AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2017

Bildungssystem Ein Schulwechsel innerhalb Deutschlands? Wie eine Reise in ein fremdes Land

Wir haben in Hamburg gewohnt, dann in Stuttgart, nun ziehen wir nach München - und unsere Kinder müssen sich wieder auf ein anderes Schulsystem einstellen.

Umzügler Friedmann mit seinen Kindern in Stuttgart
Alina Emrich & Kiên Hoàng Lê/Lêmrich/DER SPIEGEL

Umzügler Friedmann mit seinen Kindern in Stuttgart

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In einer Woche werden die Packer wieder unseren Hausstand verladen. Der Disponent der Spedition hat festgestellt, dass nicht viel hinzugekommen ist seit dem letzten Mal: Das E-Bike besaßen wir noch nicht im flachen Hamburg. Ansonsten bleibt es bei 90 Kubikmeter Hab und Gut, darunter ein Klavier, ein Hochbett und eine Einbauküche von Ikea.

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Heft 32/2017
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Wir ziehen von Stuttgart nach München, es ist der zweite Wohnortwechsel in drei Jahren. Ich arbeite als Korrespondent für den SPIEGEL, nach München locken mich eine neue Aufgabe, eine schönere Stadt, ein Büro mit Kolleginnen und Kollegen. Meine Frau ist Gymnasiallehrerin, sie wartet darauf, dass sie in München eine Stelle bekommt, es wollen mehr Beamte nach Bayern, als der Freistaat aufnimmt.

Und unsere beiden Kinder? Sie werden sich schon wieder auf eine neue Umgebung einstellen müssen, Freundinnen und Freunde finden, einen Fußballverein und eine Geigenlehrerin. Vor allem werden sie nach den Sommerferien eine andere Schule besuchen. Sie teilen dieses Schicksal mit rund 80.000 Schulkindern, die jährlich mit ihrer Familie das Bundesland wechseln.

Ich habe häufig über Schul- und Bildungsthemen geschrieben. Oft handeln solche Texte von den Differenzen zwischen den Bundesländern, vom "föderalen Bildungschaos". Mit dem neuerlichen Umzug setze ich nun meine Familie, vor allem unsere Kinder, zehn und zwölf Jahre alt, selbst einer Tour durch den Bildungsföderalismus aus. Ich kann meine Urteile einem Wirklichkeitstest unterziehen. Gibt es das also wirklich, das föderale Bildungschaos?

Zunächst einmal konnte ich feststellen, dass unterschiedliche Schulkulturen unmittelbare Auswirkungen auf den Alltag von Eltern haben. In unserem Fall war das durchaus nicht unangenehm. Die Elternabende zum Beispiel sind in Stuttgart deutlich kürzer als die in Hamburg. Zum Anpfiff eines Champions-League-Spiels ist man meistens raus. Die Mütter und Väter notieren sich bei solchen Veranstaltungen vor allem Termine für Klassenarbeiten und Exkursionen. Lange Diskussionen um Grundsätzliches sind rar.

Auch unsere Kinder lernten in Stuttgart, dass Disziplin wichtig ist. Während auf ihrer Hamburger Grundschule die Schüler einzeln zum Unterricht eintrafen, sammelten sie sich in der kleinen Stuttgarter Grundschule auf dem Schulhof, um anschließend in Zweierreihen in den Unterricht zu marschieren. Stört ein Kind wiederholt während der Schulstunden, dann gilt das zunächst als Problem der Eltern, nicht der Schule.

In Hamburg erwarten die Eltern mehr vom Staat als in Süddeutschland. Endpunkt eines ausufernden Elternabends war bisweilen, dass man beschloss, ein Anliegen bei der Schulleitung oder der Behörde vorzubringen. Die Schulkultur ist darauf ausgelegt, Differenzen, die es in Bezug auf Leistung und Herkunft nun mal gibt, auszugleichen. Die Schüler lernen früh, ihre Meinung auszudrücken. In der Hamburger Grundschule gab es Klassensprecher, in Schwaben ist Mitbestimmung eher untergeordnet.

