AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

Zeitgeist Wir sind die neuen Konservativen

Konservativ sei wieder sexy, sagt die CSU. Aber was bedeutet der Begriff heute? Eine Deutschlandreise zu Menschen, die ein Erbe bewahren wollen.

CDU-Mitglied Diana Kinnert in Hamburg
Markus Tedeskino / DER SPIEGEL

CDU-Mitglied Diana Kinnert in Hamburg

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Was der Wetterbericht nicht angekündigt hat: Die Nebel der Vergangenheit haben sich über das Land gelegt. Sie liegen über der politischen Debatte, sie liegen über Talkshows, über den Sachbüchern zur deutschen, wenn nicht gar zur germanischen Frage. Es geht um die Heimat, es geht um die Nation, um deutsche Werte, um deutsche Kultur, auch um die Wehrmacht geht es, selbst um das kaiserliche Heer. Nebel, Nebel überall. Sogar auf der Landstraße in Brandenburg herrscht Nebel. Er liegt über den Waldstücken und Ackerflächen, den wieder angepflanzten Lindenalleen, die sich Richtung polnische Grenze ziehen. Hier, in Friedersdorf, nördlich von Frankfurt an der Oder, soll er begraben sein: Friedrich August Ludwig von der Marwitz.

Dieser Marwitz, geboren 1777, preußischer Adliger und Offizier, wäre heute wahrscheinlich vergessen, hätte ihm nicht Theodor Fontane ein Denkmal gesetzt in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". So ragt Marwitz aus dem Nebel der Vergangenheit - weniger als Kriegsheld oder Gutsherr, sondern weil er gegen die Reformen des damaligen preußischen Staatskanzlers focht, gegen die Ideen des Fürsten Karl August von Hardenberg. "Erst von Marwitz' Zeiten ab existiert in Preußen ein politischer Meinungskampf", schreibt Fontane und: "Derjenige, der, meines Wissens, zuerst den Mut hatte, diesen Kampf aufzunehmen, war Marwitz." Ein Mann wie ein Anker, "der uns auf tiefem Grunde mit seinem Eisenzahne festhält, wenn die frische Brise zum Sturme zu werden droht".

Die frische Brise, das waren im frühen 19. Jahrhundert die Befreiung der Bauern und die Emanzipation der Juden, eine modernere Gesellschaft, der Abschied vom Feudalismus.

Hiergegen stritt Marwitz. Denker, die sich gegen die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, gegen die Französische Revolution wandten, hatte es im deutschsprachigen Raum schon vor ihm gegeben; Marwitz aber war eine der ersten prägenden Gestalten der konservativen Opposition.

Die deutsche Geschichte, sie hat viele Stürme gebracht seit Marwitz' Tod im Jahr 1837. Sein Herrenhaus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt, auf Geheiß der Sowjets, die Kirche, in deren Schatten er begraben liegt, verfiel. Nach dem Fall der Mauer hat die Familie das Gut zurückgekauft. Sein Urururenkel Hans-Georg von der Marwitz, 56, steht an der eisernen Friedhofspforte, schließt auf und weist auf die dunkle, metallene Platte. Das ist das Grab, das Grab des Friedrich August Ludwig von der Marwitz.

Hätte Marwitz das Wörtchen "sexy" gekannt, hätte er gewusst, was einen Generalsekretär vom General eines Heeres unterscheidet? Wohl kaum. Und auch viele Nachgeborene wussten bis vor Kurzem nicht, dass die Christlich-Soziale Union Bayerns sogar einen stellvertretenden Generalsekretär hat. Er heißt Markus Blume, er war es, der Anfang Oktober ein Thesenpapier verfasst hat. "Konservativ ist wieder sexy", schrieb er da - einen Satz, der sich nach der Bundestagswahl vor allem so interpretieren ließ: Die Union ist nicht sexy genug. Die CSU hat knapp zehn Prozent verloren, die CDU erzielte ihr zweitschlechtestes Ergebnis seit 1949. Woran liegt das? Unter Angela Merkel ist die Partei in die Mitte gerückt, von rechts kommt die stark gewordene AfD. Jahrzehntelang hatten CDU und CSU zumindest im Bundestag rechts der Mitte ein Monopol. Das ist vorbei, ihr Selbstbewusstsein ist erschüttert. Aber vertreten auf der anderen Seite nicht auch die Grünen mittlerweile konservative Positionen? Das ist das Spannungsverhältnis, in dem die Diskussion geführt wird, was heute konservativ sei.

Auch in diesem Text geht es um diese Frage. Er führt zu Wertkonservativen und Deutschnationalen, zu Modernisierern und Traditionalisten, zu Intellektuellen, Politikern und zu einer Frau, die sich des Konservatismus ganz zu Unrecht verdächtigt fühlt. Er führt in die Holsteinische Schweiz im Norden, an den Rand der Schwäbischen Alb im Süden. Er führt in den Westen ins Münsterland. In den Oderbruch und ins Kohrener Land im Osten. Und dorthin, wohin in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten fast alle politischen Kräfte gedrängt haben: in die Mitte.

