AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Vor dem Börsengang Was die Medizintechnik von Siemens wirklich wert ist

Der Münchner Elektrokonzern bringt seine gewinnträchtige Sparte an die Börse. Was Anleger wissen sollten, bevor sie einsteigen.

Röntgensystem in Ausstellungsraum in Forchheim
Bloomberg/ Getty Images

Röntgensystem in Ausstellungsraum in Forchheim

Von und


Wenn Christoph Zindel, 56, durch seine Werkshalle in Erlangen läuft, wirkt er begeistert wie ein kleines Kind, das sich über sein neues Feuerwehrauto mit blinkendem Blaulicht freut. Der promovierte Mediziner ist Chef des Siemens-Geschäfts mit Magnetresonanztomografen (MRT), das zusammen mit anderen Geschäftszweigen unter dem Kunstnamen Healthineers noch vor Ostern an die Börse gebracht werden soll.

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Heft 9/2018
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Voller Stolz erzählt Zindel, dass 1983 allein der Magnet für den ersten Tomografen noch 7,3 Tonnen wog, seine Ingenieure das Gewicht inzwischen aber auf fast die Hälfte reduzieren konnten. In zwei Schichten fertigen 250 Mitarbeiter mit viel Handarbeit die aufwendigen Geräte. Manchmal müssen sie sogar am Samstag ran, so begehrt sind die Apparate. Sie helfen unter anderem, Tumoren, Bandscheibenvorfälle oder gefährliche Ausbuchtungen der Schlagadern zu entdecken, und bescheren dem Konzern seit Jahren üppige Gewinne.

Was vor rund 40 Jahren in einer Holzbaracke in Erlangen begann, steht für Präzision, Zuverlässigkeit und Ingenieurkunst, made by Siemens. Gerade deshalb soll der Vorzeigebetrieb im fränkischen Erlangen bei dem bevorstehenden Börsengang die Begehrlichkeit von institutionellen Investoren, Staatsfonds und anderen, überwiegend professionellen Anlegern wecken. Läuft alles nach Plan, könnte schon in der kommenden Woche der offizielle Börsenprospekt erscheinen.

Auch die Preisspanne, zu der die Aktien angeboten werden, dürfte bald darauf feststehen. Bereits vor Ostern könnten die neuen Healthineers-Aktien erstmals an der Frankfurter Börse gehandelt werden. Die Mehrheit bleibt allerdings erst einmal bei Siemens.

Noch wird um Details gerungen, auch ob und, wenn ja, wie viele Aktien für Kleinanleger abfallen, ist nach wie vor unklar. Eines jedoch steht schon jetzt fest: Dies dürfte einer der spektakulärsten Börsengänge seit Jahrzehnten werden. Es handelt sich vermutlich um die größte Transaktion seit dem umstrittenen Debüt der Deutschen Telekom auf dem Börsenparkett vor 22 Jahren. Zwischen 5 und 15 Milliarden Euro könnten durch den Verkauf hereinkommen, je nachdem wie viel Prozent seiner Anteile Siemens abgibt. Auf jeden Fall dürfte mehr Geld eingenommen werden als bei jedem anderen bislang geplanten Börsengang in diesem Jahr.

Skeptiker besänftigt die Healthineers-Führung mit der Zusage, 50 bis 60 Prozent der Gewinne auszuschütten, eine stolze Quote, ganz wie bei der Mutter. Genau das macht Kritiker aber misstrauisch: Warum, fragen sie, trennt sich Siemens von Teilen eines Geschäfts, das so gut läuft? Und warum will der Konzern den Gewinn mit außenstehenden Aktionären teilen, obwohl er ihn als Alleineigentümer zu 100 Prozent selbst einstreichen könnte?

Joe Kaeser
Axel Griesch/ FinanzenVerlag/ laif

Joe Kaeser

Wer nach einer Antwort auf diese Frage sucht, muss mehr als vier Jahre zurückgehen, in den Sommer 2013: Der frühere Finanzchef Joe Kaeser war damals quasi über Nacht zum Nachfolger des rüde abservierten Vorstandschefs Peter Löscher bestellt worden. Kaeser hatte zu dieser Zeit zunächst alle Hände voll damit zu tun, die verunsicherte Belegschaft zu beruhigen und Fans und Gegner seines Vorgängers miteinander zu versöhnen.

