AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Reine Zuwanderer-Schulen Ist das Apartheid - oder gut?

Manche Städte, etwa Hagen, nehmen Zuwanderer nicht mehr in normale Schulen auf, sondern lassen sie separat unterrichten. Lehrer und Politiker streiten, ob das die Integration fördert oder bremst.

Lehrer und zugewanderte Schüler in Hagen
Marcus Simaitis / DER SPIEGEL

Lehrer und zugewanderte Schüler in Hagen

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Donnerstagmorgen, kurz vor neun Uhr. In der Schule, die so umstritten ist, geht es um Winterwörter. "Was wird aus Regen, wenn es kalt ist?", fragt die Lehrerin. Shirin, 14, aus der Region Kurdistan hebt die Hand. "Schnee", sagt sie. "Und was kann man aus Schnee bauen?" Jetzt meldet sich Ahmal aus Syrien: "Einen Mannschnee." "Fast", sagt die Lehrerin und lächelt: "Du meinst einen Schneemann."

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Heft 5/2018
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

15 Mädchen und Jungen lernen an diesem Morgen Wörter wie Schneeflocke und Schlittenfahren. Sie stammen aus Flüchtlingsfamilien, aus Syrien oder dem Irak, zudem sind hier Kinder von EU-Einwanderern aus Spanien, Rumänien oder Bulgarien. Die Schule in Hagen gibt es erst seit vier Monaten, und trotzdem ist sie bereits ein Politikum. Denn hier werden ausschließlich Zuwanderer unterrichtet - entfernt von deutschen Mitschülern. Nicht einmal auf dem Pausenhof treffen sie auf Deutsche.

Auch in Berlin gibt es ein solches Modell, in Gelsenkirchen sind zwei Zuwandererschulen in Planung, im Sommer soll es dort mit dem Unterricht losgehen. Die einzigen Deutschen in diesen Schulen sind die Lehrer, weswegen Pädagogen und Politiker streiten: Können junge Flüchtlinge integriert werden, wenn sie erst mal nur unter sich sind? Oder werden sie eher stigmatisiert und zurückgelassen?

Die Zuwandererschule in Hagen ist die Außenstelle einer Realschule, zehn Lehrer und eine Sozialpädagogin sind dort beschäftigt. Rund hundert Kinder und Jugendliche besuchen die sechs Klassen, ein paar von ihnen hatten noch nie eine Schule von innen gesehen, manche müssen zuerst das lateinische Alphabet lernen, andere den Umgang mit Lineal und Schere oder wie man mit dem Schulbus fährt. Auf dem Stundenplan stehen vier bis sechs Stunden Deutsch am Tag, dazu etwas Mathe, Kunst und Erdkunde. Nach einem Jahr sollen die Schüler an reguläre Haupt-, Real- oder Gesamtschulen wechseln.

Vielerorts werden geflüchtete und zugewanderte Kinder zunächst separat unterrichtet, in Intensivklassen oder Vorbereitungsklassen, normalerweise allerdings im selben Gebäude wie die anderen Schüler. Aber eigene Standorte nur für Zuwanderer?

In Hagen ist große Pause, auf dem Hof wird gekickt, in einem Büro im ersten Stock hat Ulrike Tollkötter Platz genommen. "Wir hatten gar keine andere Möglichkeit, als diese Schule zu gründen", sagt die Schulleiterin. Seit 2015 seien so viele Flüchtlinge nach Hagen gekommen, dass die weiterführenden Schulen Platz für knapp 1500 neue Schülerinnen und Schüler gebraucht hätten. Alle fünf Realschulen der Stadt seien aber schon voll gewesen.

Der "leistungshomogene Unterricht" an ihrer Schule sei ein Vorteil, meint Tollkötter. Die Lernerfolge seien größer, als wenn die Schüler von Beginn an in Regelklassen unterrichtet würden. "Später schaffen sie den Anschluss umso schneller", sagt die Schulleiterin. Sie ärgere es, dass über ihrer Schule "ein Damoklesschwert" hänge. "Was wäre denn die Alternative? Dass die Kinder gar nicht zur Schule gehen?"

Doch Ibrahim Yetim, integrationspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag, möchte Flüchtlingsschulen verbieten lassen. Sprache entwickle sich nicht nur im Unterricht, sagt er, sondern "an Tischtennisplatten auf dem Pausenhof, im Spiel mit deutschen Kindern". Er selbst spreche heute nur deswegen so gut Deutsch, weil er der einzige Türke in seiner Klasse gewesen sei. Schulen wie in Hagen hält Yetim für "Getto-Schulen", die zur "Zielscheibe für Rechtsradikale" werden könnten.

In Berlin-Schöneberg sitzen seit Oktober rund 40 junge Zuwanderer in einer ehemaligen Oberschule, einem notdürftig sanierten Gebäude am Rand eines Gewerbegebiets. Hier ging so ziemlich alles schief, was schiefgehen konnte. Die Möbel wurden zu spät geliefert, am Anfang gab es in den Klassen nicht mal Tafeln. Eine Sozialarbeiterin stand erst zwei Wochen nach Schulbeginn zur Verfügung, und von den fünf Lehrern, die zu Beginn eingestellt worden waren, warf einer bereits nach wenigen Tagen hin. Der Begriff "Apartheidsschule" macht jetzt die Runde.

"Solche Ausgrenzungen führen bei Zugewanderten möglicherweise zu dem Eindruck, dass sie zurückgeblieben sind", sagt Mario Czaja, ehemaliger CDU-Sozialsenator in Berlin. Dieser Knacks im Selbstbewusstsein mache anfällig "für Ansprachen von anderer Seite", meint Czaja, "für Radikalisierung, Drogenkonsum oder Straftaten". Gemeinsam mit deutschen Altersgenossen zu lernen und das Gefühl zu haben, im Leben voranzukommen, sei "unerlässlich für die Integration".

Doch wie in Hagen ist der Platz knapp, an 16 Schulen in Berlin gibt es Klassen, in denen Zuwanderer unter sich sind - nachdem sie erfolgreich eine Willkommensklasse besucht und Deutsch gelernt haben und in eine Regelklasse aufgenommen werden sollten. Stattdessen fanden sie sich nach den Sommerferien in einer reinen Zuwandererklasse wieder. Laut Senat reichten die Kapazitäten an den Schulen nicht aus, und bestehende Klassen wolle man nicht auseinanderreißen, daher gebe es vorübergehend diese Lösung.

Es ist kurz nach zwölf Uhr, der Unterricht an der Zuwandererschule in Hagen ist zu Ende. Eine Schülerin aus Spanien, elf Jahre alt, kommt aus dem Klassenzimmer. Wäre sie gern an einer Schule, auf die auch deutsche Kinder gehen? Das Mädchen überlegt, dann schüttelt es den Kopf. "Deutsche sprechen so schnell, das verstehe ich nicht so gut."



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