AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2016

Verbrechen Selins Lüge

Die Sprecherin der linken Jugendorganisation wurde von Migranten vergewaltigt. Der Polizei sagte sie zunächst nur, sie sei bestohlen worden, von Männern, die Deutsch sprachen. Warum?

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Selin Gören
Anna Logue/ DER SPIEGEL

Selin Gören

Es war reiner Zufall, dass es sie getroffen hat. Das sagt sie sich immer dann, wenn sie das Gefühl hat, alles kaum auszuhalten.

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Heft 27/2016
Klein-Europa: Die Rückkehr der Vergangenheit

Eigentlich wollte Selin Gören nur kurz Luft schnappen nach einem anstrengenden Abend Ende Januar. Ihre Großeltern waren gerade aus Anatolien zu Besuch und hatten sie mit ihren Weisheiten bedacht: Erdogan sei ein guter Mann, alle Kurden Terroristen und die Bluse von Selin eindeutig zu durchsichtig für ein ordentliches Mädchen.

Deshalb floh die 24-Jährige auf den Spielplatz um die Ecke ihrer Wohnung in Mannheim-Schwetzingerstadt. Es war zwar schon ein Uhr nachts, aber zehn Minuten Schaukeln hatten ihr schon immer gegen Stress geholfen. Weiter hinten auf dem Spielplatz registrierte sie drei Männer, die Bier tranken. Es waren fast noch Jungs, sie pöbelten sich gegenseitig an. Selin Gören hatte Kopfhörer auf, sie drehte die Lautstärke hoch und schaukelte.

Sie merkte nicht, dass sich jemand von hinten näherte. Plötzlich wurde sie zu Boden gestoßen. Nur nicht umdrehen, dachte sie sich, nur nicht provozieren. Die Tasche schnappen und dann weg.

Aber die drei jungen Männer holten sie ein. Einer von ihnen, mit kurz geschorenen Haaren und arabischem Aussehen, drückte ihr die Kehle zu. Gören ging in die Knie; als sie den Mund öffnete, um nach Luft zu schnappen, steckte er ihr seinen Penis hinein. Der zweite, wohl auch ein Araber, machte sich an ihrer Hose zu schaffen. Der dritte beschimpfte sie auf Kurdisch oder Farsi, glaubt sie.

Zuerst war Gören starr vor Schock, konnte sich nicht bewegen. Im Schein einer Straßenlaterne sah sie das Gesicht von einem ihrer Peiniger, die Pickel, den Flaum auf der Oberlippe. Er war dick und trug eine Lederjacke. Dann erwachte sie aus ihrer Lähmung - und biss zu. Der Mann schrie, er schlug sie, dann ließen die drei von ihr ab und rannten weg. Ihre Tasche nahmen sie mit.

Selin Gören war widerfahren, wovor sich die meisten Frauen fürchten, es war ein Albtraum. Was diesen Fall so besonders macht, ist Görens Reaktion. Sie ging in dieser Nacht zur Polizei. Aber sie sagte dort nur, dass sie bestohlen worden sei. Von Männern, die Deutsch gesprochen hätten. Die Vergewaltigung erwähnte sie nicht.

Selin Gören ist eine erfolgreiche Nachwuchspolitikerin, Bundessprecherin der Jugendorganisation der Linken, geboren in Mannheim. Bis zu diesem Überfall war ihr Weltbild klar und geordnet. Flüchtlinge und Ausländer: gut. Die deutsche Gesellschaft: böse, weil rassistisch. Die Lösung, ihrer Meinung nach: Sozialismus.

Und dann wurde ausgerechnet sie, die gegen die Diskriminierung von Ausländern kämpfte, von Männern missbraucht, die allem Anschein nach einen Migrationshintergrund haben. Noch in derselben Nacht erkannte sie, dass diese Tat eine politische Dimension hatte, und zog ihre ganz eigenen Schlüsse daraus.

