AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2017

Sexismus in Schweden Aufschrei im feministischsten Land der Welt

Nach dem Fall Weinstein berichteten unzählige Frauen im Internet, wie sie missbraucht wurden. In Schweden haben Betroffene eine ganz eigene Form gewählt - und damit ein Beben ausgelöst.

Schauspielerinnen Helin, Gammel: "Wir wollen, dass sich alle Männer im Spiegel betrachten"
Christian Aslund/ DER SPIEGEL

Schauspielerinnen Helin, Gammel: "Wir wollen, dass sich alle Männer im Spiegel betrachten"

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Deutschland, sagen manche Schweden, wenn sie Deutschen schmeicheln wollen oder sich selbst ein wenig sticheln, sei wie Schweden für Erwachsene. Tatsächlich, könnte man auch sagen, ist es umgekehrt.

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Heft 49/2017
Die Kleine Koalition - was sie anrichten und bewirken könnte

Die Art und Weise jedenfalls, wie die schwedische Gesellschaft in diesen Wochen auf all das reagiert, was unter dem Hashtag #MeToo zusammengefasst werden kann, ist so offen und innovativ, dass sie beispielhaft dafür sein könnte, wie Diskurs, Aufklärung und gesellschaftliche Veränderung in der digitalen Zeit funktionieren.

Anders als in Deutschland, wo die Debatte über die grundsätzlichen Fragen von Sexismus und sexueller Gewalt eher schleppend und unwillig verläuft, ist Schweden mitten in einem Prozess, der alles verändern könnte, so die Hoffnung vieler, was bislang, immer noch, trotz allem galt. Man könnte es also eine Revolution nennen.

Oder mindestens eine "Bewegung", wie es die Schauspielerin Moa Gammel, 37, ausdrückt, aber eine "friedliche Bewegung", wie sie betont. "Es geht uns nicht darum, einzelne Männer zu beschuldigen. Es geht uns darum, das System zu verändern. Wir alle haben die Zustände akzeptiert. Wir alle müssen uns zusammen verändern."

Das klingt freundlich und versöhnlich, aber die Frustration sitzt tief bei Moa Gammel und bei Sofia Helin, 45, die international bekannt wurde durch ihre Rolle in der schwedischen Krimiserie "Die Brücke - Transit in den Tod". "Beim Dreh haben Schauspielerinnen immer zwei Rollen", sagt Helin, "die eine ist künstlerisch, die andere ist strategisch: Es geht darum, zur eigenen Sicherheit, die männlichen Egos am Set zu durchschauen." Der männliche Blick also, aber auch die männliche Bedrohung.

Juristinnen Snellman, Fagervall, Nääv, Kjos
Christian Aslund/ DER SPIEGEL

Juristinnen Snellman, Fagervall, Nääv, Kjos

"Die Schauspielerin ist ja das ultimative Objekt", so Helin. Die beiden Frauen erzählen von Kollegen, deren sexuelle Übergriffe bekannt seien und die dennoch wieder engagiert würden. Diese schafften ein Klima der Angst am Set, sagen sie, das auch die männlichen Kollegen einschüchtere. "Aber der sexuelle Missbrauch ist nur die Spitze des Eisbergs", erklärt Gammel.

Die beiden sind zum Lunch ins schicke Stockholmer Lokal Riche gekommen, an den Nebentischen sitzen Freunde aus der Filmszene, man grüßt sich herzlich. Ein Mitarbeiter des Riche, erzählen sie, solle Frauen missbraucht haben. Gammel und Helin reden mit dem SPIEGEL, damit ihre deutschen Kolleginnen sich ermutigt fühlen, ihre Geschichten von Sexismus und sexuellem Missbrauch zu erzählen.

Denn es geht erst einmal um diese Geschichten. Es geht darum, gehört zu werden. Es geht darum zu hören, was andere erlebt haben. Angefangen hat dieses große gesellschaftliche Gespräch auch in Schweden mit dem Fall Harvey Weinstein, dem Hollywoodproduzenten, der über Jahrzehnte Schauspielerinnen belästigt und missbraucht haben soll. Der Unterschied zu anderen Ländern ist die Form, die die Debatte in Schweden angenommen hat. Es geht weniger um individuelle Schuld, wie etwa in den USA, wo ein Mann nach dem anderen über Sexskandale stürzt. In Frankreich geht es bereits um Gesetzesvorhaben. In Schweden geht es um den grundlegenden Versuch, das Geschlechterverhältnis gerecht zu gestalten.

