AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2017

Gründerszene "Manchmal musst du die Eier auf den Tisch legen"

Wie schlagen sich Frauen in der von Männern dominierten Gründerszene? Die Berlinerin Sophie Chung berichtet über Vorurteile und Selbstzweifel.

Gründerin Chung
Jens Gyarmaty / VISUM

Gründerin Chung

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Sophie Chung ist eine zierliche Frau von 33 Jahren, aber wenn es darauf ankommt, kann sie ihr Gegenüber problemlos ausknocken. Die Gründerin des Start-ups Junomedical geht zweimal in der Woche zum Boxen und hat einen schwarzen Gürtel in Karate. Sobald Chung das Gefühl hat, ein Geschäftspartner unterschätze sie, erzählt sie von ihren Kampfsportkenntnissen. Das verschafft ihr Respekt. Sie findet: "Manchmal musst du die Eier auf den Tisch legen."

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Heft 29/2017
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Chung ist eigentlich Ärztin. Nach dem Medizinstudium arbeitete sie in der Notaufnahme, später ging sie als Beraterin zu McKinsey. Irgendwann war da der Wunsch, etwas Eigenes zu starten. Und eine Frage: Warum ist es noch immer so schwierig, den richtigen Arzt zu finden?

Ende 2015 gründete sie in Berlin Junomedical. Das Unternehmen ermöglicht Medizintourismus, auch wenn Chung den Begriff wegen seines zweifelhaften Images nicht mag. Über eine Onlineplattform vermittelt das Start-up Patienten an Kliniken, meist im Ausland. Manche lassen sich dort den Magen verkleinern, andere bekommen Zahnimplantate eingesetzt.

Chung sagt, dass sie sich bei McKinsey nie hundertprozentig wohlgefühlt habe. Die Beraterwelt empfand sie als zu laut, zu steif, zu männlich. In einem Punkt unterscheidet sich die Gründerszene nicht von Chungs altem Metier: Auch sie ist ein Jungsklub und in Gleichstellungsfragen mindestens genauso rückständig wie die Dax-Konzerne, denen sich die Start-ups sonst gern überlegen fühlen.

Gerade mal 14 Prozent aller deutschen Gründer sind Frauen, die Zahl hat sich seit Jahren nicht groß verändert. Noch düsterer sieht es in den Wagniskapitalfirmen aus. Deren Manager verwalten milliardenschwere Geldtöpfe und entscheiden, welche Start-ups überleben. 93 Prozent aller Partner der 100 größten Risikokapitalfirmen sind Männer.

Wozu die Kombination aus Abhängigkeit und Geschlechtergefälle führen kann, lässt sich im Silicon Valley beobachten. Dort nutzen Investoren ihre Machtposition gegenüber Frauen offenbar immer wieder aus. Ende Juni machten mehrere Gründerinnen öffentlich, dass ein Geldgeber sie angefasst und ihnen anzügliche Nachrichten geschickt hat. Eine andere Unternehmerin schilderte, wie ein Investor sie zum Sex drängen wollte.

Offenen Sexismus oder gar Übergriffe habe sie nie erlebt, sagt Sophie Chung. Aber natürlich kennt sie Geschichten über die "Bro Culture", das Netzwerk von Männern, das in der deutschen Start-up-Landschaft großen Einfluss hat; Geschichten von Gründern, die mit Fondsmanagern feiern gehen und Millionen zugesagt bekommen, noch bevor sie ein Produkt präsentieren können. "Darauf habe ich keine Lust, und da mache ich auch nicht mit", sagt Chung.

Mit 200 Investoren habe sie seit dem Start von Junomedical gesprochen, schätzt Chung. 3 davon waren Frauen. Auch wenn sie ohne nächtliches Betrinken drei Millionen Euro Kapital für ihr Start-up eingeworben hat, macht Chung bei Treffen mit potenziellen Geldgebern häufig dieselbe Erfahrung: "Es gibt Investoren, die können meine Ausführungen zwar faktisch nachvollziehen, aber emotional kommen sie bei ihnen nicht an, weil da diese kleine, asiatisch aussehende Frau vor ihnen sitzt. Manche wissen einfach nicht, wie sie mich einordnen sollen."

