AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2017

Gesundheitsgefahr Böllern Wie viel Feinstaub an Silvester in die Luft geschossen wird

Das Silvesterfeuerwerk bläst riesige Mengen Feinstaub in die Luft. Doch die Politik will den Deutschen ihre Raketen nicht verbieten - allen Gefahren zum Trotz.

Leuchtraketen über München: "Die wollen einen draufmachen"
Peter Kneffel / Picture Alliance / DPA

Leuchtraketen über München: "Die wollen einen draufmachen"

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Immer wenn das neue Jahr anbricht, folgt Karl Lauterbach einem Ritual: Kurz nach Mitternacht verzieht sich der SPD-Politiker nach drinnen und verschließt die Fenster der Wohnung. "Feinstaub aus Böllern und Feuerwerkskörpern ist ein echtes Gesundheitsrisiko", sagt der Gesundheitsexperte. "Was man an Silvester einatmet, bleibt für den Rest des Jahres im Körper."

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Heft 52/2017
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Seit Jahren hat sich der Mediziner dem Kampf gegen den Feinstaub verschrieben. In seinem Wahlkreis Leverkusen wirbt er für einen Rheintunnel, der die Autos unter die Erde bringen soll. Über schlechte Luft hat Lauterbach viele Reden gehalten, standardmäßig enden sie derzeit mit einem Hinweis: Lauterbach warnt vor den "Sonderbelastungen" zum Jahreswechsel.

Für den Sozialdemokraten ist die Böllerei eine "unterschätzte Gefahr". Kleinste Feinstaubpartikel aus Feuerwerkskörpern könnten sich im Gehirn ablagern und dort zu chronischen Entzündungen führen, am Ende sogar Demenz auslösen. Vor allem ältere Menschen seien gefährdet. Auch das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, steige durch die schlechte Luft.

Lauterbach hat einen Ruf als notorischer Gesundheitsapostel zu verteidigen. Er hat den Deutschen schon das Grillen zu verleiden versucht und warnt vor Salz im Essen. Doch der gefahrenbewusste Politiker ist kein Außenseiter: Das Abschießen von Krachern und Raketen, für die deutsche Seele so wichtig wie die Wurst oder der Personenkraftwagen, ist in Verruf geraten.

Einzelne Kommunen haben bereits ihre Innenstädte oder bestimmte Plätze für die Freunde des Schwarzpulvers gesperrt. Andere prüfen ein generelles Verbot. Und die Politiker appellieren an die Vernunft der Bürger. Die Böllerdebatte hat einen neuen Ton: Nicht, dass Geld in die Luft geblasen wird, ist verwerflich, sondern die schlechte Luft. Die Rakete ist zu einem Gesundheitsrisiko geworden, wie die Zigarette oder der Dieselmotor.

Für den Kulturwissenschaftler Manuel Trummer von der Universität Regensburg reiht sich die Knallerkritik in eine Moralisierung ein, die er seit den Achtzigerjahren beobachtet. 1981 trat das evangelische Hilfswerk "Brot für die Welt" erstmals mit der Kampagne "Brot statt Böller" an. Damals ging es um Konsumverzicht, erklärt Trummer, nun seien die Vorzeichen andere: "Bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, die ökologisch und global orientiert sind, geht es nicht mehr darum, fröhlich und laut zu sein. Sie sehen die negativen Seiten wie Feinstaub oder Straßenverschmutzung." Das rufe aber Widerspruch hervor: "Andere Teile der Bevölkerung sind nicht empfänglich für moralische Botschaften", sagt Trummer. "Die wollen einen draufmachen."

Im Kulturkampf zum Jahreswechsel haben die Böllergegner Zahlen und Argumente auf ihrer Seite. Jedes Jahr, so hat das Umweltbundesamt errechnet, werden 5000 Tonnen Feinstaub durch Feuerwerkskörper freigesetzt. Das entspricht 17 Prozent der Menge, die der gesamte Straßenverkehr während eines Jahres in die Luft bläst. Die Europäische Umweltagentur führt rund 60.000 Todesfälle pro Jahr in Deutschland auf Feinstaub zurück.

