AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2017

Sexuelle Gewalt gegen Kinder Tatort Sportplatz

Junge Sportler sind besonders gefährdet, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Die Vereine kümmern sich zu wenig - einem Jungen aus Schleswig-Holstein wurde das offenbar zum Verhängnis.

Tims Mutter auf dem Fußballplatz des TuS Holstein Quickborn
Martin Lukas Kim / DER SPIEGEL

Tims Mutter auf dem Fußballplatz des TuS Holstein Quickborn

Von und


Es ist ein Samstagvormittag im Sommer 2015, als Tim es nicht mehr aushält. Der Neunjährige sitzt bei seiner Mutter im Auto. Sie sind auf dem Weg zum Auswärtsspiel in Bönningstedt, einer Gemeinde in Schleswig-Holstein, als es aus Tim herausplatzt: "Mama, ich will nicht mehr zum Fußball gehen."

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Heft 2/2017
Wie die Demokratie ihre Bürger schützen kann

Christine J. ist verdutzt, ihr Sohn liebt Fußball. Zweimal die Woche trainiert er beim TuS Holstein Quickborn, keine fünf Minuten von zu Hause entfernt. Als sie ihn fragt, warum er keine Lust mehr auf Fußball habe, fängt Tim an zu weinen. Dann sagt er: "Weil mich der Trainer immer anfasst." Ein Satz, ganz leise gesprochen, und doch wie ein Knall.

Noch am selben Tag erzählt Tim, dessen richtiger Name anders lautet, erst seiner Mutter und dann der Polizei, wie ihn sein Fußballtrainer Kai H. monatelang missbraucht hat. Wie ihn der damals 41-Jährige auf die Rückbank seines schwarzen Ford zwang, ihm die Hose herunterzog und die Pobacken auseinanderdrückte. Und wie dann etwas Kaltes "irgendwie reingegangen" sei.

Tim berichtet, dass Kai H. ihn öfter vom Training nach Hause fuhr. Dass er ihm dann die Hose geöffnet, seinen Penis gestreichelt habe. Er habe alles probiert, um seinen Trainer abzuwehren, er habe Stopp gesagt, seine Hände schützend in den Schoß gedrückt, doch Kai H. habe sie zur Seite geschoben. Einmal habe H. ihm sogar in den Penis gekniffen. "Mein Trainer war süchtig nach 'Massieren'", sagt Tim. So nannte Kai H. das.

H. verging sich an mindestens zwei weiteren Kindern aus dem Verein, sie waren erst fünf und sieben Jahre alt. 15 Taten zwischen 2013 und 2015 ermittelte die Staatsanwaltschaft: Der Übungsleiter griff ihnen im Trainingslager unter das T-Shirt, tätschelte sie. Einem Jungen folgte er in der Sporthalle des Vereins auf die Toilette, schloss die Kabinentür ab und befummelte ihn an den Genitalien. So steht es im Urteil des Landgerichts Itzehoe mit dem Aktenzeichen 317 Js 19559/15.

Fälle sexueller Gewalt wie in Quickborn sind ein Tabuthema im deutschen Sport, dabei kommen sie immer wieder vor. Genaue Zahlen gibt es nicht, wie verbreitet der Missbrauch in Turnhallen, Umkleidekabinen oder auf dem Nachhauseweg ist. Zwangsläufig, denn die meisten Opfer zeigen ihre Täter nie an, sie sind traumatisiert oder haben niemanden, dem sie sich anvertrauen können.

Fachleute sagen, dass die Gefahr, Opfer von Missbrauch zu werden, im Sport besonders hoch ist. Auch die Dunkelziffer soll hier besonders groß sein.

Ein Grund dafür ist die Körperlichkeit, die ausgeprägter ist als in anderen Bereichen, in denen sich Minderjährige aufhalten. Es ist normal, wenn Trainer Kinder anfassen, etwa um ihnen beim Turnen über den Bock zu helfen. Es gibt Umarmungen beim Jubeln, Umarmungen beim Trösten. Die Kinder ziehen sich in der Sporthalle um. Sie duschen, manchmal mit den Trainern zusammen.

