AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Das Gabriel-Schulz-Beziehungsprotokoll "...aber mit dir erst recht nicht"

Wie kam es zur Zerrüttung zwischen Sigmar Gabriel und Martin Schulz? Eine Rekonstruktion.

Sozialdemokraten Schulz, Gabriel: "Du bist genauso ein Emotionsbrötchen wie ich"
DPA

Sozialdemokraten Schulz, Gabriel: "Du bist genauso ein Emotionsbrötchen wie ich"

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Die beiden kennen das Büro im fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses nur zu gut. Von dem Eckzimmer aus oberhalb der Berliner Wilhelmstraße hat Sigmar Gabriel die SPD mehr als sieben Jahre lang geführt, nun sitzt hier Martin Schulz, aber auch dessen Zeit läuft ab.

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Heft 8/2018
Die Schwäche der Volksparteien - die schwache Republik

Als Gabriel am Mittwoch vergangener Woche um kurz nach zwölf Uhr den Raum betritt, melden die ersten Medien schon, dass Schulz das Amt des SPD-Chefs aufgeben werde - um Außenminister zu werden.

Gabriel ist aufgebracht, Schulz müde, er hat gerade gut 24 Stunden am Stück mit der Union verhandelt.

"Das ist ein Fehler", sagt Gabriel.

"Das sagst du doch nur, weil du Außenminister bleiben willst", erwidert Schulz.

Dann geht es eine halbe Stunde lang um so ziemlich alles, was sich in den vergangenen zwölf Monaten aufgestaut hat. Um gebrochene Versprechen und strategische Fehler, um Instinktlosigkeiten und menschliches Versagen. Es ist das Ende einer Freundschaft.

Gabriel und Schulz, das ist mehr als die Tragödie zweier Männer. Das Zerwürfnis ist auch ein Grund dafür, dass die SPD nun in den Abgrund blickt, dass es nicht mehr unvorstellbar erscheint, dass die Sozialdemokraten untergehen wie die Sozialisten in Frankreich.

Kann eine Freundschaft den Höllenritt der Politik überleben? Gabriel beneidete lange seinen Freund Schulz, der über viele Jahre in Brüssel ein ebenso frohes wie respektiertes Leben als EU-Parlamentarier genoss. "Du hast gut reden in deinem Brüsseler Elfenbeinturm. Kannst schön auf roten Teppichen den Präsidenten geben." Er hingegen müsse sich mit dem ganzen Mist abgeben, klagte Gabriel mehr als einmal, als er noch SPD-Chef war. Es gehört zu den irren Wendungen des Bundestagswahlkampfs, dass die Popularität des lange so geschmähten Gabriel in dem Maße stieg, wie die von Schulz sank.

Er war der 100-Prozent-Martin. Heute eine tragische Figur. Der politische Karikaturist Klaus Stuttmann zeichnet die Schulz-Story in 22 Bildern nach.

Das allein schon stellt eine Freundschaft auf die Probe. Dazu kommt, dass Schulz immer ein Stück skrupulöser ist als Gabriel, dessen genialische Impulsivität bisweilen alles hinwegwalzt, was sich ihr in den Weg stellt: Freunde, Meinungen von gestern und, wie sich zum Schluss zeigte, auch den guten Geschmack.

Kaum etwas hat Schulz im Wahlkampf mehr beschäftigt als die Einwürfe und Wortmeldungen des ewig quirligen Gabriel; der wiederum litt unter der Zögerlichkeit des Kandidaten und ließ das auch durchblicken.

Nun stehen sie beide vor den Trümmern ihre Karriere.

Wann hat das Drama begonnen? Am 21. Januar 2017 bittet Gabriel seinen Freund zu einem abendlichen Treffen auf Schloss Montabaur, hinter ihnen liegen Monate des Abtastens und Herumtänzelns. Schon im Sommer 2016 hat Gabriel Schulz gegenüber durchblicken lassen, dass er - möglicherweise - nicht selbst als Kanzlerkandidat antreten werde. "Einer von uns muss es machen", versichern sich die beiden, damals noch ganz ohne Argwohn.

Aber schon im Oktober 2016, drei Monate vor dem Treffen in Montabaur, bekommt die Freundschaft erste Risse. Schulz ist nun häufiger in Deutschland, besucht viele Versammlungen der Partei und begeistert die Genossen. Mitte Oktober tourt er zwei Tage durch Berlin, springt von einem öffentlichen Termin zum nächsten und besucht eine Buchpremiere: Die erste Schulz-Biografie erscheint.

