AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2018

Arabische Kampfsportlerin Shadia Bseiso Gleichberechtigung auf die harte Tour

Shadia Bseiso ist die erste Araberin im Profi-Wrestling. In der muslimischen Welt gilt sie als Symbol der Befreiung.

Athletin Bseiso: "Plötzlich war mein Vater stolz auf mich"

Athletin Bseiso: "Plötzlich war mein Vater stolz auf mich"

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Die Frau, die am Golf ein Idol ist, trägt ihre langen schwarzen Haare offen zur Schau. Sie hat funkelnde Ohrstecker. In einem schwarz-silbernen Abendkleid und Ballerinas steigt die 31-Jährige in den Ring des International Tennis Centre, schnappt sich ein Mikro und heizt der Menge ein. "Was geht ab, Abu Dhabi? Bald könnt ihr mich hier kämpfen sehen."

Das Publikum springt von den Sitzen auf und brüllt: "Shadia! Shadia!" Kinder in den T-Shirts ihrer Wrestlinghelden, verschleierte Frauen, Männer im Kandura, einem weißen Gewand, zücken ihr Handy und filmen Bseisos Auftritt.

Es ist die Halbzeitshow der World Wrestling Entertainment (WWE), eines US-Medienunternehmens, das seine Kämpfer weltweit auf Tournee schickt. Zum 16. Mal ist man in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Menschen am Golf lieben Wrestling.

Dieses Mal haben die Amerikaner eine neue Sensation mitgebracht: Shadia Bseiso, die "erste arabische Frau", die demnächst als Wrestlerin für die WWE antritt, so hat der Stadionsprecher sie angekündigt.

Der Jubel auf den Rängen wirkt, als hätten die Menschen in der von Männern autoritär regierten Föderation am Persischen Golf sehnlich auf eine Erlöserin wie sie gewartet. Auf eine Lokalheldin, die sich nicht in die Rolle der schwachen Frau fügt. Sondern eine, die öffentlich austeilt. Die stark ist.

Schon einen Tag vor Bseisos Auftritt war das Publikum in Abu Dhabi ausgeflippt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Emirats waren zwei US-Wrestlerinnen in der Öffentlichkeit gegeneinander angetreten. "This is hope", das macht Hoffnung, hatten die Zuschauer gerufen. Die Athletinnen rührte das zu Tränen.

Die Reaktion der Zuschauer erzählt viel über die Stimmung in der Golfregion. Die Menschen, so scheint es, sind bereit für einen kulturellen Wandel, für eine tolerantere Gesellschaft, die Frauen von der männlichen Vormundschaft befreit. Die den Frauen nicht mehr nur die Rolle der Mutter und Hausfrau aufdrückt. Die sie auch als Sportlerin akzeptiert.

"Was wir im Nahen Osten erleben, ist eine allmähliche Lockerung des traditionellen Rollenverständnisses", sagt Minky Worden, Direktorin für globale Initiativen bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, "davon profitiert auch der Sport."

Amerikanische Wrestlerinnen in Abu Dhabi: Tränen der Rührung

Amerikanische Wrestlerinnen in Abu Dhabi: Tränen der Rührung

In Saudi-Arabien wird unter König Salman seit vergangenem September an staatlichen Schulen Sportunterricht für Schülerinnen angeboten. In Mishref, Kuwait, gehen Frauen im Park joggen, was vor Jahren undenkbar war. In Sadr City, im Irak, haben sich Frauen dem Gewichtheben verschrieben.

Dabei ist es gar nicht so lange her, dass die beiden arabischen Staaten Katar und Saudi-Arabien sowie das islamische Sultanat Brunei erstmals überhaupt Athletinnen zu den Olympischen Spielen entsandten. 2012 in London war das.

Vier Jahre später erlebte Rio de Janeiro die Spiele muslimischer Frauen, von denen viele mit Hidschab, dem arabischen Kopftuch, antraten, unter ihnen erstmalig eine US-Fechterin. Es waren spektakuläre Bilder, als die deutschen Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst im Bikini gegen zwei Ägypterinnen in Leggings und langem Oberteil antraten.

Shadia Bseisos Eintritt in den Wrestlingzirkus ist für die Gleichberechtigung muslimischer Frauen der nächste große Schritt. Bseiso nennt die Chance ein "Privileg", doch sie spüre auch Erfolgsdruck. "Alle schauen auf mich", sagt sie, "wenn ich scheitere, dann scheitere ich als Repräsentantin dieser Region."

