Im neuen SPIEGEL: Wie Christine Lagarde den IWF lenkt; Essen, das dick macht; NSU-Opfer; Heimkinder

Von Martin Doerry, stellv. Chefredakteur

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Liebe Leserin,
lieber Leser,

die Französin Christine Lagarde spielt in der Euro-Krise eine Schlüsselrolle. Sie ist für ein verfügbares Kreditvolumen von rund einer Billion Dollar verantwortlich; der IWF leiht bekanntlich Ländern wie Griechenland Geld, knüpft daran allerdings Bedingungen. Lagarde ist die erste Frau an der IWF-Spitze. Macht sie etwas anders als ihre männlichen Vorgänger? Macht sie ihren Job besser? Mein Kollege Marc Hujer ist Lagarde über Monate hinweg immer wieder begegnet, er hat ihren Bruder getroffen und Lagarde auf Reisen begleitet, beispielsweise nach Malawi und Mauretanien. In Afrika, beobachtete Hujer, begegnen viele Politiker der IWF-Chefin mit Argwohn. Ist der IWF den Europäern gegenüber genauso entschlossen, wie er es bis dahin gegenüber den afrikanischen Staaten war? Lagarde, sagt Hujer, zerstreue diese Zweifel mit Cleverness und Charme. Und sie setzt sich auf ihren Reisen regelmäßig zu einem Treffen nur mit Frauen zusammen - ein Ritual, das sie sich von Hillary Clinton abgeschaut hat. Warum sie überhaupt nach Afrika fuhr, mitten in der Euro-Krise? Eine Machtdemonstration. Sie wollte zeigen, dass sie es sich erlauben kann.

67 Prozent der deutschen Männer sind zu dick und 53 Prozent der Frauen - diese Zahlen nennt das Robert Koch-Institut, verbunden mit einer Warnung: Viele Deutsche, immer mehr Menschen weltweit fressen sich buchstäblich zu Tode. Ein Team von SPIEGEL-Redakteuren ist der Frage nachgegangen, welche Rolle die Lebensmittelindustrie bei diesem Drama spielt. Sie lernten beispielsweise, dass der Kartoffelchip längst bestens erforscht ist. Die Hersteller kennen den Bruchpunkt (wie kräftig muss man zubeißen, bis der Chip zerbricht?), ebenso den Glückspunkt (wie viel Salz ist nötig, damit das Belohnungszentrum im Gehirn maximal aktiviert wird?). Dass es trotz der Verlockungen der Industrie gelingen kann, Kinder fürs Kochen mit gesunden Lebensmitteln zu begeistern, erfuhr die Redakteurin Julia Koch an einer Kasseler Ganztagsschule. Allwöchentlich bringen dort die Schüler aus der Koch-AG ein gesundes Mittagessen mit regionalen Bio-Zutaten auf den Tisch. Und sie lernen zum Beispiel, was den Unterschied zwischen Eiern aus Käfig- und aus Bodenhaltung ausmacht, dass man am Ende die Küche putzt und den Tisch deckt. Nach getaner Arbeit luden die Fünft- und Sechstklässler die Redakteurin zum Essen ein. "Das Omelette war total verkohlt", sagt Koch, "aber die Kinder waren stolz, weil sie alles selbst gemacht hatten."

In sechs Wochen beginnt in München der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Im September 2000 war der türkische Blumenhändler Enver imek in Nürnberg erschossen worden, neun weitere Menschen starben, bevor die Polizei herausfand, dass hinter den Taten nicht Leute der Drogenmafia steckten, sondern deutsche Neonazis. Die SPIEGEL-Reporterin Beate Lakotta hat die Tochter von imek ein Jahr lang begleitet. Der Verdacht gegen ihren Vater, die Ermittlungen gegen Angehörige haben das Leben der Familie beinahe zerstört, die Unbeschwertheit, den Zusammenhalt. "Die deutschen Behörden haben ihn noch mal umgebracht", sagt Semiya imek. Sie wird bei dem Prozess als Nebenklägerin auftreten. Sie will wissen, wieso die Täter so lange im Untergrund leben konnten.

Zehn Jahre sind inzwischen vergangen, seit mein Kollege Peter Wensierski in einer SPIEGEL-Geschichte zum ersten Mal beschrieb, was Kinder und Jugendliche in den fünfziger und sechziger Jahren in katholischen Heimen in Deutschland erlitten hatten. Wensierski schrieb später ein Buch über Schläge und Missbrauch, 2011 beschloss der Bundestag für die rund 800 000 Geschädigten einen Hilfsfonds, der rund 150 Millionen Euro beträgt. Am Montag dieser Woche widmet das ZDF den misshandelten Heimkindern einen Themenabend: Um 20.15 Uhr ist der Spielfilm "Und alle haben geschwiegen" zu sehen, mit Senta Berger und Matthias Habich in den Hauptrollen, gleich im Anschluss, um 21.45 Uhr, wird die SPIEGEL-TV-Dokumentation von Anja Kindler und Gesine Müller über die realen Schauplätze des Films gezeigt. Als der Spielfilm vor kurzem im Berliner Reichstagsgebäude vorgeführt wurde, waren auch einige der Betroffenen eingeladen. Sie hätten den Film spannend und mitreißend gefunden, sagte Wensierski hinterher. Und sie sagten auch, dass die Wirklichkeit oft noch viel härter gewesen sei.

Hier kommen Sie zur Digitalausgabe des neuen SPIEGEL.

Viel Spaß bei der SPIEGEL-Lektüre wünscht Ihnen

Martin Doerry

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