Die Veste Otzberg liegt bei Darmstadt, am Rande des Odenwalds. Ein Sträßchen führt den Berg hinauf, durch das Burgtor. Fachwerkbauten, ein Bergfried; im Eingang ein kleiner Mann, 84 Jahre alt. Er hat sich untergestellt, weil es regnet, er raucht. Er trägt einen Wildlederblouson, eine Krawatte. Er ist ein bisschen zu früh hier. Die Veranstaltung beginnt in zwei Stunden. Am Tag zuvor ist Heiner Geißler gestorben. Auch der eine prägende Figur der deutschen Konservativen. Der Mann im Blouson ist nicht sonderlich gut auf Geißler zu sprechen. Er selbst saß in der DDR in Bautzen in Haft, wurde freigekauft, ging in den Westen und war dann bei einer Hilfsorganisation tätig. Einmal hat er Geißler getroffen, zu einem Gespräch über die Menschenrechte in der DDR: "Der wollte, dass Amnesty International dazukommt. Da hätte er gleich die DKP einladen können." Antikommunismus, wie der Mann ihn pflegt, das war immer ein Aufputschmittel für den bundesdeutschen Konservatismus. Doch dieser kommunistische Feind ist der CDU abhandengekommen in einer Zeit, in der das linke Spektrum ausgebrannt wirkt und zahnlos. Der Union fehlt eine entscheidende, stärkende Droge. Jetzt muss sie gegen die AfD kämpfen, gegen rechts. Aber hat sie das gelernt?

Der Abend in Otzberg gilt, auch wenn die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung ihn veranstaltet, der Zeit, als die Welt der Union noch in Ordnung war: der Ära Helmut Kohls; er gilt der Beschwörung einer gemeinsamen Geschichte, der Geschichte einer Bundesrepublik, deren Königshaus die CDU ist - und so antwortet hier selbst eine 22-Jährige auf die Frage nach den großen Kanzlern des Landes ohne Zögern: Adenauer und Kohl.

Ein dunkler Mercedes fährt auf dem Burghof vor, der Referent des Abends. Es ist Andreas Rödder, Historiker für Neueste Geschichte an der Universität Mainz. Rödder, 50, hat sich mit der Union, mit der Geschichte der Wiedervereinigung theoretisch beschäftigt, praktisch ist er selbst CDU-Mitglied und war in Rheinland-Pfalz in Julia Klöckners Schattenkabinett. Er grenzt das Wort konservativ ab von den Begriffen traditionalistisch und reaktionär. Konservativ zu sein bedeute, den Wandel behutsam zu gestalten. Traditionalistisch sei, wer den Wandel verhindern, reaktionär, wer ihn rückgängig machen wolle. In Otzberg ist Rödder bemüht, keine Parteitagsrede zu halten, doch es entsteht der Eindruck: Wenn es je goldene Jahre der Bundesrepublik gegeben hat, dann waren das die Achtziger unter Helmut Kohl.

Historiker Andreas Rödder in Otzberg
Bernd Hartung / DER SPIEGEL

Historiker Andreas Rödder in Otzberg

Der Konservatismus braucht die Vergangenheit als Bezugsgröße, und er braucht, weil er paternalistisch geprägt ist, große Gestalten, um die herum die Nebel der Geschichte sich lichten. Für viele bundesdeutsche Konservative ist diese große Gestalt heute Kohl.

Doch Andreas Rödder räumt ein, dass viele Zeitgenossen Kohl anders wahrgenommen hätten - wie sonst ließe sich erklären, dass Teile der Union ihn im September 1989 stürzen wollten? Lothar Späth jedoch, der ihm damals nachfolgen wollte, zögerte. Die CDU habe in ihrer Geschichte nur drei Politiker gehabt, die den "todsicheren Killerinstinkt hatten, im richtigen Moment zuzuschlagen", meint Rödder: "Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Angela Merkel. Nun stellt sich die Frage, ob Jens Spahn der vierte ist."

Ein paar Tage später steht dieser Jens Spahn in einer Kindertagesstätte im Münsterland. Er schaut aus dem Fenster: "Mit Blick auf den Kirchturm, sehr gut." Spahn, 37, wird wissen, warum er eine derartige Aussicht kommentiert. Er gilt als der Hoffnungsträger des rechten Flügels der CDU. Da gehört das Bekenntnis zum Kirchturm dazu. Spahn ist in seinem Wahlkreis unterwegs, am Ende der Woche ist Bundestagswahl. Manchmal macht er eine leise, ironische Bemerkung, dann wirkt er eigentlich zu jungenhaft für einen Hoffnungsträger des rechten Flügels. Spahn hat Humor, er lacht über die Frage, was er zuerst gewusst habe: dass er schwul sei oder konservativ? Und vielleicht ist dieses Lachen ja auch die beste Antwort. Wenn Spahn jedoch vor einem größeren Publikum redet, neigt er dazu, das Satzende zu betonen. Das soll wahrscheinlich markig erscheinen, klingt aber ein bisschen blechern.

"Sind Sie von hier?", fragt er eine Frau in der Kita. "Ja, aber nicht gebürtig, gebürtig aus Duisburg. Mein Mann ist hier geboren." Spahn auch. Heimatverbundenheit, ganz wichtig. Eine Journalistin der "Münsterland Zeitung" steht dabei, sie ist aus dem Ruhrgebiet hergezogen. Was der Unterschied sei zwischen Menschen hier und denen im Pott? Hier sei "das Ehrenamt ganz groß, die Nachbarschaftshilfe". In Spahns Wahlkreis herrscht pragmatischer Alltagskonservatismus. Die Menschen scheinen mit sich und der bundesdeutschen Gesellschaft im Reinen. Konservativ zu sein, das bedeutet hier auch, einverstanden zu sein. Mit Spahn diskutieren die Münsterländer über Sachthemen: Wann kommt das schnelle Internet? Franz Josef Strauß hat einmal behauptet: "Konservativ heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren" - im Münsterland zumindest an der des technischen Fortschritts.