Die Schauspielerinnen haben - wissend um die Wirkungen, Möglichkeiten und Gefahren von sexuellen Anschuldigungen und Enthüllungen in der Mediengesellschaft - die Form des offenen Briefs gewählt, der kollektiv von einer großen Gruppe Betroffener unterschrieben wird, damit die Einzelne ihre Geschichte schützt und gleichzeitig eine breite gesellschaftliche Wirkung erzielt wird.

456 Schauspielerinnen unterzeichneten diesen ersten offenen Brief im "Svenska Dagbladet", einer der beiden großen Tageszeitungen in Schweden, der ein Beispiel für andere war. Es folgten die Rechtsanwältinnen mit knapp 6000 Unterzeichnerinnen, Sängerinnen, Schülerinnen, Akademikerinnen, Medizinerinnen.

Vorläufiger Höhepunkt war ein Abend in einem Stockholmer Theater, an dem auch die Königin und die Kronprinzessin im Publikum saßen und die Schauspielerinnen abwechselnd zum Teil schockierende Leidensgeschichten von Kolleginnen vorlasen, die nicht ihre eigenen waren und es in gewisser Weise doch sind - das Theater wurde damit, ganz ursprünglich, wieder zum Ort gesellschaftlicher Gemeinschaftserzählung und Sinnfindung.

"Wir wissen, wer ihr seid", das war der zornige und durchaus drohende Grundtenor des Briefs der Schauspielerinnen, die deutlich machten, dass sie nicht mehr bereit sind, die Verhältnisse in der Filmindustrie so hinzunehmen, wie sie sind. "Wir fordern nicht nur gleiche Bezahlung", sagt Helin, "wir fordern, dass die Studios aufhören, Geld mit Schauspielern zu verdienen, die als gewalttätig bekannt sind und ein Klima der Angst am Filmset verbreiten."

Es sei nun, sagen sie, Aufgabe der Bosse, diese Forderungen umzusetzen und die Art und Weise, wie Macht zwischen den Geschlechtern verteilt ist, gerechter zu gestalten. Neben Helin und Gammel unterschrieben den offenen Brief so bekannte Kolleginnen wie die Oscargewinnerin Alicia Vikander, Noomi Rapace, die Lisbeth Salander aus der "Millennium"-Serie, und Pernilla August, die mit Ingmar Bergman gedreht hatte und bekannt ist aus "Star Wars".

"In vielen Bereichen ist die schwedische Gesellschaft noch sehr patriarchalisch strukturiert."

Eine so große Wucht bekam dieser offene Brief dadurch, dass ihm die Testimonials von Betroffenen zugrunde lagen, über 1000 Schauspielerinnen allein am ersten Tag, die in einer geschlossenen Facebook-Gruppe ihre Geschichten teilten, einem "safe space", den sie brauchten, um das Schweigen zu brechen, das sie jahrelang gelähmt und verängstigt, geplagt und vereinzelt hatte. "Wir fingen an, unsere Geschichten zu vergleichen", sagt Moa Gammel, "und sahen, dass wir uns gegenseitig helfen können."

Eine "sisterhood" sei so entstanden, eine Gemeinschaft von Schwestern, die sich zusammenschließen in Schmerz und Solidarität. Die Geschichten, und auch die Opfer und Täter, sind bekannt, sie werden aber nicht öffentlich genannt. Das, so die Idee und Hoffnung, erzeugt kein Klima des Verdachts, das ist der Versuch, der Logik des Skandals zu entgehen und sich auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist.

"Wir sind stolz, dass keine von uns mit den Medien über ihre Verletzungen gesprochen hat. Die Medien hätten die Geschichten eh nur gekidnappt", sagt Gammel. "Die Medien benutzen Missbrauch als Unterhaltung. Und wenn der einzelne Mann als Monster gezeigt wird, können all die anderen Männer leicht auf ihn deuten und sagen: Er ist ein Monster. Sie denken dann nicht mehr über sich nach. Wir wollen aber, dass sich alle Männer im Spiegel betrachten."

Was sie wollten, sagt Gammel, sei eine politische Bewegung: "Es geht nicht um Sex, es geht um Macht." Sie sehen sich in einer Tradition mit all den Frauen vor ihnen, die Schweden zu dem fortschrittlichen und feministischen Land gemacht haben, das es ist - von der aktiven Frauenpolitik, die bis in die Dreißigerjahre zurückreicht, bis zur Gruppe 8, die ab 1968 für Vollzeitjobs für Frauen bei verringerter Gesamtarbeitszeit, mehr Kindergartenplätze, gleichen Lohn und gegen Pornografie antrat, bis zur Steuergesetzgebung der Siebzigerjahre, die Mann und Frau gleichgestellt hat.

