AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2018

Schwammspinner-Raupen Großangriff auf die deutsche Eiche

Millionen Schwammspinner-Raupen rüsten sich in diesem Frühjahr zum Kahlfraß. Forstbehörden wollen vorsorglich Insektizide verspritzen - Naturschützer warnen vor dem Gifteinsatz. Wer hat recht?

Raupe des Schwammspinners: Bei kräftigem Wind lassen sie sich davonwehen wie Pusteblumen
imago

Raupe des Schwammspinners: Bei kräftigem Wind lassen sie sich davonwehen wie Pusteblumen

Von


Bald sollen Hubschrauber aufsteigen über den Wäldern der Fränkischen Platte. An Bord haben sie Tanks, gefüllt mit Insektengift. Auf den Flugkarten der Piloten sind gut 60 Zielgebiete eingetragen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 17/2018
Es geht um Freiheit und Demokratie - Macron braucht Hilfe, doch Deutschland versagt

Die Gegner haben sich konzentriert in der Gegend um Schweinfurt, Kitzingen, Uffenheim. Dort sitzen sie in den Bäumen, kaum zentimetergroß und bewaffnet nur mit Kauwerkzeugen: die haarigen Raupen des Schwammspinners, eines unscheinbaren Schmetterlings.

Es sind hübsche Krabbler, in den kommenden Wochen werden sie sich mit blauen und roten Wärzchen schmücken. Wenn sie Schrecken verbreiten, dann durch ihre Zahl. Zu Abermillionen treten die Raupen mitunter auf den Plan - und sie lieben Eichen. Gefräßig wie der Schwammspinner ist, kann er ganze Wälder entlauben.

Die Bayerische Forstverwaltung will das unbedingt verhindern. Deshalb ist für Mai in Franken ein großer Helikoptereinsatz geplant. Insgesamt rund 1300 Hektar sollen aus der Luft besprüht werden. Auf diesen Flächen, heißt es, seien die Eichen in höchster Gefahr.

Der Schmetterling lebt über Jahr und Tag weitgehend unauffällig. Er mag es warm und trocken, die lichten Eichenmischwälder Frankens sagen ihm von jeher zu. Aber wenn die Lage besonders günstig ist, kann die Population binnen drei, vier Jahren stetig zunehmen - bis sie am Ende schier explodiert. Dann wimmelt es im Wald von hungrigen Raupen. Eine jede von ihnen vertilgt einen Quadratmeter Eichenlaub.

Zu Fuß kommen die Krabbler nicht weit, aber bei kräftigem Wind lassen sie sich einfach davonwehen wie Pusteblumen. Dank ihrer langen, feinen Haare schweben sie oft über Hunderte Meter. Zudem können sie Fäden als Hilfssegel spinnen.

So manches haarige Flugobjekt erreicht, mit Glück, eine noch unberührte Eiche. Auf diese Weise kann der Schwammspinner beträchtliche Areale abweiden.

Vor allem in Süddeutschland kommt es gelegentlich zu einer Massenvermehrung. In Bayern steht das Spektakel offenbar kurz bevor. Aber im Zuge des Klimawandels dürfte der Laubfresser weiter nach Norden vordringen.

Früher oder später stellt sich dann überall, wo es Eichen gibt, eine Grundsatzfrage: Darf der Wald mit Insektiziden eingenebelt werden wie ein Maisfeld? Und zwar einfach so, nur zur Sicherheit?

Denn nach jeder Massenvermehrung bricht die Population von selbst wieder zusammen. Gesunde Eichen überleben den Kahlfraß in der Regel, sie treiben wenig später neu aus. Sofern es zu Schäden kommt, sind diese schwer zu beziffern.

Waldbesitzer und Forstbehörden befürchten dennoch hohe Verluste. Naturschützer dagegen verurteilen den chemischen Präventivschlag als Überreaktion; sie empfehlen Gelassenheit.

Nicht immer ist das einfach. Die erste Großattacke des Schwammspinners ereignete sich 1993, nach vier warmen Frühsommern in Folge. Millionen Raupen überfielen die Wälder in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg, sie fraßen großflächig die Eichen kahl. Von "Horrorraupen" orgelte damals die "Bild"-Zeitung: "Schwammspinner rotten die deutsche Eiche aus."

Als die Bestände geplündert waren, marschierten hungrige Raupen in benachbarte Weinberge ein. Nahe Ebelsbach im Maintal lag ein Zentrum der Massenvermehrung; die Feuerwehr hob dort Abwehrgräben gegen die Invasoren aus. Die Raupen machten sich über Gärten her, krochen an Fassaden empor, vereinzelt drangen sie sogar in Häuser ein: "Jetzt greifen sie auch Menschen an. Sie kriechen dir in die Hosen, du hast sie in den Haaren" ("Bild").

Eichenwald in Bayern: "Da wird ein Geschäft mit der Angst betrieben"
Johannes Voith / Bayerisches Landesamt für Umwelt

Eichenwald in Bayern: "Da wird ein Geschäft mit der Angst betrieben"

Auch der Frankfurter Stadtwald fiel damals an die haarigen Heerscharen. Auf Spaziergänger rieselten Kotkügelchen herab, groß wie Pfefferkörner. Die Medien sprachen von einer biblischen Plage.

