AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2017

Beinahekollisionen So gefährlich sind Spielzeugdrohnen für Flugzeuge

Piloten warnen: In der Nähe von Flughäfen kommen ihnen immer häufiger Drohnen in die Quere - sogar auf der Landebahn.

Drohnenaufnahme von Hochhäusern in Hongkong: "Leider starten viele ohne Vorwissen"
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Drohnenaufnahme von Hochhäusern in Hongkong: "Leider starten viele ohne Vorwissen"

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Wenn sein Blick über die Dächer der Großstadt schweift, fühlt er sich frei wie ein Vogel. Dabei steht er mit beiden Beinen fest auf dem Boden, den Blick auf den Fernsteuerungsmonitor gerichtet, der zeigt, was die fliegende Kamera hoch oben sieht. "Beim Drohnenfliegen fühle ich mich wie in einem Actionfilm", schwärmt Frank Lemm.

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Heft 40/2017
"Wir sind im freien Fall"

Doch Höhenflug und Absturz liegen dicht beieinander. Kürzlich raste ein voll besetzter Hubschrauber auf sein Fluggerät zu. "Damit muss man jederzeit rechnen, egal wo man fliegt. Zum Glück habe ich das gesehen, und konnte in letzter Sekunde ausweichen", sagt Lemm, Gründer einer Drohnenflugschule bei München.

"Leider starten viele Drohnenpiloten ohne Vorwissen", klagt er. Aus diesem Grund reist der Miniflieger-Dozent derzeit quer durch Deutschland, um Prüfungen für den neuen Drohnenführerschein abzunehmen. Ab Oktober ist dieser "Kenntnisnachweis" Pflicht - allerdings nur für Drohnen, die mehr als zwei Kilogramm wiegen.

Rund eine halbe Million unbemannte Miniflieger sind in Deutschland schätzungsweise unterwegs, genau weiß das niemand, denn es gibt kein Zentralregister wie in den USA. "Unbemannte Luftfahrtsysteme" heißen sie im Amtsdeutsch.

Piloten selbst sprechen eher von "Coptern".

Neben Hobbyfliegern gibt es mittlerweile Tausende Deutsche, die Copter beruflich nutzen: Schornsteinfeger und Feuerwehrleute, Bauern und Bauunternehmer, Ingenieure und Insektenvernichter. In Australien patrouillieren Baywatch-Copter sogar am Strand, um nach Haien Ausschau zu halten und im Ernstfall einen Rettungsring abzuwerfen. Und Drohnensurfer lassen sich von unbemannten Flugobjekten durch die Wellen schleppen.

 Drohnenaufnahme von Badestrand in Australien
HGM-PRESS

Drohnenaufnahme von Badestrand in Australien

Zum Weihnachtsgeschäft werden voraussichtlich besonders handtellerkleine Selfiedrohnen nachgefragt werden. Verleihservices wie Grover bieten sie schon für eine Monatsmiete von unter 70 Euro an. Die dazugehörige Haftpflichtversicherung lässt sich wochenweise für rund 20 Euro buchen. Bei einigen dieser oft nur etwa 300 Gramm leichten Minicopter braucht man nicht einmal eine Fernsteuerung, sondern kann sie mit Gesten lenken: Y-förmig ausgestreckte Arme bringen sie dazu, dem Nutzer hinterherzudackeln wie ein dressierter Flughund.

Über den Dächern muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, glaubt mancher Hobbypilot. Denn die einfache Bedienung verleitet dazu, die Tücken der Rechtslage zu unterschätzen - zumal meist wegen geringen Gewichts kein Führerschein nötig ist. Die Folge: Alle paar Tage kommt es mittlerweile zu gefährlichen Begegnungen von Coptern mit Flugzeugen und Hubschraubern.

Am 17. September zum Beispiel war eine Maschine der Fluglinie Ryanair im Anflug auf den Flughafen Köln/Bonn, als sie fast mit einer Drohne kollidierte. Der Ryanair-Pilot alarmierte den Tower. Per Hubschrauber wurde nach dem Täter gefahndet - vergebens. Vorübergehend musste sogar die Landebahn gesperrt werden.

DER SPIEGEL

Bei einem Zwischenfall im Mai 2016 war es noch knapper: Ein Verkehrsflugzeug war im Anflug auf den Flughafen Frankfurt am Main. Planmäßig sank es gen Landebahn: 1700 Meter Höhe, 1600, 1500. Plötzlich schreckte der Pilot auf, ein unbemanntes Flugobjekt schoss "einen Meter" an der Maschine vorbei. Sofort funkte er eine Alarmmeldung. Doch auch diesmal konnte der Copter-Chaot nicht ausfindig gemacht werden.

Das Kollisionsrisiko nehme exponentiell zu, warnt die Pilotengewerkschaft Cockpit in einer Broschüre: "Denn sie wissen nicht, was sie tun." Vor allem der europäische Gesetzgeber habe "die Bedrohung der bemannten Luftfahrt bei den Regulierungsvorschlägen noch überhaupt nicht erkannt". Die EU tüftelt immer noch an grenzüberschreitenden Regeln.

