AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2018

Gabriel und Schulz Wie die SPD-Männer mit ihrem Machtverlust klarkommen

Martin Schulz und Sigmar Gabriel waren die mächtigsten Männer der SPD. Die Zukunft der Partei hängt auch davon ab, wie sie jetzt mit dem Machtverlust umgehen.

Martin Schulz, Sigmar Gabriel
REUTERS

Martin Schulz, Sigmar Gabriel

Von Christoph Hickmann


Ganz vorn, in der ersten Reihe, sitzen die Alten, die Ehemaligen, die Gescheiterten. Die, von denen man normalerweise nichts mehr zu befürchten hat, höchstens mal einen ungebetenen Ratschlag oder einen schrägen Talkshow-Auftritt. Es sind die ehemaligen Vorsitzenden der SPD. Auf dem Schild, das ihre Reihe markiert, steht: "Ehrengäste".

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Heft 18/2018
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Es sitzen dort am vergangenen Sonntag in der Parteitagshalle in Wiesbaden Kurt Beck, Rudolf Scharping, Franz Müntefering, gescheitert an der Partei, an sich selbst oder am Wähler. Wobei das alles lange her ist, Scharpings Sturz fast ein Vierteljahrhundert, Becks Abgang beinahe ein Jahrzehnt. Selbst Münteferings Rückzug liegt mittlerweile achteinhalb Jahre zurück.

Und dann sitzen da noch zwei, an den Rändern dieser ersten Reihe: rechtsaußen Sigmar Gabriel und linksaußen Martin Schulz.

Vor etwas mehr als einem Jahr war Gabriel noch Vorsitzender der SPD, der am längsten amtierende seit Willy Brandt. Es folgte Schulz, vor zweieinhalb Monaten musste auch er gehen. Jetzt hören sie hier, in der Reihe der Ehemaligen, Andrea Nahles bei ihrer Bewerbungsrede zu. Schulz, den Zeigefinger an der Wange, wirkt etwas konzentrierter als Gabriel. Am Ende klatschen sie beide, Gabriel eher kurz, Schulz länger. Zwischen ihnen klatschen Beck, Scharping, Müntefering. Es muss so wehtun.

In der SPD, in der ja derzeit viel von Aufbruch und Erneuerung die Rede ist, läuft dieser Tage ein Großversuch in einer demokratischen Kerndisziplin: dem Umgang mit dem Machtverlust. Der gehört zwar eigentlich zur Normalität in der Politik, doch bei Schulz und Gabriel liegt die Sache etwas anders.

Von Scharping war machtpolitisch nichts mehr übrig, nachdem Oskar Lafontaine ihn zerlegt hatte. Beck zog sich nach seinem Abgang nach Rheinland-Pfalz zurück, wo seine Art zu sprechen kein Anlass für Spott war, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Und Müntefering war, als er den Vorsitz endgültig abgeben musste, fast 70.

Gabriel und Schulz hingegen sind Abgeordnete des Bundestags, sie sitzen in der SPD-Fraktion. Sie sind nicht in der Provinz verschwunden, sondern in Berlin präsent. Vor allem aber sind sie in einem Alter, in dem manche ihre bundespolitische Karriere überhaupt erst beginnen. Schulz ist 62, Gabriel erst 58 Jahre alt, er war bis zu seiner Vertreibung aus dem Auswärtigen Amt vor ein paar Wochen der beliebteste Sozialdemokrat. Gabriel und Schulz sind weg aus der ersten Reihe. Einfach verschwinden wollen sie nicht.

SPIEGEL-Redakteur Christoph Hickmann erklärt im Video Sigmar Gabriels und Martin Schulz' Art, mit ihrem Machtverlust umzugehen - und was das für die künftige Ausrichtung der SPD bedeutet.

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Es ist ein bisschen wie im Vatikan, wo es neben dem eigentlichen Papst noch einen zweiten, zurückgetretenen gibt, von dem man weiß, dass er vieles ein bisschen anders sieht als sein Nachfolger. Der Unterschied besteht darin, dass der Papst freiwillig ging, während Schulz und Gabriel sehr gern weitergemacht hätten.

Für die SPD hängt viel davon ab, wie die beiden nun mit dem Machtverlust umgehen. Es geht dabei nicht nur um ihre Verletzungen und Gemütslagen. Es geht auch darum, ob diese Partei mit sich selbst ins Reine kommt.

