AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2016

Fußballerkarriere Warum ein Wunderkind den Durchbruch nicht schaffte

Als Jugendlicher spielte Sergej Evljuskin zusammen mit Boateng, Özil und Höwedes für Deutschland. Er war ihr Kapitän, bekam einen Profivertrag und hatte eine große Karriere vor sich. Warum kickt er heute in der vierten Liga?

Sergej Evljuskin im Auestadion in Kassel
Christian A. Werner / DER SPIEGEL

Sergej Evljuskin im Auestadion in Kassel

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Alles da, was ein Fußballspiel so ausmacht: Das Flutlicht erhellt den Rasen in der Abenddämmerung, die sich über das Stadion legt, Fans schwenken in der Kurve überdimensionale Fahnen zu ihren Gesängen, aus den Lautsprechern dröhnt Rockmusik. Auf der Tribüne lassen sich Männer mit Bierbechern in den Sitzschalen nieder, die Reporter klappen ihre Laptops auf. Die Mannschaften laufen ein, Kinder an der Hand, Jubel im Ohr.

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Heft 41/2016
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Mit der Nummer 15 trabt herein: Sergej Evljuskin, mittelgroß, weißes Trikot, rote Hose. Er galt als "das größte Mittelfeldtalent Deutschlands", sein Trainer nannte ihn "Kaiser", weil er wie einst Beckenbauer sein Team zu lenken verstand.

Evljuskin läuft an diesem Mittwochabend nicht in der Champions League auf, sondern im spärlich besetzten Auestadion, der Spielstätte seines Vereins KSV Hessen Kassel, gegen den FC Homburg in der Regionalliga Südwest. Vor 1500 Zuschauern. Seine Teamkollegen heißen nicht - wie früher in der deutschen Juniorenauswahl - Jérôme Boateng, Mesut Özil und Benedikt Höwedes, sondern Marco Dawid, Henrik Giese und Steven Rakk. Sie rufen ihn "Siggi", keiner nennt ihn mehr "Kaiser".

Evljuskin ist jetzt 28 Jahre alt. Wenn Journalisten nach Worten suchen, um seinen Werdegang zu etikettieren, urteilen sie, er habe sein "Talent verschenkt", sei "stecken geblieben" und "heute ein Niemand". Es sind vernichtende Wörter. Was ist geschehen?

Obwohl er bereits mit 18 seinen ersten Profivertrag unterschrieben hatte, beim VfL Wolfsburg, hat er keine einzige Bundesligapartie bestritten. Einfache Gründe, die diesen Stillstand erklären könnten, finden sich keine. Evljuskin war kaum verletzt, ihn traf kein Rückschlag wie etwa ein Kreuzbandriss, der ihn von einem Moment auf den anderen aus der Bahn geworfen hätte. Ihm stieg es auch nicht zu Kopf, dass er den Vertrag bekam. Weder fuhr er Luxusautos zu Schrott, noch machte er Nächte mit falschen Freunden durch.

In seiner Jugend war Sergej Evljuskin Kapitän der U-19 Nationalmannschaft und wurde als Jahrhunderttalent gehandelt. Heute kickt Evljuskin in der vierten Liga, in der ersten oder zweiten Bundesliga hat er nie gespielt. Warum? Das erklärt er im Video.

Christian A. Werner / DER SPIEGEL

Der Profifußball kennt einige dieser Geschichten von Riesentalenten, die ihre Begabung verspielten oder versoffen. Nichts brachte Evljuskin davon ab, wie ein Musterprofi zu leben, zu trainieren und beliebt bei Mitspielern und Trainern zu sein.

Dennoch lief so viel schief, dass aus dem Kapitän diverser Nachwuchsteams des Deutschen Fußball-Bundes später kein Weltmeister geworden ist, anders als seine ehemaligen Teamkollegen Boateng, Özil und Höwedes, alle 1988 geboren wie Evljuskin. Sondern Hessenpokalsieger 2015. Nun erscheint ein Buch, das sich mit seiner unerfüllten Hoffnung auf eine große Karriere beschäftigt (*). Evljuskin, Kind einer Aussiedlerfamilie aus Kirgisien, spielte als Jugendlicher überragend und wurde mit Lob und Preisen überschüttet. Sein Beispiel erzählt davon, wie hart es im Profigeschäft zugeht, wie Zufälle eine Karriere ebnen oder eben verhindern. Wie viel Glück und welche Eigenschaften jemand benötigt, um sich durchzusetzen.

