AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

#MeToo-Debatte Warum Männer falsch auf Alltagssexismus reagieren

Das Wort Sexismus werde inflationär verwendet, schrieb mein Kollege Jochen-Martin Gutsch. Das liegt leider daran, dass Sexismus Alltag ist - und viele Männer immer noch Teil eines sexistischen Systems.

Rollenklischees der Fünfzigerjahre
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Rollenklischees der Fünfzigerjahre

Eine Replik von


Am Abend der Bundestagswahl feierte die AfD eine Wahlparty in einem Klub am Berliner Alexanderplatz. Ich war dabei, um für den SPIEGEL zu berichten. Nach der ersten Hochrechnung stand ich auf einem Balkon in der Abendsonne und unterhielt mich mit AfD-Politikern aus Mecklenburg-Vorpommern, als mich ein Herr ansprach, den ich noch nie gesehen hatte.

Er mich sehr wohl: "Sie sind doch die Frau Amann. Sie sind ja oft im Fernsehen", sagte er. Er habe mich heute eine Weile beobachtet und wolle mir für künftige Auftritte einen guten Rat geben: "Sie sollten mehr lächeln. Dann sehen Sie viel hübscher aus."

Der Mann lächelte mich erwartungsvoll an, bereit, meinen Dank für seine Hilfe entgegenzunehmen. Der kam aber nicht. Stattdessen konterte ich, ich sei nicht hier, um ihn oder irgendwen mit meinem Lächeln zu erfreuen, sondern um zu arbeiten. Wahrscheinlich erzählt der Mann seinen Parteifreunden bis heute von der SPIEGEL-Tussi, die keine Komplimente vertrage. Ich sehe sein gekränktes Gesicht noch vor mir. Er habe es doch nett gemeint, beteuerte er.

Das glaube ich ihm auch. Mein Jurastudium, mein Doktortitel, meine journalistische Expertise über eine schwierige Partei - alles schnuppe, da es doch drauf ankommt, dass ich für das Publikum lächle.

Der Mann vom Balkon tauchte in meiner Erinnerung wieder auf, als ich im jüngsten SPIEGEL den Essay meines Kollegen Jochen-Martin Gutsch las, der gestand, er spüre "eine große Sexismus-Übersättigung". Da würde ich ihm absolut zustimmen. Allerdings stört Gutsch weniger der Sexismus an sich, sondern der "inflationäre Gebrauch" dieses Begriffs. Den beobachtet er, seit der in der amerikanischen Filmbranche tätige Grapscher und mutmaßliche Vergewaltiger Harvey Weinstein von seinen Opfern öffentlich angeprangert wurde und die Debatte um Sexismus auch nach Deutschland schwappte.

Dass auch Frauen hierzulande ihre Erfahrungen öffentlich machen, von krassen sexuellen Übergriffen bis zum alltäglichen dummen Spruch, und all dies unter dem Label "Sexismus", das bewirkt bei Gutsch, "dass ich immer öfter nur noch genervt mit den Augen rolle, wenn das Wort wieder irgendwo aufpoppt. Das ist eigentlich falsch. Aber ich spüre gerade keine Lust zur Solidarisierung." Denn, so der "zarte Hinweis" des Autors, "die allermeisten Männer sind keine Sexisten und Frauenbelästiger".

Das denke ich auch. Das denkt so ziemlich jede Frau.

Dass Gutsch diese "banale" Erkenntnis bisher "nirgendwo gelesen" hat, liegt nicht daran, dass sie totgeschwiegen würde, sondern daran, dass sie so banal ist. Während die Welt insgesamt so unglaublich kompliziert geworden ist.

Sexuelle Übergriffe sind in der Arbeitswelt - gottlob! - nicht mehr an der Tagesordnung, Sexismus ist vielschichtiger und subtiler geworden. Hier sind gut, böse und gut gemeint oft nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt, und hier haben auch sympathische Menschen großen Anteil am Erhalt eines sexistischen Systems.

Der Fall Weinstein ist ganz einfach. Jeder Mann mit halbwegs intaktem Verstand und Wertesystem verurteilt ihn für seine Übergriffe und würde selbstverständlich auch Arbeitskollegen verurteilen, die Frauen in ähnlicher Weise bedrängen. Auch meine Kollegen verurteilen die AfD-Fans, die im Internet schreiben, ich sähe "verhärmt" aus, meine Züge seien "vom Ehrgeiz zerfressen" und die Haare ja wohl "billig blondiert" - was ich übrigens dementieren möchte. Eine gute Blondierung ist nicht billig.

