AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2017

Sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht Der Mann mit der Jacke

Der vorerst letzte Prozess zu den sexuellen Übergriffen in der Hamburger Silvesternacht 2015 offenbart schlampige Arbeit der Ermittler - und endet mit einem Freispruch.

Angeklagter S. (M.) mit Übersetzerin und Verteidiger
DPA

Angeklagter S. (M.) mit Übersetzerin und Verteidiger


Keine drei Monate war Familie S. aus Iran in der Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Schnelsen einquartiert, als sie am späten Silvesternachmittag 2015 aufbrach. Die Eltern und ihre beiden Kinder wollten Abschied von einem Jahr nehmen, das ihnen viel abverlangt hatte. Sie ahnten nicht, dass das neue Jahr ihnen noch mehr abverlangen würde.

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Heft 13/2017
Dramatische Zeiten in einer wundervollen Stadt

Vater Behzad zog seine blaue Jacke an, die er vom Amt geschenkt bekommen hatte, und setzte sich eine graue Mütze auf. Gemeinsam mit drei Freunden aus der Unterkunft fuhr die Familie mit der S-Bahn in die Innenstadt, bestaunte den prunkvollen Weihnachtsschmuck vor den Edelboutiquen am Jungfernstieg und machte Fotos für die Verwandtschaft in Bandar-e Ansali, einer Hafenstadt am Kaspischen Meer. Von dort war Behzad S. im Oktober über die Türkei und mehrere europäische Länder nach Deutschland gekommen. Die Aussichten, Asyl zu bekommen, waren gut.

Sie spazierten an der Binnenalster entlang, erste Böller und Raketen jagten in den Abendhimmel, es ging laut zu und wild, die Kinder ängstigten sich. Die kleine Gruppe fuhr zurück in die Erstaufnahmeeinrichtung, sie aßen zu Abend, Behzad S. brachte Sohn und Tochter ins Bett und fuhr mit den drei Freunden zurück in die Stadt. Er trug wieder die blaue Jacke und die graue Mütze. Es war sein erstes Silvester fern der Heimat, das erste in Sicherheit. Behzad S.' Frau blieb bei den Kindern.
Die vier Männer stiegen an der S-Bahn-Haltestelle Reeperbahn die Treppe hoch, kurz nach Mitternacht, funkelndes Feuerwerk sprühte in die Nacht. Sie fotografierten und filmten mit ihren Handys. Auf einem Video wird man später Männerlachen zwischen Raketengejaule und Martinshorn hören.

Einer der Freunde ruft: "Der Beginn des Jahres!" Danach ein religiöser Vers, der zum iranischen Neujahr gesprochen wird. Sie verweilten an dieser Ecke, blickten in den Himmel, in einem Supermarkt kauften sie Getränke.

Die Männer bogen auf die Große Freiheit, die Partymeile der Hamburger Reeperbahn. Dichtes Gedränge. Die vier Freunde wurden auseinandergeschoben, verständigten sich per Handzeichen: zu voll, kein Durchkommen. Sie kehrten um, zurück ins Camp. Um 1.22 Uhr fotografierten sie einander, wie sie an der S-Bahn-Haltestelle Reeperbahn auf den Zug warteten. Behzad S. lächelte in die Kamera, blaue Jacke, graue Mütze.

Feiernde auf der Großen Freiheit in Hamburg
picture alliance/Axel Heimken

Feiernde auf der Großen Freiheit in Hamburg

40 Minuten zuvor hatte Raul S. den Balkon des Pat Club betreten, der Betreiber hatte ihn als Partyfotograf gebucht. Raul S. sah von oben in eine enge Menschenmasse: johlende Männer und junge Frauen, die schrien und um sich traten. Von 0.43 Uhr bis 0.46 Uhr machte er Fotos von diesem Szenario.

Die Übersichtsaufnahmen haben Behzad S.' Leben verändert. So wie diese Silvesternacht Deutschland veränderte: Es war das Ende der Willkommenskultur.

Zeitgleich eskalierte am Kölner Hauptbahnhof die Feier unter freiem Himmel, es kam zu Hunderten Übergriffen. In Hamburg ging es mutmaßlich um sexuelle Belästigung, rund 250 Übergriffe wurden angezeigt. Das Landeskriminalamt gründete die Sonderermittlungsgruppe "Silvester".

Beamte dieses Teams erschienen am 4. Februar 2016 im Flüchtlingscamp, suchten Behzad S., der im Deutschkurs war, und seine blaue Jacke. Im Durchsuchungsbericht heißt es: Seine Frau habe sich "sehr kooperativ" gezeigt. Sie sollte ihrem Mann ausrichten, er möge sich bei der Polizei melden.

Als Behzad S. noch am selben Tag aufs Revier kam, wurde er festgenommen: dringender Tatverdacht. Für die Ermittler war er einer der Männer, die sich nach Mitternacht in der Großen Freiheit zu einem Mob zusammengerottet haben sollen, um Frauen gezielt einzukesseln, sie auf widerwärtige Weise an den Brüsten und zwischen den Beinen anzufassen, sie auszurauben, zu bedrohen, ihnen Angst einzujagen.

