AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2013

USA Wider die Barrieren

Facebook-Chefin Sheryl Sandberg hat ein Buch geschrieben, in dem sie Frauen auffordert, die Führungsetagen zu stürmen. Sie entfachte damit eine neue Feminismusdebatte.

Buchautorin Sandberg: "Wir brauchen mehr Frauen an der Macht"
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Buchautorin Sandberg: "Wir brauchen mehr Frauen an der Macht"

Von Britta Sandberg


Die Sache mit der Damentoilette muss sie nachhaltig verstört haben, die Episode kommt gleich auf den ersten Seiten ihres Buches vor. Es war auf einer Konferenzetage in New York, in einem dieser Büros mit 360-Grad-Blick über Manhattan, die man aus Spielfilmen kennt.

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Heft 10/2013
Fettig, salzig, süß: Wie Lebensmittelkonzerne uns verführen

Sheryl Sandberg hatte zwei Jahre zuvor die Geschäftsführung von Facebook übernommen, nun war sie mit ihrem Team für eine Präsentation bei einer Private-Equity-Firma, am Konferenztisch saßen lauter Männer.

Nach zwei Stunden wird eine Pause angesetzt, Sandberg fragt nach den Damentoiletten. Der Senior Partner der Firma dreht sich ratlos um, das Unternehmen ist vor einem Jahr hier eingezogen, aber er weiß nicht, wo die Damentoiletten sind.

"Wollen Sie mir sagen, dass ich die erste Frau bin, die mit Ihnen hier heute einen Deal machen möchte?", fragt Sandberg.

"Oder die Erste, die dabei auf die Toilette muss", antwortet der Kunde.

Sheryl Sandberg, 43 Jahre alt, Mutter zweier Kinder, eine der reichsten Frauen der Welt, früher Harvard-Studentin, dann bei der Weltbank, später Stabschefin im amerikanischen Finanzministerium und Vize bei Google, hat diese Geschichte aufgeschrieben wie viele andere aus ihrem Berufsleben, in einem Buch, das kommende Woche in den USA erscheint.

Sie nimmt sie als Beleg dafür, dass die Welt noch immer nicht so ist, wie sie sie sich wünscht, auch 50 Jahre nach dem berühmten Plädoyer der amerikanischen Feministin Betty Friedan für die Berufstätigkeit der Frau: "Es ist an der Zeit, uns einzugestehen, dass unsere Revolution zum Stillstand gekommen ist", schreibt Sandberg. Denn noch immer gebe es Barrieren und gläserne Decken überall.

Geringere Flexibilität ist karrierehemmend

Sandberg ist die Frau, die gern erzählt, wie sie während Telefonkonferenzen bei Facebook die elektrische Milchpumpe anwarf, als sie ihre Tochter noch stillte. Wenn jemand nach dem komischen Geräusch fragte, das da in der Leitung sei, habe sie erklärt, draußen fahre gerade ein Feuerwehrwagen vorbei. Später entschied sie, ihr Büro jeden Tag um 17.30 Uhr zu verlassen, um noch mit ihren Kindern essen zu können. Am Anfang ging sie noch heimlich, dann machte sie auch das öffentlich - und tat damit vielen Frauen einen großen Gefallen. Auch wenn es einfacher ist, als Chefin durchzusetzen, den Arbeitstag früher zu beenden oder zu unterbrechen, bevor man abends zu Hause weiterarbeitet. Sie setzte damit Maßstäbe, sie zeigte, dass es gehen kann. Auch ganz oben.

Nun folgt der nächste Einschlag, ein Buch, das einen Harry-Potter-ähnlichen Start verspricht: mit einer Party in Anwesenheit von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, einem 60-Minuten-Exklusiv-Interview bei CBS, einem 40-Seiten-Spezial in der amerikanischen "Cosmopolitan".

Sandberg zitiert in diesem Buch Dutzende Statistiken und Studien, die die Misere der Frauen in Zahlen fassen: Mütter, die wegen eines Kindes ein Jahr zu Hause bleiben, verlieren durchschnittlich 20 Prozent Gehalt. Berufstätige Frauen verbringen zu Hause doppelt so viel Zeit wie ihre Partner mit Hausarbeit und dreimal so viel mit Kinderbetreuung.

Frauen in Führungspositionen zeigen eine geringere Flexibilität, in andere Firmen und neue Zuständigkeitsbereiche zu wechseln als Männer, was karrierehemmend ist. Kleine amerikanische Jungen können sich vorstellen, Präsident zu werden, kleine amerikanische Mädchen nicht.

Das alles ist nicht neu, originell aber ist die Antwort, die Sheryl Sandberg auf die Frage gibt, woran es denn nun liege, dass sie im Jahr 2013 nach wie vor zu den wenigen mächtigen Frauen in Amerikas Wirtschaft gehört, zu den Ausnahmeerscheinungen - mit einem Jahreseinkommen von fast 31 Millionen Dollar und dem zehnten Platz auf der "Forbes"-Liste der "Power Women".