Es hatte märchenhaft begonnen. Als Sergej mit seinen Eltern nach Deutschland kam, jubelten die Menschen auf den Straßen und fuhren in Autos hupend umher. Da war Sergej zwei Jahre alt. Die Mutter hat ihm später erzählt, wie freundlich die Deutschen gewirkt hätten, dass sie aber eine Weile gebraucht habe, um zu begreifen, warum alle so feierten. Damals, im Sommer 1990, hatte die Nationalelf in Italien den Weltmeistertitel gewonnen.

Die Evljuskins zogen nach Braunschweig, und bald begann Sergej mit seinen zwei älteren Brüdern im Park zu bolzen. Eines Tages fragte ihn ein Mann, ob er zu einem Probetraining vorbeischauen wolle. Es war ein Trainer des Braunschweiger Sportklubs, dessen Fußballplatz in der Nähe lag. Sergej, inzwischen sechs, fängt an, im Verein zu spielen. In einer Saison schießt er 98 Tore für den BSC.

Er wird in die Kreisauswahl berufen, dann in die Bezirksauswahl, er spielt für Niedersachsens Jugendteam, er erklimmt im Fördersystem eine Stufe nach der anderen. Hannover 96, der VfL Wolfsburg und Werder Bremen interessieren sich für ihn. Mit 15 wechselt er nach Wolfsburg, weil das nahe an Braunschweig liegt und er dort weiter wohnen und aufs Gymnasium gehen kann. 2003 lädt ihn der DFB ins U-16-Team ein. "Es ging Schlag auf Schlag", erzählt er. "Mit jedem Schritt wurde mein Traum von der Profikarriere realer."

Evljuskin ist schnell, torgefährlich, kopfballstark, er nimmt die zentrale Position im Mittelfeld ein und schlägt präzise Pässe. Er zeige "eine überragende Präsenz auf dem Platz", schwärmt ein Verbandssportlehrer. Nur Evljuskins Ego ist wenig ausgeprägt. "Ich war nie der Selbstdarsteller", sagt er. "So bin ich einfach nicht."

Das ist kein erkennbares Hemmnis. Noch nicht. Gleich zweimal, 2005 und 2006, zeichnet ihn der DFB mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold aus, er ist damit offiziell Deutschlands Bester seines Jahrgangs - außer ihm hat das nur Mario Götze geschafft. Boateng und Özil bekamen die Goldmedaille nie, Höwedes einmal.

Trikot von Evljuskin
Christian A. Werner / DER SPIEGEL

Trikot von Evljuskin

Im Frühling jenes Jahres, in dem Deutschland sein WM-Sommermärchen feiert, legte ihm der VfL Wolfsburg einen Profivertrag vor, Laufzeit vier Jahre. Evljuskin war Kapitän der U 19 des Klubs und der Nationalelf. Er besaß Autogrammkarten, lächelte auf dem Mannschaftsposter der Profis, wurde im "kicker"-Sonderheft aufgelistet und war beim Fifa-Spiel auf der Playstation wählbar.

Er war nun seinem Traum ganz nah, und ihn beseelte das Gefühl, "dass mir jetzt die ganze Welt offensteht".

In Wolfsburg erwarteten sie viel. Trainer Klaus Augenthaler sagte zum Saisonstart im Stadionheft: "Die Jungs sollen mir zeigen, dass sie nicht nur froh sind, dabei zu sein. Nein, sie sollen mir auch zeigen, dass sie mehr als andere spielen wollen."

Von da an verschloss sich die große Fußballwelt wieder für Sergej Evljuskin.

Mit einer Sporttasche über der Schulter kommt Augenthaler in den Biergarten der Gaststätte des SV Donaustauf. Augenthaler trainiert jetzt in der Landesliga. Für Ruhm und Geld muss er nicht mehr arbeiten, als Spieler war er Weltmeister und hat sieben Meistertitel mit dem FC Bayern München geholt. Aber er hat gern etwas zu tun. Er ist inzwischen 59. Die Grantigkeit von früher hat er abgelegt. Geblieben sind ihm das faltige Häuptlingsgesicht und die unromantische Sicht auf das Profileben.