Erst mit der Zeit wird klar, wie schlecht das Willy-Brandt-Haus auf den Wahlkampf vorbereitet ist.

Gabriel stört diese auffällige Eigenwerbung. "Der macht eine Kampagne gegen mich", vertraut er einem seiner Berater an. Wenn Gabriel auf die Kanzlerkandidatur verzichtet, dann soll es so wirken, als tue er das aus freien Stücken. Auch Schulz ahnt, dass sich etwas dreht. "Der will mich nicht in Berlin", klagt er im kleinen Kreis.

Ende November wird Schulz klar, dass er keine Chance mehr hat, für weitere zweieinhalb Jahre Präsident des Europäischen Parlaments zu bleiben. Er sichert sich den Listenplatz eins seines SPD-Landesverbands in Nordrhein-Westfalen und verkündet, dass er für den Bundestag kandidieren werde. Von nun an ist er von Gabriel abhängig. Ob er Parteivorsitzender, Kanzlerkandidat, Außenminister oder nichts wird, liegt in der Hand seines Freundes.

Gabriel aber lässt ihn im Ungefähren, weil er nicht weiß, was er machen soll. Er schwankt zwischen dem Wunsch, es selbst als Kanzlerkandidat zu versuchen, und der Enttäuschung darüber, dass seine Popularitätswerte einfach nicht besser werden wollen. Dabei hat Gabriel in diesem Herbst durchaus Erfolge vorzuweisen: die Rettung von Tausenden Arbeitsplätzen bei Kaiser's Tengelmann, den Durchbruch beim Freihandelsabkommen Ceta - und nicht zuletzt die Nominierung von Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten.

Lange hofft Gabriel, dass diese Coups doch noch sein Ansehen steigern. Aber die Werte bleiben schlecht. Die von Schulz hingegen werden besser. Diese Zahlen verändern etwas zwischen den beiden. Schulz bestärken sie in der Auffassung, der bessere Kandidat zu sein. Bei Gabriel schüren sie Misstrauen.

Gabriel spürt, dass Schulz nicht nur Kanzlerkandidat werden will, sondern auch Parteichef. Dazu ist Gabriel allerdings nicht bereit, zumindest noch nicht. Er hängt an dem Amt, auch emotional. Das verschärft die Rivalität der beiden Freunde.

Um Spannung abzubauen, fliegt Schulz im November 2017 eigens von Brüssel nach Berlin, wo Gabriel und er sich am Abend im Hotel Adlon aussprechen wollen. Der SPD-Chef kommt durch den Vordereingang, Schulz durch eine Nebentür. Doch die von Schulz erhoffte Klarheit in Sachen Außenminister und Kanzlerkandidatur gibt es nicht. Gabriel lässt Schulz zappeln - es ist seine Art, Rache für Schulz' Roadshow zu nehmen.

Schulz, Gabriel: "Wir würden uns voll in die Haare kriegen"
HC Plambeck

Schulz, Gabriel: "Wir würden uns voll in die Haare kriegen"

Als Schulz am 21. Januar nach Montabaur fährt, glaubt er selbst nicht mehr daran, Kanzlerkandidat zu werden. Kurz vor Weihnachten war Gabriel in eine Spezialklinik in Hessen gefahren. Es gibt einen Eingriff, der dazu beiträgt, dass Gabriel binnen wenigen Wochen 13 Kilogramm abnimmt. In der SPD wird die OP als Vorbereitung auf die Kandidatur gedeutet. Rund um den Jahreswechsel gibt er Interviews, nach denen es kaum noch Zweifel gibt, dass er selbst antreten wird.

"Ich mache es nicht", mit diesen Worten eröffnet Gabriel das Gespräch in Montabaur. "Du bist der Kandidat." Gabriel testet noch einmal, ob Schulz vielleicht doch bereit wäre, ihm den Parteivorsitz zu lassen. Aber Schulz bleibt hart. Er hat genau beobachtet, wie sehr Kanzlerkandidat Peer Steinbrück vier Jahre zuvor darunter gelitten hatte, dass der Parteichef Gabriel immer wieder die Botschaften seiner Kampagne durchkreuzte.