Es sei dabei, so sieht es der Journalist und Historiker Henrik Berggren, kein Widerspruch, dass das feministischste Land der Welt auch das Land sei, in dem Frauen zurzeit am lautesten gegen Sexismus protestierten, im Gegenteil: Erst die emanzipatorische Grundhaltung in der Gesellschaft ermögliche es, so Berggren, die noch nicht umgesetzten Forderungen mit neuer Vehemenz vorzubringen.

Berggren, dessen Buch "Ist der Schwede ein Mensch?" einen tiefsinnigen philosophischen Einblick in das Wesen und die Natur der schwedischen Demokratie bietet, beschreibt ein zutiefst protestantisch geprägtes Land, das sowohl individualistisch als auch gemeinschaftlich funktioniert - auch das ein scheinbarer Widerspruch, der in Schweden zu einer anderen Sicht auf den Staat geführt hat, der nicht als Eindringling, sondern als Instanz von Gerechtigkeit und Gleichheit gesehen wird. Gesellschaftlich, so beschreibt es Berggren im Gespräch, habe das zur Folge gehabt, dass die Frauen seit den Siebzigerjahren in die Berufswelt eingedrungen seien, vor allem in Berufsfelder, die eher dem Klischee der Frau entsprächen: in Krankenhäuser und Schulen etwa.

"In vielen Bereichen ist auch die schwedische Gesellschaft noch sehr patriarchalisch strukturiert", sagt Berggren. Aber je mehr Frauen angefangen haben, in traditionell männlichen Berufen zu arbeiten, desto größer ist der Druck geworden, die ungleichen Bedingungen, Gehälter, Chefpositionen, Hierarchien, zu verändern. "Man kann", sagt Berggren, "nicht ewig mit dieser Lücke zwischen Normen und Realität leben. Es ist ja immer eher die unerfüllte Erwartung, die Menschen rebellieren lässt, und weniger die Unterdrückung."

Die Dynamik von #MeToo in Schweden erinnert deshalb, diese Metapher verwendet etwa die Autorin Marte Michelet, auch ein wenig an den Arabischen Frühling, wo der Aufstiegsdrang eines Teils der Gesellschaft zu einem revolutionären Druck für alle wurde. Und wenn man einmal das teilweise katastrophale Scheitern dieser Revolten beiseiteschiebt: Auffällig ist, damals 2011 wie auch heute, die zentrale Rolle der Technologie in diesem gesellschaftlichen Umbruchprozess.

Ministerin Kuhnke: "Ihr seid verantwortlich"
Christian Aslund/ DER SPIEGEL

Ministerin Kuhnke: "Ihr seid verantwortlich"

Denn ohne das Internet, das hier in seiner utopischen Wirkung wenigstens zeitweise wiederentdeckt wird, wäre all das nicht möglich, was gerade geschieht. Die Schnelligkeit und die Wucht von #MeToo in Schweden wären nicht denkbar ohne Facebook als großen Geschichten-Aggregator. "Wir haben unsere Facebook-Gruppe an einem Samstagmittag geöffnet", sagt etwa Emma Fagervall, eine der Initiatorinnen des offenen Briefs der schwedischen Rechtsanwältinnen, "am Abend hatten sich schon 4000 Frauen angemeldet."

Fagervall ist eine von vier Juristinnen, die sich an einem verschneiten Stockholmer Morgen um halb acht ein paar Stunden freigenommen haben, um diese Geschichte zu erzählen, die ihnen so wichtig ist. Sie sind eine Gruppe, die als Kollektiv agiert, Fagervall, ihre Schwester Ida Kjos, Maria Nääv und Caroline Snellman. Es ist eine Kanzlei in bester Lage, ein dunkel getäfelter Gesprächsraum. Alle vier sind extrem klar in dem, was sie sagen, und extrem aufmerksam dabei, die anderen zu Wort kommen zu lassen.

"Wenn du dich als Frau beweisen willst, musst du doppelt gut sein", sagt Ida Kjos. "Wir haben diese Anwaltskultur, die eine sexistische Struktur ist, immer normalisiert. Wir haben darüber gesprochen, ohne etwas dagegen zu tun. Das wird sich nun ändern. Wir sagen: Hier ist das Problem. Wir sagen nicht: Hier ist die Lösung."