Wolfsburg war seine letzte große Station als Trainer gewesen, nach eineinhalb Jahren, Mitte 2007, war er dort gefeuert worden. Am vorletzten Spieltag der Saison hat er den Abstieg aus der Bundesliga verhindert. Den Job verlor er trotzdem.

Evljuskin hat unter ihm trainiert, "man hat das Talent gesehen, ohne Zweifel", sagt Augenthaler. "Aber als Trainer, der vor dem Abschuss steht, setzt du nicht auf einen Jungen." Er brauchte erfahrene Leute, die den Gegner beiseitedrücken und notfalls niedergrätschen. Abstiegskampf sei eine raue Sache, weil es um Existenzen geht. Für ein Wunderkind mit feinen Füßen hatte Augenthaler keine Verwendung.

Im Jugendfußball hatte Evljuskin seine Mitspieler überragt, weil er so vieles beherrschte. Ein Allrounder zu sein, das gereichte ihm plötzlich zum Nachteil. "Sergej hat eine gute Technik gehabt", sagt Augenthaler, "aber er war nicht der Mutigste, und er hatte keine Waffe. Sage ich heute noch: Ein Spieler muss eine Waffe haben. Schnelligkeit, Kopfballstärke, irgendwas Besonderes. Außerdem war Sergej Mittelfeldspieler, davon hatte ich genügend."

Deut­sche U-19-Na­tio­nal­mann­schaft 2007, Hin­te­re Rei­he: Ser­gej Evljus­kin (3. v. r.); mitt­le­re Rei­he: Me­sut Özil (6. v. r.); vor­de­re Rei­he: Jérô­me Boateng - (2. v. l.), Be­ne­dikt Hö­we­des (r.)
Getty Images

Deut­sche U-19-Na­tio­nal­mann­schaft 2007, Hin­te­re Rei­he: Ser­gej Evljus­kin (3. v. r.); mitt­le­re Rei­he: Me­sut Özil (6. v. r.); vor­de­re Rei­he: Jérô­me Boateng - (2. v. l.), Be­ne­dikt Hö­we­des (r.)

Nachdem Evljuskin sein Leben lang immer nur den geschmeidigen Weg nach oben kennengelernt hatte, bekam er die Brutalität des Profidaseins zu spüren. Jetzt kam es nicht mehr auf Talent und Fleiß an, sondern auf Ellenbogen und Robustheit. In der Jugend war es für Evljuskin von Vorteil gewesen, mehr an die Mannschaft als an sich selbst zu denken. Nun galt es als Zeichen der Schwäche.

Vielleicht wäre es anders gekommen, hätte Evljuskin wenigstens ein, zwei Kurzeinsätze in der Bundesliga und damit Gelegenheit bekommen, auf sich aufmerksam zu machen - ähnlich wie es Augenthaler erlebt hat. 1977 kam der Abwehrspieler zu seinem Debüt für die Bayern, weil zwei Spieler verletzt und zwei gesperrt waren. Prompt schoss er das erste Tor. "Aber es war bei mir nicht nur dieser eine Moment. Ich hatte die Chance bekommen und danach nicht mehr losgelassen. Ich hatte sicher nicht das größte Talent, aber vielleicht den größten Willen. Sergej - so wie ich mich an ihn erinnere - wollte niemandem wehtun." Dann sagt Augenthaler: "Es hängt an so vielen kleinen Dingen."

Zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein, das passierte Evljuskin noch öfter. Als Augenthalers Nachfolger engagierte Wolfsburg Felix Magath. Volkswagen investierte viele Millionen Euro in den Kader. Da war kein Platz mehr für Evljuskin.

Das erste Trainingslager unter Magath im Sommer 2007 ließ er aus, um zur U-19-Europameisterschaft zu reisen. Obwohl er Kapitän war, kam er kaum zum Einsatz. Er hatte vorher eine Weile verletzt gefehlt, damit ging der Stammplatz verloren. Er verpasste den Anschluss an jene Generation, die später den Kern der Weltmeister von 2014 bildete. Seine Generation.