Politiker Edmund Stoiber und Jens Spahn in Ahaus
Dominik Asbach / DER SPIEGEL

Politiker Edmund Stoiber und Jens Spahn in Ahaus

Die Landschaft wirkt nüchtern, in den Kleinstädten ist alles neu gemacht und in Schuss, aber ein bisschen gesichtslos. Traditionspflege ist, wenn der aus Mallorca bekannte Rambazambakönig Mickie Krause, auch der hier gebürtig, beim Feuerwehrfest singt - oder aber, wenn man sich andere Traditionen überwirft. Am Abend tritt Edmund Stoiber im Festzelt von Ahaus auf. Jens Spahn hat den schwarzen Anzug abgelegt, er trägt nun einen grauen Janker und ein weiß-blau kariertes Hemd. Stoiber zieht zum bayerischen Defiliermarsch ein, Spahn begrüßt ihn mit den Worten, das Münsterland sei das Bayern Nordrhein-Westfalens. Stoiber redet sehr lange. Den größten Applaus erhält er, als er Europa erwähnt - und das Grundgesetz. Die Konservativen in diesem Zelt sind keine kalten Krieger. Und doch erheben sie sich am Ende der Rede Stoibers, um das Deutschlandlied zu singen.

Wenn Spahn erklärt, er halte es für notwendig, dass die CDU ihren Kurs ändere, weil sich auch die Mitte verschoben habe, bemüht er keine Beispiele aus dem Münsterland, er spricht von Internetphänomenen, von Meldungen über kriminelle Migranten, die durch die sozialen Netzwerke geisterten. "Es gibt ein großes Bedürfnis nach Recht, Ordnung und Verlässlichkeit. Darauf müssen wir Antworten geben, um Vertrauen zurückzugewinnen." Recht und Ordnung, das steht für den konservativen Flügel der CDU, wie Gerechtigkeit für die SPD: ein politisches Klischee. In seinem Dienstwagen steckt in der Tasche des Vordersitzes das Buch "Assimilation oder Multikulturalismus?" des niederländischen Sozialwissenschaftlers Ruud Koopmans, und es ist klar, dass für Spahn die Antwort Assimilation lauten würde, nicht Multikulturalismus. Da hinten seien noch mehr Bücher, merkt sein Fahrer an, und Spahn ermutigt, die Klappe in der Rückenlehne zu öffnen. Dort liegt "Finis Germania" von Rolf Peter Sieferle, der sehr, sehr umstrittene Bestseller des vergangenen Sommers, ein ahistorischer, kulturpessimistischer Blick auf die jüngere Vergangenheit: die Deutschen als die Aussätzigen unter den Völkern. "Ich finde, Dinge, über die man sich empört, sollte man gelesen haben", sagt Spahn.

Erschienen ist der schmale Band bei Antaios, dem Verlag von Götz Kubitschek, 47, einem früheren Offizier, mittlerweile Versandbuchhändler, Meinungsmacher; die charismatische Zentralfigur der Neuen Rechten. Erstmals seit Jahren hatte Kubitscheks Verlag in diesem Jahr wieder einen kleinen Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt und der Chef der Buchmesse waren da, um gegen ihn zu protestieren. Aber was ist Kubitschek überhaupt? Ist er ein gefährlicher Rechtsradikaler, womöglich Faschist oder doch eher ein Vorkriegsnostalgiker mit Faible für das Autoritäre, der mit seiner Frau und Mitstreiterin Ellen Kositza, sieben Kindern, Ziegen und den Büchern Ernst Jüngers im sachsen-anhaltinischen Hinterland lebt; einer, der auf der Skala dessen, was konservativ ist, am rechten Ende angesiedelt wäre? Gerade hat Kubitschek am Buchmessestand einer jungen Frau vom Fernsehsender Russia Today ein Interview gegeben. Dass sich der Sender gerade für ihn interessiert, sagt eigentlich alles - Russia Today bedient auch die Rechten, die ARD und ZDF als Staatsfunk beargwöhnen. Als die Fernsehfrau weg ist, nimmt Kubitschek am Büchertisch Platz. Ob er konservativ sei? Er zögert. "Da schwingt so etwas Gemütliches mit. Das sind wir nicht. Wir sind selbstbewusst. Angriffslustig." Der Konservatismus, auf den er sich beziehe, orientiere sich an substanziellen historischen Größen: "Volk, Nation, Staat."

Von einer "unheiligen Allianz" zwischen Konservatismus und Nationalismus, dem "nationalkonservativen Trauma", hatte ein Autor bereits im Jahr 2002 geschrieben. Das war Alexander Gauland.

