AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2017

Berlusconi Das Bunga-Bunga-Comeback

Silvio Berlusconi ist zurück. Bei den Parlamentswahlen im Frühjahr will der skandalerprobte Ex-Premier die Macht erobern - und seine Chancen stehen gut.

Ehemaliger Regierungschef Berlusconi: Lebensmotto "Glauben, gehorchen, kämpfen"
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Ehemaliger Regierungschef Berlusconi: Lebensmotto "Glauben, gehorchen, kämpfen"

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Es ist, als wären sie nie weg gewesen: die Übertragungswagen der Fernsehsender und vor allem die Reporter. Kameras, Mikrofone und Prosciutto-Panini im Gepäck, warten sie jetzt wieder vor dem Palazzo Grazioli. Dort wohnt Silvio Berlusconi, wenn er in Rom ist.

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Heft 49/2017
Die Kleine Koalition - was sie anrichten und bewirken könnte

Stramm stehen die Wachen vor dem Palast, und es flattert die Trikolore an der Fassade, wenn der 81-jährige Ex-Premier mit Blaulicht-Eskorte vorfährt. Ein Empfang wie für einen Staatsgast, es ist das Protokoll für einen Regierungschef a.¿D. Seit seiner Verurteilung wegen Steuerbetrug 2013 war Berlusconi der großen Politik ferngeblieben. Nun ist er zurück.

Straff und brutzelbraun sieht er aus, nach längeren Aufenthalten in einer Meraner Schönheitsfarm. Auf dem zwischenzeitlich kahlen Schädel ist, wie frisch eingesäter Zierrasen, wieder Haupthaar zu sehen. Berlusconi strahlt, winkt und schäkert. Sein Lebensmotto, so erzählt er es vor den Fernsehkameras, laute derzeit: "Glauben, gehorchen, kämpfen."

Das Motto stammt von Benito Mussolini, dem Diktator, der Italien mehr als zwei Jahrzehnte lang regierte. Ähnlich lange ist der milliardenschwere Medienunternehmer Berlusconi mittlerweile vorn dabei. Viermal seit 1994 war er Regierungschef. Und nun, da die Abgesandten seiner Partei Forza Italia wieder an Strategien für die Machtübernahme tüfteln, wirkt es endgültig, als würde die Uhr zurückgedreht.

Sexskandale, Mafiakontakte, Bilanzfälschung: In 74 Prozessen hat Berlusconi, vertreten von 105 Rechtsanwälten, seine Unschuld zu beteuern versucht. Nur ein einziges Mal wurde er letztinstanzlich verurteilt. Die Strafe durfte er aufgrund hohen Alters mit Sozialarbeit in einem Altenheim abbüßen. Weitere Verfahren, in denen Berlusconis Schuld erwiesen war, blieben folgenlos wegen Verjährung oder dank von ihm selbst geschaffener Gesetze.

Nach einer Herzoperation im vergangenen Jahr setzt Berlusconi nun erneut zum großen Wurf an: Im Verbund mit der rechtspopulistischen Lega Nord von Matteo Salvini und der Rechtsaußen-Partei Fratelli d'Italia will er die Parlamentswahlen im Frühjahr gewinnen. Das neue Wahlgesetz begünstigt breit angelegte politische Koalitionen. Und mit 35 Prozent der Stimmen liegt das offiziell noch nicht besiegelte Mitte-rechts-Bündnis Umfragen zufolge derzeit deutlich vor Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) und Matteo Renzis regierenden Sozialdemokraten (PD).

Berlusconis Strategie ist eher schlicht. So wie er vor einem Vierteljahrhundert angeblich Politiker wurde, um "Italien vor den Kommunisten zu retten", gibt er sich nun als Bollwerk gegen die "Rebellen" vom M5S aus. Die Fünfsternler seien "eine schlimmere Gefahr als die Kommunisten 1994" und hätten in ihrem Leben nichts zustande gebracht, so Berlusconi, die meisten nicht einmal eine Steuererklärung. Deshalb predigten sie "Neid auf Mittelstand und Unternehmertum". Renzis zerstrittene Linke wiederum sei erledigt - eine Partei mit Ideen, "die schon im vergangenen Jahrhundert gescheitert sind".