Tatort Spielplatz
Anna Logue/ DER SPIEGEL

Tatort Spielplatz

Knapp vier Monate später sitzt sie in ihrer Lieblingskneipe in Mannheim, dem Café Vienna. Es ist einer der wenigen Läden in der Stadt, in der alteingesessene Mannheimer neben BWL-Studenten sitzen. Gören mit ihrer weißen Bluse, dem streng zur Seite geflochtenen Zopf und dem glitzernden Herzanhänger würden viele für eine angehende Betriebswirtin halten, hätte sie nicht eine Freundin mit lila gefärbten Haaren als Verstärkung mitgebracht. Woher sie sich kennen? "Unter veganen Antifaschisten kennt man sich eben", antwortet Gören.

In ihrem Amt als Sprecherin war sie in den Monaten vor der Vergewaltigung auf so ziemlich jeder "Refugees Welcome"-Veranstaltung in der Region. Erst im vergangenen Jahr hatte sie ein Flüchtlingslager in der autonomen Region Kurdistan im Irak besucht. Diese Informationen helfen, wenn man verstehen will, warum Gören die Polizei belogen hat.

Nur weg, erzählt sie, sei in der Nacht ihr erster Gedanke gewesen, nachdem die Täter verschwunden waren. Also rannte sie los, durch eine ausgestorbene Parkanlage Richtung Innenstadt. Da spürte sie ihr Handy in der Hosentasche. Sie stoppte. Das Guthaben auf ihrer Prepaidkarte war leer, aber die Notrufnummer 110 kann man immer anwählen. Gören fragte, ob ein Streifenwagen in der Nähe sei. Sie sei bestohlen worden und wolle Anzeige erstatten.

Heute sagt sie, dass sie die Vergewaltigung da nicht erwähnte, weil sie mit dem fremden Mann am Telefon nicht darüber sprechen wollte. Sie habe nicht schon absichtlich die Unwahrheit sagen wollen. Der Beamte schickte Gören zur nächsten Wache. Stattdessen lief sie weiter, auf der Suche nach einer Telefonzelle, um ihren Freund anzurufen, der sie abholen sollte.

Dabei, so erzählt sie, dachte sie nicht an die Verletzungen, die ihr zugefügt worden waren, sondern an die Kundgebung auf dem Mannheimer Paradeplatz, bei der sie zum Kampf gegen Rassismus und Sexismus aufgerufen hatte, vor ein paar Stunden erst. Sie dachte an all die brennenden Flüchtlingsunterkünfte der vergangenen Monate. Sie dachte an die Hetze, die Migranten nach den Silvesterübergriffen in Köln ertragen mussten. Sie wollte die drei Männer nicht davonkommen lassen. Aber sie wollte auch nicht, dass ihre Geschichte von Rassisten missbraucht würde.

Statt der Telefonzelle fand sie ein Hotel und fragte nach einem Telefon. Der Nachtportier sah, dass sie völlig verstört war. Er rief sofort die Polizei. Innerhalb kurzer Zeit tauchten nun gleich drei Streifenwagen auf. Ob sie diejenige sei, deren Tasche gestohlen worden war, habe sie ein Polizist gefragt. Gören nickte. Die zweite Frage des Beamten habe gelautet: "Waren es Flüchtlinge?" Und sie, wütend und trotzig, habe gedacht: Das hättest du rassistischer Bulle wohl gern, dass Flüchtlinge schuld sind. Also antwortete sie: "Nein". Es sei eine "gemischte Gruppe" gewesen, Ausländer und Deutsche, die Männer hätten untereinander Deutsch gesprochen. Von der Vergewaltigung sagte sie nichts, so sehr habe sie sich über den Verdacht der Polizisten geärgert. Eine Stunde später auf der Wache gab sie dasselbe zu Protokoll.

Im Café Vienna sagt Gören, es sei eine Kurzschlussreaktion gewesen. Und dann sei sie aus der Lüge nicht mehr herausgekommen. Ihre Freundin mit den lilafarbenen Haaren holt zu einer Verteidigungsrede aus. Sie sagt, Gören habe gehandelt wie eine Frau, die ihren prügelnden Ehemann schützt. Falsch, ja, aber ein Jahr zuvor, als die Stimmung in Deutschland gegen Flüchtlinge "noch nicht so krass" gewesen sei, "wäre sie vielleicht nicht auf solche Gedanken gekommen".