Ein weiterer Grund ist die Hierarchie: Der Trainer entscheidet über die Aufstellung der Teams, er kann drohen, jemanden auf der Bank sitzen zu lassen, oder versprechen, jemanden aufzustellen. Die Macht, die Täter auf diese Weise ausüben können, ist immens. Auch die Kumpeligkeit und Kameradschaft, die im Sport herrscht, ist ein Risikofaktor. Täter können ihren Missbrauch dadurch gut und lange vertuschen.

Vereinsheim in Quickborn
Martin Lukas Kim / DER SPIEGEL

Vereinsheim in Quickborn

In den vergangenen Monaten haben Forscher der Sporthochschule Köln und des Universitätsklinikums Ulm flächendeckende Daten generiert. Sie befragten rund 1800 Kaderathleten ab 16 Jahren aus 128 Sportarten zu ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Demnach hat etwa ein Drittel der Sportler schon einmal Übergriffe erlebt. 18 Prozent der Befragten berichteten von unangemessenen Berührungen oder Massagen. Drei Prozent gaben an, unerwünscht geküsst oder sogar vergewaltigt worden zu sein.

Auch die Vereine wurden in die Studie einbezogen. 220 von gut 13.000 Vereinen, die dazu überhaupt Auskunft gaben, teilten mit, in den vergangenen fünf Jahren Beschwerden über sexuellen Missbrauch erhalten zu haben. "Das klingt erst einmal nach einer kleinen Zahl", sagt Studienleiterin Bettina Rulofs von der Sporthochschule Köln. Rechne man diese aber auf rund 90.000 Vereine in Deutschland hoch, ergebe das knapp 1540 Vereine, in denen Fälle sexualisierter Gewalt gemeldet wurden.

Rulofs hofft, dass das Ergebnis der Untersuchung als Aufforderung verstanden wird, endlich zu handeln. Denn: Lediglich die Hälfte der befragten Vereine hält das Thema sexuelle Gewalt überhaupt für relevant. Nur ein Viertel fordert von seinen ehrenamtlichen Übungsleitern ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, in dem maßgebliche Straftaten aufgelistet sind.

Dabei hatte die Bundesregierung nach den 2010 öffentlich gewordenen Fällen von Kindesmissbrauch in Reformschulen und kirchlichen Einrichtungen das Kinderschutzgesetz reformiert. Es legt fest, dass alle, die in der Jugendhilfe arbeiten wollen, jenes erweiterte Führungszeugnis vorlegen müssen. Doch nur wenige Sportvereine haben diese Regel für sich übernommen.

Auch dem TuS Holstein Quickborn, in dem Kai H. arbeitete, genügte ein einfaches Führungszeugnis. Es sei "ohne Makel" gewesen, sagt der Verein, auch ein erweitertes Zeugnis hätte keine besseren Hinweise gegeben. Zudem habe H. den Ehrenkodex des Vereins unterschrieben, den er selbst mitentworfen habe. Darin hätten Regeln im Umgang mit den anvertrauten Kindern gestanden.

H. pflegte sein Image als engagierter Übungsleiter. Wie die meisten Missbrauchstäter suchte er seine Opfer offenbar systematisch aus. Er wählte Kinder alleinerziehender Mütter. Die Frauen waren dankbar für sein Engagement, freuten sich über eine Vaterfigur für ihr Kind. Und H. ersparte sich misstrauische Ehemänner.

Christine J., Tims Mutter, klein, lange blonde Haare, lebt vom Vater ihres Sohnes getrennt. Die 33-Jährige sitzt im Schneidersitz auf der Couch, an den gelben Wänden ein Dutzend Fotos von Tim, daneben ein Lebkuchenherz. Darauf steht: "Ich hab dich so lieb." Ihre Stimme bebt, wenn sie davon erzählt, wie klebrig die Nähe des Trainers zu ihrem Kind war, wie perfide seine Absichten, ohne dass sie es bemerkte. J. nickt Richtung Terrasse: "Dort draußen haben wir im Sommer zusammen gegrillt", sagt sie, "ich dachte, der Kai verbringt so viel Zeit mit Tim, weil er selbst keine Kinder hat."

