AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2018

Horrorflug SWA 1380 "Teile des Flugzeugs fehlen"

Ein Knall, ein Loch im Flugzeug - und eine Frau, die halb aus der Maschine gesaugt wird: Wie kam es zum tödlichen Unglück an Bord von Flug SWA 1380?

Zerstörtes Triebwerk: Die Boeing 737 nach Notlandung in Philadelphia
AP/ Marty Martinez

Zerstörtes Triebwerk: Die Boeing 737 nach Notlandung in Philadelphia

Von Marco Evers


Die Geschäftsreise war zu Ende, Jennifer Riordan, 43, wollte von New York nach Dallas fliegen. Am Dienstag bestieg die Bankangestellte eine Boeing 737-700 des US-Billigfliegers Southwest. Die Passagiere hatten wie üblich freie Platzwahl. Jennifer Riordan setzte sich auf 14A, einen Fensterplatz über der linken Tragfläche.

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Heft 17/2018
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Auf tragische Weise wurde ihr das zum Verhängnis.

Bei einem albtraumhaften Flugzeugunglück hat die zweifache Mutter ihr Leben verloren. Flug SWA 1380, mit 149 Menschen vollbesetzt, war etwa 20 Minuten in der Luft, als die Passagiere gegen elf Uhr Ortszeit in fast 10.000 Meter Höhe einen Knall hörten.

Wie Flugunfallermittler umgehend feststellen konnten, war im linken Triebwerk eines von 24 Schaufelblättern direkt an der Nabe abgebrochen - die Folge einer tückischen und äußerlich nicht sichtbaren Materialermüdung in dem Bauteil, das seit Jahren im Dauereinsatz war. Das Metall zerfetzte mit hoher Geschwindigkeit den vordersten Teil der Triebwerksabdeckung. Große und kleine Trümmer flogen durch die Luft. Manche beschädigten die Tragfläche, eines krachte durch das Fenster von 14A ins Flugzeuginnere.

Nur Momente später klaffte dort ein großes Loch.

In der Kabine: ein plötzlicher Druckabfall. Menschen schrien. Sauerstoffmasken fielen herunter. Die Maschine ächzte und rüttelte und kippte in eine gefährliche Schieflage. Und Jennifer Riordan hing mit dem Kopf, den Armen und dem halben Oberkörper außerhalb des Flugzeugrumpfes in dünner, eisiger Luft.

Der geringe Druck in der Höhe hatte sie trotz ihres Sicherheitsgurtes förmlich hinausgesogen.

Die Maschine ging in einen Notsinkflug über. Währenddessen zerrten zwei Männer mit aller Macht an der Frau, um sie wieder hineinzuziehen. Als das endlich gelang, blutete sie stark und war bewusstlos.

Von den übrigen Passagieren weinten manche, andere beteten, nicht alle wussten, welches Drama auf Sitzplatz 14A geschehen war; aber viele glaubten, so sagten sie hinterher, dass sie sterben müssten.

Links im Cockpit saß Flugkapitänin Tammie Jo Shults, 56, ehemals eine der ersten Kampfpilotinnen der US-Navy. Sie und ihr Co-Pilot brachten die Maschine rasch und kontrolliert auf eine Flughöhe von rund 3000 Metern, in der Menschen wieder ohne Hilfe atmen können.

Pilotin Shults, 1992: "Teile des Flugzeugs fehlen"
Thomas P. Milne/U.S. Navy/REUTERS

Pilotin Shults, 1992: "Teile des Flugzeugs fehlen"

Ihre Bildschirme und akustischen Notsignale zeigten ihnen gleichzeitig eine Vielzahl von Notfällen an - darunter den Ausfall des linken Triebwerks und ein Feuer ebendort (was eine Fehlmeldung war). Aus dem Cockpitfenster konnte Tammie Jo Shults zudem sehen, dass auch der linke Vorflügel teils zerschossen war.

Die Piloten entschieden, in Philadelphia notzulanden. Weshalb, das begründete die Kapitänin gegenüber einem Fluglotsen in bemerkenswert kaltblütiger Weise: "Teile des Flugzeugs fehlen", sagte sie per Funk so ruhig, als spräche sie über das Wetter. Sie erwähnte ein "Loch" und sagte: "Jemand wurde herausgeschleudert." Dass dieser Satz so nicht ganz richtig war, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Tatsächlich gelang es den Piloten, die schwer lädierte Maschine sicher zu landen, 22 Minuten nach Beginn des Horrors. Sanitäter bargen die Frau, die im Krankenhaus für tot erklärt wurde - und die Kapitänin ging durch die Kabine, drückte die Hände der Passagiere und sprach zu ihnen. In vielen Medien wird sie nun als Heldin gefeiert, ähnlich wie Chesley "Sully" Sullenberger, der seinen Airbus A320 trotz doppelten Triebwerksausfalls im Jahr 2009 heil in den Hudson steuerte.

Southwest ist eine der größten, profitabelsten, billigsten und gleichwohl sichersten Airlines der Welt. Die Gesellschaft betreibt über 700 Boeing 737, und in ihrer mehr als 50-jährigen Geschichte hat sie noch keinen Absturz erlitten. Jennifer Riordan ist die erste Southwest-Passagierin, die zur falschen Zeit am sehr falschen Ort war und dafür mit dem Leben bezahlen musste.

Auf der Fluggesellschaft lastet nun dennoch ein Makel. Denn im August 2016 hat sie einen sehr ähnlichen Schaden schon einmal erlebt: Eine altersschwache Turbinenschaufel war abgebrochen, Trümmer hatten den Rumpf durchschlagen, in der Kabine war der Druck gefährlich abgefallen.

Damals blieben alle Passagiere unverletzt. Die Luftfahrtbehörde FAA erwog daraufhin, den Airlines vorzuschreiben, ältere Triebwerke der Modellreihe CFM56-7B einmal jährlich einer speziellen Inspektion per Ultraschall zu unterziehen. Dazu kam es aber nicht - wohl auch deshalb, weil sich die Fluggesellschaften einschließlich Southwest aus Furcht vor den Kosten dagegen zur Wehr setzten.

Die FAA wird diese Inspektionen nun in Kürze anordnen. Die europäische Flugsicherheitsbehörde EASA war in diesem Punkt aktiver: Schon Ende März veröffentlichte sie eine Direktive, wonach alle betroffenen Triebwerke innerhalb von neun Monaten untersucht werden müssen.

Viele Airlines hatten damit bereits angefangen, als es an Bord von Flug SWA 1380 zu dem tödlichen Unfall kam.



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