"Ich würde das mit niemandem machen, aber mit dir erst recht nicht", erklärt Schulz. "Wir würden uns voll in die Haare kriegen. Das wäre das Ende unserer Freundschaft." Aus Verantwortung vor der Partei dürfe man dieses Risiko nicht eingehen. Gabriel wird später erzählen, Schulz habe ihn aus dem Amt des Vorsitzenden gedrängt. Die Wahrheit ist, dass ihm niemand den Vorsitz streitig gemacht hätte, wenn er selbst bereit gewesen wäre, Kanzlerkandidat zu werden.

Später wird Gabriel gegenüber Schulz behaupten, dass der ihm auf Schloss Montabaur eine Zusage gegeben habe, auch im Falle einer Großen Koalition Minister bleiben zu können. Schulz bestreitet das. Falls er Bundeskanzler werde, werde er dafür sorgen, dass Gabriel im Kabinett sitze, habe er gesagt. Es steht Aussage gegen Aussage.

Schulz' Start als Kanzlerkandidat ist furios, die Umfragen der SPD schießen in die Höhe wie Champagnerkorken. In der Partei herrscht Euphorie, Gabriel fühlt sich bestätigt, dass es richtig war, Schulz die Kandidatur zu überlassen, aber die Popularität des Kandidaten kränkt ihn auch. Der Hype scheint zu beweisen, wie froh Genossen und Bürger darüber sind, ihn los zu sein. Als Schulz im SPIEGEL-Gespräch gefragt wird, ob Gabriel Außenminister bleiben werde, antwortet Schulz, dass er glaube, "Sigmar in diesem Punkt" enttäuschen zu müssen - da er selbst Bundeskanzler werden wolle und der Posten des Außenministers in der Regel an den Koalitionspartner gehe. Es ist eine launige Bemerkung, aber Gabriel ärgert sie. Er meldet sich umgehend bei Schulz und beschwert sich.

Erst mit der Zeit wird Schulz bewusst, wie schlecht Gabriel das Willy-Brandt-Haus auf die Bundestagswahl vorbereitet hat. "Ich habe hier weitgehend Strukturen übernehmen müssen, die von jemand anders geschaffen wurden", klagt Schulz während einer der vielen Strategiesitzungen im Wahlkampf. 1998 habe Franz Müntefering auch einen Wahlkampf vorbereiten müssen, bei dem nicht klar war, welcher Spitzenkandidat antritt - Gerhard Schröder oder Oskar Lafontaine.

Müntefering habe damals aber zwei verschiedene Kampagnen geplant, die zum jeweiligen Kandidaten passten. "Wir sind hier reingekommen mit einer gewissen Verspätung und einer Struktur, die nicht auf mich zugeschnitten war, sondern auf jemand anders", klagt Schulz. Langsam drängt sich ihm der Eindruck auf, dass Gabriel ihn vielleicht ausgetrickst haben könnte; dass sein Freund eine schlecht aufgestellte Parteizentrale hinterlassen und sich selbst ins Auswärtige Amt abgesetzt habe.

Schulz merkt auch rasch, wie schwer es Gabriel fällt loszulassen. Der tritt mitunter auf wie ein heimlicher Vorsitzender und schickt Schulz häufig SMS mit Anweisungen, was zu tun sei. Am Morgen nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund wird Schulz um halb sechs von einer Gabriel-SMS geweckt. Merkel habe nach der Attacke auf den BVB-Bus einen genialen Satz gesagt: "Heute sind wir alle BVB." Von der SPD sei leider niemand auf Sendung.

"Wo sind wir?", fragt Gabriel.

Dabei hatte Schulz bereits eine Twitter-Nachricht zum Unglück in Dortmund am Vortag gepostet: ein Foto, das ihn mit einem BVB-Schal um den Hals zeigt. Schulz merkt, dass es Gabriel juckt, noch immer den Ton anzugeben. Obwohl Gabriel vielen aus der Parteiführung und auch den Ministern der SPD gehörig auf die Nerven geht, hat Schulz noch Skrupel, Gabriel in die Schranken zu weisen.

Doch die Freundschaft wird brüchiger. Nach den gescheiterten Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen versucht Gabriel auf anderem Wege, die Kontrolle über Schulz' Kampagne zu übernehmen. Er will seinen wahlkampferprobten Vertrauten Matthias Machnig als Wahlkampfmanager installieren. Er soll Schulz' engsten Mitarbeiter Markus Engels ersetzen.