Täter im strafrechtlichen Sinne sind auf Bürofluren selten geworden. Was aber vielerorts geblieben ist, das sind Machtstrukturen, in denen der alltägliche Sexismus gedeiht. Strukturen, in denen Frauen vielleicht nicht mehr ungestraft begrapscht werden, aber noch immer in ihrer Leistung herabgewürdigt werden können - nur weil sie Frauen sind. In diesen Strukturen, von Männern für Männer geschaffen, bewegen sich heute zwar in großer Mehrheit Männer, die Frauen respektieren und wertschätzen. Sie mit Weinstein über einen Kamm zu scheren wäre falsch und ungerecht. Und doch sind auch sie Teil eines sexistischen Systems. So viel Selbsterkenntnis muss doch möglich sein.

So schlimm es klingt: Beleidigungen oder gewaltsame Übergriffe sind für die Gesellschaft einfache Fälle, weil sie eindeutig sind. Wir sind längst weiter. Jetzt geht es an die schwierigen Fälle, in denen keine zwei Beobachter dieselbe Reaktion empfehlen würden.

Was ist mit dem AfD-Mann auf dem Balkon?

Die meisten Männer würden mir wohl raten: einfach ignorieren. Die meisten Kolleginnen hätten den Herrn wohl auch mit einem freundlichen Lächeln abgewimmelt. Warum sich Ärger machen, hysterisch wirken, sich in Debatten verzetteln? Er hat doch weder gegrapscht, noch wurde er ausfällig. Auch Frauen haben keine Lust auf Sexismus-Debatten. Da stehen wir doch drüber. Oder?

Ich nicht, jedenfalls dieses Mal nicht. Denn die Denkstruktur dieses AfD-Menschen ist im Kern nicht anders als die von Männern, die die Oberweite von Frauen kommentieren, ihnen an die Brust fassen oder gar Gewalt antun - all diese Verhaltensweisen sind unterschiedliche Eskalationsstufen einer sexistischen Grundhaltung. In jedem dieser Fälle wird der Wert einer Frau nicht an ihrer Leistung gemessen, sondern sie wird auf ihr Frausein reduziert. Stets fehlt der Respekt vor der Person, die nicht über ihren Körper definiert werden will.

Natürlich sind herablassende Sprüche nicht ansatzweise so verwerflich wie eine Gewalttat, und auch die daraus resultierenden Verletzungen sind nicht vergleichbar. Aber darf Sexismus nur angesprochen werden, wenn er sich in körperlichen Angriffen manifestiert? Letztlich entspringt doch auch der freundliche Ratschlag, wie ich mich einem Fernsehpublikum künftig hübscher präsentieren kann, aus einer tiefen Respektlosigkeit gegenüber mir als Person.

Frauen begegnen im Beruf ständig gut gemeinten Demütigungen, und jedes Mal stehen sie vor der Frage: ignorieren oder ansprechen? Weglächeln oder streiten?

Was soll eine Singlefrau tun, die von einem älteren, verheirateten Kollegen gefragt wird, wie ihr Sexleben so läuft und ob sie die Datingplattform Tinder nutzt?

Soll man schweigen, wenn Vorgesetzte in Besprechungen Witze über die Figuren von Frauen reißen? Wie soll eine Politikerin reagieren, die vom Moderator einer Podiumsdiskussion begrüßt wird mit den Worten: "Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön."

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli prangerte diese Begrüßung öffentlich als Sexismus an - seither wird mehr über ihre Reaktion diskutiert als über den Satz des Moderators, der im Jahr 2017 schlicht indiskutabel ist. Kein junger männlicher Polit-Shootingstar müsste sich diese Begrüßung anhören. Der Moderator entschuldigte sich später. Da sieht man's, hieß es anerkennend, der "alte weiße Mann" weiß, was sich gehört. Nein, er wusste es offensichtlich nicht, sonst hätte er sich nicht entschuldigen müssen.

Die Suche nach der angemessenen Reaktion auf Alltagssexismus ist selten leicht, und die Ergebnisse sind zwangsläufig situativ und höchstpersönlich. Da wundert es mich nicht, dass mein Kollege "den Überblick verloren" hat. Doch welche Schlussfolgerung zieht er daraus? "Ich finde, wenn wir eine Sexismus-Debatte führen, dann sollten wir auch wissen, was Sexismus ist. Leider weiß ich es auch nicht genau." Nach meiner Erfahrung sollte man lieber nicht über Themen schreiben, von denen man erklärtermaßen nichts versteht. Stattdessen aber zu fordern, es solle bitte niemand über das Thema diskutieren, bis auch der Letzte den Überblick hat, das ist, vorsichtig ausgedrückt, ein origineller Gedanke.