Kai H. fuhr Tim nicht nur vom Training nach Hause, er zeigte ihm auch die Affen im Zoo, ging mit ihm Kart fahren und kraxeln im Kletterpark. Er versprach dem großen Manuel-Neuer-Fan sogar den Besuch eines Spiels beim FC Bayern München. Dort könne man ja übernachten, schlug der Trainer vor. "Zum Glück kam es nie so weit", sagt seine Mutter heute. Kurz vorher erzählte Tim ihr von den Übergriffen.

Kai H. war ein "Berufsjugendlicher", wie es manche Missbrauchsexperten nennen - ein Erwachsener, der mit Kindern alles teilt, statt Grenzen zu setzen. So erschlich er sich Tims Vertrauen und damit auch das seiner Mutter. Als er das geschafft hatte, begann er, Tim gefügig zu machen.

Damit der Neunjährige niemandem von den Taten erzählt, drohte Kai H. ihm, keine Ausflüge mehr mit ihm zu machen oder ihn aus dem Verein zu werfen. Wie ernst er das meinte, zeigte er ihm am Wochenende, wenn er ihn bei Fußballspielen nicht einsetzte. Dann wieder war er besonders nett zu Tim, schenkte ihm sogar eine Spielzeugdrohne. Als Gegenleistung verlangte er aber, "massieren" zu dürfen, so erzählte es Tim später. Der Trainer habe immer wieder von ihrem "Geheimnis" gesprochen. Tim behielt das Geheimnis mehrere Monate für sich.

"Jungs verheimlichen Missbrauch oft, weil sie sich für ihre Wehrlosigkeit schämen", sagt Stefan Port von der Münchner Beratungsstelle KIBS, "sie haben Angst, als Opfer unmännlich zu wirken." Dazu komme die Sorge, bei Erwachsenen kein Gehör zu finden. Kinder, die missbraucht worden sind, müssen im Schnitt sieben Leute ansprechen, bevor ihnen jemand glaubt, sagt Port.

Umso wichtiger wäre es, Ansprechpartner in den Vereinen zu benennen. Doch nur wenige Vereine tun dies bisher. Stattdessen schauen sie weg und schweigen, mal aus Personalmangel, mal aus Loyalität, mal aus Abhängigkeit, mal aus Angst. Sie fürchten, unschuldige Trainer vorzuverurteilen, wenn sie Hinweisen nachgehen. Eine "unerträgliche Kultur des Wegsehens" nennt dieses Verhalten Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung.

Gerade wenn Ehrenamtliche beteiligt sind, schrecken Klubs oft davor zurück, Schritte einzuleiten. Zum einen brauchen sie die Helfer. Zum anderen werden sie sie schlecht los, solange es keine eindeutigen Beweise gibt. Ehrenamtlichen kann man schließlich nicht einfach kündigen. So gab es in Hamburg einen Fall, in dem ein ehrenamtlicher Betreuer immer weiter zum Training erschien, obwohl die Vereinsleitung ihn gebeten hatte, nicht mehr zu kommen. Die Familie des Opfers wollte keine Anzeige erstatten, der ehrenamtliche Trainer drohte mit einem Verfahren wegen Rufschädigung - und der Verein hatte nichts in der Hand.

Auch der Leistungssport ist nicht gefeit vor Missbrauchsfällen - im Gegenteil. Zwar gibt es dort weniger Ehrenamtliche, dafür aber vielfach ausgezeichnete Profitrainer, die für Großmeister gehalten werden. Eltern haben kaum Einblick in Internate und Sportzentren, wo das körperliche und seelische Befinden dem Siegen geopfert wird. Hier sind die Abhängigkeiten noch größer als im Freizeitsport: Wenn Sportler seit früher Kindheit jeden Tag trainieren, geben sie ihre Sportlerkarriere nicht so schnell auf. Die Täter wissen das.