"Wir rufen dazu auf, das private Feuerwerk einzuschränken", sagt Ute Dauert, im Umweltbundesamt in Dessau zuständig für den Fachbereich Luftqualität. Zum Jahreswechsel könnten in den Städten "extrem hohe Werte" beim Feinstaub entstehen. "Darunter leiden vor allem vorgeschädigte Menschen, etwa mit Asthma."

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Zum Schrecken der Fachleute boten viele deutsche Städte am 1. Januar 2017 ein Bild wie London in der Zeit Charles Dickens' und der Kohleöfen. Die Messungen des Umweltbundesamts zeigen für diesen Tag große Ausschläge. In München maß das Bayerische Landesamt für Umwelt einen Tagesmittelwert von 564 Mikrogramm pro Kubikmeter an der Landshuter Allee, am Stachus in der Innenstadt waren es 504 Mikrogramm.

Das ist zehnmal so viel wie der Wert, von dem an etwa in Stuttgart Feinstaubalarm ausgerufen wird. Am Neckartor, das als dreckigste Kreuzung Deutschlands gilt, ist die kritische Schwelle erreicht, wenn der durchschnittliche Wert 50 Mikrogramm Staub überschreitet. Die Europäische Union erlaubt, dass dies an höchstens 35 Tagen der Fall ist, bis Ende 2017 wird es aber wohl rund 50 solcher Tage geben.

Dann drohen Fahrverbote und Strafzahlungen an die EU. Die Politik verrenkt sich, um den Staub aus der Luft zu bekommen. Am Neckartor kehren nachts spezielle Reinigungsfahrzeuge, eine eigens aufgestellte Mooswand soll die Partikel binden. Besitzer sogenannter Komfortkamine dürfen an Feinstaubtagen kein heimeliges Feuer entfachen. Nur die Knallerfans blieben unbehelligt - dabei verursachen sie ganz allein ein bis zwei Tage Feinstaubalarm.

Akutmediziner sorgen sich weniger um Lungenkranke als um Hörschäden, abgerissene Finger und Verbrennungen - nie kommen so viele Menschen mit solchen Verletzungen in die Notaufnahmen wie an Silvester. Dementsprechend finden sich jedes Jahr in den Jahresendausgaben der Zeitungen gleichlautende Tipps ("abgerissene Finger in ein möglichst keimfreies Stück Stoff wickeln"), und, am Tag danach, die Verletztenstatistiken. Auf 8000 Schädigungen des Innenohrs pro Silvester kam schon 2013 das "Deutsche Ärzteblatt".

"Wir rechnen mit rund 30 Verletzten und noch einmal so vielen an Neujahr", berichtet Till Orla Klatte, Unfallchirurg am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: "Abgerissene Nasen, zerrissene Wangen, Augenverletzungen. Es gibt nicht mehr Verletzte als früher, aber mehr schwere Verletzungen." Verursacht werden diese oft durch illegale Böller aus China, Italien oder Osteuropa.

Wer solche Sachen auf dem Schwarzmarkt kaufe, mache sich deren Sprengkraft meist nicht klar, sagt Martin Lacher, Chef der Kinderchirurgie am Uni-Klinikum in Leipzig. Kürzlich veranstaltete er einen Knallkörper-Aktionstag für Schüler. Ein Pyrotechniker demonstrierte die Zerstörungskraft an Schweinepfoten, die in Schuhen steckten. "Sogenannte Polenböller machen eine Druckwelle, da bleibt von der Pfote nichts mehr übrig", sagt Lacher. Die Hauptrisikogruppe seien Jungen zwischen 10 und 14 Jahren.

Der Absatz der Knallkörper steigt dennoch stetig. In Deutschland wurde im Jahr 2016 Feuerwerk für 137 Millionen Euro verkauft, das ergibt statistisch rund 1,65 Euro pro Einwohner - deutlich mehr als vor einem Jahrzehnt.

Die Kulturtechnik des Böllerns stammt ursprünglich aus China. In der Provinz Hunan soll der Mönch Li Tian im 7. Jahrhundert mit Schießpulver experimentiert haben, um Dämonen und böse Geister zu vertreiben. Die Feuerwerksbranche weltweit verehrt den Chinesen noch immer.

