AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2017

Lebensträume Wie ein Mann mit 99 Jahren doch noch Schützenkönig wurde

Willi Passmann aus Gummersbach hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben. Dann legte er an zum 262. Schuss.

Ehepaar Passmann
Cathrin Schmiegel/DER SPIEGEL

Ehepaar Passmann


Der König hockt eingesunken auf einer Bierbank vor dem Zelt, trägt eine grüne Jacke über dem hageren Oberkörper, das weiße Haar ordentlich gescheitelt, und hält ein Kölsch in der Hand, um Viertel vor elf am Sonntagmorgen. Herren in Uniform und Damen in Jeans drängen sich um ihn, schütteln seine Hand, rufen "Mensch, Willi" und "Glückwunsch zum Amt".

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Heft 38/2017
Eine Gebrauchsanweisung

Es ist Schützenfest in Dümmlinghausen, Gummersbach, mit der Regionalbahn und dem Bus eine Stunde und 30 Minuten entfernt von Köln. Der Mann, den sie alle bewundern, ist zu Besuch hier, er ist 99 Jahre alt und ohne Hörgerät fast taub. Und, zum ersten Mal in seinem Leben, König. Er regiert seit zwei Wochen den Schützenverein in einem anderen Ortsteil, Steinenbrück. Wahrscheinlich gab es nie einen deutschen König, der älter war.

Willi Passmann ist über Nacht berühmt geworden, mit einem Schuss auf einen Vogel aus Schichtholz. Lokalreporter riefen an, die "Bild"-Zeitung kürte ihn zum Gewinner des Tages vom 17. August 2017, da stehen sonst auch Musiker und Spitzensportler.

Ursel, 87 Jahre alt, die Ehefrau an Willis Seite und damit auch eine Königin, sagt: "Der ,Kölner Stadt-Anzeiger' brachte fast eine ganze Seite über uns." Sie greift sich ans silberne Diadem, das sie zum Dirndl trägt, sie hat es neu, mit gestickten Blumen darauf. Ihr Mann sitzt neben ihr, lächelt höflich, blinzelt, begrüßt Leute, die er seinen "Hofstaat" nennt, nimmt noch mal einen Schluck vom Bier. "Es ist verrückt", sagt er, heiser.

Willi Passmann ist im Ruhrgebiet geboren, in Oberhausen, 1918, da ist noch einer mit demselben Vornamen deutscher Kaiser. Als Junge wird Passmann Fleischer, wünscht sich seinen eigenen Betrieb. Doch es gibt Krieg. Das Schießen lernt er an der Front.

"Zuerst war ich in Frankreich", erzählt der Alte vor dem Zelt, hustet, "dann Leningrad, der große Russlandfeldzug." Er fuhr mit dem Motorrad neben den Soldaten her, bis an die Schützengräben, überbrachte Nachrichten. Verdammt kalt war's, daran erinnert Willi Passmann sich, und dass er sich andauernd dachte: Wie lange soll das noch so weitergehen? Als der Krieg verloren ist, rührt er fast 40 Jahre keine Waffe an.

1978 kommt er nach Gummersbach, es gibt dort: 50.000 Menschen, 14 Schützenvereine und die Wirtschaft "Zum Deutschen Eck". Willi Passmann, jetzt 60 Jahre alt, pachtet sie. Die hübsche Kellnerin aus seinem vorherigen Betrieb, Ursel, wird seine zweite Frau. Gefragt hat er sie, als sie die Gartenstühle lackierte. "Die hat halt anpacken können", sagt er, grinst, die roten Äderchen auf der Nase treten hervor. Sie schlägt ihm auf die Hand. Dann brüllt sie ihm ins linke Ohr, versöhnlich: "Jägermeister, Willi, Jä-ger-mei-ster. Hier." Der Alte setzt an, es ist sein vierter Likör an diesem Tag, sein Bier, das fünfte, ist schon wieder leer. Willi Passmann räuspert sich, winkt ab. "Ach ja, das Trinken, das bin ich von der Wirtschaft schon gewohnt."

Im "Deutschen Eck" saßen sie bis sechs, sieben Uhr morgens, tranken. Noch in den Anfangsjahren muss es gewesen sein, erzählt Willi Passmann, da kam einer rein vom Schützenverein, bestellte ein Kölsch, knallte dem Wirt einen Zettel auf den Tresen, das war der Mitgliedsantrag. Er unterschrieb, natürlich. Hier bedeutet Eigenbrötlerei den Ruin. Noch heute ist Willi Passmann Mitglied in zwei weiteren Schützenvereinen, dem Männerchor, er geht angeln, knobeln, zum Frühschoppen und jeden Mittwoch zum Skat. "Der Willi ist aktiver als wir alle", schreit eine Frau dazwischen, Passmanns Adjutantin. Aus dem Festzelt wummern Schlager, Andrea Berg.

In den Achtzigern probierte Willi Passmann es zum ersten Mal: Schützenkönig werden. "Na ja", sagt er, "der Männerchor hat mich halt überredet." Er stellte sich mit ein paar anderen Anwärtern ans Kleinkalibergewehr, zum "Königsschießen". Einen Holzadler sollte er runterholen aus 15 Meter Höhe. Willi Passmann trat viermal an, vier Jahre hintereinander, König wurde er nie. "Das wurden die hinter oder vor mir", sagt er, in der Stimme kein Bedauern.

Der große Tag kommt fast 30 Jahre später, am 12. August dieses Jahres auf dem Hof vor dem Schützenverein Steinenbrück. Es schüttet immer wieder an dem Tag, die Leute frieren unter ihren Schirmen. In seinem Regenmantel kneift Willi Passmann die Augen zusammen. Um ihn herum bibbern noch drei andere, wollen unbedingt den Titel. Sie schießen auf den Vogel. 80 mal 80 Zentimeter groß ist das Tier, machbar also, doch das Stück Holz, an dem es hängt, ist dick. Eine Weile vergeht, dann ist Willi Passmann wieder dran. Er drückt den Abzug, der 262. Schuss. Der Adler hält.

Der Alte dreht sich um, läuft zu den anderen zurück. Das Tier, in seinem Rücken, fällt doch. Die Menschen rufen "Willi". Ein anderer klopft ihm auf die Schulter, "unser neuer Schützenkönig, 99 Jahre alt, darauf ein dreifach kräftiges Horrido". Ursel Passmann lächelt, der Willi auch.

Ein Jahr lang, erzählt der Alte, so lange bleibt er jetzt im Amt. Da wird er weiter die Schützenfeste anderer Vereine besuchen, seine Königin außerdem ein Kaffeekränzchen für die Frauen veranstalten. Wenn das rum ist, im August 2018, könnte er antreten zum "Kaiserschießen". Er wäre ältester Kaiser im Land. "Nee, nee", sagt der König.

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