Es ist auch ein bequemer Weg, die Sexismus-Debatte auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu vertagen, denn eine allgemein akzeptierte Definition wird sich nie finden. Die Grenze zwischen Sexismus und harmlosem Scherz ist fließend, Männer und Frauen müssen sie gemeinsam suchen. Da kann sich nicht eine Seite entspannt zurücklehnen und sagen, meldet euch, wenn ihr fertig seid.

Was sich aber finden lässt, sind eindeutige Beispiele für Sexismus, und eines liefert ausgerechnet Gutsch selbst: "Man kann sich in diesem Sinne auch gut hinter dem Begriff Sexismus verstecken. Er bietet Frauen ein bequemes Alibi, wenn die Karriere nicht ganz nach oben führt, weil das Talent nicht reicht oder andere mehr Biss haben. Zur Not sind immer die gesellschaftlichen Umstände schuld."

Diese Passage erschien in einem Magazin, für das 366 Frauen arbeiten, wo ein Ressortleiter noch vor gut 15 Jahren Kolleginnen ungestraft als "Trockenfotzen" titulierte. Heute weht hier ein anderer Wind. Unsere Redaktion prangert den Frauenmangel in Führungspositionen an, fordert eine Quote für die Privatwirtschaft. Unsere Chefredaktion ist sichtlich darum bemüht, dass mehr Frauen aufsteigen. Dass nun ausgerechnet bei uns in einem Nebensatz erklärt wird, Frauen scheiterten eben an mangelndem Biss oder Talent und machten es sich dann in der Sexismus-Schmollecke bequem, das ist ärgerlich.

Und es führt zum heikelsten Punkt dieser Debatte: Viele Männer möchten Frauen mit dem Sexismus-Problem am liebsten allein lassen. Sie denken, es gehe sie nichts an, solange sie selbst untadelig seien. Als lebten Frauen mit ihren Gedöns-Anliegen auf einem anderen Planeten, von dem wir gelegentlich zu den Männern herübernölen - "Hey, jetzt helft uns doch mal!" Aber, wie die kluge Kollegin Hannah Pilarczyk es formulierte: "Es gibt kein halbes Land, in dem Frauen über den Mund gefahren wird, sie sexistisch beleidigt werden, angegrapscht und vergewaltigt, und ein anderes halbes Land, in dem Männer eine gute Zeit haben. Beide Teile gehören zusammen."

Frauen wollen Männer nicht auf die Anklagebank setzen und sich selbst auf den Richterstuhl, aber wir lassen Männer eben auch nicht mehr in Ruhe über sich selbst richten. Wir erwarten gerade von den Netten, von den Nicht-Sexisten, sich über ihren Umgang mit Frauen Gedanken zu machen.

Leider sieht es Gutsch genau anders herum: "Ich würde mir eine Sexismus-Debatte wünschen, in der ich mich als Mann nicht ausgegrenzt fühle." Lieber Kollege, es geht hier aber nicht um dich. Nicht deine Befindlichkeit entscheidet, ob der Begriff Sexismus mal wieder "inflationär" eingesetzt wurde oder doch eher "wohldosiert". Denn das Ziel ist nicht die behutsame Inklusion der Nicht-Sexisten in die Sexismus-Debatte, sondern die Beseitigung sexistischer Zustände insgesamt.

Dafür brauchen wir Männer mit "Lust zur Solidarisierung". Selbstreflektierte Mitstreiter, die mit offenen Augen durch ihre Arbeitswelt gehen und Frauen nicht nur selbst unpassendes Verhalten ersparen, sondern ihnen auch gegen Ausfälle gedankenloser Kollegen zur Seite springen.

Ist es wirklich zu viel verlangt, eine Sekunde lang zu überlegen, bevor man eine Frau im professionellen Umfeld auf persönliche Angelegenheiten anspricht? Muss jede Frau Witz mit Gegenwitz vergelten, oder kann sich der Mann nicht auch mal einen Witz verkneifen? Das ist etwas lästig, aber dafür braucht es auch keine Zivilcourage, sondern erst einmal nur ein ernsthaftes Interesse am Thema.

Letztlich erwarte ich, dass Männer unsere Belange so ernst nehmen wie ihre eigenen. Dass sie ihre Worte so wägen, wie sie es von uns erwarten. Und solltet ihr im Einzelfall unsicher sein - und hey, das sind wir auch! -, dann fragt doch einfach mal die Frauen eures Vertrauens.



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