Es mag Zufall sein, doch es liegt Nebel über Potsdam, womöglich gar der Nebel der Vergangenheit, als Gauland sich, gravitätisch aus diesem Dunstschleier tretend, einem Potsdamer Restaurant nähert. Gauland, 76, trifft sich gern mit Journalisten in diesem Lokal, später am Tag will er um die Ecke, im Landtag, sein Mandat zurückgeben, er will sich nun, nach der Wahl, auf sein Bundestagsmandat konzentrieren. Natürlich trägt er seine Hundekrawatte. Die habe er in Sussex gekauft, vor Jahren. Anglophilie, auch das eine ganz klassisch-konservative Gepflogenheit. Zu den Texten, die das politische Bewusstsein des jungen Alexander Gauland nach seiner Flucht aus der DDR prägten, gehörte in den späten Fünfzigerjahren das Werk eines Briten, Edmund Burkes "Betrachtungen über die Französische Revolution". Burke, ein Zeitgenosse von Friedrich August Ludwig von der Marwitz, hat es 1790 veröffentlicht. Er gilt als einer der Urväter des Konservatismus, sein Buch als der konservative Klassiker schlechthin. Es war die Zeit, als die althergebrachten Verhältnisse infrage gestellt wurden, durch die Revolutionen in den USA und in Frankreich, durch die industrielle Revolution. Durchgesetzt hat sich der Begriff "konservativ" im Deutschen dann in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts. Und nur diejenigen, die über keine konservative, über keine altsprachliche Bildung verfügen, werden des Hinweises bedürfen, dass das lateinische "conservare" "bewahren" bedeutet.

AfD-Politiker Alexander Gauland
Sven Döring / DER SPIEGEL

AfD-Politiker Alexander Gauland

In Gaulands Erzählungen wird bei diesem Mittagessen eine Welt von gestern lebendig: sein Vater Alexander, wie er selbst und wie auch der Großvater nach dem russischen Zaren Alexander I. benannt, dem Bezwinger Napoleons, Stifter der Heiligen Allianz zwischen Russland, Österreich und Preußen, einem restaurativen Weltanschauungsbündnis zur Verteidigung des Abendlandes. Der Vater, Jahrgang 1881, war bereits 60 Jahre alt, als sein Sohn 1941 zur Welt kam. Ein Berufsoffizier, später Polizeikommandant in Chemnitz, der seinem Sohn noch davon berichtet habe, wie er am sächsischen Königshof mit Prinzessin Mathilde tanzte, der dicken Mathilde, die sonst keiner haben wollte. Ein klassischer preußischer Konservativer, Anhänger des Bismarck-Reichs und Monarchist. Ein Mann des 19. Jahrhunderts, der einen Politiker des 21. Jahrhunderts geprägt hat.

Nationalsozialisten seien seine Eltern nicht gewesen, betont Gauland in der ihm eigenen Art, das Wichtige eher beiläufig zu erwähnen. In der Weimarer Republik haben sie den Liberalkonservativen Gustav Stresemann gewählt. Stresemann war Demokrat, während die Nationalkonservativen schon vor der Machtergreifung das Bündnis mit Hitler suchten und 1933 schließlich alle Parteien rechts von der SPD dem Ermächtigungsgesetz zustimmten - Gauland nannte das einmal das "Bündnis der alten Eliten mit Hitler". In einem Zeitungsartikel hat er vor Jahren festgestellt: "Der Sündenfall rechten Denkens beginnt mit dem Aufstieg des Nationalismus." Als Publizist hat er sich über Jahrzehnte mit dem Konservatismus auseinandergesetzt. Vieles von dem, was er damals äußerte, ist nicht so weit weg von seinen heutigen Ansichten. Zumindest öffentlich hat sich damals niemand darüber empört. Wer eine Kolumne im "Tagesspiegel" oder in der "Märkischen Allgemeinen" hat, wird anders wahrgenommen als ein AfD-Spitzenkandidat. Die Abwehrreflexe, denen sich Gaulands Partei heute ausgesetzt fühlt, haben ihre Ursache auch darin, dass das nationalkonservative Trauma noch immer nachwirkt - oder aber, dass sich gerade ein neues nationalkonservatives Trauma entwickelt: Die AfD ist nicht nur die Partei, die sich konservativer gibt als die Union, sie ist auch ein Sammelbecken für diejenigen, die ganz weit rechts stehen.

Burkes Botschaft sei die Botschaft des Maßes und der Mitte, hat Gauland geschrieben. Warum befeuert er selbst dann die Erregung, statt sie zu dämpfen; warum sprach er vom "Stolz auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen"; warum redete er davon, die Integrationsstaatsministerin Aydan Özoguz "in Anatolien zu entsorgen"; warum stellt er fest, "diese zwölf Jahre", gemeint ist die NS-Zeit, beträfen "unsere deutsche Identität" nicht mehr? Er hätte wohl besser vom "Respekt" vor den Leistungen deutscher Soldaten gesprochen, sagt Gauland nun. Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit habe er nicht abbrechen wollen: "Es gibt in der Geschichte keinen Schlussstrich." Und die Attacke auf Özoguz? "Eine etwas rabiate Aussage." Aber: "Wahlkampf ist Zuspitzung."

Es gibt bei Fontane eine Passage, in der Marwitz, schon älter, in den Befreiungskriegen gegen Napoleon noch einmal zu Felde zieht. Nach militärischen Maßstäben ist seine Truppe eigentlich nicht satisfaktionsfähig. "Die Landleute und Bauernknechte, die auf ihren kleinen, magern Gäulen vor ihm im Sattel saßen, konnten reiten, freilich schlecht genug." Sie kämpfen wacker, doch bei einer Parade gehen ihnen alle Pferde durch.

Gutsherr Hans-Georg von der Marwitz in Friedersdorf
Sven Döring / DER SPIEGEL

Gutsherr Hans-Georg von der Marwitz in Friedersdorf

Woran liegt es nur, dass man bei dieser Szene an Gauland und an seine AfD denkt?

