AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2016

Solidarvereine im Gesundheitssystem Hilfst du mir, so helf ich dir

Genervt von bürokratischen Kassen oder teuren Privatversicherungen? Unser Gesundheitssystem bietet noch einen dritten Weg, um sich abzusichern.

Ärzte bei der Arbeit im OP: Teure Therapien sichern Solidarvereine gesondert ab
DPA

Ärzte bei der Arbeit im OP: Teure Therapien sichern Solidarvereine gesondert ab

Von


Nach fünf Jahren in der privaten Krankenversicherung hatte Rainer Regling genug. Als Patient war er stets preiswert gewesen. Erkältungen kurierte er mit Hausmitteln, zum Doktor ging er nur selten, die Rechnung beim Augenarzt zahlte er selbst. Und doch musste er zusehen, wie sich seine Beiträge in die Höhe schraubten. "Irgendwann hatte ich das Gefühl: Ich zahle, zahle, zahle und weiß doch nicht, wofür", sagt Regling.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 43/2016
Deutsche Bank: Die Geschichte eines Untergangs

Im Januar vor vier Jahren stieg er aus. Der selbstständige Trauerredner kündigte seine private Versicherung und unterschrieb einen Mitgliedsantrag bei der Samarita-Solidargemeinschaft. Was genau einen solchen Gesundheitsverein ausmacht, musste Regling zuvor erst googeln. Anfangs konnte er das Versprechen kaum glauben: Für seine Absicherung zahlt er jetzt weniger, dafür darf er mehr selbst entscheiden. Der Unterschied ist, dass Regling nun regelmäßig in der Gruppe über sein Wohlbefinden diskutiert - und dass seine Versicherung streng genommen keine ist.

Es ist bekannt, dass es im deutschen Gesundheitswesen ein Nebeneinander von gesetzlichen Kassen und privaten Versicherungen gibt. Weniger bekannt ist, dass ein dritter Weg existiert. Sozialexperten schätzen, dass in der Bundesrepublik mehr als 20.000 Menschen in sogenannten Solidargemeinschaften abgesichert sind. Sie versprechen, im Krankheitsfall füreinander einzutreten - nicht nur mit Geld, sondern unter Umständen auch mit Zeit.

Die Geschichte dieser ungewöhnlichen Absicherung reicht Jahrzehnte zurück. Zuerst waren es Pfarrer oder Polizeibeamte, die sich gegenseitig Hilfe für jenen Teil der Krankheitskosten zusicherten, für die ihr Dienstherr nicht aufkommt. Heute gibt es auch offene Vereine, die Samarita, Solidago oder Artabana heißen. Lange waren sie als unkonventionelle Alternative geduldet. Doch heute sehen sich die kleinen Bündnisse Angriffen der Bürokratie ausgesetzt, die ihre Existenz bedrohen.


GKV: 71,5 Mio. Versicherte

Bei der gesetzlichen Krankenkasse richtet sich der Beitrag nach dem Einkommen (nach oben gedeckelt).

PKV (Verband der privaten Krankenversicherung e.V.): 8,8 Mio. Vollversicherte

Der Beitrag ergibt sich aus Lebensalter und persönlichem Gesundheitsrisiko bei Eintritt. Zugang für Selbstständige, Beamte und höhere Einkommensgruppen.

Samarita (Solidargemeinschaft e.V.): 321 Abgesicherte
(alle Solidargemeinschaften bis zu 20.000 Abgesicherte)

Der Beitrag berücksichtigt Einkommen, Zahl der Familienmitglieder sowie durchschnittliches Gesundheitsrisiko der Solidargemeinschaft. Freiwillig zurückhaltende Inanspruchnahme von Leistungen. Alternativmedizin wird unterstützt. Zugang ähnlich wie bei PKV.


Im durchreglementierten Gesundheitssystem wirken die Solidargemeinschaften wie eine Provokation. Sie setzen auf das Prinzip Eigenverantwortung. Bei der Samarita etwa zahlen die Mitglieder einen monatlichen Beitrag, der vor allem abhängig vom Einkommen ist. Eine Hälfte fließt auf ein persönliches Gesundheitskonto. Bei Wehwehchen entscheiden Mitglieder selbst, ob sie darauf zurückgreifen. Die andere Hälfte geht in einen Solidarfonds für aufwendigere Behandlungen, für die alle Mitglieder das Okay der Geschäftsstelle einholen müssen. Für hohe Ausgaben wie etwa teure Krebstherapien hat der Verein eine Restkostenversicherung abgeschlossen.

"Weil man Teil der Gemeinschaft ist, fühlt man sich verantwortlich. Das führt zu einem anderen Kostenbewusstsein", sagt Samarita-Chef Urban Vogel. Der Effekt: Die Ausgaben pro Mitglied sind etwa halb so hoch wie bei gesetzlichen Kassen, dabei versprechen die Statuten "mindestens" dasselbe Versorgungsniveau. Weil es keinen festen Leistungskatalog gibt, kann jedes Mitglied einfordern, was ihm wichtig ist - und sei es alternative Medizin.

