AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

US-Autor Kurt Andersen über Trump "Er zapft einen amerikanischen Mythos an"

Der amerikanische Schriftsteller Kurt Andersen erklärt, warum so viele seiner Landsleute an "alternative Fakten" glauben.

Rechtsradikale in Charlottesville: "Wenn Trump kein Rassist ist, wer dann?"
Zuma Wire / Zuma Press / Action Press

Rechtsradikale in Charlottesville: "Wenn Trump kein Rassist ist, wer dann?"

Ein Interview von Susanne Weingarten


Ilya S. Savenok / Getty Images

Andersen, 62, lebt als Romanautor und Essayist in New York. In seinem neuen Buch "Fantasyland" entwirft er eine Ideengeschichte der USA, in der die irrationalen und religiös-esoterischen Strömungen der amerikanischen Gesellschaft das Erbe der Aufklärung verdrängen - eine Entwicklung, die für Andersen im Wahlsieg Donald Trumps, des Verfechters "alternativer Fakten", kulminiert.


SPIEGEL: Ist Donald Trump der Präsident, den das heutige Amerika verdient hat?

Andersen: Das klingt furchtbar, und so würde ich es nicht formulieren. Aber zugleich halte ich es für fast logisch, dass er der Präsident ist. Viele Amerikaner begreifen allmählich, dass er kein Freak aus einer fremden Sphäre ist.

SPIEGEL: Sondern?

Andersen: Er gehört zu einer Partei, die seit mindestens einem Jahrzehnt Ideen proklamiert, die mit der Realität nichts zu tun haben - dass der Klimawandel eine Erfindung sei oder dass uns die Einführung der Scharia drohe, wenn der muslimische Einfluss zu groß wird.

SPIEGEL: Das erklärt aber noch nicht Trumps Verteidigung der rechtsextremen Demonstranten von Charlottesville.

Andersen: Wenn er sich auf die Seite derer stellt, die dort gegen die Entfernung einer Statue des Südstaatengenerals Robert E. Lee protestiert haben, zapft Trump einen amerikanischen Mythos an, den es spätestens seit dem Bürgerkrieg gibt: die Fantasie vom guten alten Süden, in dem die privilegierte Stellung der Weißen noch nicht infrage stand. Diesen Mythos gibt es bis heute, gerade die Republikaner haben ihn befeuert, und Donald Trump spricht die Verbitterung über den Untergang des Südens jetzt auf eine Weise aus, die man so nicht für möglich gehalten hätte.

SPIEGEL: Ist er das Sprachrohr eines unterdrückten amerikanischen Unbewussten?

Andersen: Er ist zumindest sehr gut darin, das Unaussprechliche auszusprechen. Und zugleich verkörpert er den Politiker als Showbusiness-Figur. Hollywood hat zweifellos dazu beigetragen, dass wir lieber Fiktion als Fakten konsumieren. Wir Amerikaner tauchen tiefer als andere ein in die erfundenen Welten der Filmindustrie, denn wir haben diese Industrie aus der Taufe gehoben. Und auch das trägt dazu bei, dass bei uns die gesellschaftlichen Grenzen zwischen Wahrheit und Erfindung verschwimmen.

SPIEGEL: Ist Amerika besonders anfällig für eine irrationale Weltsicht?

Andersen: Wir sind nicht einzigartig, aber extrem in unseren Ansichten. Ich weiß nicht, ob andere Länder uns folgen werden - hoffentlich nicht! Dass Amerika so unglaublich religiös ist, viel stärker als alle anderen westlichen Gesellschaften, hat sehr zur gegenwärtigen Entwicklung beigetragen. Die christliche Rechte hat die Evolutionslehre derart in Misskredit gebracht, dass nur ein einziger republikanischer Kandidat sich bei der letzten Präsidentschaftswahl dazu bekannt hat. Statt der wissenschaftlichen Sichtweise auf die Welt befördert sie eine abstruse "kreationistische" Entstehungslehre. Die Republikaner sind heute überwiegend eine Partei weißer Protestanten, und die extreme Orthodoxie ihres Glaubens korrespondiert meiner Meinung nach mit der extremen Faktenfeindlichkeit unter der Trump-Anhängerschaft.

SPIEGEL: Das bedeutet, überzeugte Trump-Anhänger lassen sich weder durch Skandale noch Lügen beirren?