Selbst in den USA, dem Heimatland des modernen Wrestlings, ist der Sport eine von Männern dominierte Welt. Eine Maskerade muskelbepackter Show-Gladiatoren und Machos, die einander in perfekt einstudierten Inszenierungen mit der Faust ins Gesicht schlagen, Klappstühle über den Schädel hauen oder aus dem Ring werfen.

Die WWE, die im vergangenen Jahr 801 Millionen Dollar umsetzte und deren Shows weltweit Millionen Fernsehzuschauer verfolgen, will die Veranstaltungen mit Kämpferinnen ausbauen. Bislang sind ein Viertel aller 130 WWE-Stars weiblich. "Shadia Bseiso ist für unsere globale Marke ein Glücksfall", sagt Adam Bigwood, WWE-Direktor für internationale Geschäfte im Nahen Osten.

An einem sonnigen Vormittag sitzt Bseiso in Bigwoods Büro in Dubai, 15. Stock, Turm A der beiden Al Kazim Towers. Sie trägt Pumps und ein duftendes Parfum, ihre Fingernägel sind rosa lackiert, sie könnte genauso gut Model sein. Bevor Bseiso zu sprechen beginnt, faltet sie die Hände vor sich auf dem Tisch und lehnt sich nach vorn. Dann erzählt sie, wie sie zum Wrestling kam. Es ist die Geschichte eines modernen Märchens, das vielleicht gerade deswegen die Strahlkraft besitzt, Konventionen zu brechen.

Bseiso wurde in der jordanischen Hauptstadt Amman geboren. Sie wuchs in einem liberalen Haushalt auf, mit zwei älteren Schwestern und einem jüngeren Bruder. Der Vater, ein Bauingenieur, sagte ihr, sie könne werden, was sie wolle, solange sie Betriebswirtschaft studiere. Also studierte sie Betriebswirtschaft in Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Nebenbei machte sie das, wofür sie eigentlich brannte: Radio.

Für bessere Jobchancen zog sie nach dem Studium in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Dubai. Sie bekam eine Musiksendung bei Virgin Radio, später präsentierte sie im Fernsehen einen Ableger der Gesangs-Castingshow "The Voice" und moderierte Live-Events für Nike und Mercedes.

Als Ausgleich zum Job meldete sich Bseiso vor fünf Jahren zum Brasilianischen Jiu-Jitsu an. Der Sport ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf Betreiben der Königsfamilie zum Nationalsport gereift. Bseiso trainierte täglich anderthalb Stunden.

"Shadia hat mich mit Fragen gelöchert", erzählt ihr Jiu-Jitsu-Trainer. Jede ihrer Bewegungen habe sie Hunderte Male wiederholt. "Sie wollte alles perfekt machen." Bseiso ließ sich beim Training filmen und studierte die Videos bis in die Nacht. Was sie lernte, teilte sie mit der Welt auf Instagram und auf ihrem Blog. Der Sport wurde ihre Sucht.

Bseiso nahm an lokalen Wettkämpfen teil, gewann über ein Dutzend Medaillen. Irgendwann erzählte Bseiso dem Vater von ihrem Leben als Kampfsportlerin. Der wollte davon wenig wissen, habe das Thema nie mehr angesprochen. Bis Bseiso ihm nach Jahren erzählte, dass ihre Kämpfe im Staatsfernsehen übertragen werden. "Plötzlich war er stolz auf mich."

Wrestlerin Bseiso beim Try-out im April 2017: "Ich war platt"
David Gunn

Wrestlerin Bseiso beim Try-out im April 2017: "Ich war platt"

In den meisten islamischen Ländern müssen Frauen ihren Ehemann oder Vater fragen, ob sie in der Öffentlichkeit Sport treiben dürfen. In Iran ist es Frauen noch heute verboten, Fußballspiele zu besuchen. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind fortschrittlicher. In Dubais zahlreichen Fitnessstudios trainieren Frauen teilweise neben Männern.

Shadia Bseiso hatte nie geplant, Wrestlerin zu werden. Sie wollte die erste arabischsprachige WWE-Show im Fernsehen moderieren. Anfang vergangenen Jahres lud man sie in Dubai zu einem Casting ein. Die Jury fragte sie, welche Filme sie zuletzt gesehen habe und wie sie diese anmoderieren würde. Bseiso sagte, sie schaue kaum fern. Sie trainiere lieber.