In Stuttgart, obgleich multikultureller als Hamburg, treten die Schulen stärker in der christlichen Tradition auf. Zum Schuljahresbeginn gehen viele Familien schon frühmorgens zum Eingangsgottesdienst. An der Grundschule unterrichten eine katholische Theologin und eine evangelische Diakonisse mit Häubchen, es gibt konfessionellen Religionsunterricht. In Hamburg hingegen wurde konfessionsübergreifend unterrichtet.

In Baden-Württemberg müssen die Schüler insgesamt mehr für die Schule arbeiten als in Hamburg. Meine Kinder saßen hier oft bis in den Abend hinein zu Hause am Schreibtisch. Sie mussten lernen, dass Noten etwas zählen. Dass ein Zeugnis eine Währung ist, die gut von schlecht unterscheidet. In Hamburg arbeiten die Lehrer eher mit Smileys am Heftrand und Ermutigungen.

Auch die Frage, was auf das Berufsleben vorbereitet, ist regionalen Vorlieben unterworfen. In Baden-Württemberg, dem Land der Techniker und Tüftler, ist Mathematik das Fach, auf das die Eltern schauen. In Hamburg, dem "Tor zur Welt", sprechen viele Schüler sehr gutes Englisch. Bayern, soweit ich es beurteilen kann, scheint mir noch leistungsorientierter zu sein als Baden-Württemberg, kombiniert mit einem gewachsenen Bildungskanon.

Im Gegenzug liefert der gefragte Staat in Hamburg aber auch viel: Das Hamburger Schulsanierungsprogramm gilt bundesweit als vorbildlich, die Hälfte der Schulen ist renoviert. Hamburg hat bereits früh Horte für die Nachmittagsbetreuung in die Schulen integriert, im Süden scheinen die Verantwortlichen vielfach davon auszugehen, dass Mama nachmittags zu Hause ist.

Es hat mich überrascht zu sehen, dass die Schulen im reichen Stuttgart an allen Ecken bröckeln. Die Klasse unserer Tochter musste einmal eine Klassenarbeit abbrechen, weil es auf die Hefte tropfte. Danach war der Raum eine Zeit lang gesperrt, weil Teile der Decke heruntergekommen waren. Und München hat gerade erst angefangen, seine Schulen zu sanieren. Statt in einem altehrwürdigen Schulgebäude mit Steinlöwen neben der Freitreppe werden unsere Kinder drei Jahre ihrer Gymnasialzeit in Containern auf einer stillgelegten Sportanlage verbringen.

Eine Gemeinsamkeit aller drei Großstädte: Die Eltern - wir auch - wollen ihre Kinder unbedingt aufs Gymnasium schicken. Der Andrang ist deshalb groß, einen Platz auf begehrten Münchner Gymnasien bekommt nur, wer in wenigen Hundert Meter Entfernung zur Schule lebt. Ein Kollege erzählt mir, wie reiche Münchner das Problem lösen: Sie kaufen sich eine Zweitwohnung, die ihnen die gewünschte Meldeadresse verschafft. Das kannte ich so ähnlich noch von den Hamburger Grundschulen, wo sich Mütter und Väter vorübergehend bei Freunden anmeldeten.

Überall sprechen die Politiker viel von einer besseren sozialen Durchmischung, aber es gelingt ihnen nicht, diese zu verordnen. Manchmal erreichen sie sogar das Gegenteil. Baden-Württemberg schaffte zwei Jahre vor unserem Zuzug die verbindliche Grundschulempfehlung ab. Die Idee dahinter klingt sozial gerecht: Jedem Kind soll es möglich sein, ein Gymnasium zu besuchen, mit der Chance auf einen Neuanfang nach womöglich unzureichenden Leistungen auf der Grundschule.

Doch die Maßnahme bewirkte nur, dass sich bildungsbürgerliche Eltern erst recht auf die Suche nach Gymnasien machten, die möglichst viele Kinder mit Gymnasialempfehlung besuchten. Daher boomten plötzlich bilinguale Züge - wer als Fünftklässler in einen solchen aufgenommen werden wollte, musste der Schule in Abweichung zur gängigen Regel ein gutes Grundschulzeugnis vorweisen.

