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Hinter den Kulissen des Hohlspiegels

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DER SPIEGEL

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Auch Sprachprofis wie Journalisten und Werbetexter machen Fehler. Das Ergebnis ist oft ärgerlich - manchmal aber auch urkomisch. Eine Auswahl der witzigsten und absurdesten Fehlleistungen aus Zeitungsartikeln, Anzeigen, Gebrauchsanweisungen und anderen Texten veröffentlichen wir jede Woche auf der letzten Seite im SPIEGEL.

Die Stilblüten stammen aus Lokalzeitungen wie der "Emder Zeitung" oder dem "Fränkischen Tag", aber auch aus überregionalen Blättern wie der "Süddeutschen Zeitung", der "Frankfurter Allgemeinen", der "Zeit" oder dem SPIEGEL selbst. Sie alle haben eines gemeinsam: Durch Schludrigkeit, Missverständnisse oder Flüchtigkeitsfehler ist aus einem ursprünglich ernst gemeinten Satz oder einer Bildunterschrift eine amüsanter Schnitzer geworden, der unsere Leser zum Schmunzeln oder im besten Fall zum lauten Lachen bringen kann.

Die meisten Hinweise auf hohlspiegelgeeignete Textstellen stammen von aufmerksamen Lesern: Über hundert Vorschläge erreichen uns jede Woche als E-Mail, Fax oder ganz traditionell als Brief, die betreffende Passage liebevoll ausgeschnitten und mit handschriftlichen Markierungen und Hinweisen versehen. Einige Leser beliefern uns schon seit Jahren und werten jeden Tag ihre Lokalzeitung aus, andere stolpern zufällig über eine sprachliche Entgleisung in einer Fachzeitschrift, einer Packungsbeilage, einem Buch oder einem Aushang. Seit viele Menschen ein Handy mit Kamera haben, erhalten wir zudem immer mehr Fotos von Skurrilitäten, die die aufmerksame Beobachter unterwegs entdeckt haben, zum Beispiel absurde Straßen- und Hinweisschilder wie: "Navi lügt! Keine Wendemöglichkeit".

Mehr als neunzig Prozent der Vorschläge müssen wir aussortieren, weil sie entweder vom Verfasser tatsächlich amüsant gemeint waren ("Vorsicht vor dem bisschen Hund") oder eines der anderen Ausschlusskriterien erfüllen: Über Todesanzeigen möchten wir uns im Hohlspiegel nicht lustig machen. Offensichtliche Vertipper wie "Weihnachtsgrippe gesucht" versuchen wir zu meiden. Und Namenswitze, wie sie uns beispielsweise zum früheren Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Erwin Teufel, zugeschickt wurden, drucken wir auch nicht gerne. Wenn unklar ist, aus welcher Quelle ein Vorschlag stammt, können wir ihn ebenfalls nicht verwerten; deshalb freuen wir uns, wenn die Einsender die komplette Zeitungsseite oder den Titelkopf mitschicken.

Gefragt ist vor allem unfreiwillige Komik, die entsteht, wenn sich jemand im Bild vertut, über das Ziel hinausschießt oder besonders raffiniert formulieren will, sich dann aber hoffnungslos in einer Metapher oder im Satzbau verheddert.

Beispiel aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung":

"Neben Bloch, Benjamin, Adorno, die im Schatten des vergleichsweise minderbemittelten, dafür haushoch überschätzten, Regalmeter Sekunderliteraturauslösers Heidegger so unterschätzt dastehen wie vier Schopenhauers im Schatten Hegels, hört sich dieser Heidegger an wie ein wortarm frommdümmlich drauflos posaunender Anton Bruckner aus Sankt Florian neben vier raffitückisch jaulenden und prismatisch flötenden Gustav Mahlers."

Gerne nehmen wir auch Texte, in denen großartige Rechnungen aufgemacht werden, die dann nicht stimmen, oder bei denen die Überschrift nicht zum nachfolgenden Artikel oder zur Unterzeile passt.

Beispiel aus der "Bild"-Zeitung:

"Was uns freut - Der Eintrittspreis für die Stuttgarter Bäder wird zum 1. Januar erhöht."

Der Hohlspiegel ist eine der ältesten Rubriken im Heft, er existiert, seit es den SPIEGEL gibt: seit 65 Jahren. Früher wurden dort aber eher Anekdoten und lustige Begebenheiten beschrieben, wie:

"Ein Wohnungsvermieter in der West-Berliner Sebastianstraße pries einem Interessenten brieflich ein Zimmer an: 'Direkt an der Mauer, kein Autoverkehr. Kein Lärm. Nachts Straße vom Ostsektor gut aus geleuchtet.'"

(SPIEGEL Nr. 47, 1967)

oder:

"Ohne es zu wollen, stellte ein Elektriker aus Nizza, Jules Landi, einen Segelflug-Höhenrekord von 6100 m auf. Von einem kleinen Gelände stieg er mit einem Fluggast zu einem sonntäglichen Rundflug auf. Der Apparat wurde von einem heftigen Luftstrom erfaßt und in riesiger Geschwindigkeit in die Höhe getrieben. Es gelang Landi, auf dem Flugplatz Nizza zu landen, wo der Rekordmann von der Luftpolizei wegen unbefugten Anfliegens ein Strafmandat erhielt."

(SPIEGEL Nr. 1, 3.1.1947)

Damals wie heute spaltet der Hohlspiegel die Leserschaft des SPIEGEL wohl in zwei Gruppen: Da sind jene, die den Hohlspiegel als Erstes lesen, bevor sie sich gewichtigeren Themen im Heft zuwenden - und da sind die anderen, die sich den Hohlspiegel als kleinen Leckerbissen bis zum Schluss aufheben.

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5 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Otis 22.01.2013
kenedercux 01.11.2013
karingiese 20.01.2014
NicoZ 19.02.2014
alterpeter67 01.04.2014

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