Der Dolmetscher sagte ihm: "Dafür gehst du ins Gefängnis." Behzad S. sagte: Er habe nichts getan, er habe Zeugen, Fotos und Filme auf den Handys seiner Freunde. Die Ermittler sagten: Eine Zeugin habe auf den Bildern des Partyfotografen eine Gruppe markiert, die sie umzingelt habe. Darunter: Behzad S., blaue Jacke, graue Mütze, eine markante Erscheinung mitten im Getümmel vorwiegend dunkel gekleideter Männer mit dunklen Haaren.

Die Aufnahmen zeigen: Behzad S. war auf der Reeperbahn. Die Aufnahmen zeigen aber: keinen einzigen Übergriff. Es gibt keinen klassischen Tatort, keine Fingerabdrücke, keine DNA-Spuren; nur Zeugenaussagen und Aufnahmen, auf denen die Opfer ihre Peiniger identifiziert haben wollen. Wussten die Zeugen, dass die Bilder erst nach den angezeigten Taten entstanden sind?

Die Ermittler stürzten sich auf die Übersichtsfotos, mit ihrer Hilfe konnte die Staatsanwaltschaft sechs Männer anklagen: einen 20-Jährigen aus Afghanistan, der eine Frau verfolgte und im August 2016 wegen sexueller Nötigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren zur Bewährung verurteilt wurde; vier weitere Männer, die in zwei getrennten Verfahren freigesprochen wurden, weil sich in den Hauptverhandlungen herausstellte, dass sie nicht die Täter waren.

Und Behzad S.

Sein Rechtsanwalt Shahryar Ebrahim-Nesbat erreichte, dass Behzad S. nach 74 Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. 74 Tage, in denen seine Ehe, angeschlagen durch die Flucht und die Sorge vor der ungewissen Zukunft, besonders litt.

Für die Fotos und Handyvideos seiner Freunde, die ihn entlasten könnten, interessierten sich die Ermittler nur oberflächlich. Behzad S. wurde angeklagt: wegen des Vorwurfs der sexuellen Nötigung in drei besonders schweren Fällen, einmal in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, Raub und tätlicher Beleidigung, zweimal in Tateinheit mit Beleidigung.

Es ist der vorerst letzte Prozess wegen sexueller Übergriffe in der Hamburger Silvesternacht 2015. In der Hauptverhandlung vor der Großen Strafkammer 31 des Landgerichts Hamburg sagen auch die Freundinnen der Hauptbelastungszeugin aus. Und andere Frauen, die in der Nähe belästigt wurden.

Sie schildern die abscheulichen Übergriffe. Die Hauptbelastungszeugin berichtet, wie ein Fremder mit dem Finger in ihren Anus und in ihre Vagina eindrang; sie trug ein Kleid, keine Strumpfhose. Der Mann konnte bis heute nicht ermittelt werden. Aber Behzad S., er gilt als Mittäter, Mitglied des Mobs - aufgrund seiner auffälligen blauen Jacke.

Dritter Verhandlungstag, 10.23 Uhr: Die Hauptzeugin ist zum zweiten Mal geladen. Verteidiger Ebrahim-Nesbat fragt, ob sie den Angeklagten erkenne. "Ja, ganz klar." - "Ganz klar?" - "Ganz klar." Behzad S. sei der Haupttäter! "Ich erkenne ihn an den Augen. Nur weil er jetzt gegelte Haare hat, erkenne ich ihn doch trotzdem."

Stille in Saal 139.

Oberstaatsanwalt Jörg Keunecke sammelt sich als Erster: "Welche Farbe hatte seine Jacke in der Silvesternacht?" - "Schwarz." Ebrahim-Nesbat lehnt sich zufrieden zurück. Wenn Behzad S. der Haupttäter sein soll, kann er nicht sein eigener Mittäter gewesen sein. Wenn Behzad S. eine blaue Jacke trug, wie die Fotos beweisen, kann er keine schwarze getragen haben. Der Freispruch ist ab diesem Zeitpunkt nur noch Formsache.

Die Hauptverhandlung wird dennoch fortgeführt. Sichtlich angefasst, beschreiben weitere Frauen verabscheuungswürdige Angriffe, ihre Verzweiflung, ihre Angst, die Folgen der Taten. Taten, mit denen Behzad S. nichts zu tun hatte; Taten, die die Ermittler unbedingt aufklären wollten - getrieben vom öffentlichen Druck?

Bei der Befragung eines Kriminalbeamten blättert die Vorsitzende Gudrun Schoel das Protokoll von Behzad S.' Vernehmung auf dem Revier durch und zeigt sich verwundert. Wozu der Ermittler Behzad S. gefragt habe, warum er als verheirateter Mann nachts "im Rotlichtviertel" unterwegs gewesen sei, will sie wissen. "Der Beschuldigte sagte, er sei gläubig und habe aus religiösen Gründen sein Land verlassen", sagt der Ermittler. - "Ist er Muslim?", hakt die Richterin nach. "Davon bin ich ausgegangen."

Behzad S. ist Christ.