In Europa war Pyrotechnik zunächst ein aristokratisches Vergnügen für Adelshochzeiten oder Geburten. Ab dem 18. Jahrhundert richteten auch Stadtverwaltungen oder reiche Bürger die Spektakel aus. Seit den Fünfzigerjahren sanken die Preise für Feuerwerksartikel, seitdem würden die Deutschen für ihr vermeintliches Grundrecht aufs private Böllern wohl vors Bundesverfassungsgericht ziehen. Eine Einstellung, die Schweizer und Franzosen befremdet, die sich in ihren Heimatländern lieber an staatlich organisierten Höhenfeuerwerken erfreuen.

Woher also die deutsche Liebe zur Lunte? Alfred Gebert, emeritierter Professor für Psychologie aus Münster, sieht im Böllern eine "Regression in vorpubertäre Verhaltensweisen". Gebert hat mit seinen Studenten in einer empirischen Studie das Böllerverhalten von Männern und Frauen untersucht. Ergebnis: "Männer wollen einen möglichst großen Bums, Frauen mögen Sachen, die schön aussehen: bunte Fontänen, Goldregen, Tischfeuerwerk."

Frauen hielten auch gern Wunderkerzen in der Hand. "Da käme kein Mann drauf, die wollen den Reiz des Risikos." Ein Drittel der Befragten habe zugegeben, schon einmal Böller unter Autos, in Briefkästen oder Mülltonnen zum Explodieren gebracht oder, oft unter Alkoholeinfluss, Feuerwerkskörper auf Menschen geworfen zu haben.

Viele Kommunen wollen solches Gebaren einschränken, finden aber nur schwer eine Handhabe. Der Feinstaub taugt dazu nicht, weil das Immissionsschutzrecht die Bürger über das ganze Jahr gesehen vor zu hohen Belastungen schützen soll. Wer sich, anders als Karl Lauterbach, zu Jahresbeginn die volle Dosis Feinstaub geben will, dem steht dies generell frei.

Die Stadt Stuttgart, die aufgrund ihrer Lage in einem Talkessel oft besonders hohe Schadstoffwerte hat, setzte auf Geheiß des grünen Oberbürgermeisters Fritz Kuhn Verwaltung und Polizei darauf an, ein Verbot der Böllerei zu eruieren. In der Stadt fordern so unterschiedliche Akteure wie der BUND und die AfD, die Böllerei zu verbieten. Ergebnis laut Kuhn: "Ich habe prüfen lassen, ob ein Verbot des Feuerwerks an Silvester angesichts hoher Feinstaubwerte möglich ist. Dafür gibt es aber keine rechtliche Grundlage." Der Grüne belässt es deshalb bei einem Appell: "Wer der Luft in Stuttgart etwas Gutes tun will, der verzichtet unten im Talkessel auf Silvesterfeuerwerk."

Die Hamburger Verwaltung kam nach der Beschwerde einer Bürgerin zu dem Ergebnis: Das Feuerwerk erhöhe die Zahl der Tage mit überschrittenen Grenzwerten nur geringfügig. "Vor diesem Hintergrund wird ein Verbot des Silvesterfeuerwerks aus Gründen der Luftreinhaltung als nicht verhältnismäßig erachtet", sagt ein Sprecher der Umweltbehörde.

In München beschäftigten sich Bezirksausschüsse mit dem Feiersmog zum Jahreswechsel. Die Böllerer benutzen die Schotterbänke der Isar gern als Abschussplätze. Die Rauchschwaden ziehen dann in die Wohnviertel, der Lärm macht die Tiere im Zoo Hellabrunn verrückt.

Doch Politiker in Bund und Ländern halten sich lieber zurück, wenn es darum geht, das Böllern zu untersagen. Denn beim Wähler ist das Thema ungefähr so populär wie Fahr- oder Grillverbote. Niemand möchte als Spaßbremser dastehen, der den Menschen ihre Raketen nimmt. Grüne Verantwortungsträger befürchten einen Trotzeffekt wie seinerzeit beim Veggie-Day.