Für Ulrich Greiner, 72, ist Gauland ein Zyniker, ein "richtiger Zyniker. Was er sagt, ist so schrecklich". Doch als Greiner auf dem Weg ins Wahllokal war, hat auch er über Aydan Özoguz nachgedacht. Eigentlich habe er, wie seit Jahrzehnten schon, die SPD wählen wollen. Dann sah er Özoguz auf einem Plakat, und ihm kam der Satz in den Kopf, der die Kontroverse mit Gauland erst ausgelöst hat: Eine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache sei "schlicht nicht identifizierbar", hatte die SPD-Politikerin geschrieben. Und dann wählte Ulrich Greiner die CDU. "Aber stolz bin ich nicht darauf", sagt er nun einige Wochen später. Er hat über Jahre das "Zeit"-Feuilleton geleitet und kürzlich ein Buch veröffentlicht, das "Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen" heißt. Ein Kompendium der Reizthemen, die Konservative umtreiben, von den Konflikten zwischen den Kulturen, vom "Nanny State" bis zur Reproduktionsmedizin.

Was Greiner bei sich selbst feststellt, ist ein fast schon biologisches Phänomen: der Alterskonservatismus. Heute wolle man ja nicht mehr alt werden, meint er, aber die Arbeitsteilung sei doch vernünftig: "Junge Leute sind wagemutiger, ältere vorsichtiger. Das, was man kennt, möchte man behalten." Seine 27-jährige Tochter allerdings habe am Telefon zu seiner Frau gesagt, dass der Papa rechts sei - "als hätte ich die Cholera".

Anders als in Frankreich, dem Mutterland der Unterscheidung zwischen rechts und links, wo es bis heute respektabel ist, der Rechten anzugehören, und nur die extreme Rechte von Marine Le Pen stigmatisiert ist, hat sich das Wort "rechts" im Deutschen fast schon zum Schimpfwort entwickelt. Die CDU spricht lieber von der Mitte.

Ist man rechts, wenn man, wie Greiner, glaubt, dass Thilo Sarrazin recht habe, dass der Islam ein Problem sei und habe? Als Kultur und Religion gehöre dieser einstweilen nicht zu Deutschland. Es gebe Abendland und Morgenland. Mit derartigen Aussagen hätte Greiner es derzeit schwer, zum stellvertretenden Bundestagspräsidenten gewählt zu werden, doch im Leben sind die Fronten nicht so wohlgeordnet wie im Parlament, wo der AfD-Kandidat Albrecht Glaser wegen seiner islamkritischen Aussagen durchgefallen ist. Dass Greiner zum Exoten geworden wäre im linksliberalen Milieu, in dem er sich zeit seines Berufslebens bewegt hat, lässt sich nicht sagen: Als er sein Buch in der Hamburger Akademie der Künste vorgestellt hat, regte sich im Publikum kein Widerspruch.

Noch immer pflegt Greiner optisch den Habitus der Jahre nach 1968, mit Leinenjackett, Nickelbrille und Jeans. Eine Folge der Kulturrevolution der späten Sechziger war ja auch, dass die Zahl der dezidiert konservativen Intellektuellen in Deutschland ziemlich übersichtlich geworden ist. Greiner nennt vier in seinem Buch: Martin Mosebach, Rüdiger Safranski, Peter Sloterdijk und Sibylle Lewitscharoff.

Sibylle Lewitscharoff in Hohwacht
Markus Tedeskino / DER SPIEGEL

Sibylle Lewitscharoff in Hohwacht

Die Schriftstellerin Lewitscharoff, 63, liest an einem Septemberabend in Hohwacht an der Ostseeküste. Hier, in der Holsteinischen Schweiz, liegt das Genueser Schiff, ein Hotel, benannt nach einem Gedicht Friedrich Nietzsches. War Nietzsche Reaktionär oder Revolutionär? Wer die Geistesgeschichte nach politischen Etiketten sortieren möchte, hat es manchmal nicht ganz leicht. Lewitscharoffs jüngster Roman heißt "Das Pfingstwunder". Es geht um Dante, den Renaissancedichter. Die Diskussion mit dem Publikum dreht sich um den Kanon des Abendlandes, um Religion, die ganz großen Themen des kulturkonservativen Bildungsbürgertums. Doch auf die Frage, ob sie selbst eine Konservative sei, antwortet Lewitscharoff knapp: "Nein." Eine brave SPD- und Grünenwählerin sei sie. Sie erinnert sich an ihre Jugend in den Sechzigerjahren: "Die CDU war sehr NSDAP-lastig, es ist der Fluch des Konservativen, damit beladen zu sein."

Kaum ein CDU-Politiker steht so sehr für diesen Fluch wie Kurt Georg Kiesinger, kurzzeitig Bundeskanzler, an den man sich heute vor allem deshalb erinnert, weil Beate Klarsfeld ihm 1968 eine Ohrfeige gab mit dem Wort: "Nazi!" Ein prägender Moment der jungen Bundesrepublik, ein Symbol, öffentliche Erinnerung daran, dass nicht nur die Konservativen der Weimarer Zeit mit der extremen Rechten paktiert hatten, sondern auch die Christdemokraten der jungen BRD. Die Nebel der Vergangenheit, sie dienten auch dazu, die Tatsachen zu verschleiern. Wirklich gebrochen mit dieser Tradition hat erst Angela Merkel, als sie 2003 dafür sorgte, dass der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann aus der Fraktion ausgeschlossen wurde, nachdem er in einer Rede Juden in rhetorischen Zusammenhang mit dem Begriff "Tätervolk" gestellt hatte. Mittlerweile ist Martin Hohmann Bundestagsabgeordneter der AfD.