Lediglich 14 Minuten lang wurde Behzad S. von dem Beamten befragt. Er habe gemerkt, dass aus einer weiteren Vernehmung nicht mehr Beweise zu ermitteln seien, sagt der Polizist. Hatte er etwa Zweifel an der Schuld des Befragten? Wäre in solch einem Fall nicht gerade eine detailliertere Befragung zwingend notwendig gewesen?

Der Beamte ist 26 Jahre alt, seit 2011 im Polizeidienst. Er sagt, er sei erfahren genug, um die Situation einzuschätzen. Warum er einen Dolmetscher zu der Befragung hinzuzog, der nicht in der Lage war, die Belehrung des Befragten korrekt in dessen Muttersprache Farsi zu übersetzen, bleibt offen. Ebenso, warum die Beamten mehr als drei Wochen brauchten, um Behzad S.' Freunde zu befragen, obwohl sein Verteidiger bereits acht Tage nach dessen Festnahme Namen und Beweismittel vorgelegt hatte. Fotos und Filme der Handys wurden erst im April ausgewertet. Da saß Behzad S. bereits fast zwei Monate lang in Untersuchungshaft.

Vierter Verhandlungstag, 14.25 Uhr: Oberstaatsanwalt Keunecke gibt zu Protokoll, man könne die Beweisaufnahme bereits schließen. Richterin Schoel stimmt ihm zu, nach "der bisherigen Beweiswürdigung" gebe es keine Grundlage für eine Verurteilung.

Behzad S.' Freunde aus jener Nacht werden noch gehört und bestätigen seine Angaben. Auch ihr Zimmer, das sich die drei Männer im Camp teilen, wurde von der Polizei durchsucht - ohne ihr Beisein, ohne Ankündigung. Sie stießen rein zufällig dazu, als sieben, acht Beamte den Raum durchwühlten.

Am Ende plädiert der Oberstaatsanwalt auf Freispruch und sagt, Behzad S. habe die "Gelegenheit gehabt, die Taten zu begehen", die Hauptverhandlung habe dies aber nicht bewiesen.

Verteidiger Ebrahim-Nesbat hält einen fast zweistündigen Schlussvortrag über die systemischen Fehler der Kriminalpolizei, die mit einer festen Tathypothese an die Arbeit gegangen sei und anhand der Fotos und mithilfe der Zeugen versucht habe, zu einem bestimmten Ergebnis zu kommen.

Am siebten Verhandlungstag verkündet Richterin Schoel den Freispruch. Sie rekonstruiert, wie es zu den belastenden Zeugenaussagen kam, und endet mit den Worten, dass Fehler nun mal unterlaufen - insbesondere wenn die Beteiligten unter Druck stünden. "Das ist menschlich."

Behzad S. ist nicht erleichtert, sein Asylverfahren ist noch offen. "Mein Leben ist auseinandergerissen", sagt er am Ende des Prozesses. Der gelernte Friseur ist inzwischen alleinerziehend, elf Jahre lang war er verheiratet, doch seine Ehe hat die Inhaftierung nicht überstanden. Die blaue Jacke hat er weggeworfen.



insgesamt 3 Beiträge
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sozialismusfürreiche 27.03.2017
1. danke AfD-, Pegida- und PI-News-Hetzer und Hetzer
Wegen Euch wurde schlampig ermittelt, weil ihr Druck aufgebaut habt und unbedingt Resultate hermußten um euere Hetze zu entgegnen. Wegen Euch kommen Unschuldige in Haft. Ich mag mir nicht ausmalen wie ein Deutschland aussieht in der IHR an der Macht seid. DAS DARF NIE UND NIMMER PASSIEREN!
Deine Mami 27.03.2017
2. Ein Vorgeschmack auf die Empöreria
Wenn das die Zukunft sein soll, dann Gute Nacht Deutschland! Wir brauchen dringend einen Kulturwandel! Dieser Hühnerstall der Empöreria macht das ganze Land krank und irre.
ohnesorge 28.03.2017
3. @Beitrag0: Welch eine unsinnige Begründung in der Überschrift
Zitat von sozialismusfürreicheWegen Euch wurde schlampig ermittelt, weil ihr Druck aufgebaut habt und unbedingt Resultate hermußten um euere Hetze zu entgegnen. Wegen Euch kommen Unschuldige in Haft. Ich mag mir nicht ausmalen wie ein Deutschland aussieht in der IHR an der Macht seid. DAS DARF NIE UND NIMMER PASSIEREN!
Die Polizei stand unter Druck, weil hunderte Frauen belästigt worden waren und Strafanzeige gestellt haben. Das hat erst einmal überhaupt nichts damit zu tun, wer die Täter sind. Aber solch einer großen Menge von Anzeigen muss nachgegangen werden. Dass fehlerhaft recheriert wurde, ist schlimm, aber ein anderes Problem und hat auch mit den von Ihnen genannten Gruppe nichts zu tun. Wenn als Übeltäter hunderte von Seemännern in Hamburg genannt worden wären, dann hätte man in diesem Milleu gesucht. Ganz folgerichtig nachzuvollziehen.
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