64 gefährliche Annäherungen ("Drohnensichtungen") meldete die Deutsche Flugsicherung (DFS) 2016, eine Vervierfachung im Vergleich zum Vorjahr. "Wir haben hier ein radikal zunehmendes Problem und rechnen für das Jahr 2017 abermals mit einer Verdopplung der Behinderungen gegenüber dem Vorjahr", sagt Klaus-Dieter Scheurle, Chef der DFS. Bei "gefährlichen Eingriffen in den Luftverkehr" droht das Strafgesetzbuch mit mehreren Jahren Gefängnis.

Tai-Chi-Sportler im chinesischen Rong'an
AFP

Tai-Chi-Sportler im chinesischen Rong'an

Aber wie gefährlich ist es wirklich, wenn ein riesiger Jet mit einer kleinen Drohne kollidiert? Wegen der hohen Geschwindigkeiten kann sogar schon ein Vogel eine Cockpitscheibe durchbrechen, immer wieder kommt es nach einem solchen "Vogelschlag" zur Notlandung. "Und Drohnen sind weitaus gefährlicher als Vögel", sagt Javid Bayandor, Professor für Ingenieurwissenschaft an der State University of New York in Buffalo: "Vögel sind weiche Ziele, wenn die in einen Rotor geraten, ist das eher wie Hackfleisch. Drohnen sind meist um ein Vielfaches härter - eher wie Steine."

In einer Computersimulation hat Bayandor gezeigt, wie eine mittelgroße Drohne das Triebwerk eines Reiseflugzeugs zerschreddern könnte. In diesem Fall müsste der Pilot mit nur einem Triebwerk landen - ein riskantes Kunststück.

Noch schlimmer wäre ein Frontalzusammenstoß: "Ein solcher Drohnenschlag wäre nicht zu überleben", warnt eine texanische Aeronautikfirma: "Spielzeugdrohnen bedeuten eine katastrophale Bedrohung für bemannte Fluggeräte."

Vor allem Hubschrauber gelten als gefährdet, denn ihre Rotoren können mit über 300 Umdrehungen pro Minute kreisen, sind aber fast ungeschützt. Außerdem müssen Helikopter bei Rettungseinsätzen auch mitten in Städten landen. Eigentlich gilt für sie eine Mindestflughöhe von 150 Metern, doch zum Beispiel bei Rettungseinsätzen müssen sie tiefer fliegen - und damit auf gleicher Höhe mit Drohnen.

Drohnenaufnahme von Winterlandschaft am Eibsee in Bayern
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Drohnenaufnahme von Winterlandschaft am Eibsee in Bayern

Um die Gefahr einzudämmen, erließ Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) im April eine neue Drohnenverordnung. Seither ist unter anderem der Start im Radius von 100 Metern um Gefängnisse, Krankenhäuser, Bundesstraßen, Menschenansammlungen und Eisenbahnschienen verboten.

Der Bundesverband Copterpiloten hält einige Regeln jedoch für zu starr: Wer beispielsweise ein Mehrfamilienhaus überfliegen will, brauchte nun von jedem Mieter eine schriftliche Erlaubnis. Hat man die nicht, drohen später Klagen.

Ebenfalls ärgerlich: Der Abstand zu Bundes- oder Wasserstraßen muss pauschal 100 Meter betragen - auch dann, wenn der Copter nur bodennah schwebt. Praktischer wäre eine "Eins-zu-einsRegel", die etwa bei einer Flughöhe von 20 Metern einen Horizontalabstand von 20 Metern erfordern würde.

An anderer Stelle dagegen halten Copterlehrer wie Lemm die neuen Regeln eher für zu lasch: "Die Führerscheinpflicht ist halbherzig, denn 90 Prozent der Drohnenpiloten sind von ihr befreit, weil ihre Geräte zu leicht sind."

Lemm hielte es für sinnvoller, jedem Neuling vor dem ersten Drohnenflug wenigstens einen digitalen Crashkurs abzuverlangen - was sich über die Steuersoftware ohne Weiteres bewerkstelligen ließe.

Ebenfalls denkbar: Bislang sind Copter für die Radargeräte der Flugsicherung unsichtbar; fest installierte Funkchips könnten künftig eine Ortung ermöglichen.

Die DFS fordert zudem, dass jede Drohne offiziell registriert werden muss; in den USA ist das bereits vorgeschrieben.

Einstweilen raten Experten jedem Hobbyflieger, freiwillig das Wissen für den Drohnenführerschein zu pauken. Wichtig ist vor allem, den Flickenteppich aus Sperrzonen zu beachten; hilfreich sind dabei Apps wie DFS-Drohnen oder MyFly.zone.

Bis sich wirklich taugliche Regeln für alle Copterpiloten durchsetzen, wird es wohl dauern. Drohnendozenten wie Frank Lemm werden bis dahin noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten haben - und viel zu schimpfen: "Manche Vollpfosten packen einfach ihr Gerät aus und fliegen direkt in der Einflugschneise von Flughäfen los."

Im Video: Hilmar Schmundt über die Gefahren eines Drohnenflugs in Berlin-Mitte

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