Nach Lewitscharoffs Lesung gibt es ein Abendessen. Ein Raum mit Damastvorhängen und Kamin, über dem Fenster ein Bücherbrett, darauf Bücher von Schmidt und Brandt, die vergilbten Relikte früherer sozialdemokratischer Diskurshegemonie - welcher SPD-Politiker bringt es heute noch mit seinen Bestsellern bis in eine Hotelbibliothek? Einer der Gäste hat am Morgen in der Zeitung gelesen, dass der Lübecker Marzipankonditor Niederegger seine Mohrenkopftorte umbenenne in Othellotorte. "Bescheuert", brummelt der Mann, "nicht ganz recht im Kopf, wer da Diskriminierung sieht." Einstmals war es der Kommunismus, der Konservative erzürnte, heute ist es die politische Korrektheit.

Das, was Lewitscharoffs Tischgenossen so empört, bezeichnet der Historiker Andreas Rödder als "Kultur des Regenbogens": die Kultur der Diversität, der Gleichstellung derer, die ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Herkunft, Religion oder Hautfarbe wegen benachteiligt worden waren. Er sieht in dieser Regenbogenkultur eine Leitkultur. Und anders als die umstrittenen im April des Jahres in der "Bild am Sonntag" veröffentlichten Leitkulturthesen von Bundesinnenminister Thomas de Maizière habe diese Leitkultur sich längst durchgesetzt: "Multikulturalismus ist faktisch zur Norm geworden." Doch jede Inklusion gehe mit neuer Exklusion einher: Inzwischen müsse sich jede Vollzeitmutter von Manuela Schwesig oder Ursula von der Leyen sagen lassen, ihr Lebensentwurf sei problematisch.

Fragt man Rödder nach den Ursachen für die derzeitige Sinnkrise der Union, nennt er nicht etwa die Flüchtlingspolitik Angela Merkels im Jahr 2015, sondern von der Leyens familienpolitische Wende im Jahr 2007 als einen der entscheidenden Auslöser eines langsamen Entfremdungsprozesses des konservativen Milieus von der Partei. Er sieht darin eine grundlegende politisch-kulturelle Bewegung, womöglich sogar einen Paradigmenwechsel, der über die AfD im engeren Sinne hinausgehe. "Ich nehme wahr: Die CDU ist eine zutiefst gespaltene Partei, gespalten zwischen den Anhängern Merkels und ihren Gegnern, die sie so sehr ablehnen wie niemanden sonst aus dem politischen Betrieb."

An der Basis, so scheint es bei Gesprächen mit Wählern und Mitgliedern der Union, vollzieht sich diese Spaltung zwischen Männern und Frauen. Eine dieser Anhängerinnen Merkels ist Diana Kinnert, 26. Kurz vor Beginn des Flüchtlingssommers 2015 war sie der Vorzeigeneuling der liberal gewendeten Peter-Tauber-CDU: die Tochter einer philippinischen Migrantin und eines Spätaussiedlers aus Polen, die sagt, dass sie "etwas mit Frauen" habe und im Wedding lebe. Optisch gibt Kinnert geradezu einen Gegenentwurf zur archetypischen CDU-Frau ab: Sie trägt ein Tattoo auf dem Unterarm, eine schwarze Baseballkappe und einen schwarzen Kapuzenpullover, auf dessen Rücken in großen weißen Buchstaben "Unstoppable" steht, nicht zu stoppen. Wenn das mal so wäre. Die "frische Brise", von der Fontane einst schrieb, hat sich gedreht, die Modernisierer in der Partei, denen Diana Kinnert ihren Aufstieg verdankt, sind seit der Bundestagswahl in der Defensive. Kinnert war Büroleiterin des früheren CDU-Generalsekretärs Peter Hintze. Der ist vor einem Jahr gestorben, wie es mit ihrer Parteikarriere weitergeht, ist offen. Sie klagt über "sehr viel Rechtsfolklore von der CSU", es werde "Ritualen gehuldigt, die ich für nicht mehr sinnstiftend halte". Diana Kinnert redet in höchstem Tempo, bewegt fast unablässig die Hände: "Das ist für mich moderner Konservatismus: Wenn sich die Wirklichkeit verändert, verändert sich die Wirklichkeit. Dieses Festhalten am Gestern, das ist doch reaktionär." Der Konservatismus habe ein ganz großes Imageproblem, gerade bei Frauen. "Bei uns sammelt sich eine Mitgliedschaft, die Sexismus verharmlost, die bei Minderheiten-, bei Frauenrechten nicht so progressiv ist." Eigentlich sehe sie sich selbst gar nicht mehr als Konservative, sondern als Christdemokratin.

Den Wahlabend hat sie mit einer Freundin verbracht, die grün gewählt hat, und auch sie würde, wenn es um gesellschaftliche Liberalität geht, eher die Grünen wählen als ihre eigene Partei. Trotzdem steht sie dem grünen Milieu skeptisch gegenüber: "Diese urbanen Zentren sind doch viel spießiger, weil es dort nur diesen einen grünen Sojalebensentwurf gibt." Die Jamaikakoalition sei ihre Traumkoalition, meint sie, aber nicht mit den linken Berliner Ströbele-Grünen, sondern mit den Baden-Württemberg-Grünen: "Supergerne."