Universität Bonn, ein Montagmittag, die Luft im Hörsaal 1 ist schon kurz nach Beginn der Vorlesung etwas verbraucht. Die Sitzreihen sind fast lückenlos besetzt. Sigmar Gabriel hat hier in diesem Sommersemester einen Lehrauftrag, heute hält er seine Antrittsvorlesung, das Thema: "Deutschland in einer unbequemeren Welt". Was man halt so macht als Außenminister a.D.

Gabriel liest vom Blatt, gerade hat er ein bisschen über die Bonner und die Berliner Republik sinniert, als es interessant wird. Oben auf der Empore haben ein paar Studenten ein Transparent ausgerollt, "Gegen Iran-Sigi! Für Israel!" steht darauf. Die Studenten brüllen Fragen in den Raum, es geht um Gabriels Verhältnis zur Türkei, zu Wladimir Putin, es wirkt etwas infantil und inquisitorisch zugleich. Gabriel hört sich alles ruhig an, dann sagt er: "Noch Fragen?"

Es folgt ein kleines Proseminar in politischer Schlagfertigkeit. Nacheinander arbeitet Gabriel die Vorwürfe ab, redet über Radpanzer für Ägypten, die Türkei als strategischen Partner, Waffen für die kurdischen Peschmerga. Dann sagt er zu den Protestierern: "Nehmen Sie sich die Zeit, die Komplexität der Welt zu erfassen."

Am Ende werden die Transparente eingerollt, die Zuhörer klopfen auf die Tische, Gabriel hat gewonnen. Wieder mal.

Sigmar Gabriel ragte Zeit seines politischen Lebens heraus. Er war schneller im Kopf, konnte besser reden und hatte klügere Ideen als die allermeisten. Im direkten Schlagabtausch konnte ihm nie jemand etwas vormachen, schon gar nicht irgendwelche Störenfriede. Gabriel war und ist eine politische Ausnahmebegabung. Das ist die eine Seite dieses Mannes.

Ehemaliger Vorsitzender Gabriel
HC Plambeck / DER SPIEGEL

Ehemaliger Vorsitzender Gabriel

Die andere Seite war auch immer schon da, sie kam meist dann heraus, wenn Gabriel sich bedrängt fühlte oder verletzt. Dann nutzte er seinen Instinkt, um die wundesten Stellen des Gegners zu treffen. Und auch darin war er ziemlich gut.

Gabriel war mehr als sieben Jahre lang Parteivorsitzender und insgesamt acht Jahre Bundesminister. Jetzt ist er einfacher Abgeordneter. Wenn er darüber spricht, wie seine Parteikollegen ihn abserviert haben, fährt er schon mal mit der Hand an seiner Kehle entlang: "Sie haben mich umgebracht."

Es muss ihn zutiefst verletzt haben, seither hat er jedenfalls viel von seiner anderen, der dunklen Seite gezeigt. Es wurde recht schnell recht hässlich.

Gerade mal einen Tag dauerte es, bis er mit dem ehernen politischen Gesetz gebrochen hatte, wonach man seinen Nachfolger nicht kritisiert. Stattdessen ließ Gabriel öffentlich wissen, was er von Heiko Maas' Russlandpolitik hält, von dessen neuem, schärferen Ton: wenig. Intern, im kleinen Kreis, wurde er noch weitaus deutlicher.

Immer wieder kommentierte er die Außenpolitik, verfasste Zeitungsartikel über das Verhältnis zur Türkei und den westlichen Militäreinsatz in Syrien. Man konnte zwischendurch nicht immer ganz sicher sein, wer nun eigentlich Minister war.

Doch Gabriel ging nicht nur auf seinen Nachfolger los, sondern auf die gesamte politische Klasse. Viele "Entscheidungsträger", also Politiker, hätten sich vom Leben der normalen Bürger entfremdet, diagnostizierte er im "Tagesspiegel", schließlich gingen ihre Kinder nicht in Schulen mit 80 Prozent Migrantenanteil. Außerdem bekämen sie jederzeit eine Chefarztbehandlung. Sigmar Gabriel, seit fast drei Jahrzehnten Berufspolitiker, sprach aus, was man sich am Stammtisch oder im AfD-Kreisverband schon immer ungefähr so gedacht hatte.

