AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2016

Unfähige Pädagogen Nirgends wird so viel geheult wie in Lehrerzimmern

Woran liegt es, dass Schule so häufig misslingt? An den Schülern? Oder sind vielleicht die Lehrer schuld? Sigrid Wagner hat 22 Jahre lang als Lehrerin gearbeitet. Eine Polemik.


Pädagogin Wagner
Christian Burkert/DER SPIEGEL

Pädagogin Wagner

Ich bin Lehrerin für Englisch und Arbeitslehre/Technik, nach dem Studium habe ich 22 Jahre lang als Vertretungslehrerin in fast allen Schultypen gearbeitet, zuerst in Rheinland-Pfalz und später in Nordrhein-Westfalen, insgesamt in zwölf Fächern. Ich habe sowohl den Flötenkurs gegeben als auch die Judo AG. Ich glaube, dass ich gute Lehrer von schlechten unterscheiden kann; ich behaupte, dass wir zu viele schlechte und viel zu wenig gute Lehrer haben.

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Heft 36/2016
Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen - und welche Berufe morgen noch sicher sind

Die entscheidende Frage ist: Was wollen wir als Lehrer erreichen - und wie? Wir müssen den Beruf des Lehrers überdenken, radikal.

Es gibt, erstens, zu wenige Lehrer, die ernsthaft motiviert sind. Unser Job ist es doch, so viel wie möglich aus diesen jungen Menschen rauszuholen. Ihnen Wege zu zeigen. Nicht zu sagen: Wenn ihr Abitur gemacht habt, dann seht zu, wer euch einstellt. Sondern zu fragen: Welches Unternehmen willst du später mal führen?

Kinder werden in der Schule zu häufig kleingemacht, weil Lehrer ihren Frust an ihnen auslassen. Für viele Kinder ist die Schule ein Ort der Demütigung. Die Frage, warum Lehrer frustriert sind, hängt mit der Frage zusammen, wer überhaupt Lehrer wird.

Häufig sind Lehrer sehr unsichere Menschen. Zwei Drittel, das ist meine Erfahrung, werden Lehrer, weil sie nicht wissen, was sie sonst anfangen sollen.

Sie haben Angst vor dem Leben. Sie warten darauf, dass im Leben ihr Highlight kommt. Wenn das ausbleibt, stellt sich der große Frust ein. Was irritiert dann mehr als eine Meute lachender, überschwänglicher Kinder? Achten Sie mal auf die Körpersprache: Sie treffen selten einen Lehrer, der geerdet vor einer Klasse steht.

Das große Ziel der meisten jungen Lehrer ist die Verbeamtung. Das sind die, die mit drei Helmen übereinander und Knie- und Ellenbogenschonern und Blinklichtern an den Füßen durch die Stadt radeln. Und mein Sohn sagt: Guck mal, ein Lehrer.

Und dann kommt der Druck dazu, durch Pisa, den Lehrplan, die Eltern. Nirgends wird so viel geheult wie in Lehrerzimmern. Lehrer sind überfordert. Weil sie nicht in der Lage sind, Schwächen zuzugeben. Oder Kinder mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln.

Einmal sollte ich Englischunterricht geben in einer Zehnten, am Tag nach Fasching, in Rheinland-Pfalz. Die waren alle noch knülle vom Vortag, da hab ich gedacht: Ich kann mit denen jetzt keine Grammatik durchnehmen. Wir haben stattdessen deutschen und englischen Humor verglichen, selbstverständlich auf Englisch. Und dann platzt der Schulleiter rein: Was ist hier los? Warum wird hier gelacht? Weil wir gerade das Thema Humor durchnehmen, habe ich gesagt. Worauf er sagt: Steht das auf dem Lehrplan?

Häufig sagen Lehrer, auch zu ihrem Schutz: Ich richte mich nur nach dem Lehrplan. Ich würde ja gern... Nein: Sie können nicht. Sie verstehen es nicht, frei zu unterrichten. Sie verstehen es nicht, kreativ zu sein. Sie hassen Kreativität.

Dabei ist Lehrer einer der schönsten Berufe der Welt. Und einer der anstrengendsten. Studenten sollten das eigentlich in der Ausbildung erfahren.

