Im neuen SPIEGEL: Briefwechsel zwischen Helmut Schmidt und Rudolf Augstein, Krisenland USA, Reformnot beim Verfassungsschutz, Rüstungskonzern EADS: Warnungen vor möglichen Schmiergeldzahlungen

Von Chefredakteur Georg Mascolo

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Liebe Leserin,
liebe Leser,

an diesem Dienstag wählen die Amerikaner zum 57. Mal ihren Präsidenten. Barack Obama und Mitt Romney liegen Kopf an Kopf, ich wage keine Prognose. Die Woche der Entscheidung nehmen unsere Amerika-Korrespondenten zum Anlass, die wirtschaftlichen und politischen Probleme der USA zu analysieren. Der Befund fällt düster aus. "Wer als Europäer solche Thesen aufstellt, und sei es aus aufrichtiger Freundschaft, muss seit jeher mit dem Vorwurf des Antiamerikanismus leben", schreiben sie. Und um zumindest dieses eine Mal dem Vorwurf zu entgehen, zitieren sie den weltweit gelesenen "New York Times"-Kolumnisten Thomas Friedman: "Ich musste vorige Woche einen Zug nach Washington nehmen. Die Straße rund um den Bahnhof war in so schlechtem Zustand, dass ich mir wie auf einer Achterbahn vorkam. Im Zug hatte ich so oft keinen Handy-Empfang, dass ich mich wie auf einer einsamen Insel fühlte. Bei meiner Rückkehr war im Bahnhof der Aufzug in der Parkgarage defekt. Vielleicht haben sich alle anderen daran gewöhnt, ich aber nicht. Unser Land braucht endlich einen Neuanfang."

An einem Januarabend des Jahres 1965 sitzen in einem Hamburger Theater zufällig zwei Herren nebeneinander: Der eine, ein Mann mit Seitenscheitel, ist der Innensenator der Hansestadt, Helmut Schmidt; bei dem anderen handelt es sich um Rudolf Augstein, Herausgeber des SPIEGEL. Eigentlich kennen die beiden Herren sich bereits - trotzdem reden sie nicht miteinander, begrüßen einander nicht, denn Schmidt erkennt Augstein an jenem Abend nicht, wie er ihm später, in einem Entschuldigungsbrief, gestehen wird. Dieses Schreiben von Schmidt an Augstein steht gleichsam am Anfang einer Brieffreundschaft zwischen den beiden Männern - eine intellektuelle Beziehung, getragen von Respekt, geprägt von der Leidenschaft für die Politik. 192 Briefe und Postkarten aus mehr als vier Jahrzehnten lagern auf 270 Regalmetern in drei Archivräumen, wo SPIEGEL-Redakteur und Historiker Klaus Wiegrefe und Hauke Janssen, Leiter der Dokumentationsabteilung, die bisweilen knappen, manchmal ausführlichen Schreiben in den vergangenen Wochen sichteten, auswerteten. Zum zehnjährigen Todestag von Rudolf Augstein druckt der SPIEGEL erstmals eine Auswahl davon, als ein Stück deutscher Zeitgeschichte, einer geistigen Freundschaft. Gelegentlich sind die Schreiben scharf und streitbar, dann wieder freundlich. Die vielleicht netteste Sendung: eine Schnupftabaksdose, von Augstein an Schmidt, von 1770, friderizianisches Rokoko.

Vor genau einem Jahr, am 4. November 2011, wurden in einem Wohnmobil in Eisenach die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos tot aufgefunden. Es war das Ende der rechtsextremistischen Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund", die jahrelang raubend und mordend durch die Republik gezogen war - unerkannt und unbehelligt von den Sicherheitsbehörden. Wie konnten die Neonazis 1998 so einfach von der Bildfläche verschwinden, obwohl die rechte Szene damals von Dutzenden V-Leuten durchsetzt war? Jetzt stießen SPIEGEL-Rechercheure auf ein geheimes Positionspapier das Bundeskriminalamts, das ein desaströses Bild der Zustände beim Verfassungsschutz in jenen Jahren zeichnet. Das Dokument ist ein Brandbrief und zugleich eine Anklageschrift gegen die deutschen Inlandsgeheimdienste: Aus Quellenschutzgründen sei die Polizei oft erst viel zu spät mit Informationen aus der rechten Szene versorgt worden, V-Leute seien vor Durchsuchungen gewarnt worden und hätten sich womöglich sogar "gegenseitig zu größeren Aktionen" angestachelt. Haben staatliche Spitzel die rechte Szene damals erst stark gemacht? Heute sind sich Politiker und Experten einig, dass das V-Mann-System der Verfassungsschutzbehörden dringend reformiert werden muss.

Die European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) ist Europas größter Luft- und Raumfahrtkonzern, außerdem zweitgrößter Rüstungskonzern auf dem Kontinent: 170 Standorte, 49 Milliarden Euro Umsatz, mehr als 130.000 Mitarbeiter. Auf der Website bekennt sich das Unternehmen zum "Gleichgewicht zwischen Geschäft, Umwelt und lokalen Gemeinschaften". Dazu will der Korruptionsskandal, der die EADS-Tochter GPT erschüttert, nicht gut passen: 11,5 Millionen Britische Pfund, etwa 14 Millionen Euro, sind offenbar an Firmen auf den Cayman Islands geflossen, möglicherweise, um einen Zwei-Milliarden-Auftrag in Saudi-Arabien abzusichern; die britische Antikorruptionsbehörde ermittelt. In London traf Jörg Schmitt ehemalige Mitarbeiter, die versucht hatten, die Vorgänge unternehmensintern zu untersuchen. Aus Interviews und Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, geht hervor, wie diese Whistleblower ignoriert und mundtot gemacht wurden.

Wer sich für Biologie und Technik, Astronomie und Medizin interessiert, kann sich jetzt - zusätzlich zum SPIEGEL - auch in der deutschen Lizenzausgabe des New Scientist informieren. Das erste Heft liegt jetzt vor, von nun an erscheint das Magazin wöchentlich in der SPIEGEL-Gruppe.

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Viel Spaß bei der SPIEGEL-Lektüre wünscht Ihnen

Georg Mascolo

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