Trotzdem trieb ihn offenbar schon damals die Zukunft der Medizintechnik um. Das geht aus einem Interview hervor, das er gleich nach seiner Ernennung gab. "Wir werden ... dort längerfristig einen Paradigmenwechsel erleben, von der erfahrens- zur wissensbasierten Medizin", prognostizierte Kaeser (SPIEGEL 32/2013). Auch das "Auswerten und Einordnen der Daten, die zum Beispiel über die Diagnostik gewonnen werden", erhalte einen immer größeren Stellenwert.

Was seine Aussage bedeutete und welche Konsequenzen sie für die Zukunft der Siemens-Renommiersparte haben würde, ging im allgemeinen Trubel um anstehende Personal- und Organisationsveränderungen unter. Umso verblüffter waren Mitarbeiter und Arbeitnehmervertreter, als Kaeser wenig später Ernst machte, den erfolgreichen Geschäftszweig vom Konzernkörper abnabelte und ihn in eine eigenständige Gesellschaft auslagerte.

Der Börsengang ist der nächste Schritt, aber vermutlich nicht der letzte. "Wir wollen der Sparte Medizintechnik ... mehr Handlungsspielraum geben, etwa auch für mögliche Akquisitionen", rechtfertigte Kaeser bereits 2014 die Abtrennung. Durch den Gang an die Börse kann die Tochter sich künftig selbst Geld für Übernahmen am Kapitalmarkt besorgen. Und es ist möglich, die eigenen Anteilscheine als Tauschmittel einzusetzen, um aufstrebende Firmen und dringend erforderliches Know-how zu erwerben.

Dabei sieht es auf den ersten Blick überhaupt nicht so aus, als hätte Siemens das nötig. In der MRT-Produktion in Erlangen stehen millionenteure Superscanner mit Kunstnamen wie "Espree" oder "Skyra". Von hier aus werden die imbissbudengroßen Apparate in Kisten verpackt und in alle Welt geliefert. Die letzten Exemplare gingen unter anderem nach Frankreich, in die US-Metropole Atlanta oder ins saudi-arabische Medina. "Wir stellen nicht irgendwelche Dinge her, es geht bei unseren Produkten oft um Menschenleben", sagt Zindel.

Doch die Perfektion und all das Bling-Bling können täuschen. Auch die Autoindustrie war bis vor Kurzem mächtig stolz auf ihre beeindruckenden Karossen - musste in den vergangenen Jahren aber schmerzlich erfahren, wie verwundbar die Branche durch die Digitalisierung und neue Technologien wie den elektrischen Antrieb oder das autonome Fahren ist.

Ähnlich könnte es irgendwann auch seiner Gesundheitstochter ergehen, fürchtet Kaeser. Er will ihr das Schicksal ersparen, welches das frühere Kerngeschäft von Siemens ereilte: die Telekommunikation. Deren Manager unterschätzten die Bedeutung des Internets, auch für die Telefonie. Heute ist vom einstigen Stolz des Konzerns nichts mehr übrig.

Auch die Gesundheitsbranche wandelt sich radikal - und das nicht nur in ausgewählten Bereichen, sondern übergreifend.

In der alten Welt, in der Siemens groß geworden ist, wurden die Menschen noch in zwei Kategorien eingeteilt, in Gesunde und Kranke. Mit der ersten Gruppe hatte der Konzern wenig zu tun, schließlich war dort kaum Geld zu verdienen. Seine Geräte kamen vor allem bei Ärzten und Kliniken zum Einsatz. Sie sollten helfen, Patienten zu kurieren, und sich für beide, das Krankenhaus und Siemens, rentieren.

