AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Doppelmord in der Slowakei Das Model und die Mafia

Ein Doppelmord erschüttert die Slowakei. Im Zentrum steht ein Dessous-Model mit mutmaßlichen Kontakten in die Unterwelt - und zum Premierminister.

Anti-Fico-Plakate in Bratislava: Das Vertrauen in die Stabilität des Landes ist erschüttert
Radovan Stoklasa / REUTERS

Anti-Fico-Plakate in Bratislava: Das Vertrauen in die Stabilität des Landes ist erschüttert

Von und


Protokollfragen sind unter befreundeten Ländern eigentlich Routinefragen. Zwei Politiker treffen sich, und vorher werden die Namen aller Teilnehmer ausgetauscht.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

Als der slowakische Ministerpräsident Robert Fico im April vergangenen Jahres die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen soll, ist es allerdings anders. Die Deutschen stören sich an seiner Assistentin Mária Trošková, Ex-Model, damals 29 Jahre alt. Ihre Anwesenheit bei den Beratungen sei nicht erwünscht, erklären die Deutschen. Die Slowaken widersprechen, es geht hin und her, schließlich darf Trošková doch kommen. Die Slowaken haben sie als "außenpolitische Beraterin" angemeldet.

Genau diese Frau, Teilnehmerin der Wahl zur Miss Universe 2007, Dessous-Model und Lieblingsfigur der slowakischen Boulevardpresse, steht nun im Zentrum eines mächtigen politischen Erdbebens.

Vor zwei Wochen wurden der Investigativjournalist Ján Kuciak, 27, und seine Verlobte Martina Kušnírová tot aufgefunden, mit Schusswunden im Kopf und in der Brust, die Polizei spricht von einer Hinrichtung.

Der Grund ist möglicherweise in Kuciaks letzter Recherche zu finden: Es ging um mutmaßliche Mafia-Verstrickungen im slowakischen Regierungsapparat. Um Antonino Vadalà, einen italienischen Geschäftsmann, der in der Ostslowakei Gelder gewaschen und EU-Mittel veruntreut haben soll. Und um Trošková, seine angebliche Ex-Liebhaberin und Ex-Geschäftspartnerin sowie eben auch Mitarbeiterin im Büro des Ministerpräsidenten.

Fieberhaft arbeiten die Kollegen von Kuciak an der Aufklärung des Falles; sie haben die Journalisten anderer Medien gebeten, ihnen bei der Sichtung von Daten zu helfen, die Kuciak hinterlassen hat. Aber es geht auch darum, nun Einigkeit angesichts dieses Anschlags auf die Presse zu demonstrieren. Ein direkter Zusammenhang zwischen Kuciaks Recherche und dem Mord lässt sich bisher nicht herstellen, er hatte viele Feinde. Eines ist aber klar: Schon 2013 warnte die italienische Anti-Mafia-Behörde die Slowaken vor dem Geschäftsmann Vadalà - ohne dass etwas passierte.

In der Innenstadt von Bratislava breitet sich seit Tagen ein Meer aus Kerzen vor einem kleinen Foto von Kuciak und seiner Verlobten aus - unter einer Gedenktafel, die an die Demonstrationen erinnert, die 1989 zum Sturz der kommunistischen Regierung führten. "Wir sind die Kinder der Samtenen Revolution", sagt Juraj Šeliga, 27. Er hat gerade seinen Abschluss an der Universität von Bratislava gemacht und ist einer der Organisatoren der Demonstrationen, die seit dem Tod von Kuciak in der Hauptstadt stattfinden und auf denen Premier Ficos Rücktritt gefordert wird. "Wir werden uns die Errungenschaften der Demokratie nicht nehmen lassen." Für den Freitag haben viele Universitäten der Slowakei ihren Studenten freigegeben, damit sie demonstrieren gehen können.

Es ist nicht das erste Mal, dass es zu Protesten gegen die Regierung kommt. Seit zwölf Jahren ist Fico fast durchgängig an der Macht, und Korruptionsvorwürfe gegen ihn gab es schon häufig. Doch sie perlten stets an ihm ab. Seine Partei Smer ist pragmatisch und linksnationalistisch. Meist wird Fico als Sozialdemokrat bezeichnet, aber das trifft es nur begrenzt: Er koaliert mit Rechtspopulisten und hat sich für eine restriktive Flüchtlingspolitik ausgesprochen. Innenpolitischen Populismus verbindet er geschickt mit außenpolitischer Kompromissfähigkeit. Doch die Morde erschüttern nun Ficos Macht.


Im Video: Nach Journalistenmord - Besuch einer schockierten Redaktion

REUTERS

Denn den Slowaken geht es zwar gut, die Arbeitslosigkeit ist relativ gering und das Wirtschaftswachstum hoch. Doch die Erinnerung an die Nachwendejahre ist noch wach. Damals gehörten Entführungen und Bombenanschläge zum Alltag, die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright bezeichnete das Land einst als "schwarzes Loch im Herzen Europas". Jetzt fürchten viele, die Vergangenheit könne sich wiederholen.

Der Mord hat das Vertrauen in die mühsam erkämpfte Stabilität erschüttert - und das erratische Verhalten Ficos in den vergangenen Tagen trug dazu eher noch bei. Erst bot der Premier mit versteinertem Gesicht eine Million Euro in dicken Geldbündeln für Hinweise zum Mord, eine Szene wie aus einem Mafia-Film, nicht unbedingt der Eindruck, den man erwecken sollte, wenn Teile des eigenen Regierungsapparats unter dem Vorwurf stehen, Verbindungen zum organisierten Verbrechen gehabt zu haben. Vorwürfe, die Fico natürlich vehement bestreitet.

Dann beschimpfte er den Präsidenten, der davon gesprochen hatte, dass die Slowakei in ihren Grundfesten erschüttert sei - und Neuwahlen oder eine Kabinettsumbildung gefordert hatte. Fico beschuldigte ihn, einen Umsturz zu planen - zusammen mit dem US-Milliardär George Soros.

Das sind Töne, wie sie bislang vor allem aus dem Nachbarland Ungarn zu hören waren, wo sie die Begleitmusik zum Abbau demokratischer Standards bildeten. Das wird in der Slowakei, wo eine große ungarische Minderheit lebt, genau registriert.

Gut möglich, dass Fico in den kommenden Wochen sein Amt verliert. Die Opposition hat ein Misstrauensvotum angekündigt, Ficos Mehrheit im Parlament ist hauchdünn. Und die Demonstranten wollen weiter auf den Straßen Druck machen.

Mária Trošková jedenfalls lässt ihr Amt ruhen und ist abgetaucht. Antonino Vadalà gab einer slowakischen Zeitung ein Interview. Die Vorwürfe seien "Schwindel", sagt er. Und Trošková eine "Schwester".



© DER SPIEGEL 11/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.