, da entsteht Raum zur Selbstverwirklichung. Doch die neuen Freiheiten bringen auch neue Verpflichtungen mit sich. Nur wer an sich und seinem Körper arbeitet, kann seinen Platz in der Meritokratie selbst mitbestimmen, Veranlagung ist keine Entschuldigung mehr. Der Körper ist zum Aushängeschild der Persönlichkeit geworden.

Elli Hachmann ist lange einem Magerwahn nachgejagt. Stets sei ihr Körper kritisiert oder bewundert, jedenfalls: bewertet worden, erinnert sie sich. In der Schule hänselten die Jungs sie wegen ihres großen Hinterns. "Damals war es noch nicht cool, kräftiger zu sein. Da gab es Jennifer Lopez und Beyoncé noch nicht", sagt Hachmann. Sie kämpfte mit einer Essstörung, machte eine Therapie, die Therapeutin sagte: Ich hoffe, Sie werden eines Tages erkennen, wie stark Sie sind. Hachmann: "Aber ich wollte nicht stark sein. Sondern dünn und zierlich. Ich wollte irgendwie in meine Jeans reinpassen."

Nach dem Schlankheitswahn etabliert sich das Streben nach sichtbarer Fitness. "Strong is the new skinny", lautet das Mantra dieser Bewegung: Stark ist das neue Dünn. Es steht auf T-Shirts, ein amerikanisches Kultbuch trägt diesen Namen. Selbst die deutsche Schauspielerin Veronica Ferres, einst als "Superweib" zu Ruhm gelangt, habe sich nun, so konnte man lesen, einen Sixpack antrainiert, mit 51, und sie fühle sich "so sexy wie nie". Und Elli Hachmann sagt, sie sei "angekommen", bei sich selbst vermutlich. Sie genieße das Gefühl, die Kontrolle über ihren Körper zu haben, ihn zu spüren und zu formen.

Eine erfolgsorientierte Frau habe es in der vielfach noch von Männern dominierten Arbeitswelt leichter, "wenn sich ihre Stärke an ihrem Körper ablesen lässt", sagt Gabriele Sobiech, Professorin für Sportsoziologie und Gender Studies an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Deshalb lasse sich der Wunsch nach einem kraftvollen Äußeren vor allem bei jungen Frauen aus bildungsnahen Milieus beobachten.

Das neue Schönheitsideal kann sich anfühlen wie Emanzipation. Nun schließt Weiblichkeit einen muskulösen Körper nicht mehr aus. Allerdings sind auch hier die Grenzen dessen, was als schön gilt, eng gefasst. "Frauen müssen die Balance zwischen neuer Stärke und traditioneller Weiblichkeit finden", sagt die Soziologin Paula-Irene Villa von der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Während Michelle Obamas Oberarme als wohlgeformt gelten, sind die muskulösen Arme von Serena Williams schon zu viel."

Hachmann bekommt für die Arbeit an ihrem Körper heute viel Anerkennung, viele Likes in sozialen Medien, viele bewundernde Kommentare. Bei Facebook und Instagram postet sie Fotos von sich, Hachmann mit Hanteln, Hachmann mit Eiweißdrink, dazu Hashtags wie #girlswholift oder #girlswithmuscles.

Ist das gut? Begrüßenswert? Ja, weil jede ästhetische Alternative zur puren Schlankheit ein Zugewinn an Freiheit sein kann, ein Ausweg. Gleichzeitig ist es natürlich auch nur eine neue Variante des Zwangs.

Ausgerechnet bei Hachmann findet sich denn auch die Spur einer anderen Sehnsucht. Zwischen ihren muskelprotzenden Posts hat sie auf Instagram eine Frage hochgeladen, auf rosafarbenem Hintergrund: "What if it doesn't matter?" Was, wenn es einfach egal wäre?

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Zaunsfeld 13.11.2016
1.
Also dass muskulöse Frauen das neue Schönheitsideal seien, halte ich für ein Gerücht. Ich kenne nur sehr wenige Männer, die auf wirklich durchtrainierte, drahtige, muskulöse Frauen stehen, denn es sieht nunmal einfach nicht weiblich aus. Keine Ahnung, wer sich dieses Hirngespinst wieder ausgedacht hat, aber mit der Realität hat es nur sehr wenig zu tun.
spatenheimer 13.11.2016
2.
Inwiefern war Marilyn Monroe denn ein "Vollweib"? Auf jeden Fall ist es positiv, wenn sich endlich herumspricht, dass auch Frauen allein durch den Verzicht auf Essen keinen besser aussehenden Körper bekommen.
uhrentoaster 13.11.2016
3. Neu?
Dieser Trend ist nicht neu. Den gibt es schon seit der Erfindung der "Fitness"-Studios und den Bauchfrei-Tussis.
eva_in_Rom 13.11.2016
4.
Zaunfeld, Sie haben es nicht kapiert. Niemand hat es sich ausgedacht, einige von uns Frauen möchten das jetzt so. Und warum sollten wir nicht? Wegen Typen wie Ihnen denen es nicht gefällt? Wir müssen uns also immer noch bewerten lasen? Besten Dank nein. Und Typen mit Faulheits-Plautze müssen uns gefallen? Oder Streichholzbeine? Leben und leben lassen schlage ich vor. Egal ob jemand wie Serena Williams aussehen möchte (ich nicht) oder einfach lieber Fett durch Muskeln ersetzen müsste.
dodgerone 13.11.2016
5.
Mag ja sein das es sexy sein soll... mich als Mann spricht es nicht an... ehrlich gesagt finde ich es sogar hässlich. Mich würde aber interessieren, wer solche "Ideale" definieren soll...
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