Auf dem Tübinger Marktplatz haben sich zwei alte Freunde getroffen. Beide waren Lehrer, sie kennen sich aus dem Tennisklub. Der eine im grauen Janker und einem senffarbenen Hemd, wie es die Polizei früher trug. Der andere in einer Fleecejacke von Jack Wolfskin mit buntem Baumwollschal. Der eine eher rechts, der andere eher links. Als Boris Palmer sich am Tisch neben ihnen in die Sonne setzt, holt der in der Fleecejacke sein Handy heraus, er macht ein Foto von Palmer, das will er seinem Sohn schicken. Dem hat er Palmers Buch geschenkt. "Wir können nicht allen helfen" heißt es, darin geht es um praktische Flüchtlingspolitik vor Ort, um das Umsetzbare, nicht um die Ideale; um den Unterschied zwischen Vernunftethik und Gesinnungsethik. Die Grünen, das ist eigentlich die Partei der Gesinnungsethik; Palmer, der sich als Vernunftethiker versteht, ist so etwas wie der Helmut Schmidt dieser Partei und entsprechend auch ein Feindbild der Linken: An der Tübinger Uni hat man ihn als Rassisten beschimpft. Der Mann in der Fleecejacke ist Stammwähler der Grünen. Auch der im Janker hat Palmer gewählt. Aber erst als der zum zweiten Mal als Tübinger Oberbürgermeister angetreten ist. Ansonsten würde er am liebsten die CSU wählen. Aber das gehe ja nicht in Baden-Württemberg.

Oberbürgermeister Boris Palmer in Tübingen
Cira Moro / DER SPIEGEL

Oberbürgermeister Boris Palmer in Tübingen

Die Bindung an eine Partei war mal eine Entscheidung fürs ganze Leben, zumindest diesbezüglich sind die Wähler mittlerweile nicht mehr besonders konservativ. Zuerst hat die Erosion der Stammwählerschaft die SPD getroffen, jetzt trifft sie auch die Union, und was noch zu Zeiten der ersten rot-grünen Koalition 1998 ziemlich schwer vorstellbar war, ist heute nicht mehr sonderlich überraschend: mal die Grünen zu wählen und mal die Union. Auch weil die Grünen in die Mitte gerückt sind - oder sollte man sagen: nach rechts?

Zumindest Boris Palmer, 45, kann der Kombination aus CSU und Grünen etwas abgewinnen: Wenn die einen für Grenzsicherung zuständig wären und die anderen für Integration, wäre das die richtige Mischung aus Härte und Herzlichkeit. Als Junge habe er auf dem Tübinger Marktplatz Äpfel verkauft. Damals sei der Begriff Heimat ein Naziwort gewesen, mit dem er nichts zu tun haben wollte. "Der Nationalsozialismus hat den Heimatbezug zerstört." Nun aber, kurz vor Beginn der Sondierungsgespräche zur Jamaikakoalition, streitet seine Partei über diesen Begriff. Palmer hat längst eine positive Einstellung zur Heimat. Aber ist er nicht selbst ein Konservativer? "In bestimmter Weise, ja." Und die Grünen, sind nicht auch die konservativ geworden? "Zu Teilen, ja. Die Grünen haben seit ihrer Gründung zwei Flügel. Der eine ist links, der andere will es nicht mehr sein."

Schaut man vom Tübinger Schlossberg ins Land, blickt man auf die Ausläufer der Schwäbischen Alb, die dunkelgrünen Hügelketten, hinter denen sich Südwürttemberg erstreckt. Hier ist die AfD stark. Warum? Anders als Norddeutschland, wo der preußische Staat ziemlich viel nivelliert habe, sei Württemberg auch nach der Reichseinigung 1871 ein Staatswesen mit eigenem Selbstverständnis geblieben, ein Königreich. Dieser Regionalstolz sei bis heute lebendig, doch die stärkere Heimatverwurzelung zeige sich auch in einer stärkeren Abwehr des Fremden: "Da dringt etwas in meine Heimat ein, das ich da nicht haben will." In dieser Hinsicht habe Baden-Württemberg viele Ähnlichkeiten mit der Schweiz. Die ist nah, Berlin ist fern. Und Palmer sagt, er fühle sich einem Schweizer mehr verbunden als jemandem aus Vorpommern. Nicht allzu schwer, diese Anspielung zu durchschauen: Angela Merkels Wahlkreis umfasst Greifswald und Rügen.

Konservatismus ist in Deutschland ein weniger national als regional geprägtes Phänomen. Und glaubt man dem Pfarrer Sven Petry, 41, der im Kohrener Land südlich von Leipzig einige Dorfgemeinden betreut, ist auch der sächsische Konservatismus ziemlich eigentümlich. Petry trägt einen bekannten Namen, er selbst aber erlangte erst dann gewisse Prominenz, als er sich politisch gegen seine damalige Frau stellte. Er trat in die CDU ein, als Frauke Petry bereits AfD-Vorsitzende war. Mittlerweile sind die beiden geschieden, und die Spannung, wenn man ihn auf seine Ex-Frau anspricht, ist spürbar.

Pfarrer Sven Petry in Tautenhain
Sven Döring / DER SPIEGEL

Pfarrer Sven Petry in Tautenhain

Als die CDU nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, bezogen sich die Parteigründer bewusst auf die christliche Tradition des Konservatismus - weil Christen im Widerstand gegen Hitler gekämpft hatten. Wenn man den Konservatismus aber christlich definiere, meint Petry, dann habe man den göttlichen Anspruch darin - und der Anspruch Gottes an den Gläubigen sei absolut: "Wenn da steht, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dann heißt das nicht, liebe einen, sondern jeden, der da kommt. Und wenn das zufällig fünf sind, muss ich mich damit auseinandersetzen, ob und wie ich diesen fünf gerecht werden kann. Aber ich kann nicht von vornherein sagen, bei zwei ist meine Grenze erreicht." Fast schon ein biblisches Gleichnis.