Schulz weigert sich. "Entweder ich setz mich mit meinem Stil durch, oder ich bin der falsche Mann", sagt er Ende Mai. Trotzdem betraut er Machnig nun mit einer Aufgabe. Er soll seinen "Zukunftsplan" mitentwickeln. Es sei besser, Machnig irgendwie an Bord zu haben, glaubt Schulz. Sonst würden er und Gabriel weiter durch die Hauptstadt laufen und die Stimmung verpesten.

Noch mehr ärgert Schulz jedoch, dass Gabriel mehrere Vorstöße zur Europapolitik unternimmt. Eigentlich sollte es sein großes Thema in dieser Kampagne sein. Aber der hyperaktive Gabriel meldet sich mit immer neuen Thesen und Papieren zu Wort. Damit zieht er die mediale Aufmerksamkeit stets vom Kandidaten ab. In dieser Zeit nimmt Schulz den Außenminister zur Seite und sagt: "Wenn du noch einmal was zu Europa sagst, ist Schluss." Aber Gabriel denkt gar nicht daran. Er will Schulz nicht schaden. Aber es ist einfach nicht in Gabriels Charakter angelegt, sich für ein paar Monate zurückzuhalten.

Allerdings ist Schulz auch selbst schuld an der Unwucht seiner Kampagne. Er ist dem Rat der damaligen Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, gefolgt, sich im Landtagswahlkampf mit Wortmeldungen zurückzuhalten - ein Fehler, wie er selbst später zugibt. Dass Gabriel das Vakuum nutzt, kann Schulz nicht überraschen. Und dass er sich als Außenminister zu Europa äußert, ist sein gutes Recht, zumal Gabriel für sich in Anspruch nimmt, Schulz über seine Wortmeldungen vorab zu informieren - über die meisten zumindest.

Bei einem Treffen im Juni versucht Schulz, seinem Freund erneut klarzumachen, dass er sich einordnen müsse. Andernfalls, so gibt er ihm jetzt zu verstehen, werde er nach der Wahl womöglich keinen Job für ihn haben. Schulz fühlt sich durch Gabriel gezwungen, autoritärer aufzutreten, als ihm lieb ist.

Die Kanzlerschaft hat Schulz zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie aufgegeben, das wahrscheinlichste Szenario ist eine Neuauflage der Großen Koalition. Wenn es für ihn einfacher sei, sagt Gabriel zu Schulz, verzichte er nach der Wahl auf das Außenministerium, dann könne Schulz es machen. Er entbinde ihn hiermit von dem Versprechen von Montabaur, bietet Gabriel an. Ob Schulz im Gegenzug anbietet, Gabriel dann zum Finanzminister zu machen - darüber gehen die Darstellungen auseinander. Gabriel hat es so in Erinnerung, Schulz dementiert das.

Aber der Kandidat glaubt, seine Warnung sei nun angekommen. Gabriel habe endlich verstanden, was von ihm erwartet wird.

Freunde Gabriel, Schulz (nach Martin Schulz' Wahl zum Parteivorsitzenden am 19. März 2017)
Hans-Christian Plambeck/ DER SPIEGEL

Freunde Gabriel, Schulz (nach Martin Schulz' Wahl zum Parteivorsitzenden am 19. März 2017)

Es ist eine naive Hoffnung. Als Schulz im Juli nach Paris fliegt und Emmanuel Macron trifft, erhofft er sich davon große Aufmerksamkeit und schöne Bilder. Am Ende des Tages aber muss er feststellen, dass Gabriel ihm mal wieder die Show gestohlen hat. Die beiden hatten vereinbart, mit abgestimmter Strategie auf eine neue Verhaftungswelle in der Türkei zu reagieren. Schulz sollte am Vortag Forderungen gegenüber der Türkei erheben und Gabriel sie am Tag darauf aufgreifen.

So weit, so gut.

"Aber es hätte natürlich keinen objektiven Grund für ihn gegeben, auch noch seinen Urlaub abzubrechen", schimpft Schulz. Das verlieh der Angelegenheit eine große Dramatik und war nicht abgesprochen. Und es führte dazu, dass kaum ein Sender über Schulz' Paris-Trip berichtete.