Verrät Sandberg die Ideale ihrer Vorkämpferinnen?

An den Frauen selbst liege das, sagt sie: "Wir üben uns in Zurückhaltung, weil es uns an Selbstvertrauen fehlt, wir reißen nicht die Hände hoch und melden uns, wenn es Posten zu verteilen gibt, wir ziehen uns zurück, anstatt uns reinzuhängen. Wir setzen unsere eigenen Erwartungen herab, wenn wir uns fragen, was wir erreichen können. Wir leisten weiterhin das Gros der Hausarbeit und Kinderbetreuung. Wir machen Karrierekompromisse, um Raum für Kinder zu schaffen, auch wenn es die noch gar nicht gibt."

Das aber kann all jenen Frauen nicht passen, die Feminismus immer so verstanden haben, dass erst einmal die Männer - Ehemänner, Politiker, Chefs - für den Stillstand verantwortlich zu machen seien. Also ziemlich vielen.

Und es genügt, damit das Buch schon vor Erscheinen von allen Seiten beschimpft wird. Amerikanische Zeitungen verurteilten Sandbergs Kritik umgehend als elitäre, weltfremde Sicht auf die Dinge. Es sei nicht angemessen, schreibt Jodi Kantor in der "New York Times", wenn ausgerechnet Sandberg als Inhaberin zweier dicker Aktienpakete von Google und Facebook und eines 800-Quadratmeter-Hauses mit einer Armee von Bediensteten weniger vermögenden Frauen empfehle, sich einfach mehr anzustrengen.

Die Buchautorin Joanne Bamberger sieht sogar einen neuen "Mommy War", einen Krieg der Mütter, auf das Land zukommen: Während Yahoo-Chefin Marissa Mayer gerade die Präsenzkultur am Arbeitsplatz wieder einführe, das Homeoffice abschaffe und Frauen damit erneut benachteilige, rufe Sandberg bei Amerikas Frauen nun Schuldgefühle hervor: "Schuldig, weil sie nicht mehr Ehrgeiz haben. Schuldig, weil sie es wagen, ihre Kinder und Partner für ebenso wichtig zu halten wie ihre Karriere." Sandbergs Thesen sieht sie als Rückschritt für berufstätige Mütter, nicht als Fortschritt.

Ist dem so? Verrät Sandberg gerade die Ideale ihrer Vorkämpferinnen? Warum eigentlich?

Frauen müssen permanent gegen Widerstände kämpfen

Sheryl Sandberg hat seit Jahren die Probleme von Frauen in Führungspositionen zu ihrem Thema gemacht. Weil sie glaubt, dass dort ihre Kompetenz liege. Und weil sie zu oft erlebt hat, dass Frauen nicht aufsteigen, obwohl sie es könnten. Auch weil sie nicht länger hinnehmen möchte, dass auf der "Fortune"-Liste der 500 umsatzstärksten Unternehmen der USA nur 21 Chefinnen stehen.

Diese Debatte ist schon deshalb zwangsläufig eine elitäre, weil sie nur wenige Frauen betrifft - jene, die in Führungspositionen aufsteigen könnten. Das macht die Auseinandersetzung aber nicht unwichtiger. Nicht jede Frau strebt nach Führungspositionen. Auch andere Lebensentscheidungen sind legitim, das hat die Facebook-Chefin wiederholt eingeräumt. Für alle anderen hält sie in ihrem Buch viele kleine Wahrheiten bereit und erhebt Forderungen, mit denen man sich - unabhängig vom Jahreseinkommen - solidarisieren kann.

So beschreibt sie, wie Frauen sich immer noch permanent unterschätzen, sich nicht an den Konferenztisch setzen und "hier" rufen, während die Jungs, von Zweifeln nicht geplagt, nach neuen Aufgaben, Projekten und Posten schreien. Sie fordert, sich endlich von dem Glauben zu verabschieden, dass irgendwann schon einer vorbeikommt, der einem die Krone aufsetzen wird, wenn man nur seine Arbeit macht. Sie warnt Frauen mit Kinderwunsch davor, sich präventiv auf die Reservebank zu setzen, nur weil sie irgendwann Kinder und Karriere vereinbaren müssen.

Und sie schildert die vielen "internen Barrieren", geschlechtsspezifische, anerzogene Stereotype, die es zu überwinden gelte und mit denen auch sie zu kämpfen gehabt habe. Erst nachdem sie ihr Schwager dazu aufgefordert habe, endlich zu verhandeln wie ein Mann, habe sie bei ihrem Einstieg bei Facebook nicht gleich das erste Gehaltsangebot akzeptiert.