Und Berlusconis eigenes Programm? Verheißt wie eh und je ein Schlaraffenland auf italienischem Boden. Den Wählern wird versprochen, was sie hören wollen: verringerte Steuerlast, weniger Staat, Anhebung der Mindestrente auf 1000 Euro, Steuerfreiheit fürs Hundefutter, Unterstützung für bedürftige Familien und bedingungsloser Kampf gegen illegale Einwanderung. Selbst eine Rückkehr zur Lira als Zweitwährung gilt als Option.

Wie die Wohltaten finanziert werden sollen, ist unklar. Ebenso fraglich ist, wie die postfaschistischen Fratelli d'Italia und die EU-feindliche Lega sich in einem Bündnis mit dem proeuropäischen Berlusconi zusammenraufen wollen. Die Lega sympathisiert offen mit dem Front National, mit der AfD und der FPÖ.

Er verspricht wie eh und je ein Schlaraffenland auf italienischem Boden.

Und so lesen sich auch die Tweets des Lega-Vorsitzenden Salvini: "Raus aus dem Euro? Morgen früh!" (September 2016). "Es lebe Trump, es lebe Putin, es lebe Le Pen" (Dezember 2016); "Ein historischer Erfolg der Lega-Verbündeten von der AfD" (September 2017). Salvini sei "bisweilen etwas zu ungestüm", aber im Kern verlässlich, verlautet dazu beschwichtigend aus dem Palazzo Grazioli.

30 Prozent der italienischen Wähler vertrauen wieder ihrem Ex-Premier. Auch, weil der samt seinen scheinbar lässlichen Sünden so wirkt wie einer aus dem Volk. "Ich fürchte nicht Berlusconi an sich, ich fürchte den Berlusconi in mir", so beschrieb der Liedermacher Gian Piero Alloisio die irrationale Zuneigung vieler Italiener zu dem Mann, der mittlerweile wirkt wie eine sprechende Mumie mit schneeweißem Gebiss.

"Berlusconi ist in der Lage, den Bauch eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung anzusprechen", sagt Marco Travaglio, Chefredakteur des "Fatto Quotidiano" und der wohl unerbittlichste Kritiker des Forza-Italia-Anführers: "Hinzu kommt eine gewisse Skrupellosigkeit, die es ihm erlaubt, völlig verschiedene politische Lager zusammenzubringen."

Zuletzt gelang das auf Sizilien. Das von Berlusconi geeinte Mitte-rechts-Lager gewann dort am 5. November die Regionalwahlen, den letzten Test vor den Parlamentswahlen. Weitere für ihn gute Nachrichten folgten: Ein Gericht entschied, dass Berlusconis Ex-Gattin Unterhaltszahlungen in Höhe von 60 Millionen Euro zurückerstatten muss. Und seit vergangener Woche berät der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, ob die Klage des Ex-Premiers, wieder für politische Ämter kandidieren zu dürfen, nicht doch berechtigt ist. Berlusconi bereitet seine Kandidatur schon vor, unter juristischem Vorbehalt.

Die Stimmung im Lager von Forza Italia ist euphorisch. Wer Fraktionschef Renato Brunetta in diesen Tagen in Rom erlebt, der ahnt, wie viel Aufbruchstimmung Berlusconi vermittelt. Brunetta sagt, er träume bereits von "den nächsten 20 Jahren an der Regierung". Italiens Linke unter Matteo Renzi habe versagt: "Die Folgen der Wirtschaftskrise lindert man nicht durch die Legalisierung der Schwulenehe."

Und dann gibt es da noch einen Mann, dem Berlusconi - außer sich selbst natürlich - den Posten des Premiers zutrauen würde: Antonio Tajani, 64, Präsident des Europaparlaments, Mitbegründer der Forza Italia und Berlusconis entschiedenster Fürsprecher in Brüssel. Nur wenige kennen den Langzeitpremier besser als er.

"Berlusconi ist ein sehr loyaler Mensch", sagt Tajani, "er lässt niemanden hängen und hält Abmachungen ein. Selbst in persönlich schwierigen Momenten konnte ich mich immer auf ihn verlassen." Politisch sei es das Verdienst des Ex-Premiers, "dass er das rechtsbürgerliche Lager verankert hat unter den europäischen Volksparteien." Aber ist nicht EU-weite Aufregung garantiert für den Fall einer Wiederkehr Berlusconis, und sei es nur in den Kulissen einer neuen Regierung? Ganz im Gegenteil, sagt Tajani: "Ich empfinde es so, dass Forza Italia in Brüssel als Schutzwall gegen den Populismus erkannt wird - wir sind ja eine liberale, christliche, proeuropäische Partei mit sozialer Seele."