Am 3. August erscheint im "Stern" ein Interview Gabriels. Es wurde auf Sylt geführt, der Außenminister lässt sich in einer bequemen Freizeitjacke in den Dünen der Nordseeinsel fotografieren. Er spricht über die Weltlage und die Freude, die ihm seines neues Amt bereite. Dann wendet er sich dem Wahlkampf zu. Er schimpft auf die Union und auf Jens Spahn, den heimlichen Chef des konservativen Flügels der CDU. "Er möchte den Rüstungsetat auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anheben und dafür die Sozialausgaben kürzen. Das ist mit der SPD nicht zu machen. Deshalb werden wir uns trennen."

Als Schulz das Interview liest, ärgert er sich furchtbar. Dass Gabriel eine neuerliche Große Koalition faktisch ausschließt, findet Schulz ungeheuerlich. Schulz hatte es bislang immer offengelassen, ob die SPD in ein weiteres Bündnis mit Merkel eintritt. Und wenn die Partei dies ausschließe, dann sei es an ihm, dem Parteichef, die Sache zu verkünden. Schulz regt sich so auf, dass er Gabriel anruft und ihm seinen Ärger mitteilt. Als Schulz ein paar Tage später durch Sachsen tourt, ist seine Wut immer noch nicht verraucht. "Ich kann am Ende auch harte Entscheidungen treffen", sagt Schulz.

Für Ende August verabreden sich Schulz und Gabriel, um eine neue Initiative zu besprechen. An einem Sonntagnachmittag wollen sie sich um 15 Uhr im Schlosshotel Grunewald treffen. Schulz ist pünktlich vor Ort, nur Gabriel lässt auf sich warten. Er sei vorher auf einer Beerdigung, hatte er gesagt. Alle, die Gabriel kennen, wissen, dass Beerdigungen seine bevorzugte Entschuldigung für kurzfristig abgesagte Termine sind. "So viele Tanten, wie bei dem schon gestorben sind, kann ein Mensch gar nicht haben", lautet ein beliebter Parteispott. Schulz wartet eine Dreiviertelstunde. Er versucht, Gabriel auf dem Handy zu erreichen, aber das ist ausgeschaltet. Irgendwann reicht es ihm. Entnervt verlässt er das Hotel.

Am 26. August druckt die "Bild" ein Interview mit Gabriel. Die Redakteure haben zwei große Fotos mitgebracht, eines zeigt Martin Schulz, das andere Gabriel mit seiner Tochter Marie. "Wen würden Sie wählen?", fragte "Bild". Es ist ein billiger Gag, eine Falle, aber Gabriel tappt hinein und wählt natürlich seine Tochter Marie. Schulz ist außer sich. Er schreibt eine SMS an Gabriel, dass es jetzt genug sei. Das Interview selbst sei ja hervorragend. Aber die Bildersprache! Da müsse er Profi genug sein. Wie man so instinktlos sein könne, schimpft der Kandidat später im Kreis seiner Berater.

Für Schulz ist die Sache mit Marie der endgültige Wendepunkt in ihrer Beziehung. Er hat jetzt keine Lust mehr, Rücksicht auf jemanden zu nehmen, der selbst zu keinerlei Rücksichtnahme bereit ist. Wenn er später, nach dem Scheitern der Jamaikasondierungen, intern begründet, warum Gabriel seinen Ministerposten verlieren soll, erinnert er immer wieder an das Foto von Marie.

Am späten Nachmittag der für die SPD so desaströsen Bundestagswahl sitzt Gabriel lange vor dem Büro von Martin Schulz herum. Er hofft, dass sein einstiger Freund kurz Zeit für ihn hat, er will ihn davon abhalten, die Möglichkeit einer Großen Koalition kategorisch auszuschließen - trotz des miserablen Wahlergebnisses.

Aber er muss lange warten, bis Schulz Zeit für ihn findet. Und seine Argumente verfangen nicht. Schulz und der Rest der Parteiführung sind fest entschlossen, in die Opposition zu gehen. Schulz will sich so auch den Verbleib an der Parteispitze sichern. Als er diesen Beschluss später auf der Bühne des Willy-Brandt-Hauses verkündet, steht Gabriel nachdenklich hinter ihm.

Im Rückblick wäre es klüger gewesen, Schulz hätte sich an Gabriels Rat gehalten und ein erneutes Bündnis nicht kategorisch ausgeschlossen. So aber wird sich Schulz später, nach dem Scheitern von Jamaika, vorwerfen lassen müssen, er habe sein Wort gebrochen.

