Von Chefredakteur Georg Mascolo
Liebe Leserin,
lieber Leser,
als die ARD-Sendung "Bericht aus Berlin" am vergangenen Sonntag begann, hatte Sigmar Gabriel sein Urteil über die gerade erschienene SPIEGEL-Ausgabe bereits getroffen. "Ich frage mich manchmal, woher der SPIEGEL so alle vier Wochen eine andere Meldung nimmt", sagte der SPD-Chef im Interview, "obwohl sie sich gegenseitig widersprechen."
Gabriel war zuvor gefragt worden, ob er sich aus dem Rennen um die Kanzlerkandidatur zurückgezogen habe. So hatten wir es im aktuellen Heft im Aufmacher "Die Farce" beschrieben. Ein Detail, das, obwohl sorgsam recherchiert, dem Parteichef nicht passen wollte. Denn es war geeignet, das mühsam aufgebaute Bild einer einigen SPD-Troika zu zerstören, in der alle Kandidaten in gleicher Weise gewillt seien, 2013 Angela Merkel herauszufordern. Selbst Peer Steinbrück sprach von "ungelegten Eiern" in der K-Frage.
Eine Woche später war alles Makulatur. Am vergangenen Freitagnachmittag traten Gabriel, Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier im Willy-Brandt-Haus vor die Presse und verkündeten die Kanzlerkandidatur Peer Steinbrücks. Kurz zuvor hatten die drei entschieden, dass man die Öffentlichkeit nicht weiter in die Irre führen könne. Immerhin ist die SPD lernfähig.
Warum träumt der Mensch davon, seine Grenzen zu überschreiten? Was treibt ihn dazu, sich an einem Fallschirm hängend von einem Wolkenkratzer zu stürzen oder einen gefrorenen Wasserfall hochzuklettern? Maik Großekathöfer und Lukas Eberle, Sportredakteure des SPIEGEL, haben in der Titelgeschichte nach Antworten gesucht. Und herausgefunden, dass die Sehnsucht dieser scheinbar Verrückten in uns allen steckt. Offenbar reicht es dem modernen Menschen nicht mehr, ein Haus zu bauen, ein Kind zu zeugen und einen Baum zu pflanzen. Wer nicht mindestens auf dem Mount Everest war, dessen Leben scheint gefangen in gesellschaftlichen Ritualen und Langeweile. "Inszenierung von Individualität" nennt das ein Sportsoziologe - wobei es ein wichtiger Teil dieser Inszenierung ist, hinterher ausgiebig über das Erlebte zu berichten.
Drei Stunden dauerte das Gespräch, das mein Kollege Jan Fleischhauer und ich im Berliner SPIEGEL-Büro mit Edmund Stoiber führten. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident sprach offen über seine frühen Zweifel an der Einführung des Euro und darüber, wie schwer er sich getan hatte, der Gemeinschaftswährung zuzustimmen. Eindringlich beschrieb er, wie vergeblich er seine Euro-Skepsis in der CDU und im Finanzministerium vortrug - und wie ihm ein ums andere Mal versichert wurde, er liege falsch mit seiner Skepsis. Am Ende stimmte Stoiber dem Euro zu, wohl auch aus Sorge vor einem Bruch mit Theo Waigel, Parteifreund und damals Finanzminister im Kohl-Kabinett. Heute verteidigt Stoiber leidenschaftlich alle Anstrengungen, den Euro zu retten. Aus dem Politiker ist ein Staatsmann geworden.
Vor 50 Jahren besetzten Polizisten die Redaktion des SPIEGEL, Rudolf Augstein und weitere Redakteure kamen in Haft, wegen angeblichen Landesverrats - das war ein großes Ereignis für den SPIEGEL und ein kaum geringeres für die Bundesrepublik. Zum Jahrestag haben die Kollegen aus der SPIEGEL-Dokumentation am vergangenen Wochenende eine zweitägige Konferenz organisiert. Zeitzeugen stritten mit Historikern über die Bedeutung der Affäre, Franziska Augstein, die Tochter des SPIEGEL-Gründers, debattierte mit Monika Hohlmeier, der Tochter von Franz Josef Strauß. Was genau geschah damals? Welche Bedeutung hatte die Affäre für die junge Demokratie - und welche Bedeutung hat sie heute? Besonders beeindruckt hat mich Helmut Schmidt, seinerzeit Innensenator in Hamburg. Sollte sich so etwas wiederholen, sagte Schmidt, inzwischen 93 Jahre alt, dann "gehe ich auch auf die Barrikaden".
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Georg Mascolo
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