"Im Leistungssport gibt es eine kollektive Schweigehaltung", sagt Thomas Schnitzler, Privatdozent der Sportwissenschaft, der sich mit Kindesmissbrauch im Sport befasst und dazu Fachartikel publiziert. Sein Fazit: "Sport ist, was Missbrauch angeht, gemeingefährlich für Kinder." Je erfolgreicher ein Athlet sei, desto größer sei das Risiko, Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden. Zudem sähen die Opfer, dass die Täter "völlig unangemessen" bestraft würden, sagt Schnitzler - und oft zurück in den Sport fänden.

Dafür gibt es viele Beispiele, zu viele. So sagten etwa sieben Jungen in Süddeutschland gegen ihren Eishockeytrainer aus, Anklage wurde dennoch nicht erhoben. Bei anderen Vereinen arbeitete er als Jugendtrainer weiter - und spielt heute in der zweiten Eishockeybundesliga.

Oder aber der Fußballtrainer, der bereits vor 22 Jahren wegen sexuellen Missbrauchs eines Mädchens verurteilt worden war, aber als Jugendtrainer weiter arbeiten durfte. Vor drei Jahren verging er sich in Nordrhein-Westfalen an vier Jungen aus seinem Team, sie mussten ihn per Hand befriedigen. Einem drohte er mit analer Vergewaltigung, wenn er dies nicht tue. Urteil: drei Jahre und zehn Monate Haft.

Oder der Eiskunstlauftrainer, der 1995 in Stuttgart wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in elf Fällen sowie Körperverletzung in zwei Fällen zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung und drei Jahren Berufsverbot verurteilt wurde. Er hatte zwei seiner Sportlerinnen missbraucht und männliche Kaderläufer aufgefordert, es ihm nachzutun. Der Eiskunstlaufverband nominierte ihn dennoch für die Olympischen Winterspiele in Vancouver und Sotschi. Seine Teilnahme scheiterte nur, weil der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ihn nicht mitnahm.

Sexuelle Gewalt an Nachwuchssportlern ist international weit verbreitet. Kürzlich wurde im britischen Fußball ein Missbrauchsskandal gewaltigen Ausmaßes bekannt. Ehemalige Amateure und Profis berichteten, wie sie früher von Trainern vergewaltigt worden waren. Bislang haben sich über 420 Betroffene gemeldet, sie sind meist männlich, aus über 100 Klubs. Auch die USA erschütterten im vergangenen Jahr Berichte über Turntrainer, die in einem Zeitraum von 20 Jahren mindestens 368 Minderjährige sexuell missbraucht hatten.

Welche Folgen solche Taten für die Opfer und ihre Familien haben können, erzählt Tims Mutter. In nur wenigen Monaten war aus ihrem fröhlichen Jungen ein Kind geworden, das schnell weinte und grundlos Klassenkameraden schubste. Tim wurde schlechter in der Schule, verkroch sich tagsüber in sein Zimmer, nachts quälte ihn Kai H. in seinen Träumen. Noch heute zuckt Tim auf der Straße zusammen, wenn er ein Auto sieht, das H.s Wagen ähnelt, erzählt seine Mutter. Sie legt die Hände ineinander und drückt sie zusammen, bis die Fingerspitzen weiß anlaufen.

Christine J. versuchte, in Tims schwächsten Stunden stark zu bleiben. Schreiben von der Polizei und vom Anwalt, Gerichtstermine, ihren Sohn zur Psychotherapie begleiten, all dies ertrug sie. Doch es blieb nicht ohne Folgen: Sie verlor ihren Job in der Geschäftsleitung einer Bäckerei. Ihr Freund verließ sie, die Miete für die Wohnung muss sie seither allein stemmen. Mittlerweile hat sie mehrere Tausend Euro Schulden. Doch es geht aufwärts, versichert sie: Sie hat eine neue Stelle.