Die Frage, ob ein Fondsmanager oder Business Angel in ein Start-up investiert, ist keine rationale Entscheidung. Sie basiert besonders anfänglich nicht nur auf Zahlen, sondern auf Erfahrung und Bauchgefühl. Viele Kapitalgeber haben an denselben Elite-Unis Wirtschaft studiert und irritierend ähnliche Lebensläufe. Genau wie ein Großteil der Männer um die dreißig, die vom Gründersein träumen. In ihnen erkennen sich Investoren vermutlich eher wieder als in einer jungen Medizinerin.

Solche unbewussten Vorurteile sind nicht nur ärgerlich. Sie können für Unternehmerinnen zum existenzbedrohenden Problem werden. Einer Auswertung des Magazins "Fortune" zufolge sammelten Gründer im vergangenen Jahr insgesamt 58 Milliarden Dollar Wagniskapital ein. Gründerinnen erhielten hingegen nur 1,5 Milliarden Dollar, also etwas mehr als zwei Prozent der Gesamtsumme.

Daran, dass es überhaupt so wenige Unternehmerinnen gibt, seien Frauen aber auch selbst schuld, findet Chung. Gründen ist eine freie Entscheidung und nichts, was sich verordnen lässt. Frauen müssen es wollen. Doch viele trauten sich nicht, so Chungs Erfahrung. Selbst Gründerinnen, die es geschafft haben, zweifelten oft an sich und redeten eher über ihre Probleme als über ihre Leistungen. Im Gegensatz zu den meisten Gründern: "Die erzählen immer nur, dass alles super läuft und die Zahlen ins Unermessliche steigen." Auch sie selbst sei nicht frei von Selbstzweifeln, sagt Chung, "aber von unserer Vision und unserem grundsätzlichen Weg bin ich überzeugt".

Damit sich mehr Frauen ans Gründen wagen, brauche es Vorbilder, glaubt Chung: Frauen, die über ihre Erfolge sprechen und ihr Unternehmen nach außen vertreten. Dass es bis dahin womöglich noch ein weiter Weg ist, stellte Chung neulich bei einer Veranstaltung mit anderen Unternehmerinnen fest.

Eine Gründerin erzählte dort, dass sie zu Terminen mit Kunden nicht selbst fahre, sondern einen leitenden Mitarbeiter schicke. Ihre Kunden seien alle männlich und könnten mit einer Frau wenig anfangen, so ihre Begründung. Sophie Chung ärgerte sich sehr und sagte das auch: "Es kann doch nicht sein, dass wir Frauen uns so verstecken. Wenn einer etwas verändern kann, dann wir."



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Steffen Gerlach 21.07.2017
1. "Rückständige Szene"?
Zitat: "Die Gründerszene [...] ist ein Jungsklub und in Gleichstellungsfragen mindestens genauso rückständig wie die DAX-Konzerne." -- Wie kommt man in Anbetracht einer Heldin, die freimütig den Frauen selbst die Schuld an ihrem geringen Anteil gibt, zur (fett hervorgehobenen) Formulierung, die Szene sei rückständig? Das suggeriert das genaue Gegenteil, die Schuld der Männer. Die "Szene" besteht ja in diesem Fall ganz überwiegend aus solchen. Um die rückständige Gründerszene zu überwinden, müssen die Mädels gründen. Um die rückständige Modellbauszene zu überwinden, müssen sie Modelle bauen. Um die rückständige Rockmusikszene zu überwinden, müssen sie rocken. (Wenn die Rückständigkeit der Konzerne, wie vom Artikel formuliert, von der gleichen Art ist, wissen wir nun, wie wir das zu interpretieren haben.)
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