Der Miterfinder des Populismus als Bollwerk gegen die Volksverführer von heute? Was klingt wie die absurde Pointe einer an Wendungen reichen Geschichte, wird in Italien lebhaft diskutiert. Selbst der greise Gründer der linksliberalen Tageszeitung "Repubblica" sagte zuletzt, verglichen mit dem M5S sei Berlusconi das kleinere Übel.


Mr. Bunga-Bunga: Im Dickicht von Silvio Berlusconis vielen Karrieren kann man leicht den Überblick verlieren. Eine Orientierungshilfe in Fotos.

Antonio Tajani versichert, er plane bis auf Weiteres nicht, Regierungschef Italiens zu werden. Noch habe Berlusconi nur in Interviews und nicht mit ihm persönlich darüber gesprochen: "Ich bin zwar dankbar für die hohe Meinung, die er von mir hat; aber meine Pflicht ist es, als Präsident des EU-Parlaments zu dienen."

Ein listiger Schachzug wäre es zweifellos, den Chef der europäischen Volksvertretung zum Kandidaten für das Amt des Regierungschefs zu machen. Die Voraussetzung: Berlusconi verzichtet selbst, und seine Partei erhält mehr Stimmen als die Lega¿- andernfalls stünde der Anspruch auf das Amt des Premiers Lega-Chef Salvini zu. Auch den Verdacht, er könnte am Ende doch wieder mit den Linken mauscheln, wie so oft in der Vergangenheit, muss Berlusconi noch entkräften.

Derzeit schwört der wiedererstandene Ex-Premier seine Vertrauten auf gemäßigte, staatstragende Töne ein. In Interviews gibt er, inzwischen Vegetarier, sich geläutert, bezeichnet seine 49 Jahre jüngere Geliebte Francesca als späten Glücksfall seines Lebens und sich selbst als Familienmenschen. Kein Wort mehr über einstige Orgien in seiner Villa nahe Mailand. Wenn er dort nun sonntags zur heiligen Messe in die Privatkapelle gehe, so Berlusconi, sehe er die Urnen mit der Asche seiner Eltern und schöpfe Zuversicht: "Sie beschützen mich noch."

Ein großes Kind ist er geblieben. Mal steht er am helllichten Tag grinsend in der Mailänder Via Volturno vor seinem Geburtshaus, plaudert mit den heutigen Bewohnern und lässt Selfies mit sich machen. Dann wieder fliegt er nach Moskau, feiert mit Wladimir Putin dessen 65. Geburtstag und schenkt ihm einen Bettüberwurf mit einem Foto von beiden Politikern in staatsmännischer Pose.

Mann von Welt, Schürzenjäger und Betbruder, Villenbesitzer und dabei immer ein Ohr für die kleinen Leute - Berlusconi zieht unverändert jene Register, die garantieren, dass viele Landsleute vergessen, warum er einst Politiker wurde: um sein milliardenschweres Medienimperium quasi in Eigenregie erweitern zu können.

Als er 1993 beschloss, "aufs Feld" zu gehen, wie er es in Fußballersprache nennt, lag Italiens Parteienlandschaft nach Schmiergeldskandalen in Scherben. Dass er sich nun, ein Vierteljahrhundert später, mit Kampfansagen an die Anti-System-Partei M5S erneut als Retter des Vaterlands ins Gespräch bringen kann, ist ein Beleg für die historische Begabung italienischer Wähler zu vergessen und zu vergeben.

Berlusconis Wiederauferstehung ist vor allem ein Armutszeugnis für Italiens Linke. Deren selbstmörderischen Hang zum parteiinternen Grabenkrieg nutzt er, um sich als Versöhner unter Spaltern anzudienen. Seinen Rivalen, den gerade mal halb so alten Sozialdemokraten Renzi, erwähnt Berlusconi nicht einmal mehr, wenn er, wie am vergangenen Sonntag, in Mailand über Italiens politische Zukunft spricht.

Seinen jubelnden Anhängern erklärte der Ex-Premier da, ein Raubtierlächeln im Gesicht, er sei bereit für größere Aufgaben: "Ich fühle mich wie 40 und benehme mich auch so."



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