Sie selbst versucht, ohne Therapie auszukommen. Sie mache das mit sich aus, sagt J. Doch es zehrt an ihr. Männer könne sie im Moment nicht an sich heranlassen.

Tims Mutter konzentriert sich erst mal auf etwas anderes: Der Verein solle sich seiner Verantwortung stellen. Deshalb erzähle sie die Geschichte noch einmal. "Für mich ist der Verein der Hauptschuldige", sagt sie. Die Vereinsspitze hätte den Missbrauch verhindern können. Doch sie habe "sich feige vor der Verantwortung gedrückt und nichts unternommen".

Der TuS Holstein Quickborn habe von den Umtrieben des Trainers Kai H. gewusst, bevor Tim dort überhaupt Mitglied wurde. Ein Co-Trainer habe dem Vorstand bereits zwei Jahre vor ihrer Anzeige berichtet, wie Kai H. Spielern in einem Trainingslager bis in die Toilettenkabine und die Dusche gefolgt sei, wo er einen Jungen eingeseift habe.

Der stellvertretende Vereinschef stellte Kai H. damals zwar zur Rede, ließ sich aber von ihm überzeugen, dass er sich nur "zu intensiv" um die Kinder gekümmert habe. Sexuelles Interesse? Habe Kai H. entschieden von sich gewiesen. So steht es in einer E-Mail aus Vereinskreisen vom August 2013, die dem SPIEGEL vorliegt. Darin heißt es weiter, man wolle vorerst nichts gegen H. unternehmen, weil Beweise fehlten und eine falsche Verurteilung "gefährlich" wäre. Kai H. blieb.

Der Vorstand des Vereins sagt gegenüber dem SPIEGEL, zwei Trainer hätten 2013 "vage Hinweise" zu H. gegeben. H. habe aber eine plausible Erklärung dafür gehabt, dass er ein Kind abduschte, das sich eingenässt hatte. Der Vorstand sei erstmals im Mai 2014 informiert worden. Es hätten jedoch keine Informationen vorgelegen, die es gerechtfertigt hätten, zur Polizei zu gehen oder H. freizustellen.

Bundeseinheitliche und vor allem bindende Regeln im Umgang mit solchen Fällen fehlen. "Beim Kinderschutz kocht in Deutschland jeder Verein sein eigenes Süppchen", sagt Michaela Regele, Vorsitzende der Münchner Sportjugend. So müsse in München jeder Verein Führungszeugnisse von Trainern einfordern, um aus Fördertöpfen schöpfen zu können. "Aber schon im Landkreis sieht das ganz anders aus", sagt Regele, "das ist frustrierend."

Dabei gibt es Länder, die zeigen, wie es gehen könnte. Großbritannien beispielsweise: Fördergelder bekommt dort nur der Verein, der die nationalen Jugendschutzauflagen erfüllt, außerdem hat jede Sportart einen Kinderschutzbeauftragten ernannt. Dadurch habe sich eine "Kultur des Hinschauens" entwickelt, sagen britische und deutsche Missbrauchsforscher. Außerdem gibt es seit 2010 eine Behörde gegen Kindermissbrauch. Dort müssen sich alle melden, die Minderjährige außerhalb der eigenen Familie betreuen. Ihre Personalien werden auf Vorstrafen und einen verdächtigen Lebenswandel wie allzu häufige Ortswechsel geprüft.

Deutschland baut weiterhin auf die Eigeninitiative der Verbände und Vereine. Mit der Beratungsstelle Zündfunke veranstaltet etwa die Hamburger Sportjugend zwölfmal im Jahr Schulungen. "Trainer müssen ein Gefühl dafür bekommen, wo sexuelle Gewalt beginnt", sagt Christina Okeke von Zündfunke. Kompliziert sind die Graubereiche. Was muss ich beachten, wenn Kinder sich umziehen? Wenn sie duschen? "Hier brauchen wir klare Regeln."