Innerhalb nur eines Jahres hatte Evljuskin seine so glänzend scheinende Perspektive als Berufsfußballer verloren. In Wolfsburg spielte er nur noch für die zweite Mannschaft in der Regionalliga. Bei den Profis trainierte er nie wieder mit.

"Ich dachte: Was ist denn jetzt los?", erzählt Evljuskin. "Vielleicht hat mir das gefehlt: ein bisschen eine Drecksau zu sein."

Am Morgen nach dem Spiel seiner Kasseler Mannschaft gegen Homburg steht Sergej Evljuskin in Jeans und Schlabberpulli vor den Toren des Auestadions. Sie haben gestern verloren. Nach einem frühen Gegentor haben sie sich kaum aufgebäumt. Niemand auf dem Platz spielte so sauber wie Evljuskin, Ball annehmen und weiterpassen, das machte er in einer fließenden Bewegung. Aber er riss das Team nicht mit, als es nötig war.

Ihn ärgert die Niederlage, aber er grollt nicht. Eher so: na ja, schade.

Evljuskin wohnt in der Nähe des Stadions, in einer leer geräumten Eckkneipe, über der Haustür hängt immer noch das Schild mit der Biermarke. Drinnen sieht es etwas provisorisch und abgerockt, aber gemütlich aus. An die Wand hat er mit Stecknadeln Trikots von früheren Mitspielern an die Wand geheftet, Tyrala, Reiche, Vujanovic, wie er alle keine Stars.

Evljuskin schenkt Instantkaffee ein und tischt Marmorkuchen auf.

Ist er gescheitert? Kommt darauf an, von wo aus man es betrachtet. Von oben, aus der Sicht des Mainstreams: ja. Keine Karriere, kein Millionengehalt, keine Vorortvilla, kein Glamour, kein Unterwäschemodel als Freundin, null Werbeverträge.

Seine Perspektive ist anders, er schaut hoch auf das, was er hat. Er verdient immer noch seinen Lebensunterhalt mit Fußball, sein Vertrag beim KSV Hessen läuft bis 2018. Er hat Abitur, eine Ausbildung zum Betriebswirt absolviert und studiert Sportmanagement an der Fernhochschule. Das ist eine ansehnliche Bilanz für ein Aussiedlerkind aus Kirgisien.

Es kränkt ihn nicht, es amüsiert ihn, wenn ihn junge Mitspieler in Kassel auf die Fritz-Walter-Medaillen ansprechen. "Die können das kaum glauben: Wie, die hast du gewonnen? Du warst wirklich der Beste? Mit wem hast du so zusammengespielt? Echt? Wieso bist du dann hier?"

Ein paar Jahre als Fußballer hat er noch. Vielleicht geschieht ja in der Zeit etwas, das ihn weiter hinaufbringt. "Dritte Liga wäre schön", sagt er.

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Brandherd Syrien: Putins Werk, Obamas Beitrag


insgesamt 3 Beiträge
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vanselow 11.10.2016
1. KSC, VfB Stuttgart, Freiburg ...
Da müsste es doch einige Clubs geben, die solch einen Spieler gerne verpflichten würden.
Peter Parker 11.10.2016
2. Hey Sergej ....
So wie sich die Zitate von Augenthaler hier anhören, ist er genau jener Typus Mensch, der mich komplett runterfahren und mir jede Lust nehmen würde: Durchschnittstypen, die nur in der zwanghaften Übertreibung in der Lage sind, sich zu Leistungen zu motivieren. Menschen mit Talent brauchen einen solchen zusätzlichen Druck nicht. Für die ist das Spiel und die Arbeit an sich selbst Herausforderung genug. Künstlicher Druck zur Bestätigung eines "Über-Ichs" ist da nur kontraproduktiv. Es ist schade, das Augenthaler als Trainer den Spielern seine persönliche Weltanschaung aufdrückt. So wie ich das sehe, hat er an Dir große Chancen vergeben. Man hätte Dich einfach "machen lassen" sollen, bis Du Deinen Reifweg von ganz allein gefunden hättest. Sollte ich Augenthaler anhand des Artikels bewerten, wäre er als Mensch und als Trainer bei mir durchgefallen.
cyberkarl 12.10.2016
3. Der Junge
... wäre was für den SC Paderborn! Bewerben!
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