Das Modell klingt gewöhnungsbedürftig. Aber bislang funktioniert es. Über Leistungen wird im Einvernehmen entschieden. "Wir mussten seit unserer Gründung 1989 noch keinen einzigen Rechtsstreit mit einem Mitglied führen", sagt Mathias Janßen, Vorstandsvorsitzender des Spar- und Unterstützungsvereins von Polizeibeamten im Oldenburger Münsterland mit knapp 4000 Abgesicherten.

Allerdings bewegen sich die Solidargemeinschaften in einer Grauzone. Im Jahr 2007 hatte die damalige Bundesregierung ein Gesetz eingeführt, dem zufolge alle Bürger Mitglied in einer gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung sein müssen - es sei denn, sie haben einen "anderweitigen Anspruch auf Absicherung". Dieser Passus sollte die Solidargemeinschaften schützen.

Doch die amtierende Koalition sieht die Lage etwas anders. So erkennen viele Finanzämter die Beiträge für einige Solidarvereine nicht mehr als Vorsorgeaufwand an, den man von der Steuer absetzen kann. Auch die Rentenkasse sträubt sich, die Daten wie üblich an die Finanzverwaltung weiterzugeben. Es gebe "keinen Rechtsanspruch auf Leistungen im Krankheitsfall", so die Argumentation. Die Behörde beruft sich auf einen Erlass des Bundesfinanzministeriums. Für viele Mitglieder heißt das nun, dass ihre Absicherung teurer wird.

Klarheit soll ein Musterprozess bringen, den die Samarita führt - stellvertretend für die Bundesarbeitsgemeinschaft der Solidargemeinschaften. Der Fall liegt nach zwei Instanzen vor dem Bundessozialgericht. Allerdings sorgen sich die Vereine, dass die Politik weiter Fakten schafft, bevor das endgültige Urteil gesprochen worden ist.

Denn für die herkömmliche Krankenversicherung sind die Gemeinschaften eine lästige Konkurrenz. AOK, Barmer und Co. lassen Wechselwillige nur ungern ziehen, weil ihnen gesundheitsbewusste Gutverdiener abhandenkommen. Und die privaten Versicherer haben gerade erst angekündigt, dass die Beiträge für viele Kunden 2017 um durchschnittlich elf Prozent steigen werden. Allerdings haben sich die Solidarvereine selbst nie als Wettbewerber für das Massengeschäft angeboten. Sie sehen sich als Modell für Menschen, die kein Problem mit Gruppengesprächen haben.

Rainer Regling hat seine private Versicherung nie vermisst. Im August 2015 war er von einer Leiter gestürzt. Er brach sich das Becken, in der Schulter rissen zwei Muskelstränge. Sechsmal wurde er operiert, zwei Monate lang saß er im Rollstuhl. Das Laufen musste er wieder lernen. Seine Solidargemeinschaft übernahm auch die 80 Einheiten Physiotherapie. Er lag noch in der Klinik, da boten die anderen Mitglieder bereits Hilfe im Haushalt an. "Ich bin nicht allein", sagt Regling. "Das ist der Unterschied."

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 43/2016
Deutsche Bank: Die Geschichte eines Untergangs


insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
JoMi 27.10.2016
1. klingt gut...
Aber das Solidaritätsprinzip funktioniert nur so lange, wie alle mitspielen. So bald der erste seinen Vorteil daraus schlagen wird, gibt es ein Problem. Damit das ganze auf der Vertrauensbasis funktioniert, ist die Zahl der Mitglieder pro "Kasse" wohl beschränkt. Ob aber eine kleine Gruppe einen schwer chronisch Kranken auf länger finanzieren kann, kommt beim Artikel nicht raus.
Nordstadtbewohner 27.10.2016
2. Ein Blick auf die gesetzliche Krankenversicherung wirkt erhellend.
Zitat von JoMiAber das Solidaritätsprinzip funktioniert nur so lange, wie alle mitspielen. So bald der erste seinen Vorteil daraus schlagen wird, gibt es ein Problem. Damit das ganze auf der Vertrauensbasis funktioniert, ist die Zahl der Mitglieder pro "Kasse" wohl beschränkt. Ob aber eine kleine Gruppe einen schwer chronisch Kranken auf länger finanzieren kann, kommt beim Artikel nicht raus.
Sie blenden die Strukturen der gesetzlichen Krankenversicherung aus. Schauen Sie sich mal die Beitragszahlerstruktur und dann die Leistungsempfängerstruktur an. Dort zahlen wenige für eine immer größer werdende Empfängergruppe. Das Missverhältnis wird von Jahr zu Jahr krasser, was dazu führt, dass immer öfter die Beiträge erhöht werden. Zum Artikel: Der "selbstständige Trauerredner" ist wohl eher ein Freiberufler. Ich verstehe nicht, warum Freiberufler gerade hier bei SPON immer mit Selbstständigen gleichgestellt werden. Da gibt es eklatante Unterschiede. Vielleicht liegts auch daran, dass sich freiberufliche Journalisten gerne als "Selbstständige" sehen, obwohl sie es nicht sind. Das passt auch zum eigentlichen Thema: Die Künstlersozialversicherung steht zum Beispiel freiberuflichen Journalisten offen, aber nicht selbstständigen Journalisten, die Einkünfte aus einem Gewerbebetrieb haben.
aubenaubiak 27.10.2016
3. Solidarvereine sind (bisher) kein erlaubter Ersatz
Die Samarita streiten gerade vor dem BGH, dass sie als Alternative zu "echten" Krankenversicherungen staatlich anerkannt werden. Bisher ist, bei Versicherungspflicht, eine Absicherung über diesen Verein nicht zulässig. Auch stimmt die Aussage meines Vorredners, dass dieser Verein bisher wohl so günstig ist, weil die Mitgliederstruktur wohl noch relativ jung sein dürfte. Das korreliert mit geringen Kosten. Warten wir mal 20-30 Jahre, dann dürften denen auch die Kosten explodieren und die Mitglieder dort drinnen gefangen sein. Generell gilt sowieso: Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit sind ausdrücklich erlaubt und erwünscht; diese werden im Regelfall den "Privaten" zugerechnet. So ist z.B. die DeBeKa ein Verein, wo jeder Versicherte Mitglied und damit Besitzer ist. Dass die Strukturen inzwischen allerdings einer privatwirtschaftlichen Firma gleichen und von einem "Verein" nicht mehr viel übrig ist, ist ein anderes Problem, aber da ist die DeBeKa nicht alleine (siehe ADAC). Ansonsten steht es den Damen und Herren jederzeit frei ihren Laden in einen Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit zu verwandeln; das ist jedoch nicht so ganz einfach, weil dann eben die Rücklagen für die Zukunft gebildet werden müssen.
CommonSense2006 27.10.2016
4. Sehr interessant
Für mich ein entscheidender Punkt ist, dass die Vereine eben keinen Status als gesetzliche Ersatzkassen haben, denn dan müssten sie wahrscheinlich auch den Standardsatz von 15% (oder so) von ihren Mitgliedern nehmen und würden über den RSA-Fonds von der AOK und DAK wieder geschröpft. Meine kleine BKK (gesetzliche Kasse) muss z.B. über ein Drittel ihrer gesamten Beitragseinnahmen per Saldo an die anderen Kassen abdrücken. Ohne diesen "Ausgleich" wäre die auch schon da, wo die Solidarvereine heute schon sind, nämlich bei rund 10%. Und meine "kleine" Kasse hat 140.000 Mitglieder jeder Altersklasse.
Ein Mitglied 06.01.2017
5. Fundierte Meinungen...
...die meine Vorredner hier haben. Es sind aber eben nur Meinungen. Vielleicht kann ich hier einige Annahmen einmal klarstellen. In unserer Regionalgruppe ist die Altersstrutkur sehr ausgewogen. So ist vom neu geborenen Baby bis hin zum Ruheständler alles vertreten und ich kann hier nicht erkennen dass eine bestimmte Altersgruppe überwiegt. Im Falle einer schwerwiegenden, kostenintensiven (chronischen) Krankheit gibt es eine Rückdeckungsversicherung die das absichert. Dass die Beiträge in den Solidargemeinschaften so günstig sind, liegt eindeutig nicht an der Altersstrutkur, sondern daran dass man sich beim Thema Krankheit einfach auch mit der Sache auseinandersetzt und nicht blind zum Arzt rennt um auf den "Rechtsanspruch auf Leistung" zu bestehen. Dieser tolle "Rechtsanspruch" schreibt nämlich Leistungen vor, die ein Patient erhalten darf, wenn die Krankenkasse bezahlen soll. Dass es aber unter Umständen effektivere und günstigere Heilmethoden gibt, bleibt dort aussen vor oder muss dann selbst bezahlt werden. Dieser gesetzliche Rechtsanspruch ist auch der Aufhänger, warum sich die Solidargemeinschaften in der rechtlichen Grauzone befinden. Dabei gehen die in der Zuwendungsordnung festgelegten Leistungen weit über diesen Rechtsanspruch hinaus. Aber was ist dieser "Rechtsanspruch" juristisch gesehen eigentlich? Das Wort setzt sich aus Recht und Anspruch zusammen. In der Juristik wird Recht wie folgt definiert: "Recht ist der zentrale Begriff der Rechtswissenschaft, der so komplex ist, dass er sich ausser als das Richtige nicht mer sinnvoll einheitlich bestimmen lässt". Anspruch wird wie folgt definiert: "Recht von einem anderen ein Tun oder Unterlassen zu verlangen. Der besagte Rechtsanspruch lässt sich also wie folgt erklären: Es ist nichts weiter als das Verlangen an die Krankenkasse im Falle einer Krankheit "das Richtige zu tun". Aber kann dieses Verlangen nach Gesundheit und dem Leben auf einen Maßnahmenkatalog beschränkt werden?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 43/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.