"Die Annahme war immer, dass du allein bist, wenn es um Fragen von Sexismus und sexueller Gewalt geht", sagt Maria Nääv. "Das ist nun vorbei. Wir sind nicht mehr allein. Es ist eine echte Graswurzelbewegung. Wir leben zwar in einem feministischen Land, aber wir wurden trotzdem jeden Tag sexualisiert, und das ist sehr frustrierend."

"Ich war müde, und ich war wütend", sagt Emma Fagervall. "Ich dachte, ich müsste es hinnehmen und mich an diese Struktur anpassen. Es braucht ja Mut, eine ganze Branche anzuklagen. Aber je mehr Geschichten wir hörten, desto deutlicher wurde, wie viele Frauen wütend waren. Es war klar: Wir müssen das nicht länger hinnehmen."

"Wir sind das alles sehr professionell angegangen", sagt Caroline Snellman. "Wir wollten keine Sensationsgeschichten und keine Skandale. Wir wollten zeigen: Das ist unsere Realität. Sexismus ist ein System. Wir wollten dieses Wissen weitergeben und nicht weiter Meinungen produzieren."

Es ging ihnen darum, nach dem Weinstein-Moment die Diskussion ganz bewusst zu verschieben, weg von der Frage nach sexueller Gewalt und Vergewaltigung, hin zu den Wurzeln der Ungleichheit, zum Kern der Frustration, zum Ausgangspunkt dessen, was dann irgendwann in einem Klima männlicher Dominanz und einer Kultur des Schweigens zu sexueller Gewalt werden kann.

Das heißt nicht, dass sexuelle Gewalt nicht verfolgt werden soll. Es heißt nur, dass sie verstanden haben, dass die Skandalisierung der Debatte nicht hilft, weil sie von den Ursachen ablenkt und den Fokus auf einzelne Fälle verengt. Der nächste Schritt, sagen sie zum Ende ganz rechtsanwaltlich, sei es, die Verantwortung zuzuordnen - also die Kartelle des Schweigens zu brechen und die Kultur in den Unternehmen zu ändern.

Oder, wie es Alice Bah Kuhnke ausdrückt: "Follow the money." Kuhnke, 45, ist Ministerin für Kultur und Demokratie und traf sich gleich in den Tagen nach dem offenen Brief der Schauspielerinnen mit den Leitern der großen Stockholmer Theater. "Ich habe ihnen gesagt, dass sie verantwortlich sind für das, was an ihren Häusern passiert. Sie bekommen öffentliches Geld. Sie können keine Strukturen unterstützen, in denen Vergewaltigung und systematischer sexueller Missbrauch möglich sind."

Ihr sei klar, sagt sie, dass das alles erst der Anfang sei. Es werde viele Jahre dauern, das umzusetzen, was gerade in Bewegung gekommen sei. "Und wenn all diese Geschichten der Frauen keine dauerhaften Veränderungen bringen, dann bedeutet das doch, dass es allen egal ist", sagt Kuhnke, die Mitglied der Grünen ist und von einer "feministischen Regierung" spricht, die der Ministerpräsident Stefan Löfven führt. "Jeder Haushaltsentwurf muss nachweisen", sagt sie, "wie sich die Ausgaben auf das Geschlechterverhältnis auswirken."

Den Theaterabend mit den Schauspielerinnen, an dem sie neben der Königin saß, beschreibt Kuhnke als einen "Horrorfilm", die Geschichten hörten und hörten einfach nicht auf. Und so geht es weiter, außerhalb des Theaters, dieses Mal in der Schwedischen Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt. Der Ehemann eines Akademiemitglieds, das ist die aktuelle Enthüllung, habe über Jahrzehnte in Wohnungen der Akademie Frauen, wie sie sagen, sexuell missbraucht; 18 von ihnen haben nun öffentlich darüber berichtet, manche mit Namen, manche ohne Namen, es war an jenem Tag die Schlagzeile.

Und so werden die Erschütterungen weitergehen, sie haben gerade erst begonnen, in Schweden früher und heftiger als anderswo. Der im Fall der Schwedischen Akademie beschuldigte Mann ist übrigens ein enger Freund des früheren langjährigen Ständigen Sekretärs der Akademie, Horace Engdahl. Von ihm stammt auch der Satz, dass Deutschland das Schweden für Erwachsene sei. Wenn das so wäre, würde das jedenfalls nicht das vergleichsweise ohrenbetäubende Schweigen erklären, das Deutschland umhüllt in diesem langen Moment von #MeToo.



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