Auch wenn es in Tautenhain, wo Petry lebt, anders aussieht, im Osten hat sich das Christentum nicht gut gehalten. In seiner Heimat, so Petry, werde das C im Namen der CDU oft verschluckt, man spreche dann von der Sächsischen Union. Hier wurde die AfD bei der Bundestagswahl stärkste Partei, der Ministerpräsident Tillich trat zurück, sein designierter Nachfolger Kretschmer kündigte an, "deutsche Werte" zur Richtschnur zu machen. Wo stehen sie, diese Sachsen - sind sie rechts, national, sind sie ganz besonders konservativ? Sven Petry denkt nach. Und erzählt noch ein Gleichnis: "Viele Menschen in Sachsen, vielleicht mehr als woanders, mögen einen abgesteckten Korridor mit klaren Regeln. Das ist aber keine Betonwand. Es gibt durchaus Fenster und Türen. Die Sachsen hören nur nicht gerne, sie müssten den Korridor abreißen oder verbreitern."

Auf die ganze Bundesrepublik lässt sich dieses Bild nur bedingt übertragen. Der deutsche Konservatismus des Jahres 2017 ist eine Patchwork-Ideologie. Er hat viele, manchmal widersprüchliche Seiten. Und doch gibt es Überschneidungen dort, wo man sie gar nicht erwartet: Ein Grüner wie Boris Palmer steht der CSU näher als die Christdemokratin Diana Kinnert, ein langjähriger SPD-Wähler wie Ulrich Greiner wäre sich mit dem AfD-Mann Alexander Gauland womöglich einiger, als es ihm selbst lieb ist.

Noch sind die Schützengräben des Meinungskampfes nicht abschließend ausgehoben und befestigt, noch könnten die Deutschen über die politischen Grenzlinien hinweg miteinander reden. Und das sollten sie tun, wenn sich das Land nicht derart polarisieren soll, wie es in den USA geschehen ist. Eine große Aufgabe unserer Zeit wäre es, sich mit der Rechten auseinanderzusetzen. Zweimal in ihrer Geschichte hat die Bundesrepublik die Linke integriert: nach 1968 und nach 1989. Das Land selbst ist dabei ein Stückchen weiter nach links gerückt - und die Konservativen mit ihm. Scheidung, Abtreibung, Homosexualität, große Themen des bundesdeutschen Kulturkampfs, sind abgehandelt. Strittig geblieben ist vor allem die Migration, vor allem die aus der islamischen Welt.

Das Wesen des Konservatismus sei der stete Verrat an sich selber, hat der Soziologe Leo Kofler geschrieben. Weder die Erinnerung an Helmut Kohl noch die an das alte Preußen reichen aus, um die Zukunft zu gestalten. Diejenigen Konservativen, die wie Friedrich August Ludwig von der Marwitz einfach nur gegen den Fortschritt gekämpft haben, gehören zu den Verlierern der Geschichte. Alle erfolgreichen Konservativen haben den Konservatismus modernisiert, auch Angela Merkel hat das getan. Der Vorwurf aber, der ihr von der konservativen Basis gemacht wird, ist nicht allein der, dass sie den Kurs der Union verändert habe, sondern auch der, dass zu wenig darüber diskutiert wurde. Merkels Politikstil, Kurswechsel ohne größere Diskussion vorzunehmen, ist viel konservativer als ihre Politik; ein Stil, der patriarchalisch geprägt ist. Wenn Merkel nun eine neue Regierung bildet, sollte es auch darum gehen, Veränderungen künftig besser zu kommunizieren. Um Teilhabe, eigentlich eine emanzipatorische, eine linke Forderung. Vielleicht ist das die Pointe der neuen Diskussion um den Konservatismus.

Ein Orgelstück von Bach klingt aus der Friedersdorfer Kirche. Hans-Georg von der Marwitz schließt das Friedhofstor ab. Er muss los, seine Frau wartet mit einer Schubkarre gefüllt mit Quitten vor dem Gutshaus. Voller Schwung hat er an diesem Nachmittag davon erzählt, wie sie das Gut wieder in Besitz nahmen, 1990. Auch davon, wie er selbst in Friedersdorf einen Biolandbetrieb aufgebaut hat und schließlich in den Bundestag einzog. Dann doch für die CDU, obwohl er in vielem querliege zur Partei. Von einem aber hat er eher zurückhaltend gesprochen: von Friedrich August Ludwig von der Marwitz. Er habe ein ambivalentes Verhältnis zu seinem dreifachen Urgroßvater, einem Mann mit vielen Facetten, nicht allein reaktionär, in manchen Bereichen auch "hochgradig fortschrittlich".

Schließlich führt Hans-Georg von der Marwitz doch ins Haus, ins Wohnzimmer. "Da hängt er." Ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Darauf ein schmaler Mann in blauer Uniform mit goldenem Stehkragen, einer Menge Orden. Sein Blick wirkt skeptisch, fast wehmütig.

Marwitz hat das Bild geerbt. Ein schwieriges Erbe. Wie die Geschichte des deutschen Konservatismus.



© DER SPIEGEL 45/2017
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