Permanent müssten Frauen gegen Widerstände ankämpfen, so schreibt sie: "Stellen Sie sich Karriere wie einen Marathon vor, bei dem Männer und Frauen gleich fit und gut trainiert an der Startlinie stehen. Der Schuss fällt. Die Männer und Frauen rennen Seite an Seite. Die männlichen Läufer werden routinemäßig angefeuert: 'Starke Leistung, du bist auf dem richtigen Weg.' Die weiblichen Läufer hören etwas anderes: 'Du weißt, du solltest das eigentlich nicht tun', ruft die Menge. Oder: 'Guter Start, aber du wirst wahrscheinlich nicht bis zum Ende durchhalten.'" Die Episode endet mit der Frage, warum die Frauen eigentlich rennen, während die Kinder sie doch zu Hause brauchen.

Noch so ein wahrer Moment.

Das Buch ist nur der Anfang, der Beginn einer großen Kampagne: "Lean In Circles" sollen folgen, kleine Clubs, bei denen sich Frauen mit Führungswillen monatlich treffen, weiterbilden und in die Geheimnisse des effektiven Managements einweihen lassen. Sandberg möchte eine "globale Gemeinde schaffen, die zum Ziel hat, Frauen zu ermuntern, ehrgeizig zu sein, sich reinzuhängen".

Sie träumt von einer großen sozialen Bewegung. Der Wille dahinter ist feministisch wie politisch durchaus korrekt: "Wir brauchen mehr Frauen an der Macht", sagt sie, "erst wenn die Führung eine andere Politik einfordert, wird sich etwas ändern." Misstrauischer kann man gegenüber Männern nicht sein.

insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
david_2010 07.03.2013
1.
Männliche Manager mit Millionen-Gehalt werden als "gierig" und "Heuschrecken" bezeichnet. Eine Frau, die 31 Millionen Dollar im Jahr verdient, nennt man "Power-Frau". Fällt da niemandem etwas auf ?!
panamalarry 07.03.2013
2. Hmm...
Ich brauche keine Männer an der Macht, wieso soll ich jetzt Frauen an der Macht brauchen? Ochsenfrosch Merkel oder Birne Kohl, das ist mir Jacke wie Hose... Und die Argumentation, daß die Gesellschaft oder die Menschheit irgendwie sozialer, gerechter oder ökologischer wird, nur weil Frauen das Zepter schwingen, ist doch nur ein fadenscheiniges Argument von genau derjenigen Gruppe, die halt gerade an die Macht will. Und das einzige, was es zeigt, ist, daß die eben genauso verlogen sind, wie die Männerzirkel, die jetzt noch vorwiegend an der Macht sind.
berndscherdel 07.03.2013
3. Fragen über Fragen ...
1. Muss ich als Mann wirklich wissen, wo die Damentoilette ist? 2. Bemisst sich das Leben wirklich nach Gehalt oder "verliere" ich als Frau vielleicht 20% Einkommen, gewinne aber 100% mehr Lebensqualität, wenn ich die Kinder, die ich (hoffentlich) gewollt habe, auch betreuen und aufwachsen sehen darf? 3. Ist der Haushalt wirklich so schlimm? Manchmal sehne ich mich nach Hausarbeit. Dort sieht man wenigstens gleich den Erfolg :-). Wenn Frauen immer sagen, die Männer tun zu Hause zu wenig, dann sind sie mindestens zu 50% selber Schuld. 4. Gibt es beim Marathon auch gläserne Decken/Wände oder warum sind Männer (im Durchschnitt) schneller? Oder gibt es gar einen (kleinen) Unterschied? Es gibt übrigens sehr viele Frauen, die schneller Laufen können als ich - und ja, ich habe auch eine Chefin.
sok1950 07.03.2013
4. auf die Kenntnis der Damentoilette kommt's an...
Wer als Man nicht weiß, wo die ist, na der ist aber sexistisch.
dongerdo 07.03.2013
5.
Zitat von sysopREUTERSFacebook-Chefin Sheryl Sandberg hat ein Buch geschrieben, in dem sie Frauen auffordert, die Führungsetagen zu stürmen. Sie entfachte damit eine neue Feminismusdebatte. http://www.spiegel.de/sheryl-sandberg-facebooks-chefin-feuert-karriere-frauen-an-a-886922.html
Es hat eine gewisse Ironie dass eine Frau, die unterm Strich genau das macht was heftige Gegner der Quoten in diesen Foren immer fordern, nämlich für den gleichen Job auch die gleiche Arbeit zu leisten, sich reinzuhängen, Verantwortung zu übernehmen usw, also Dinge die in Führungspositionen einfach nur grundlegend logisch sind, eben von den Feministinnen dafür geschlachtet wird weil Sie dreisterweise damit auch noch Erfolg hat.... Und warum? Weil ihr Erfolg direkt und unmissverständlich zeigt wie Verlogen das Brüllen nach einer reinen Vagina-Quote eigentlich ist. Die gute Dame hat einfach Recht. (Trotzdem ist es wirklich interessant dass, wie schon angesprochen, 31Mio im Jahr anscheinend kein Problem sind so lange eine Frau es verdient - könnte man fasst schon Sexismus nennen ;-) )
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