Man hatte nicht den Eindruck, dass Gabriel versuchte, Abstand von der Politik zu gewinnen. Es wirkte eher, als versuchte er, den Abstand mit aller Gewalt möglichst klein zu halten. Und dass ihm dafür so ziemlich jedes Mittel recht war.

Dienstagnachmittag, kurz nach drei, Reichstagsgebäude, im Sitzungssaal der SPD-Fraktion warten die Abgeordneten auf ihre Chefin. Als sie kommt, ist das nicht zu übersehen: Mit Andrea Nahles quillt ein Pulk von Mitarbeitern und Journalisten durch die Tür. Währenddessen steht hinten rechts im Saal, in einer der Tischreihen, der Abgeordnete Martin Schulz und unterhält sich mit zwei Fraktionskollegen. So ist das mit der Macht. Man sieht sofort, wie sie verteilt ist.

Nahles setzt sich nach vorn, Schulz auf seinen Platz in der vierten Reihe, unter die nordrhein-westfälischen Abgeordneten, so wie schon in der Woche zuvor. Sigmar Gabriel ist übrigens nicht da. So wie schon in der Woche zuvor.

Schulz, der innerhalb eines Jahres alles verloren hat, das Glück, die Wahl, die Macht und seinen Ruf, hat in den vergangenen Wochen nicht viel von sich hören lassen. Er bekam einen der höchsten Orden Portugals verliehen, das Große Kreuz des Freiheitsordens, viel mehr war nicht. Die Genossen waren ziemlich dankbar dafür.

Für Machtmenschen war es schon immer die schwierigste Übung, den Verlust der Macht zu akzeptieren, damit in Würde umzugehen. Viele sind daran gescheitert. Oskar Lafontaine begründete erst eine Kolumne in der "Bild"-Zeitung und dann eine neue Partei. Gerhard Schröder ging Geld verdienen. Und der Grüne Jürgen Trittin machte seinen Nachfolgern in den vergangenen Jahren das Leben schwer, indem er sich einfach weiterhin zu so ziemlich jedem Thema von Belang äußerte.

Aber ist Schulz überhaupt ein Machtmensch? Eigentlich hat das vorige Jahr doch erwiesen, dass ihm für die große Politik etwas Härte und Kälte fehlen. Könnte ihm gerade deshalb nach seinem Absturz gelingen, was den wenigsten gelingt?

Noch mal zurück nach Wiesbaden, in die Parteitagshalle. Dort ist es kurz vor vier, viele Delegierte schauen auf die Uhr, sie müssen ein Flugzeug oder einen Zug erwischen, erste Rollkoffer werden Richtung Ausgang geschoben. Da tritt Andrea Nahles noch mal ans Rednerpult.

Am frühen Nachmittag ist sie zur Vorsitzenden gewählt worden, nun will sie ihrem Vorgänger danken. Sie erinnert an das, was hinter Schulz liegt. "Die Haltung, mit der du das durchgestanden hast, verdient den höchsten Respekt, lieber Martin!", ruft sie in den Saal. Schulz sitzt vorn, in der Reihe der Ehrengäste, aber die anderen sind mittlerweile weg, Beck, Scharping, Müntefering, Gabriel. Neben Schulz sitzt jetzt nur noch sein Mitarbeiter. Es wirkt, als wolle er verhindern, dass Bilder vom einsamen Schulz entstehen.

"Lieber Martin, das ist dein Applaus!", ruft Nahles, und da fangen sie im Saal an, rhythmisch zu klatschen, sie stehen auf, für ihn. Schulz lächelt, auch er steht kurz auf, nickt, dann setzt er sich wieder. Es könnte ein schöner Abschluss sein. Aber es war nur die Einleitung.

Jetzt ist Schulz dran, er stellt sich ans Rednerpult und sagt, dass er ohne Zorn scheide, ohne Bitterkeit. Dann schaltet er um, von Besinnlichkeit auf Kampf.

"Ohne ein starkes Europa werden die Populisten dieser Welt gewinnen!", ruft er in den Saal. Die SPD müsse dafür sorgen, dass Deutschland wieder "die führende Friedensmacht in Europa" werde. Und: "Frieden und Demokratie wird es ohne eine starke Europäische Union nicht geben!" Im Saal klatschen sie jetzt, wie sie den ganzen Tag nicht geklatscht haben. Da klingt, natürlich, auch ein bisschen schlechtes Gewissen mit. Und doch trifft Schulz hier, auf diesem seltsam gedämpften Parteitag, als Erster so richtig den Ton.