Im Zuge dieses Naturschauspiels ließen die Förster allein in Bayern auf rund 23.000 Hektar Gift spritzen, das sind 230 Quadratkilometer. Angeblich ging es um die "Rettung der Bestände". Umweltschützer waren empört, Insektenforscher organisierten eine Unterschriftenaktion.

Seit damals kokelt der Konflikt um den Schwammspinner. Für die Bayerische Forstverwaltung steht auch heute noch außer Frage, dass gespritzt werden muss. In diesem Jahr kommt das Fraßgift Mimic zum Einsatz. Nimmt die Raupe es auf, wird sie quasi chemisch umprogrammiert. Sie hört auf zu fressen, beginnt sich vorzeitig zu häuten und geht daran zugrunde.

Das Mittel der Wahl hieß bisher Dimilin, es bewirkte, dass die Raupen aufplatzten. Aber die Zulassung des Dimilin lief 2014 aus, an einer Verlängerung ist der Hersteller nicht interessiert. Nun bleibt den Forstleuten nicht mehr viel - außer dem berüchtigten Karate Forst, das aber wohl niemand ernsthaft erwägt, weil es praktisch alle Insekten vernichtet.

Und eben Mimic. Dieses Mittel kommt aus dem Obst- und Weinbau, es soll nun gegen den Schwammspinner eingesetzt werden. Was es im Wald auf großer Fläche anrichtet, ist noch gar nicht untersucht worden.

Sicher ist nur: Das Gift wirkt gegen sämtliche Schmetterlingsraupen - keine gute Nachricht für die seltenen Arten, die sich den Lebensraum mit dem Schwammspinner teilen: den Eschenscheckenfalter, den Heckenwollafter, das Wald-Wiesenvögelchen, die Spanische Flagge.

All diese Raritäten sind heimisch in den lichten Eichenmischwäldern Frankens. Dieses Biotop ist ein artenreiches Schmetterlingsparadies. "Um die 400 Nachtfalter sind hier schon beobachtet worden", sagt der Insektenkundler Matthias Dolek. "Und von den Tagfaltern stehen an die 40 Arten auf der Roten Liste."

Wenn deren Raupen gerade in der besprühten Zone fressen, haben sie Pech gehabt. Zudem soll auch in ausgewiesenen Fauna-Flora-Habitaten gespritzt werden, die nach EU-Recht geschützt sind. Die Forstleute versichern aber, das Gift sei so gering dosiert, da würden schon genügend Exemplare überleben. "Das ist ein Spiel mit dem Feuer", widerspricht Dolek. Er befürchtet, dass "mit jedem Spritzen einzelne Arten verloren gehen".

Auch Wolfgang Weisser, Ökologe an der TU München, sieht das Risiko. Er findet aber, dass die Naturschützer es sich zu einfach machen. Auch wer einen Wald bewirtschafte, müsse das Recht haben, seinen Bestand zu schützen. "Oder man entschädigt ihn", sagt Weisser, "falls er zugunsten der Artenvielfalt auf Spritzmittel verzichtet."

Den Forscher wundert, wie unterschiedlich Wald- und Landwirtschaft behandelt werden. "Ein Bauer kann zwischen rund 300 erlaubten Pflanzenschutzmitteln wählen", sagt er. "Dem Förster bleiben gerade mal zwei oder drei. Und deren Anwendung ist genau reguliert."

Die Landwirtschaft, fürchtet Weisser, habe man als Naturraum wohl schon aufgegeben. Umso dringender nun das Bedürfnis, den Wald als reines Refugium zu verklären. So komme es, dass Naturschützer kategorisch jedes Insektizid im Wald ablehnen. "Die Forstwirtschaft wiederum kämpft um das Recht zu spritzen an sich", sagt Weisser. Es gehe also, typisch für den Wald, wieder mal ums Prinzip. Viel Interesse an Details und Fakten sei da nicht zu erwarten: "Beide Seiten wissen ja schon vorher Bescheid."

Die zuständige Forstbehörde warnt vor einem regelrechten Eichensterben, sollte der Schwammspinner über mehrere Jahre in Folge angreifen. Einmaligen Kahlfraß würden die meisten Eichen noch überstehen. Sie treiben dann neu aus, nur ihr Zuwachs fällt in dem Jahr geringer aus. Bereits geschwächte Bäume jedoch seien in Gefahr - zumal wenn Folgeprobleme wie etwa der Eichenmehltau ihnen zusetzen.

"Wir wissen vorher nicht, wie es kommt", sagt Ralf Petercord von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF). "So ein Risiko können wir nicht eingehen." Werde gar nicht gespritzt, seien letzten Endes die gesamten befallenen Eichenbestände bedroht - und damit auch der Lebensraum vieler seltener Arten.