Doch Görens Entscheidung, niemandem die Wahrheit zu erzählen, scheiterte noch in derselben Nacht. Sobald sie im Bett neben ihrem Freund lag, fing sie an zu weinen. Schluchzend erzählte sie ihm, was wirklich passiert war. Wie schmutzig sie sich fühle.

Ihr Freund sei wütend geworden, sagt sie. Auf die Täter, aber auch auf sie. Er habe sie "sehr gedrängt", noch einmal zur Polizei zu gehen, sagt Gören, und in ihrer Stimme schwingt ein Vorwurf mit. Er wollte sie trösten, war aber gleichzeitig entsetzt über die Lüge.

Gören redet offen über die Tage im Januar, sie will der Öffentlichkeit erklären, wie es zu dieser "üblen Geschichte" kam. Und sie will andere ermutigen, "nicht den gleichen Scheiß" zu machen, also die Wahrheit zu verdrehen, weil es politisch opportun erscheint.

Nachdem ihr Freund, ein Student, am Morgen zur Uni gefahren war, wurde ihr klar, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie musste zurück zur Polizei, das verstand sie. Aber woher die Kraft für die Schmach nehmen, die ihr sicher bevorstand? Mit wem reden, ohne verurteilt zu werden? Sie suchte Rat in einem sogenannten Safe Space, ein vor allem bei linken Gruppen beliebtes Konzept. Das ist ein abgegrenzter Raum, real oder virtuell, in dem Frauen, Lesben, Trans- und Intersexuelle sicher vor Diskriminierung oder Beurteilung sein sollen. Männer sind unerwünscht. Gören ist Mitglied eines solchen Safe Space bei Facebook.

Den 60 Mitgliedern dieser Gruppe schilderte sie am Vormittag nach der Vergewaltigung, was passiert war. Viele berichteten, selbst sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Einigen hatte die Polizei angeblich nicht geglaubt. Andere meinten, eine Anzeige sei sinnlos, die Täter würden am Ende sowieso nicht verurteilt. Wieder andere schrieben, sich gar nicht erst zur Polizei getraut zu haben.

Gören las die Kommentare, dann kam ihr Freund von seinem Seminar zurück. Er habe auf sie eingeredet: Was, wenn die Täter sich an weiteren Frauen vergingen? War nicht erst vor zwei Wochen eine Frau am Wasserturm, ganz in der Nähe, vergewaltigt worden? Auch diese andere Frau hatte gesagt, der Vergewaltiger habe ausgesehen wie ein Araber, er war noch immer nicht gefasst. Konnte es derselbe sein? Mehr als zwölf Stunden nach ihrer ersten Aussage ging sie schließlich wieder zur Polizei. Diesmal gab sie zu Protokoll, die Täter hätten doch nicht Deutsch gesprochen. Und sie hätten sie vergewaltigt. "Boah", sagt sie im Café Vienna und reißt die Augen auf. "Noch nie im Leben hab ich mich so geschämt." Die Vernehmung dauerte Stunden, am nächsten Morgen ging sie mit den Beamten zum Tatort und wurde von einer Amtsärztin untersucht.

Nach fast zwei Tagen kam sie nach Hause, und die Geschichte hätte hier zu Ende sein können, wenn Gören nicht spätabends noch am Computer die "Rhein-Neckar-Zeitung" gelesen hätte. Dort erfuhr sie, dass die angebliche Vergewaltigung der anderen Frau am Wasserturm "möglicherweise vorgetäuscht" worden war. Das mutmaßliche Opfer habe sich in Widersprüche verwickelt. Dabei hatte Gören ihre Aussage ja vor allem deshalb revidiert, weil sie dachte, irgendwo da draußen laufe vielleicht ein Serienvergewaltiger frei herum. Und nun hatte die andere Frau ihre Geschichte offenbar nur erfunden.