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Rörig müht sich seit Jahren, die Vereine zu mehr Prävention zu motivieren. Schon 2012 unterzeichnete der DOSB eine Vereinbarung mit ihm, die Empfehlungen des runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch umzusetzen. Das Problem: Der DOSB ist lediglich der oberste Dachverband. Das heißt noch lange nicht, dass alle 16 Landessportbünde, die 63 Spitzenverbände und die 20 noch dazugehörigen Sportverbände die Regelungen umsetzen. Bis zu jedem einzelnen Verein sind sie jedenfalls noch nicht durchgedrungen.

"Wir brauchen eine Verstärkung des Engagements auf allen Ebenen", fordert Rörig. Ihm schwebt vor, prominente Botschafter zu gewinnen: "Es wäre schön, wenn bekannte Sportler, wie zum Beispiel die Spieler der Nationalelf, helfen, das Tabu zu brechen und Betroffene zum Sprechen zu ermutigen." Rörig will Aufmerksamkeit, um das Schweigen zu beenden.

Opfer Andrea H.
Martin Lukas Kim / DER SPIEGEL

Opfer Andrea H.

Das ist auch deswegen wichtig, weil sexuelle Gewalt die Opfer oft ein Leben lang begleitet, so wie im Fall von Andrea H. und ihrer Freundin Julia D. (Name geändert) aus Zwiesel im Bayerischen Wald. Anfang der Neunzigerjahre hatte ein Skilehrer aus dem Ort Andrea H. am Lift immer wieder in den Schritt gefasst. An Julia D., damals elf Jahre alt, verging er sich bei einer Radtour. Hinter einem Baum fuhr er ihr mit der Hand in die Hose, drang mit dem Finger in sie ein, zwang sie, ihn anzufassen. Jahrelang konnte sie niemandem davon erzählen.

Andrea H., 34, macht sich bis heute Vorwürfe, ihre Freundin Julia D. mit auf die Radtour genommen zu haben. Auch Julia D. hat den Vorfall nie völlig verarbeitet. Als Erwachsene habe sie lange Zeit keinen Sex haben können, litt an Verfolgungsängsten, wurde schnell aggressiv, erzählt sie. Sechs Monate Therapie halfen kaum: "Ich bekomme das nicht aus dem Kopf."

Der Skilehrer, den die Frauen damals als "freundlichen, kumpelhaften Typ" erlebten, wurde für den Missbrauch an drei Kindern zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Als Julia D. ihn vor ein paar Jahren nachträglich anzeigen wollte, teilte man ihr mit, dass die Taten verjährt seien. Der Trainer half Kindern da längst wieder in den Lift.

Hütte im Bayerischen Wald
Martin Lukas Kim / DER SPIEGEL

Hütte im Bayerischen Wald

Den Fußballtrainer Kai H. verurteilte das Landgericht Itzehoe vergangenen Februar zu 22 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Die Begründung für die geringe Strafe: H. habe zwar aus sexuellem Interesse gehandelt. Dass er geständig war und freiwillig eine Sexualtherapie machen wolle, müsse ihm aber positiv angerechnet werden, heißt es im Urteil.

Christine J. erzählt, ihr Sohn habe nach dem Urteil geweint und gefragt, warum der Trainer nicht ins Gefängnis müsse. "Tja", sagt sie, "erklären Sie das mal einem Neunjährigen." Sie habe nur antworten können, dass der Kai halt krank sei.

Im Frühjahr vergangenen Jahres hat Tims Mutter Anzeige gegen Verantwortliche des TuS Holstein Quickborn erstattet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Vereinsführung will sich wegen des laufenden Verfahrens nicht dazu äußern. Der Vorstand betont jedoch, "alle Beteiligten" seien inzwischen "hoch sensibilisiert", zudem habe man die Position eines Kinderschutzbeauftragten im Verein geschaffen.

Tim spielt inzwischen wieder Fußball. Im Nachbarverein, beim 1. FC Quickborn.



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