Neue Technologien wie künstliche Intelligenz, die Datenanalyse über Algorithmen oder die Erforschung und Entschlüsselung des Erbguts von Menschen und Krankheitserregern stellen das alte Modell nun auf den Kopf. Im Mittelpunkt steht nicht mehr der Arzt, sondern der Mensch. Er entscheidet zunehmend selbst, welche Daten er mit welchen Anwendungen erhebt, nutzt oder preisgibt, um seine Gesundheit zu erhalten und Krankheiten möglichst schon im Vorfeld zu begegnen. Prominentestes Beispiel ist die Schauspielerin Angelina Jolie. Sie ließ sich ihre Brüste prophylaktisch entfernen, nachdem eine Genanalyse gezeigt hatte, dass sie familiär bedingt mit einer Wahrscheinlichkeit von 87 Prozent an Brustkrebs erkranken würde. Ihr Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken, betrug 50 Prozent; auch die Eierstöcke ließ sie später entfernen.

Inzwischen gibt es weltweit mehr als 320.000 Medizin-Apps für Smartphones, die Menge hochwertiger Software wächst rasant: Mittels kleiner Hilfsgeräte können die Herzfrequenz bestimmt, Hirnströme oder der eigene Augeninnendruck gemessen und sogar ein Ultraschall mittels ans Handy ansteckbarer Sonde angefertigt werden. Täglich kommen Hunderte neuer Applikationen hinzu. In absehbarer Zeit werden Patienten mit akkuraten Diagnosen zum Arzt kommen.

Siemens ist in diesem patientennahen Bereich bislang kaum vertreten. Apps werden aber immer wichtiger. Sie können chronische Krankheiten überwachen oder Daten für Analysesoftware liefern.

Stattdessen drängen die Ableger großer Tech-Konzerne ins Geschäft, etwa aus dem Silicon Valley. Apple kündigte Ende Januar an, bei seiner nächsten iPhone-Software-Version die dazugehörige "Health"-App zu erweitern und Daten von Ärzten und Krankenhäusern zu integrieren. Die Apple Heart Study, in der mittels der Apple Watch Herzrhythmusstörungen erkannt werden sollen, gehört zu den größten Untersuchungen ihrer Art. Im Januar veröffentlichte Google einen Fachaufsatz, in dem beschrieben wird, wie Großrechner nicht weniger als 46 Milliarden Datenpunkte verarbeiteten, um den Heilungsverlauf von Krankenhauspatienten vorherzusagen. Eine Google-Tochter kann mit einer neuartigen Software bereits Bilder der Netzhaut analysieren und Augenkrankheiten wie den Grünen Star vorhersagen.

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Einen anderen, etwas gewöhnungsbedürftigen Weg geht Facebook. Das Unternehmen sammelt seit vergangenem November systematisch Daten und Aufnahmen von Nutzern des eigenen Dienstes oder der Fototauschbörse Instagram, um Frühindikatoren für eine Depression oder sogar Selbstmordgefährdung herauszudestillieren.

Microsoft will an seinem Forschungsstandort im britischen Cambridge eine Einheit aufbauen, die sich künstlicher Intelligenz in der Medizin widmen soll. Scharen von kleineren Unternehmen, aber auch etablierte Pharmahersteller arbeiten mit Hochdruck daran, etwa Krebserkrankungen schon aus der Analyse weniger Blutstropfen zu erkennen. Sollte es zum Durchbruch der sogenannten Flüssigbiopsie kommen, könnte sie bildgebende Verfahren wie die MRT-Geräte von Siemens ergänzen - und womöglich irgendwann zu einem erklecklichen Teil ersetzen.

Noch werkeln die meisten Firmen, darunter unzählige Start-ups, allein vor sich hin. Doch das könnte sich schon bald ändern. US-Internetriesen wie Amazon haben längst erkannt, dass die Zukunft des Gesundheitswesens nicht darin liegt, immer mehr Daten zu sammeln und separat auszuwerten, sondern sie auf einer einheitlichen, für alle Anbieter zugänglichen Plattform zusammenführen. "Die Vernetzung ist die Königsdisziplin und das entscheidende Thema für die Zukunft", sagt Morris Hosseini von der Unternehmensberatung Roland Berger, "wer das besetzt, hat sich sozusagen den Heiligen Gral gesichert."