Aus dem Wahlverlierer Schulz wird wieder der Mann, der so leidenschaftlich wie niemand sonst in der deutschen Politik über Europa reden kann. Weil dieser Mann einen Wahlkampf lang verschwunden war, hinter Steuerkonzepten, Landtagswahlen und sonstigen Unglücken, wirkt dieser Auftritt umso stärker. Es ist der Schulz von früher.

Parteitagsredner Schulz
HC Plambeck / DER SPIEGEL

Parteitagsredner Schulz

Aber was war das nun? Ein Vermächtnis? Eine Mahnung an die Nachfolger? Oder eine Bewerbungsrede?

In gut einem Jahr ist Europawahl, die SPD wird einen Spitzenkandidaten aufstellen müssen, und es wird auch um die Frage gehen, wer Deutschland als Kommissarin oder Kommissar in Brüssel vertritt. Es gäbe da also ein paar Optionen für jemanden, der in der europäischen Politik vernetzt ist wie kaum ein Zweiter.

In der SPD hat schon das Gerede darüber begonnen. Was also sagt Schulz?

Wenn man ihn dieser Tage trifft, begegnet man einem Mann, der noch schwer an dem trägt, was im vergangenen Jahr gewesen ist. Man erlebt jemanden, der noch einiges vorhat mit seinem Leben, aber offenkundig noch nicht so recht weiß, was genau. Auf das Thema Europawahl will er sich jedenfalls nicht weiter einlassen, dazu sagt er nur: "Der Erfolg des europäischen Einigungsprojekts war schon immer mein zentrales politisches Anliegen, dem ich mich auch weiterhin widmen werde, und zwar als Mitglied des Deutschen Bundestages."

Sigmar Gabriel und Martin Schulz sind sich manchmal verblüffend ähnlich, in ihrer Wechselhaftigkeit, dem Hang zum Drama. Aber letztlich sind sie doch sehr verschieden. Im Umgang mit dem Machtverlust zeigt sich das so deutlich wie nie.

Beide haben nicht abgeschlossen mit der Macht, mit ihren politischen Karrieren. Beide würden gern weitermachen, nicht nur als einfache Abgeordnete. Damit aber enden die Gemeinsamkeiten.

Gabriel will mit jedem Artikel, jedem Auftritt zeigen, dass er es noch immer besser kann als diejenigen, die ihn rausgedrängt haben. Ihn treiben Wut und Angst vor der inneren Leere an, auch wenn er das jederzeit bestreiten würde. Vielleicht geht es auch um etwas wie Rache. Es wird ihm jedenfalls auf die Dauer nicht genügen, nur Thesen zu formulieren.

Schulz dagegen hält sich zurück, es ist die Methode, mit der er Kanzlerkandidat wurde: abwarten und hier und da mal zeigen, was man so kann. Ihn treibt etwas anderes an. Er will nicht, dass von ihm das Bild des größten Verlierers in der Geschichte der Sozialdemokratie bleibt. Er will einen anderen, einen versöhnlichen Schlusspunkt. Die Frage ist, wo er ihn setzen könnte. In der Bundespolitik ist er gescheitert. Und in der Europapolitik?

Die SPD wird entscheiden müssen, wie sie mit Schulz und Gabriel umgeht. Manche raten jetzt dazu, Gabriel eine Aufgabe zu geben, um ihn wenigstens zu beschäftigen, ihn irgendwie einzubinden, seine Talente zu nutzen. Aber das ist immer schiefgegangen, weil irgendwann die andere Seite herauskam, die dunkle. Andrea Nahles, die neue Vorsitzende, hat Martin Schulz bereits ganz zu Beginn seiner verunglückten Kampagne im vergangenen Jahr vor Gabriel gewarnt: "Entweder du killst ihn, oder er killt dich."

Und Schulz? Er darf in der Woche nach dem Parteitag im Bundestag reden, am Donnerstagmorgen, es geht um das Thema Israel, er ist der neunte Redner, nach Nahles, Gauland, Kauder und so weiter. Schulz hält eine gute, klare Rede. Sie dauert sechs Minuten. Dann setzt er sich wieder auf seinen Platz.



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