Ich kenne solche Mechanismen von Freunden aus anderen Bundesländern. Meist sortiert es sich entlang der Stadtteile. Kreuzberg oder Wilhelmsburg sind nur so lange hip, bis die Kinder auf die Schule kommen. Es ist schwer, sich als Eltern solchen Mustern zu entziehen.

Ob es unserem Sohn wirklich für seinen späteren Lebensweg nützt, dass er im bilingualen Zug Teile des Geografie- oder Geschichtsunterrichts auf Englisch absolviert hat, weiß ich nicht. Er hat gelernt, dass die Antarktis "Antarctica" heißt, vielleicht wird das einmal wichtig. In der siebten Klasse, in die er jetzt kommt, ändert sich mit dem Wechsel der Schule auch die Sprachenfolge. Das eine Jahr Französisch, das unser Sohn in Stuttgart hatte, wird ihm allenfalls als schmale Basis für künftiges Urlaubspalaver dienen. Denn Französisch ist nun passé. Stattdessen holt er Latein nach, um in sein altsprachliches Gymnasium in München einsteigen zu können.

Nach der Schulanmeldung in München habe ich erst einmal einen Satz Lehrmaterialien gekauft: "Latein mit Felix", das Kursbuch mit 35 Lektionen, dazu das Übungsheft, die Vokabelkartei und eine Begleitgrammatik. Unser Sohn sitzt nun nachmittags und am Wochenende über diesen Büchern. Er lernt die gemischte Deklination und den Ablativ des Mittels und des Grundes. Die Idee mit dem altsprachlichen Gymnasium habe ich schon lange mit mir herumgetragen, weil ich selbst auf einem war. Allerdings: In Hamburg hätte ich gezögert, die alten Sprachen fühlen sich dort exklusiver an. In Bayern lernen so viele Schüler Latein wie in keinem anderen Bundesland, die können nicht alle abgehoben sein.

Hier erwartet uns neben der geordneten Welt der alten Sprachen die nächste Schulreform: Die CSU hat gerade beschlossen, dass das Gymnasium künftig statt acht wieder neun Jahre dauern soll. Dabei war sie seinerzeit unter Edmund Stoiber weit vorn, als es darum ging, der Wirtschaft und den Sozialkassen zuliebe jüngere Abgänger zu produzieren.

Nun wird unsere Tochter das Abitur in neun Jahren machen, weil sie als Fünftklässlerin von der Rolle rückwärts profitiert. Unser Sohn, siebte Klasse, muss im achtjährigen Gang bleiben, künftig gibt es an den bayerischen Gymnasien zwei Geschwindigkeiten parallel, bis die Umkehr komplett vollzogen ist.

Wenn wir mit den Kindern über den anstehenden Umzug sprechen, dann sagen sie, dass sie vor allem ihre Freundinnen und Freunde vermissen werden. Das Wort "Chaos" habe ich von ihnen noch nicht gehört. Ich werde also sparsamer damit umgehen, wenn ich wieder über das föderale Bildungssystem schreibe.

Viel Kraft geht an den Schulen dafür verloren, es den Menschen aus der Mittelschicht recht zu machen. Familien wie uns. Die drängendsten Probleme sind mir als Journalisten, nicht als Vater begegnet: an Berufsschulen etwa, die in kurzer Zeit Flüchtlingsklassen auf eine Lehre vorbereiten sollen. Oder an Hauptschulen, denen nur die schwierigen Schüler verbleiben. Umso wichtiger ist es, dass sich der Staat um jene Kinder kümmert, denen ihre Eltern kein Zutrauen vermitteln können. Die gar nicht daran denken, das Bundesland zu wechseln, weil sie etwa in ihrer Perspektivlosigkeit gefangen sind.