Gören spürte Wut in sich hochsteigen. Für sie war sofort klar: Diese andere Frau wollte gegen Ausländer hetzen, deshalb hatte sie sich die Vergewaltigung ausgedacht. Und so schrieb Selin Gören nachts um 3.51 Uhr auf Facebook einen wütenden offenen Brief an die "rassistische Missbrauchsgeschädigte, die ihre Vergewaltigung nur erfunden hat". Damit machte sie ihren eigenen Fall publik.

Diese Frau trage Mitschuld, sagt Gören heute, wenn es "einer Sozialistin und Internationalistin" wie ihr schwerfalle zuzugeben, von "Leuten aus dem Nahen Osten" vergewaltigt worden zu sein. Dass die andere Frau nicht aus rassistischen Motiven handelte, sondern vermutlich psychisch krank ist, mag sie nicht als Entschuldigung akzeptieren.

Immer wieder googelte Gören, was im Internet über ihren Fall geschrieben wurde. Sie las alle Kommentare. Die meisten waren rassistisch und nahmen die Tat als Beleg für den angeblichen Irrsinn der deutschen Flüchtlingspolitik. Andere stammten von linken Aktivisten, die ausgerechnet Gören vorwarfen, sie sei eine "AfD-Tussi", die ihr Schicksal "instrumentalisiert".

Letzteres wollte sie nicht auf sich sitzen lassen. Also schrieb sie - wieder bei Facebook - eine Entschuldigung an einen fiktiven männlichen Flüchtling: "Für uns beide tut es mir so unglaublich leid. Du, du bist nicht sicher, weil wir in einer rassistischen Gesellschaft leben. Ich, ich bin nicht sicher, weil wir in einer sexistischen Gesellschaft leben." Sie erklärt diesen Brief mit ihrem Wunsch, differenzieren zu wollen. Ihre Botschaft sei gewesen: "Es gibt in jeder Kultur Sexisten, aber man darf nicht alle Flüchtlinge für die Taten Einzelner zur Verantwortung ziehen." Von Linken bekam sie viel Zuspruch: toll, wie offen sie damit umgehe. Toll, dass sie ihre antirassistische Haltung beibehalte.

In rechten Onlineforen war eine andere Interpretation populärer: "Vergewaltigte Sozialistin bedankt sich bei Flüchtlingen." Gören bekam Hunderte Nachrichten, in denen fremde Menschen ihr weitere Vergewaltigungen wünschten.

Hat sich ihr Weltbild durch die Gewalttat verändert? "Ach was, ich bin doch auch Migrantin", sagt Gören. "Soll ich mich jetzt selbst hassen?" Dann fügt sie hinzu: "Das Problem ist doch die sexistische, patriarchalische Gesellschaft." Aber manches ist heute anders. Vergangenes Jahr war sie auf einer Konferenz, bei der es darum ging, dass Gefängnisstrafen grundsätzlich unsinnig seien. Damals hatte Gören interessiert zugehört, jetzt sagt sie: "Meine Vergewaltiger gehören hinter Gitter." Doch die drei Männer konnten bis heute nicht identifiziert werden, die Polizei hat die Ermittlungen Anfang Mai eingestellt.

Gören will kein Opfer sein, sie bezeichnet sich selbst als Geschädigte. Aber es gibt etwas, mit dem sie schwer klarkommt: Sie, die Antirassistin, hat jetzt Angst vor Arabern.

Vor einigen Wochen beim letzten Bundeskongress der Linksjugend in Nürnberg traf sie einen alten Bekannten, einen Deutschen mit syrischen Wurzeln. Doch auf einmal hätten sein rundliches Gesicht, das kurze Haar, die dunkle Haut sie an jenen Mann erinnert, der sie vergewaltigte.

In Panik lief sie weg und flüchtete in einen kargen Raum mit zwei Sofas, den die Linksjugend auf dem Gelände als Safe Space eingerichtet hatte. Im Saal wählten die Delegierten sie erneut zur Bundessprecherin, während sie nur damit beschäftigt war, ihre Angst unter Kontrolle zu bekommen. Ihrem alten Bekannten ließ sie später ausrichten, es liege nicht an ihm. Aber er solle doch bitte die nächsten Tage Abstand halten.

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