Das Studium ist aber verkopft, total theoretisiert. Und irgendwann heißt es: Ach, eigentlich müssten wir auch mal in eine Schule gehen. Und dann steht da so ein armer Referendar vor einer neunten Hauptschulklasse, schon nach einer Woche dreht der am Rad. In dem Augenblick weiß er: Ich bin hier verkehrt. Die bleiben aber in diesem System, bis sie mit 50 die Reha-Kliniken füllen. Die sind voll mit Lehrern, alles Burn-out-Fälle.

Ist die Inkompetenz unübersehbar, dann muss ein Lehrer gehen - allerdings nicht in den Ruhestand oder in einen anderen Beruf, sondern an eine andere Schule. Das sind die sogenannten Wanderpokale, die von Schule zu Schule und von Klasse zu Klasse weitergereicht werden. Es ist fatal: Den Kündigungsgrund "Unfähigkeit" gibt es nicht. Schlechte Arbeit kann im Lehrerberuf nicht dazu führen, dass Lehrer rausfliegen. Deshalb muss man, zweitens, die Verbeamtung abschaffen.

Wir dürfen, drittens, keine Kinder abkoppeln, niemanden zurücklassen. Das, was mit den Jungs häufig in der Siebten passiert, wenn sie pubertär werden. Dann gibt es diese Ordner, die nach meiner Erfahrung in vielen Lehrerzimmern stehen, irgendwo versteckt, wo drinsteht: Der Jens, da, wo jetzt eine Vier steht: bitte eine Fünf draus machen. Ich kann den nicht mehr ertragen, der muss weg.

Mädchen haben es leichter. Ich habe erlebt, dass Mädchen gute Noten kriegten, obwohl sie nie etwas sagten. Die fehlten ohne Entschuldigung und bekamen trotzdem ihre Eins. Bei einem Jungen, der zwei Tage fehlte, hieß es: Geh gleich mal ins Sekretariat, Attestpflicht. Jungen wird ständig Bosheit, Heimtücke und berechnendes Verhalten unterstellt. Das mag auch daran liegen, dass viel mehr Frauen als Männer Lehrer werden, das ist schon in den Grundschulen ein Problem.

Jungen lehnen sich manchmal dagegen auf, sie empfinden Ungerechtigkeit schärfer. Das verschlechtert ihre Lage zusätzlich.

Wer sein Kind heil durch die Schule bringen will, muss wissen, wie Schule funktioniert. Zugespitzt würde ich sagen: Bring deinem Kind bei, möglichst den Mund zu halten. Angepasst zu sein, auch optisch. Nicht aufzufallen. Es geht auch nicht darum, ein großer Sportler zu sein. Der ist nicht gefragt, schon gar nicht im Gymnasium. Da ist der Nerd gefordert. Ich habe erlebt, dass der Nerd seine Eins in Sport kriegt, damit die Abiturnote stimmt. Damit die Schule sich damit brüsten kann: Wir haben drei 1,0-Absolventen. Ein Erziehungswissenschaftler hat mal gesagt: Das Einzige, was die Kinder wirklich aus der Schule mitnehmen, ist, wie man mit Ungerechtigkeit umgeht.

Eltern glauben, dass Lehrer es schätzen, wenn Schüler kritisch sind, wenn sie mutig ihre Meinung sagen.

Würde ich zu Widerständigkeit raten? Wenn der Vater Anwalt ist und die Mutter auch, dann ja. Schüler, das ist die Wirklichkeit, müssen vor allem clever sein. Sie müssen herausfinden: Wie füttere ich die Lehrer, damit sie zufrieden sind, und wo juble ich geschickt meine Kritik unter. Sie müssen taktieren, weil sie fürchten müssen: Wer offen, ehrlich und geradeaus ist, wird kaputt gemacht.

Bei Lehrern ist es ähnlich. Wer sich als Lehrer gegen die Mehrheit stellt, wird gemobbt. Es werden Gerüchte in die Welt gesetzt. Die kriegen beispielsweise keine Unterrichtsmaterialien mehr. In den Klassen werden diese Lehrer schlechtgemacht von den lieben Kollegen, ganz subtil. Was hat der euch denn erzählt? Müsst ihr nicht so ernst nehmen, der hat ein kleines Problem. Dazu die Geste, wie einer eine Flasche zum Mund führt. Schule ist ein Haifischbecken.