Für die Kinder sind unsere Umzüge manchmal wie Reisen in ferne, fremde Länder. Man lernt etwas dabei. Aber man fängt auch immer wieder bei null an. Sie haben uns gebeten, dass wir in drei Jahren nicht schon wieder woanders sind. Ich hoffe, dass wir ihnen diesen Wunsch erfüllen können.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
marcus_tullius 06.08.2017
1. Vater Friedmann
sollte sich einmal fragen (lassen), wieso er diese häufigen Städtewechsel seinen Kindern - und auch seiner Frau - zumutet. Mag vielleicht für seine eigene Karriere fürderlich sein (nun ja, in Maßen), für die Kinder vermutlich nicht so prickelnd, alle paar Jahre das komplette soziale Umfeld auszutauschen. Und das für einen eher belanglosen Wechsel von Stuttgart nach München. Wenn's denn wenigstens ein anderes Land mit anderer Kultur und Sprache wäre, könnte man das Ganze noch als einmalige Chance für ein Abenteuer ansehen. Ich jedenfalls hätte meinen Eltern die Kündigung eingereicht, wenn die das mit mir versucht hätten. Da müsste ein Vater auch einmal ein bisschen mit seinen eigenen Wunschvorstellungen zurückstecken. So was kann man machen, wenn man noch Single ist oder - sofern der Ehepartner mitzieht - wenn die Kinder aus dem Haus sind.
murksdoc 06.08.2017
2. Wer sucht, der findet?
Ich habe verzweifelt nach der Passage gesucht, daß der Sohn, der nicht nur ein Jahr Französisch zuviel, sondern auch ein Jahr Latein zuwenig hat und als sei das nicht schlimm genug, das Ganze innerhalb von 5 Jahren ausgleichen muss, SELBST beschlossen hat, von einem "MathNat" Gymnasium in Baden-Württemberg, in dem Französisch neben Englisch die zweite Fremdsprache ist, auf ein "Sprachliches" mit drei Fremdsprachen oder gar "Humanistisches" mit Latein und Griechisch in Bayern zu wechseln. Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasien gibt es in Bayern nämlich auch, nur heissen sie dort "Mathematisch-Technologisch". Dass der Sohn mit dem höheren Leistungsdruck nicht zurechtkommt, glaube ich nicht. Eher damit, dass der Wunsch des Vaters, "so zu werden wie er", seinen freien Entscheidungsspielraum einschränkt. Fragen Sie ihn mal danach, bevor Sie ihm Bücher kaufen.
noname2250 06.08.2017
3. Ist das alles?
Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass ich für einen Spiegel Plus Artikel €0.39 bezahle und dafür nur Gemeinplätze erhalte. Erst wird großspurig erklärt, man untersuche, ob es den Bildungsföderalismus wirklich gibt und dann wird das Ganze mit ein paar oberflächlichen Erfahrungen unterfüttert, ohne dass sich der Autor tiefergehend damit beschäftigt hätte. Ganz schwach, lieber Spiegel.
jujo 06.08.2017
4. ...
Es scheint sich seit Ende der fünfziger bis Anfang der sechziger nichts geändert zu haben. Mein Vater war ab 1957 bei der Bundeswehr. Damals galt, auch noch heute? Vater versetzt Kinder sitzengeblieben! Wir drei älteren alle zugleich, Schulwechsel Berlin nach Niedersachsen, der jüngere Bruder scheiterte am Wechsel von Niedersachsen nach Hamburg. Wir haben das alle gut verkraftet, bleibende Schäden oder spätere Benachteiligungen gab es nicht.
Newspeak 06.08.2017
5. ...
Das Grundproblem in Deutschland ist, dass ALLE oeffentlichen Stellen unglaublich unflexibel sind. Von den Arbeitnehmern und besonders von den Juengeren wird das allenthalben gefordert, z.B. um in der Karriere voranzukommen, aber Unterstuetzung, und sei es nur, dass man die damit verbundenen Probleme versteht und gemeinsam nach Loesungen sucht, gibt es keine. Mit der groessten Selbstverstaendlichkeit kocht jeder sein eigenens Sueppchen und kennt immer nur den eigenen Tellerrand, und wenn man "Zugezogen" ist, ja dann ist das allein das eigene Problem. Z.B. wird man auch beim Arzt gefragt, wenn man dort spontan erscheint, wie es kommt, dass man nicht schon ewig dort gewesen ist, so als ob alle Menschen ewig am selben Platz verharren wuerden.
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