Siemens traut sich diese Rolle durchaus zu. Schließlich sammeln die Geräte des Konzerns in aller Welt wertvolle Daten, über die andere gar nicht verfügen. Allerdings müssen die Betreiber und die Patienten dem Unternehmen auch erlauben, sie zu nutzen. Und das dauert, zumindest in Deutschland.

Amazon war da schneller. Der E-Commerce-Gigant hat sich kürzlich mit der US-Bank J.¿P. Morgan Chase und Warren Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway zusammengetan, um den eigenen Mitarbeitern eine möglichst günstige Krankenversicherung anbieten zu können. Doch das ist vermutlich nur der Testlauf für eine viel größere, ehrgeizigere Lösung: Je mehr Daten die Kunden freiwillig preisgeben und je transparenter die zu erwartenden Kosten dadurch werden, desto günstiger kann die Police angeboten werden. Es könnte der Schlüssel zu einer radikalen Kostensenkung im Gesundheitswesen sein, nicht nur in den USA. Wie viel Respekt Amazon entgegenschlägt zeigt die Reaktion an den Börsen: Als die drei CEOs ihre vage Idee präsentierten, rauschte der Wert der großen US-Pharma- und Gesundheitsunternehmen kurzzeitig um bis zu sechs Prozent nach unten.

Wenn aber Amazon und Co. in den Gesundheitsmarkt drängen und die Informationshoheit erobern, welche Rolle bleibt dann für Siemens? Wird der stolze Konzern in dieser neuen Welt zum schnöden Datenlieferanten degradiert?

Die Manager von Siemens und Healthineers wollen sich aus juristischen Grün-den nicht zu ihren konkreten Plänen nach dem Börsengang äußern. Erzählt man zu viel über Zukunfts- oder Zukaufpläne, könnte das als unzulässige Aufforderung zum Kauf der Aktien interpretiert werden.

Dabei nehmen Kaeser und Co. den Verbund von Amazon mit den US-Finanzgrößen durchaus ernst, das zeigte sich bei der Hauptversammlung Ende Januar. Berater des Vorstandschefs wiesen voller Sorge auf den Gesundheitspakt der drei US-Größen hin. Kaeser sprach die Gefahr sogar in seiner Rede an, abweichend vom Manuskript.

So viel ist klar: Irgendetwas wird auch bei Siemens und seinem neuen, eigenständigen Medizinableger passieren. Vermutlich wird es auf weitere Zukäufe oder Partnerschaften hinauslaufen.

Bereits vor knapp zwei Jahren schluckten die Bayern das Kölner Molekulargenetik-Unternehmen Neo New Oncology, um ihr Fachwissen bei der genetischen Tumoranalyse zu verbessern. Und die Siemens-Medizinsparte arbeitet mit einem der weltweit führenden US-Gentechnik-Pioniere, Illumina, zusammen, bislang jedoch nur in ausgewählten Bereichen.

Seit Jahren halten sich zudem Gerüchte, dass der Konzern irgendwann auch beim größten europäischen Biotechnikunternehmen Qiagen einsteigen könnte. Das allerdings würde teuer: Immerhin liegt der Börsenwert des Spezialisten für Diagnosetechnologien derzeit bei über sechs Milliarden Euro.

Healthineers-Chef Bernd Montag wies derartige Gerüchte vor Kurzem empört zurück. "Wir wollen nicht als Abenteurer gesehen werden, die erst mal eine Riesenakquisition tätigen", wehrte er Fragen vor dem Börsengang entnervt ab.

Vor anderthalb Jahren, als ein Börsenstart in weiter Ferne schien, klang das noch anders. In der Molekulardiagnostik, schwärmte Montag damals, gebe es "die meisten Innovationen und das stärkste Wachstum". Deshalb liege da die Zukunft. Nur habe Siemens in dem Bereich leider nicht so viel zu bieten.

Auf die Frage, ob er deshalb zukaufen müsse, antwortete Montag für seine Verhältnisse erstaunlich offen: "Müssen tut man nie, aber wir beobachten, was sich tut." Sollte sich was Interessantes tun, kann der Healthineers-Chef demnächst sogar auf eigene Rechnung einkaufen gehen. Und das Beste ist: Er muss nicht einmal mehr bei Kaeser um Geld betteln.

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