Um das Feuerwerk zu begrenzen, bleibt den Städten einstweilen nur die schärfste Waffe des deutschen Verwaltungsrechts: der Brandschutz. Mögen Asthmatiker um Luft ringen, Teenager ihre Finger verlieren, Kriegsflüchtlinge retraumatisiert oder Tiere panisch werden - rechtlich bedeutsam ist vor allem der Schutz vor dem Feuer. Der Brandschutz in Deutschland verhindert, dass Bahnhöfe oder Flughäfen fertig gebaut werden. Und der Hinweis auf den Brandschutz kann auch Innenstädte böllerfrei machen.

Etliche Kommunen mit historischen Altstädten haben beschränkte Verbote erlassen, in Baden-Württemberg sind es etwa Tübingen, Rottweil und Esslingen. Zu groß ist das Risiko, dass eine Rakete einen historischen Dachstuhl in Brand setzt. Erlaubt sind in Tübingen Tischfeuerwerk, Scherzartikel und Knaller für Kinder.

Seit Raketen in Goslar im Jahr 2006 mehrere Fachwerkgebäude in Brand gesetzt haben, wappnen sich niedersächsische Fachwerkstädte mit einem Verbot. Auf dem Land sind Silvesterböller in Gemeinden mit vielen Reetdächern tabu, ebenso in den Nationalparks Harz und Wattenmeer. In Göttingen will die Polizei Handzettel in mehreren Sprachen verteilen. Auch Lüneburg wird von diesem Jahreswechsel an seine historischen Gebäude schützen. Gab es keinen Protest? Nein, sagt Suzanne Moenck von der Stadtverwaltung. "Es gab sogar erstaunlich viele Fürsprecher. Die Leute rufen uns an und sagen: Es wurde Zeit!"

Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte wünschen sich, dass die Kommunen die Verbotszonen ausweiten. Diese könnten auch dort ausgesprochen werden, wo sich sehr große Menschenmengen ansammeln, zum Beispiel am Brandenburger Tor.

In der Hauptstadt sorgt die Knallwut seit Jahren für Ausnahmezustände. In der letzten Silvesternacht musste die Berliner Feuerwehr 433 Brände löschen. Die Polizei registrierte bis zum Neujahrsmorgen 3123 Notrufe und 1669 Polizeieinsätze - oft wegen Sachbeschädigung und "unsachgemäßen Umgangs mit Pyrotechnik".

Das ist eine vornehme Umschreibung für das, was sich in manchen Bezirken Berlins in der Silvesternacht abspielt. Im Stadtteil Neukölln etwa demolierte ein Mob junger Männer einen Kleinwagen, zwei warfen Feuerwerkskörper in die eingeschlagenen Scheiben. Der Chevrolet brannte vollständig aus.

Vor drei Jahren lieferten sich bis zu hundert Mann starke Gruppen im Stadtteil Schöneberg mithilfe illegaler Böller regelrechte Artilleriegefechte, "sodass sich die Kräfte zeitweise aufgrund der Eigensicherung zurückziehen mussten", hieß es später im Lagebericht der Polizei. Der Berliner Innensenator ruft deshalb zur Mäßigung auf. "Menschen, die uns helfen, greift man nicht an", sagt Andreas Geisel. "Ich appelliere an die Menschen, in jeder Situation verantwortungsbewusst mit Feuerwerkskörpern umzugehen."

Da der Appell bei vielen Böllerfreunden verhallen wird, richten sich die Städte wieder auf einen turbulenten Jahreswechsel ein. Die Umweltbehörden haben ihre Messgeräte eingeschaltet, im Januar 2018 werden die Deutschen im Internet die neuen Feinstaubkarten betrachten können.

Von Verboten hält auch der Mahner Karl Lauterbach nichts. "Das würden die Bürger nicht akzeptieren." Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung solle aktiv werden und über die Feinstaubgefahr in der Silvesternacht aufklären.

Lauterbach sieht vor allem die Hersteller in der Pflicht, alternative Knall- und Leuchtmethoden mit geringerer Belastung zu entwickeln. Raketen könnten auch mechanisch abgeschossen werden, sagt der Gesundheitspolitiker. "Es ist Zeit für neue Technologien für ein Feuerwerk ohne Feinstaub."

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