Andersen: Das ist für mich und viele andere die entmutigendste Beobachtung. Seit sieben Monaten versuchen wir uns damit zu trösten, dass die Trump-Wähler sich nur noch nicht eingestehen wollen, dass sie für einen monströsen Trottel gestimmt haben. Aber selbst wenn die Trump-Präsidentschaft vorbei sein wird, heißt das ja nicht, dass die Amerikaner wieder zur Vernunft zurückkehren werden. Ich glaube nicht, dass nach Trump alles wieder so sein wird wie früher. Es gibt eine neue Normalität, einen neuen Status quo, und wir, die wir an Fakten, Vernunft und eine objektive Wirklichkeit glauben, müssen dafür arbeiten, dass sich die Lage nicht weiter verschlimmert. Zum Glück ist Trump derart bizarr, dass man ihn nicht so leicht kopieren kann.

SPIEGEL: Ist Trump ein Rassist?

Andersen: Nach den vergangenen Tagen fällt es einem schwer zu sagen, dass er keiner ist. Denn wenn er keiner ist, wer dann? Trump war ganz offensichtlich mit dem Herzen dabei, als er die Demonstranten von Charlottesville verteidigte, und das waren Anhänger der alten rassistischen Strukturen des Südens.

SPIEGEL: Kann er das politisch überstehen?

Andersen: Bis jetzt war Rassismus das tödliche Minenfeld der amerikanischen Politik - man konnte einen Fehltritt eigentlich nicht überleben. Aber wir kennen Trump jetzt schon zwei Jahre lang als Politiker, der alle erdenklichen Skandale überstanden hat. Wenn er darüber stürzte, wäre das gut, denn es zeigte: Es gibt immer noch eine Grenze, die man in einer anständigen Gesellschaft nicht überschreiten darf.



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P.Delalande 23.08.2017
1.
Trump hat sich nur Wladimir Putin angepasst. Mit dem Unterschied, dass Putin weiß, dass er lügt und das für legitim hält, während Trump den Blödsinn den er erzählt vermutlich selbst glaubt.
Atheist_Crusader 23.08.2017
2.
Zitat von P.DelalandeTrump hat sich nur Wladimir Putin angepasst. Mit dem Unterschied, dass Putin weiß, dass er lügt und das für legitim hält, während Trump den Blödsinn den er erzählt vermutlich selbst glaubt.
Putin wirkt auch ein ganzes Stück seriöser. Wenn der etwas vom Stapel lässt, muss man tatsächlich die Fakten checken, die Details prüfen und schauen ob und inwieweit seine Behauptungen mit der Realität kompatibel sind. Bei Trump muss man nur ein paar Minuten zuhören, schon hat man als Nicht-Anhänger genug. Die ewige Selbstbeweihräucherung, das ständige "Believe me", das Abschweifen zu allen möglichen Themen, unangemessen Sprüche und das Vokabular eines besonders lernschwachen Erstklässlers schreien es einem praktisch entgegen, dass man den man nicht ernst nehmen sollte. Wer Putin glaubt, der tut das weil er sich einlullen lässt. Wer Trump glaubt, der tut das weil er es will.
jamguy 23.08.2017
3.
Zitat von Atheist_CrusaderPutin wirkt auch ein ganzes Stück seriöser. Wenn der etwas vom Stapel lässt, muss man tatsächlich die Fakten checken, die Details prüfen und schauen ob und inwieweit seine Behauptungen mit der Realität kompatibel sind. Bei Trump muss man nur ein paar Minuten zuhören, schon hat man als Nicht-Anhänger genug. Die ewige Selbstbeweihräucherung, das ständige "Believe me", das Abschweifen zu allen möglichen Themen, unangemessen Sprüche und das Vokabular eines besonders lernschwachen Erstklässlers schreien es einem praktisch entgegen, dass man den man nicht ernst nehmen sollte. Wer Putin glaubt, der tut das weil er sich einlullen lässt. Wer Trump glaubt, der tut das weil er es will.
Putin wirkt auch ein ganzes Stück seriöser. Is quatsch die USA mit Russland und somit die Präsidenten zu vergleichen!
lequick 24.08.2017
4.
Zitat von P.DelalandeTrump hat sich nur Wladimir Putin angepasst. Mit dem Unterschied, dass Putin weiß, dass er lügt und das für legitim hält, während Trump den Blödsinn den er erzählt vermutlich selbst glaubt.
Putin ist ein ganz übler Diktator. Mit dem Unterschied, dass Putin das weiß und sich ganz bewusst so verhält und hinterher ganz bewusst viel lügt. Aber jede Aktion und jede Lüge hat einen "Sinn" zumindest für Putin und seine Freunde. Es gibt bei Putin eine gewisse Rationalität. Trump ist dumm und hält sich selbst für den größten - was die meisten dummen Menschen tun - und das ist sehr gefährlich.
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