In den Wochen nach der Bundestagswahl taucht Gabriel erst einmal ab. Er unternimmt kaum Reisen, gibt nur wenige Interviews. Mitte Oktober sitzt Gabriel im Zug von Berlin nach Wolfsburg, als sein Handy vibriert. Es ist eine Nachricht des Philosophen Jürgen Habermas, der dem SPD-Politiker mitteilt, dass er einen Essay für den SPIEGEL geschrieben habe. Darin wirft er der Sozialdemokratie Versagen in der Europapolitik vor, Gabriels Europaengagement hingegen lobt er. Gabriel liest Habermas' Nachricht laut vor: "Den Ellbogenspielraum für die Profilierung einer solchen Politik hätte Gabriel wohl erst als Finanzminister einer fortgesetzten und Macron entgegenkommenden Großen Koalition erhalten können." Finanzminister, hätte - es ist ein Satz im Konjunktiv. Aber Gabriel freut sich dennoch über den Zuspruch.

In den darauffolgenden Wochen beschäftigt er sich mit der Frage, was er fortan hauptberuflich tun soll. Die Jamaikaverhandlungen scheinen auf gutem Wege, und bei Gabriel trudeln Angebote ein, in die Wirtschaft zu wechseln. Gabriel denkt darüber nach. Dann aber stocken die Gespräche zwischen Union, FDP und Grünen.

Gabriel denkt über einen Amtsverzicht nach. Aber so leicht will er es seinen Gegnern nicht machen.

Gibt es doch noch die Chance, Minister zu bleiben? "Ich hoffe, die scheitern", sagt Gabriel Mitte November am Rande des EU-Außenministerrats in Brüssel. Sechs Tage später passiert es tatsächlich. Gabriel ereilt die frohe Botschaft während einer Asienreise. Noch in der Nacht telefoniert er mit Martin Schulz und rät ihm, jetzt nicht die Nerven zu verlieren. Er solle staatsmännisch auftreten und den Ball in Richtung der Kanzlerin spielen, sagt Gabriel. Die sei nun am Zug. Gabriel sorgt sich um das Schicksal seiner Partei, aber auch die Aussicht, selbst im Amt bleiben zu können, treibt ihn an. Als er am Morgen nach dem Scheitern von Jamaika aus dem Frühstückssaal des Hilton-Hotels in der burmesischen Hauptstadt Naypyidaw tritt, hat Gabriel ausnehmend gute Laune.

Doch Gabriel weiß, wie schwer es sein wird, die SPD von einer erneuten Großen Koalition zu überzeugen. Zu allem Überfluss fällt der Parteivorstand einen hektischen Beschluss, der ein Bündnis mit Merkel ausschließt. Gabriel hält das für eine große Eselei. Er überlegt, ob er sich öffentlich gegen Neuwahlen aussprechen soll. Aber er weiß, dass dies so wirken würde, als ginge es ihm nur um seinen Posten. Und ernsthaft könnte ja er auch nicht bestreiten, dass er gern bliebe. Alles andere "wäre ja gelogen", sagt er im kleinen Kreis.

Gabriel beschließt, sich auf die Außenpolitik zu konzentrieren, und versagt sich Äußerungen zur Strategie der eigenen Partei, um seine zahlreichen Gegner nicht zu provozieren. Als die Sondierungen für die Große Koalition beginnen, ist Gabriel nicht Teil des Verhandlungsteams. Öffentlich begründet Schulz seine Entscheidung damit, dass kein aktueller Minister teilnehmen dürfe, weil es den Eindruck zu vermeiden gelte, sie verhandelten um ihre eigene Zukunft. In Wahrheit ist es ein Signal: Schulz will Gabriel so weit wie möglich von sich halten. Der Außenminister fühlt sich ausgegrenzt. Er beschwert sich bei Schulz und anderen. Aber die Entscheidung steht.