"Das ist völlig abwegig", widerspricht der Forstökologe Jörg Müller von der Universität Würzburg. Es gebe keinerlei Hinweise auf existenzielle Gefahren durch Raupenfraß. "Hier geht es rein um wirtschaftliche Interessen. Um die Zukunft unserer Eichenmischwälder mache ich mir überhaupt keine Sorgen."

Müller wirft der LWF vor, sie wolle mit dem Schreckgespenst des Schwammspinners eine "Drohkulisse" aufbauen: "Da wird ein Geschäft mit der Angst betrieben."

In der Tat geht es bei der Bekämpfung nur nach der gefühlten Gefahr. Gesicherte Fakten gibt es kaum. Niemand kann sagen, inwieweit der Wald Schaden nähme, wenn weniger gespritzt würde - oder auch gar nicht.

Unbestritten ist, dass die Invasionen des Schwammspinners früher oder später von selbst zusammenbrechen. Wo die Nahrung knapp wird, fallen neu geschlüpfte Tiere eher klein und kränklich aus - leichte Beute für diverse Bakterien, Pilze und vor allem Viren. Die meisten Schwammspinner werden von Epidemien hinweggerafft.

Den Rest erledigen Fressfeinde. Mehr als 150 Arten von Raubparasiten lauern auf die nahrhaften Raupen. Brackwespen und Raupenfliegen legen ihre Eier in die Leiber oder zwischen die Haare. Der Große Puppenräuber, ein Laufkäfer, kann in einer einzigen Saison Hunderte Krabbler vertilgen.

In normalen Zeiten halten diese Gegenspieler den Schwammspinner gut in Schach. Gelingt ihm alle paar Jahre eine Massenvermehrung, dann ist er seinen Verfolgern quasi nur für kurze Zeit entwischt. Aber das Glück durch Überzahl hält nicht lange an: Bald schwillt - etwas zeitversetzt - auch die Menge der Feinde bedrohlich an. Diese profitieren von der nun überreich verfügbaren Beute.

Kurz nach dem Höhepunkt seiner Vermehrung blickt der Schmetterling also schon wieder in den Abgrund: Seuchen gehen um, die Eichen sind allesamt kahl gefressen und ringsum eine Übermacht von Gegnern. Myriaden von Raubparasiten suchen nun den Wald ab, sie spüren die Raupen auf bis in die letzten Winkel.

So wird der Schwammspinner verheerend dezimiert - und auf Jahre hinaus großflächig geschwächt.

Was bewirkt es da, wenn der Mensch frühzeitig mit Spritzmitteln eingreift? Macht er dadurch vielleicht sogar alles noch schlimmer? Denn mit den gefräßigen Raupen zerstört er ja auch die gerade anlaufende Konjunktur ihrer Gegenspieler - umso schneller könnte sich die überlebende Population der Schwammspinner wieder regenerieren.

Das klingt plausibel, aber mangels Daten ist es bislang nur eine Theorie. In dieser Lage helfen allein Experimente weiter. Grundlegende Fragen wären zu klären: Welchen Effekt hat das Spritzen? Und was geschieht mit den Eichen, wenn man sie einfach dem Kahlfraß überlässt?

Auch der Würzburger Forstökologe Müller fordert, die klaffende Forschungslücke endlich zu schließen. Es wäre keine Hexerei. Man müsste paarweise eine Reihe von geeigneten Flächen bestimmen: ökologisch jeweils vergleichbar und gleich stark befallen. Die einen behandelt man, die anderen nicht.

"Und wenn dabei herauskommt, dass der Einsatz von Insektiziden sinnvoll ist", sagt Müller, "dann wäre ich der Letzte, der dagegen ist." Es gehe aber nicht an, bei derart wackeliger Evidenz die Schmetterlinge in den Eichenmischwäldern mit fragwürdigen Mitteln wegzuspritzen: "Das ist einer der artenreichsten Lebensräume, die wir in Deutschland noch haben."

Die Forstbehörde sei für solche Studien im Prinzip offen, sagt LWF-Experte Petercord. Geschehen ist aber in den vergangenen Jahrzehnten nichts dergleichen.

So bleibt wohl vorerst alles beim Alten. Der Hubschraubereinsatz im Mai wird wieder Steuergelder kosten; hinzu kommt der Aufwand der laufenden Kontrollen: Förster suchen mühsam ihre Eichen ab, Stamm für Stamm, und zählen die Gelege des Schwammspinners.

Der Forstökologe Müller hätte eine bessere Verwendung für das viele Geld, das der Abwehrkampf verschlingt: "Man könnte damit die Waldbesitzer entschädigen", sagt er, "falls ihnen doch mal ein paar Eichen eingehen."

Als im August vorigen Jahres der Sturm "Kolle" viele Fichten im Bayerischen Wald umwarf, bekamen die geschädigten Waldbesitzer unbürokratisch 100 Millionen Euro an Soforthilfe zugesprochen. "Und das für eine Risikobaumart, bei der jeder weiß, dass sie mit unserem Klima Probleme bekommt", sagt Müller. "Da sollten uns auch die Eichenmischwälder mit ihrer Vielfalt an Insekten ein bisschen mehr Geld wert sein."



© DER SPIEGEL 17/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.