Natürlich gibt es überall engagierte Lehrer, die tollen Unterricht machen. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Eltern diese guten Lehrer loben. Sie unterstützen, wo es nur geht. Diese guten Lehrer gegenüber der Schulleitung erwähnen. Das Umfeld dieser Lehrer stärken. Ihnen sagen: Sie machen einen tollen Job. Die Kinder gehen gern zu Ihnen. Sie fragen: Was können wir als Eltern machen?

Lehrer sind extrem unsicher. Neid spielt eine riesige Rolle. Neid erklärt auch, warum Lehrer sich nicht beim Kollegen mal in den Unterricht setzen und sagen, was ihnen auffällt. Was der Kollege gut macht. Was er besser machen könnte. Es gibt kein Miteinander. Jeder will seine Position im Kollegium festigen, indem er sagt: Eigentlich bin ich der Beste. Ich belehre euch alle. Von anderen etwas anzunehmen, glauben sie, von Berufs wegen nicht nötig zu haben. Nach der Ausbildung ist für Information von außen Schluss.

Dabei ist Lernen überlebenswichtig. Lehrer müssen, damit sie gute Lehrer sein können, raus aus der Schule. Sie müssen Erfahrungen machen. Sie müssen dienen lernen. Wenn ich an der richtigen Stelle Arbeit investiere, habe ich die Schüler auf meiner Seite. Ich muss lernen, den Stoff - und mich - zu verkaufen. Musik, Theater und Kreativität sind die Hauptfächer in der Schule.

Häufig haben Lehrer Angst vor Veränderung, Schulleiter haben Angst vor Ideen. Ich habe zum Beispiel an einer Realschule in einer sozial schwierigen, lernschwachen Klasse unterrichtet. Neben der Schule war ein Altenheim. Vokabellernen war in dieser Klasse ein Problem. Ich habe den Schülern gesagt: Wir spielen "Wer wird Millionär?" mit Vokabeln. Ihr habt einen Zusatzjoker, das sind die Herrschaften vom Altenheim. Da sind wir mit einer kleinen Delegation rüber zum Altenheim, die Alten waren begeistert. Ich wurde gesteinigt dafür. Was ich denn machen würde? Die Begründung: Das Schulgelände war umrahmt, von einem weißen Balken, den man nicht übertreten darf als Schüler. Als Vertretungslehrerin hätte ich eine Genehmigung einholen müssen.

Was Lehrer, viertens, lernen müssen, vor allem anderen: zu vertrauen. Vertrauen ist das Wichtigste. Finnland ist auch darin vorbildlich. Dort gilt das Prinzip: Lernt schon im Studium, was Vertrauen heißt. Vertraut einander. Lehrer vertrauen den Eltern, Eltern vertrauen den Lehrern, vor allem aber: Lehrer vertrauen den Kindern. Ich muss als Lehrerin nicht wegen jeder flapsigen Bemerkung eines Schülers zur Schulleitung rennen. Wenn einer was Blödes sagt, kann ich auch mit einem Scherz antworten; von meiner Reaktion hängt ab, wie ich künftig mit dieser Klasse klarkomme.

Unser Ziel muss es doch sein, erfolgreiches Leben zu ermöglichen. Und nicht Leben zu erschweren, durch schlechte Noten, schlechte Laune, Sitzenbleiben. Es ist meistens so: Hat ein Schüler einmal ein schlechtes Zeugnis, hat er kaum eine Chance. Bekommt ein Lehrer eine neue Klasse, kann er in den Akten nachschauen, wer welche Noten hatte. Was hatte der in Mathe? Oh, eine Fünf, na, dann habe ich ja schon mal einen Fünferkandidaten. Der Fünfer ist der Fünfer, der kann höchstens mal auf eine Vier rutschen, aber der kann doch kein Zweier werden.

Es geht darum, den Schülern das Gefühl zu vermitteln: Ich bin für euch da, ihr könnt euch hundertprozentig darauf verlassen, dass ich eine gute Lösung für euch will.

Ich kann zu einem Kind sagen: Das, was du da tust, das gefällt mir überhaupt nicht. Aber das, was du imstande bist abzuliefern, und was ich von dir erwarte, das erfüllst du, das machst du nach Kräften, so gut du es kannst, das ist in Ordnung. Nur in einer Atmosphäre des Vertrauens kann fruchtbarer Unterricht entstehen - fruchtbar für alle Beteiligten, auch den Lehrer.

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