Lange hält Gabriel die innenpolitische Abstinenz nicht durch. Kurz vor Weihnachten rechnet er in einem SPIEGEL-Essay mit der Ausrichtung der SPD in den vergangenen Jahren ab. "Umwelt- und Klimaschutz waren uns manchmal wichtiger als der Erhalt unserer Industriearbeitsplätze, Datenschutz war wichtiger als innere Sicherheit, und die Ehe für alle haben wir in Deutschland fast zum größten sozialdemokratischen Erfolg der letzten Legislaturperiode gemacht", schreibt er. Diverse Genossen reiben sich die Augen. Wer war denn in den vergangenen Jahren Parteichef, Vizekanzler, Umwelt- und später Wirtschaftsminister? Schulz ist sauer. Er schickt Gabriel eine SMS. "Im Kriegsfall ist physische Abwesenheit besser als Geistesgegenwart", schreibt Schulz. Eine Redewendung, die der langjährige stellvertretende Parteivorsitzende Johannes Rau gern verwendete, wenn er der Meinung war, ein Parteifreund hätte besser geschwiegen.

Um den Jahreswechsel wird Gabriel zugetragen, dass Martin Schulz Außenminister werden will. Einige Genossen raten Gabriel, von sich aus seinen Verzicht zu erklären, dann könne er auch freier auf dem Parteitag für ein neues Bündnis mit der Union plädieren. Er denkt darüber nach und verwirft es dann. So leicht will er es seinen Gegnern nicht machen.

Er konzentriert sich wieder auf die Außenpolitik. Vor allem in die Verhandlungen über eine Freilassung des deutschen Journalisten Deniz Yücel aus türkischer Haft investiert er viel Zeit. Er lädt seinen türkischen Amtskollegen zu sich nach Hause in Goslar ein und stellt in Aussicht, einer Bitte Ankaras nachzukommen und die Modernisierung der türkischen "Leopard 2"-Panzer zu genehmigen.

Es wäre falsch, Gabriel zu unterstellen, er betreibe Yücels Befreiung, um sein Amt zu retten, schließlich begann die Charmeoffensive mit der Türkei bereits im November vergangenen Jahres, als die Zeichen noch auf Jamaika standen. Aber natürlich weiß Gabriel, dass es schwieriger wird, ihn als Außenminister zu verdrängen, wenn er einen solchen Erfolg vorweisen kann.

Er sei ja noch nicht tot, sagt Gabriel Ende Januar am Rande einer Israelreise. Wenige Tage später erfährt er aus den Zeitungen, dass Schulz seinen Job will. Als er schließlich seinen ehemaligen Freund am Mittwoch vergangener Woche im Willy-Brandt-Haus trifft, hat er Gewissheit.

Voller Wut verlässt Gabriel die Parteizentrale. Am Tag darauf meldet sich der Brüssel-Korrespondent der Funke-Gruppe, Gabriel kennt den Mann aus Berlin. Der Außenminister diktiert ihm seinen Ärger in den Block, auch jenen unseligen Satz, den angeblich seine Tochter Marie über den "Mann mit den Haaren im Gesicht" sagte, der einmal Gabriels Freund war.

Wenn die Gegner des Außenministers noch einen Beweis herbeigewünscht hätten, dass Gabriel die Charakterfestigkeit für die Politik fehle - nun hatte er ihn geliefert. Ein Politiker, der seine fünfjährige Tochter als Waffe im politischen Nahkampf benutzt - wann hatte es das je gegeben? Nun stehen sie beide vor dem Abstieg. Gabriel hält es für ausgeschlossen, dass er sein Amt behalten kann, sein Verhältnis zur designierten Parteichefin Andrea Nahles ist schon seit Jahren zerrüttet. Und Schulz musste erkennen, dass die Partei, die ihn noch vor elf Monaten mit 100 Prozent zum Chef wählte, ihn nicht einmal mehr als Minister akzeptieren will.

Am Dienstagnachmittag trifft sich das SPD-Präsidium im Willy-Brandt-Haus, es ist die letzte Sitzung unter der Führung von Parteichef Schulz. Auch Gabriel ist da, er wird immer noch dazugeladen, weil er geschäftsführender Vizekanzler ist. Nach der Sitzung setzt sich Gabriel neben Schulz. "Ich möchte mich entschuldigen", sagt er: "Das war nicht anständig." Schulz ist überrascht, er hat mit Gabriel nun wirklich viel erlebt, aber noch nie eine solche Geste.

Sie stimmt ihn milde, zumindest für den Moment.

"Na ja", sagt Schulz, "du bist eben genauso ein Emotionsbrötchen wie ich. Ich habe gesagt, dass ich ohne Groll und Bitterkeit gehe. Das gilt auch für dich." Dann gehen sie auseinander.



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