Ein paar Monate später bekam Bseiso von der WWE eine E-Mail. Darin stand, sie solle sich noch einmal vorstellen. Allerdings bei einem sogenannten Try-out für potenzielle Wrestler. "Ich war platt", erzählt Bseiso. "Nie hätte ich mich in dieser Rolle gesehen."

Im vergangenen April stand Bseiso mit 33 anderen Athleten aus 18 Ländern in der gläsernen Dubai Opera, vor ihr ein Wrestlingring. Vier Tage lang ließ ein Team von WWE-Trainern die Frauen und Männer Lkw-Reifen wälzen, Sit-ups machen, Bodenrollen üben. Ein Coach nahm Bseiso in den Schwitzkasten, sie wand sich in Sekundenschnelle heraus, konterte mit einem Armhebel. Damit hatte der Trainer nicht gerechnet. Im Oktober unterschrieb Bseiso einen Dreijahresvertrag im Entwicklungsteam der WWE.

"Shadia hat großes Potenzial", sagt Canyon Ceman, WWE-Direktor für Talententwicklung. Sie bringe die Athletik und Ausstrahlung mit. Sie habe keine Scheu, vor Tausenden Zuschauern aufzutreten, spreche Englisch und Arabisch. Ceman nennt das eine "wertvolle Kombination".

Es sei symptomatisch für den Nahen Osten, dass ein ausländisches Unternehmen das Potenzial einer Athletin erkenne und nutze, sagt Human-Rights-Aktivistin Worden. Die gezielte Förderung von Frauen ist in arabischen Ländern eine Ausnahme. Fast alle Olympiateilnehmer aus der Region trainierten im Ausland. "Der Staat kümmert sich erst, wenn Eigeninteressen bedient werden können", sagt Worden und verweist auf Katar.

Das Emirat habe schon im Sommer 2010 angekündigt, Frauen zu den Olympischen Spielen nach London zu schicken, um sich erfolgreich für die Fußball-WM 2022 bewerben zu können. Katars Machthaber hätten gewusst, dass es ohne ein Zeichen des guten Willens in der Frage der Gleichberechtigung unmöglich gewesen wäre, die WM zu bekommen.

Bis heute müssen Frauen aus dem Nahen Osten, die Sport treiben wollen, viele Schwierigkeiten überwinden. Es gilt, die Familie von ihren Ambitionen zu überzeugen. Oft fehlen die Trainingsmöglichkeiten. Faye Sultan, in London Kuwaits erste olympische Schwimmerin, zog ihre Bahnen allein in einem Kinderbecken, in dem ihre Füße auf dem Beckenboden aufschlugen. Erst als ihr Vater beim Schwimmverband Druck machte, durfte sie mit dem Olympiateam der Männer trainieren.

Shaida Bseiso schindet sich seit Januar täglich sechs Stunden im WWE-Trainingszentrum in Orlando, einer 2415 Quadratmeter großen Halle mit sieben Wrestlingringen. Ehemalige WWE-Größen zeigen hier, wie man sich von den Ringecken auf den Gegner stürzt und wie man fällt, ohne sich zu verletzen.

Eine Stunde pro Tag steht Character Development auf dem Programm - eine Einheit, bei der es darum geht, glaubhaft den Guten oder den Bösen im Ring zu spielen. Ausbildungschef Ceman sagt, er könne sich Bseiso in beiden Rollen vorstellen. "Ich hoffe, sie wird eine Gute."

Bis zu vier Jahre dauert die Ausbildung zum Profi in der Entwicklungsliga. In dieser Zeit treten die Athleten mehrmals wöchentlich in kleineren Shows vor ein paar Hundert Zuschauern auf. Nur etwa ein Drittel der 90 Athleten im Trainingszentrum in Orlando erhält im Anschluss einen Vertrag für die große WWE-Bühne.

Bseiso will auf diese Bühne - vermutlich mehr als jede andere ihrer Mitstreiterinnen. Sie sagt: "Ich will der Welt zeigen, dass es für muslimische Sportlerinnen keine Grenzen gibt."

Im Video: Die erste Wrestlerin aus dem Nahen Osten

Martin Von Den Driesch / Der Spiegel
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